<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?>
<rss version="2.0" xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/">
	<channel>
		
		<title>http://www.christianputsch.de/: Südafrika-Reportagen, WM 2010</title>
		<link>http://www.christianputsch.de/</link>
		<description>Meldungen von Christian Putsch</description>
		<language>de</language>
		<image>
			<title>http://www.christianputsch.de/: Südafrika-Reportagen, WM 2010</title>
			<url>http://www.christianputsch.de/fileadmin/tlp/gfx_staff/logo_top.gif</url>
			<link>http://www.christianputsch.de/</link>
			<width>213</width>
			<height>97</height>
			<description>Meldungen von Christian Putsch</description>
		</image>
		<generator>TYPO3 - get.content.right</generator>
		<docs>http://blogs.law.harvard.edu/tech/rss</docs>
		
		
		
		<lastBuildDate>Mon, 30 Aug 2010 16:17:00 +0200</lastBuildDate>
		
		
		<item>
			<title>Bröckelndes Reich</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/politik/detailansicht/article/broeckelndes-reich//cHash/9a3ea3442e/</link>
			<description>China sieht sich Ressentiments in seinem wichtigsten Ölförderland ausgesetzt</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das Estádio 11 de Novembro liegt etwa 40 Kilometer vom Stadtzentrum Luandas entfernt. Je näher man dem prachtvollem Fußballstadion kommt, umso besser werden die Straßen. Und umso mehr löst sich das dreckige Verkehrschaos von Angolas Hauptstadt auf.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Etwas entfernt stehen die Wohnblöcke des „Project of New Life“, moderne Bauten für die kleine Mittelschicht Angolas. Und in der Arena, benannt nach dem Tag der Unabhängigkeit 1975, hängt das stolze Konterfei von Präsident José Eduardo dos Santos – es ist größer als die Anzeigentafel. Diese Gegend wirkt wie ein Signal: Das Land, bis zum Jahr 2002 vom Bürgerkrieg zerrüttet, ist wieder wer.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erbaut aber haben die Struktur, mit der sich Angola beim Afrika-Cup im vergangenen Januar der Welt präsentierte, nahezu ausschließlich chinesische Firmen. Das Bauunternehmen des Stadions von Luanda heißt Shanghai Urban Construction Group, für das in der Provinz Cabinda war China Jiangsu verantwortlich: Nirgends hat China, das im Zuge seiner „Stadion-Diplomatie“ Sportarenen in Dutzenden afrikanischen Ländern gebaut hat, sich so sehr beim Bau von Prestigebauten engagiert wie in Angola. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Es gilt, sich bei den Eliten zu bedanken: Im März überholten die Südwestafrikaner erstmals Saudi-Arabien als Chinas größten Öllieferanten – 640.000 Barrel werden jeden Tag nach Fernost geschifft. Die gigantischen Vorkommen des verarmten Landes gehörten zu den wichtigsten Motoren während Chinas ungebremsten Aufstiegs zur zweitstärksten Wirtschaftsmacht nach den USA. Umgekehrt revanchierten sich die Asiaten mit nahezu zinslosen Milliardenkrediten (1,5 Prozent) und Infrastrukturmaßnahmen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Kritik ist nicht erwünscht, schließlich sprechen dos Santos und Pekings Führung brüderlich von einer „Win-Win-Kooperation“. Doch schon beim vermeintlich harmlosen Thema des Stadionbaus werden inzwischen unzufriedene Stimmen laut. Lange hatte die Unzufriedenheit in der Bevölkerung geschwelt, waren doch beim Bau kaum heimische Kräfte eingesetzt worden. Am Stadion der Provinz Benguela etwa wirkten nach Angaben der BBC 700 Chinesen und nur 250 angolanische Arbeiter mitgewirkt. Nun brandmarkte der ehemalige Nationaltrainer Luis Oliveira Goncalves die Arenen als „weiße Elefanten“ – deplatziert wirkende Arenen ohne Verwendung. „Sie brauchen eine Politik, die Fußballspielern, besonders den jungen, erlaubt, die Stadien zu nutzen.“ </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Es ist eines der prominenteren Beispiele für Projekte, bei denen sich die Bevölkerung übergangen fühlt. Immer mehr setzt sich in Angola die Meinung durch, dass sich an dem Engagement Chinas nur eine kleine Elite des Landes bereichert. Das Land hat mit 4832 Euro pro Jahr zwar ein im kontinentalen Vergleich hohes Pro-Kopf-Einkommen. Doch das Geld ist so ungleich verteilt, dass zwei von drei Angolaner unter die Armutsgrenze fallen und die Lebenserwartung gerade einmal 41 Jahre beträgt. Die Profiteure des Booms der letzten Jahre sichern sich ihren Besitz dagegen oft mit unlauteren Methoden: Angola belegte im Korruptionsindex von Transparency International für das Jahr 2009 den 162. Platz.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Hinzu kommt, dass das Land sich so abhängig von der Erdölindustrie gemacht hat wie nie zuvor. Denn der 27 Jahre andauernde Bürgerkrieg hat die einst florierende Landwirtschaft, lange der wichtigste Beschäftigungszweig, zerstört. Nur fünf Prozent der Nutzfläche kann heute genutzt werden, 90 Prozent der Lebensmittel werden importiert. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Regierung fällt als Adressat des Ärgers ob der sozialen Unterschiede aus. Präsident dos Santos hat sich im Januar mit einer Verfassungsänderung sein Amt auf Lebenszeit gesichert. Nur wenige Tage später nutzte er die Anschläge auf das Fußballteam aus Togo als Vorwand, um Bürgerrechtler in der nach Unabhängigkeit strebenden Provinz Cabinda zu verhaften.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Und so konzentriert die Bevölkerung ihre Wut auf China. Die sich gönnerhaft gebende Macht hat viele ihrer Kredite an die Bedingung geknüpft, dass 70 Prozent der öffentlichen Aufträge an chinesische Firmen vergeben werden müssen. Diese wiederum lassen ihr folgsames Personal trotz schlechterer Bezahlung im Schnitt 44 Stunden pro Woche arbeiten lassen, an sechs Tagen. Angolaner, sollten sie doch beschäftigt werden, beschweren sich über mangelnde Ausbildungsmaßnahmen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Das birgt Frustpotenzial. Zuletzt nahm die Gewalt gegen chinesische Arbeitnehmer derart gewaltige Ausmaße an, dass selbst die zu wenig Transparenz neigende Chinesische Botschaft im Oktober in Luanda warnte: Es gebe vermehrt Überfälle „speziell gegen Menschen aus China“. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Nicht zuletzt in Cabinda, der Region mit dem größten Erdölvorkommen, verübten die Unabhängigkeitskämpfer der FLEC mehrere Anschläge auf chinesische Projekte und Arbeiter. „Sie sind nicht unsere Gäste“, sagte FLEC-Sprecher Rodrigues Mingas, „sie arbeiten für Angolas Regierung.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Bei einem Überfall in Luanda war im Herbst 2009 über drei chinesische Arbeiter kochendes Wasser gekippt worden. Derartige Vorfälle gab es auch zuvor, aber nur ein oder zweimal pro Monat. Viele Übergriffe seien zuletzt nicht gemeldet worden, teilte der Chinesische Wirtschaftsrat CBC mit, der 40 Firmen in Angola vertritt. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Wir hören von zwei bis drei Attacken pro Tag. Unsere Leute sind bereit, das Land zu verlassen“, sagte ihr Vorsitzender Xu Ning. Seitdem hält sich die chinesische Gemeinschaft mit Äußerungen wieder zurück. Wohl auch, um die wichtigen Wirtschaftsbeziehungen nicht zu gefährden, zumal die Behörden die gezielten Aggressionen gegen chinesische Gastarbeiter dementiert haben.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Stattdessen setzte die Wirtschaftsmacht seine Imagekampagne fort. Die läuft seit&nbsp;Jahrzehnten: Längst sind 21 der 282 Konfuzius-Institute in Afrika angesiedelt. 16.000 Ärzte hat China seit den sechziger Jahren auf den Kontinent entsandt, viele der so genannten „Weißen Engel“ auch nach Angola.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Nach den Übergriffen entwarf das chinesische Kabinett nun neun Prinzipien, um „Übersee-Investitionen von Firmen zu fördern und standardisieren“. Die Staatsunternehmen sollen sich den lokalen Gesetzen unterwerfen, um Aufträge nach den Prinzipien von Transparenz bewerben und die Rechte von lokalen Arbeitnehmern achten. Die kürzere Kernbotschaft: Benehmt euch. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ohnehin weist Staatspräsident Hu Jintao ausdauernd auf die Verdienste Chinas für die afrikanische Entwicklung hin. Die Zahl afrikanischer Studenten im China nimmt jährlich um 2000 zu, über 15.000 Afrikaner werden bis 2012 zu Fachkräften ausgebildet. Im Jahr 2007 wurde zudem für die ärmsten Länder Afrikas die Zahl der zollfrei einzuführenden Handelsgüter von 190 auf 440 erhöht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Trotz aller Bemühungen um Harmonie ist die Geduld der Chinesen endlich. In Folge der Weltwirtschaftskrise, die Angola mit am härtesten in Afrika getroffen hat, sammelte das Land hohe Schulden bei den asiatischen Staatsunternehmen an. Sie sind noch immer nicht ganz beglichen. Die Konzentration gilt längst zunehmend dem Iran sowie Ländern in Südamerika, wohin zuletzt die Milliardeninvestitionen flossen, während der letzte große Kredit an Angola aus dem Jahr 2008 stammt. In Brasilien seien die zukünftigen Marktmöglichkeiten größer, sagte Neil Atkinson vom Forschungsunternehmen Datamonitor dem Wall Street Journal. Allein im ersten Quartal 2010 stiegen die Ölimporte aus Brasilien um mehr als 60 Prozent auf 160.000 Barrel am Tag. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>In Angola sieht sich China zudem dem zunehmenden Wettbewerb mit anderen Weltmächten wie den USA ausgesetzt. Dos Santos will nicht allein von den Asiaten abhängig sein. Zuletzt fanden auch wieder intensivere Gespräche mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) statt, mit dem Angola lange frostige Beziehungen geführt hatte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Atkinson hält den Höhepunkt der chinesischen Beziehungen mit Angola für überschritten. Es gebe in diesem Fall ein Limit – „wegen des Grads der Ressentiments der lokalen Bevölkerung“.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erschienen in Welt am Sonntag, 29. August 2010</p>]]></content:encoded>
			<category>Politik</category>
			
			
			<pubDate>Mon, 30 Aug 2010 16:17:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Südafrikas Pressefreiheit in Gefahr</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/politik/detailansicht/article/suedafrikas-pressefreiheit-in-gefahr//cHash/57a578ac34/</link>
			<description>Der ANC greift mit neuen Gesetzentwürfen eine seiner wichtigsten Kontrollinstanzen an</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Keine politische Partei oder Regierung könne ein Monopol auf Wahrheit beanspruchen, sprach der südafrikanische Präsident feierlich. „Gesetze und andere Beeinträchtigungen der Pressefreiheit schaden der Gesellschaft.“ Die Worte stammen von Nelson Mandela, sie fielen zu Beginn seiner Amtszeit im Jahr 1994 und schienen richtungsweisend. Von der Pressepolitik des aktuellen Präsidenten Jacob Zuma aber sind sie erschreckend weit entfernt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Denn nur wenige Wochen nach der erfolgreich organisierten Weltmeisterschaft treibt die Regierungspartei African National Congress (ANC) eine Reform der Medienregulierung voran. Bislang regelt eine von den Medien selbst kontrollierte Beschwerdestelle Verstöße gegen die journalistische Ethik. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Das System gilt als funktionsfähig und als Aushängeschild der modernen Verfassung, zumal der umkämpfte Markt Verstöße gegen die Glaubwürdigkeit als wichtigstes Kapital jeder Publikation ohnehin nicht verzeiht. Fortan aber soll ein Medientribunal, das direkt dem Parlament unterstellt sein soll, die Regulierung der Presse übernehmen – eine massive Einmischung der Politik. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Zusätzlich wurde eine Revision des Informationsfreiheitsgesetzes auf den Weg gebracht, das die Veröffentlichung von als vertraulich eingestuften Dokumenten unter Strafe stellt. Ein solches gibt es unter anderem auch in Deutschland. Allerdings prüft hierzulande – anders als im südafrikanischen Entwurf – der Geheimschutzbeauftragten die Klassifizierung. Auch die Kompetenz der Minister, Dokumente in die höchste Vertraulichkeitsstufe einzustufen, reicht in Südafrika ungleich weiter. Journalismus kann so künftig schnell zum Schwerverbrechen werden: Es drohen bis zu 25 Jahre Haft drohen. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Branche ist in Aufruhr wie selten zuvor. 37 Chefredakteure unterzeichneten die „Erklärung von Auckland Park“, in der sie sich „tief besorgt“äußerten, auch die Journalistenverbände und Opposition sind entsetzt. Zuma, dessen Amtsführung und privaten Skandale zuletzt immer kritischer kommentiert worden waren, zeigte sich wenig beeindruckt. „Die Medien (...) sind nie gewählt worden“, teilte er mit,&nbsp; „sie müssen selbst kontrolliert werden, weil sie manchmal gegen ihre Rechte verstoßen.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>In Südafrika ist die Debatte von besonderer Bedeutung. Der ANC kontrolliert neben der Regierung auch das Parlament. „In einer solchen Konstellation ist neben der Judikative der Mediensektor als Kontrollinstanz besonders wichtig für die Demokratie“, sagt Gary Pienaar vom südafrikanischen Politik-Institut Idasa. Sollte der ANC an den Plänen festhalten sei das ein „großer Rückschlag“.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Und nicht nur für Südafrika. Die dortige Mediengesetzgebung galt in den vergangenen Jahren als Vorbild für die Region. Pienaar war im Januar bei einer Konferenz mit hochrangigen Politikern aus Ghana und pries erfolgreich die Vorzüge des südafrikanischen Systems. „Die Signalwirkung wäre verheerend“, fürchtet der Analyst.&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erschienen in Die Welt, 13. August 2010</p>]]></content:encoded>
			<category>Politik</category>
			
			
			<pubDate>Thu, 19 Aug 2010 19:55:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Immerhin ein Gefühl</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/politik/detailansicht/article/immerhin-ein-gefuehl//cHash/762dd03bb4/</link>
			<description>Die WM hat in Südafrika Barrieren aufgebrochen - zumindest für vier Wochen</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Da standen sie, am Straßenrand. Inmitten der Dunkelheit, und man glaubte seinen Augen kaum. Zwei Stunden zuvor war Südafrika bei der Weltmeisterschaft ausgeschieden, als erster Gastgeber der WM-Geschichte überhaupt schon in der Vorrunde. Das 2:1 in Bloemfontein gegen Frankreich – nur noch Makulatur. Ein Land in Tränen erwarteten die neutralen Beobachter, dem Turnier werde wohl nun sein Momentum abhanden kommen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch die 60 Menschen etwas außerhalb der Stadt jubelten. Sie bliesen in ihre Vuvuzela-Tröten und winkten den Autos zu, die zurück nach Johannesburg fuhren. Einige standen dort in ihren Schlafanzügen. Sie müssen gefroren haben im Angesicht des südafrikanischen Winters, ausgelaugt von dem Frust des frühen Ausscheidens. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Viele der Stadionbesucher, die hier vorbeizogen, verdienen an einem Tag mehr als sie in einem Monat. Doch während der WM rückten die sozialen Unterschiede in Südafrika, die höchsten der Welt, in den Hintergrund. Was zählte war die Gemeinsamkeit: Die erste Weltmeisterschaft auf afrikanischem Boden, die immer sichere Erkenntnis, dass es eine gute werden würde. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Dorfbewohner schrien an der Landstraße, sie lachten, eine spontane Parade gegen die Enttäuschung. Und auf das Gesicht der gefrusteten Fans in ihren Autos schlich sich das Lächeln zurück, das dieses Turnier auf so wunderbare Weise begleitet hat. Sie bremsten ab, einige stiegen aus und feierten mit. In der Dunkelheit. In einem Land wie Südafrika, in der so mancher hinter jedem Passanten einen potenziellen Verbrecher befürchtet.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die WM 2010 ist seit gestern Geschichte, und passender als der großartige südafrikanische Buchautor Mark Gevisser hat wohl niemand ihren Effekt für Südafrika zusammengefasst. „Wir haben vor allem gewonnen, weil wir endlich von einem ‚Wir’ sprechen konnten.“ Etwas habe sich mit der WM verändert, mit dieser gemeinsamen Unterstützung für die südafrikanische Nationalmannschaft und der Verantwortung für 200.000 ausländische Fans: „Wir haben uns alle auf der gleichen Seite wiedergefunden.“ Auf Augenhöhe.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Viele Vertreter der autovernarrten südafrikanischen Mittelklasse benutzten auf dem Weg zu den Spielen plötzlich öffentliche Verkehrsmittel oder trauten erstmals sich in einen Township. Es war das Turnier des gesamten Südafrikas, und nicht einzelner Bevölkerungsgruppen. „Der Stolz in Südafrika, eine Einheit geformt zu haben, eine gemeinsame Vision geteilt zu haben, lässt sich nicht in Zahlen messen“, sagte Organisationschef Danny Jordaan, „wir haben das Image Südafrikas neu definiert.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Das Turnier hat zumindest für viereinhalb Wochen Barrieren aufgebrochen, mehr noch zwischen Arm und Reich als zwischen den ethnischen Gruppen. Mit der gelungenen Organisation der WM, dem logistisch wohl anspruchsvollstem Sportereignis der Welt, offenbarte das Land einen Blick auf sein tatsächliches Potenzial. Es war ein Monat, in dem der Begriff der Regenbogennation nicht mehr wie eine längst vergessene Utopie wirkte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der ehemalige US-Politiker Henry Kissinger bezeichnete das Turnier als das bislang aufregendste. „Ich habe niemals eines mit besser Organisation oder Gastfreundschaft erlebt.“ Und Bundeskanzlerin Angela Merkel befand, „Südafrika sollte wirklich stolz auf sich sein.“ </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>3,2 Millionen Zuschauer sahen die 64 Spiele – nur bei der WM 1994 in den USA waren es mehr, wobei in Südafrika weit weniger ausländische Besucher als erwartet kamen. Lange war auch die Nachfrage in Südafrika schleppend, bis der Weltverband Fifa äußerst spät das Ticketverfahren vereinfachte. Es gab entgegen aller Befürchtungen keine schweren Verbrechen, keine Stromausfälle in den Stadien, mit Ausnahme von den verspäteten Flügen beim Halbfinale der Deutschen auch kaum Reisechaos.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Der ultimative Ritterschlag war, dass mit dem Anpfiff am 11. Juni die Leute eher über französische Egos debattierten als brennende Reifen (in den Townships), eher über Torkameras als Überwachungskameras und eher über die Hand Gottes als über Hände, die mit Macheten fuchteln“, kommentierte David Smith im „Guardian“ herrlich süffisant die Hysterie im Vorfeld der WM. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Vornehm hielten sich zuletzt Kritiker wie der Präsident des FC Bayern München, Uli Hoeneß, zurück. Er hatte die Vergabe des Turniers nach Südafrika im Januar noch als „einen der größten Fehler“ von Fifa-Präsident Sepp Blatter bezeichnet. Mit einiger Genugtuung sagte Organisationschef Jordaan, diese Skeptiker hätten „eine unglaubliche Erfahrung“ verpasst. Er rufe ihnen zu: „Bleibt in eurer Ecke und schmollt.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Wahrnehmung des Landes hat sich verändert. Das gilt ganz besonders für den Großraum Johannesburgs, der in den vergangenen Jahren selten positive Schlagzeilen produziert hatte. Doch Südafrika hat sich auf der anderen Seite mit der Vorbereitung des Turniers bis an die Belastungsgrenze angestrengt, vielleicht sogar – das wird die Zukunft zeigen – überanstrengt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die ersten Kostenkalkulationen gingen von weniger als 300 Millionen Euro aus. Am Ende lagen die Ausgaben bei dem zwölffachen Betrag, ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, in dem sich das demokratische Südafrika von seiner ersten Rezession und den Folgen der Wirtschaftskrise erholte, denen eine Million Arbeitsplätze zum Opfer gefallen waren. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Auf der Einnahmeseite steht lediglich eine Milliarde Euro. Wegen der hohen Kriminalitätsraten und Reisekosten kamen anstelle der erhofften 450.000 WM-Touristen nur rund 200.000. Das Turnier wird ohnehin nach übereinstimmenden Prognosen von Finanzexperten zu maximal einem halben Prozentpunkt Wirtschaftsexperten beitragen. Materiell auszahlen, so viel steht jetzt schon fest, kann sich die WM erst in einigen Jahren – und das nur für den Fall, dass es genug Strahlkraft aufbringen wird, um deutlich mehr Investoren und Touristen anzulocken. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die unmittelbaren wirtschaftlichen Hoffnungen – nicht zuletzt von der traditionell zu Optimismus neigenden Regierung geschürt – erfüllten sich dagegen für viele Südafrikaner nicht. Der informelle Sektor stellt 27 Prozent des Arbeitsmarkts, und viele Straßenhändler bemängelten, dass sie ihre Waren wegen der strengen Fifa-Richtlinien nicht in der Nähe der Stadien oder bei Fanfesten verkaufen durften. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ohne Frage: Die Kritiker dieses Turniers sind in der Minderheit. Doch mit der WM steigt auch der Druck auf die Regierung. „Wir haben Erwartungen geschürt, dass die WM sofort für Investitionen und neue Jobs sorgen wird“, sagt William Gumede, Privatdozent an der Universität Witwatersrand in Johannesburg, „die Gefahr ist, dass diese Blase platzt.“ </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Wie eine mahnende Erinnerung werden in den kommenden Jahren die zehn WM-Arenen stehen, von denen wohl nur wenige angemessen genutzt werden können. Der Besucherschnitt der südafrikanischen Liga liegt bei rund 10.000 Zuschauern, die Rugby-Teams sind nur schwer zum Umzug aus den eigenen Stadien zu bewegen. Die sind zwar alt, aber kosten oft keine Miete. Immerhin das großartige Stadion in Durban wird wohl als wichtiges Argument bei einer möglichen Bewerbung Südafrikas um die Olympischen Spiele 2020 dienen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der „Mail&amp;Guardian“ formulierte aber die eigentliche Frage, die Südafrika in den kommenden Monaten beschäftigen wird. „Warum ist der Staat in der Lage, die Stadien pünktlich zu bauen und der Fifa eine WM zu organisieren, wenn er nicht in der Lage ist, seinen Bürgern mit Respekt und Effizienz zu begegnen, die vergleichbar sind?“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Mit berechtigtem Stolz vermeldeten Politiker und WM-Organisatoren von der kaumvorhandenen Kriminalität während des Turniers. Offizielle Zahlen präsentiert die Polizei erst im September, doch die Indizien sprechen tatsächlich für einen Rückgang. ADT, eine der führenden Sicherheitsfirmen, berichtete von 60 bis 70 Prozent weniger Vorfällen in einigen Stadtteilen Johannesburgs.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch der Überwachungsgrad während der WM wird sich kaum aufrechterhalten lassen. Zwar bleiben die 41.000, speziell für die WM ausgebildeten Polizisten, im Dienst. Doch die Sicherheitskräfte haben unzählige Überstunden angesammelt, ihre Präsenz wird nicht aufrecht gehalten werden können. Auch die Gerichte, die bis spät in die Nacht arbeiteten und innerhalb von einem Tag teilweise langjährige Gefängnisstrafen für Taschendiebstähle aussprachen, werden nach der WM wohl wieder in ihrem gewohnten Trott verfallen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Südafrika feiert, und es gibt in diesen Tagen so viel Grund für Optimismus wie schon lange nicht mehr. Doch das Land darf bei aller Euphorie über das Erreichte und dem Jubel mit dem neuen Weltmeister nicht vergessen, dass die eigentlichen Herausforderungen erst bevorstehen. Brennpunkte wie die enormen und weiter wachsenden sozialen Unterschiede oder eine Jugendarbeitslosigkeit von rund 50 Prozent sind weiter vorhanden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ganz Südafrika jubelte mit Ghana, als das Team ins Viertelfinale einzog. Nun gilt es, sich mit gleicher Menschlichkeit den Wirtschaftsflüchtlingen aus Simbabwe zu kümmern. In diesen Tagen versuchen Medienberichten zufolge Hunderte das Land zu verlassen, aus Angst vor xenophobischen Attacken. Sie hatten vor zwei Jahren über 60 Menschen das Leben kosteten. Die mächtige Gewerkschaft Cosatu nutzte die Gelegenheit, für einen polemischen Vorschlag: Man solle mehrere Stadien in Kapstadt in Zufluchtsorte umfunktionieren.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ein irrwitziger Vorschlag. Südafrika erinnert in Tagen mehr an die Vision des ehemaligen Präsidenten Thabo Mbeki: „Eines Tages sollen Historiker auf die WM 2010 zurückschauen als einen Moment, als Afrika aufrecht stand und die Jahrhunderte mit Armut und Konflikten beendete.“ Die Sätze stammen aus dem Jahr 2004. Dem Jahr der WM-Vergabe.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erschienen in Die Welt, 12. Juli 2010</p>]]></content:encoded>
			<category>Politik</category>
			
			
			<pubDate>Thu, 19 Aug 2010 19:41:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Der Pirat der Fußballarenen</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/wm-2010/detailansicht/article/der-pirat-der-fussballarenen//cHash/01c3a5e87b/</link>
			<description>Beim WM-Finale stürmte Jimmy Jump den Platz - er sieht sich auf einer Mission</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Pass, der Pass fehlt. Er ist das entscheidende, alles andere lässt sich arrangieren. „No pass, is problem“, sagt Jimmy Jump. 35 Jahre alt ist er, Zehntagebart, schütteres Haar. Meistens grinst er, doch jetzt findet sein Blick keinen Halt. Der Spanier hat kaum gegrüßt, hier in der Hektik vor der Polizeistation in der Commissioner Street, Johannesburger Innenstadt. Ein kurzer Händedruck, dann läuft er weiter.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Er ist zu aufgeregt“, sagt Alex, sein bester Freund, „frag’ mich, wenn du was wissen willst. Mit ihm kannst du erst reden, wenn er den Pass zurück hat.“ Sammeltaxis preschen vorbei, im Polizeirevier stehen hinter einer etwas verdunkelten Scheibe Dutzende Menschen an. Knöllchen bezahlen, Anzeigen aufgeben. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>27 Stunden saß Jimmy Jump hier in einer Zelle. Keine ungewöhnlich lange Zeit für einen wie ihn, zwei Tage Haft sind eher normal als selten. Er hatte mit Schlimmerem gerechnet, sofern man die Momente, die er sucht, überhaupt berechnen kann. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Wer Minuten vor einem WM-Finale 70 Meter über den Rasen des Soccer City Stadions von Johannesburg sprintet, wer vor 85.000 Zuschauern in der Arena und Hunderten Millionen am Fernsehen den WM-Pokal berühren will, der hat die Kontrolle über sich, über die Situation abgegeben. Das ist ja gerade der Reiz des Platz eroberns, wie er es nennt – Barrieren überspringen. Und keiner ist dafür so berühmt, danach so süchtig wie Jump, der im bürgerlichen Leben Jaume Marquet Cot heißt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><i></i></p>
<p><i></i></p>
<p><i>„Ich will loslaufen, endlich loslaufen. Noch fünf Minuten, dann kommen die Spieler raus. An die perfekte Stelle habe ich mich schon vorgearbeitet. Mein Ticket gilt für die Haupttribüne, teuerste Kategorie. Jetzt aber stehe ich in einer Ecke, in der fünften Reihe vielleicht, ein paar Meter von der Eckfahne entfernt. Direkt neben einem Tunnel, eine unübersichtliche Stelle, hier kommen immer Ordner rein und raus, das ist strategisch perfekt. So genau hat keiner auf meine Karte geschaut, halb mit den Fingern die Karte verdecken und durch. Noch eine SMS an Alex: „I want to jump now.“ </i></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ein rundlicher Mann fährt Jump und seinen Freund Alex in einem roten Ford Focus durch die kurvigen Straßen der Innenstadt. Ein Polizist, auch wenn er kaum so wirkt – so freundlich, geht er mit Jump um. Sie haben in den vergangenen Stunden viel in den vergangenen Stunden über Fußball diskutiert. Er kannte Jimmy, den berühmtesten Streaker der Welt. Und wie er auf dem Weg zum Auto gegrinst und den Rücken durchgedrückt hatte, da hatte er eher wie ein Fan als ein Ordnungshüter gewirkt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Bei einem Konzert von Bruce Springsteen vor zehn Jahren spürte Jump zum ersten Mal den Wunsch, die Bühne zu stürmen. Eine Nummer zu groß, er begann, sich ins Kino, auf große Partys einzuschleichen, ohne zu bezahlen. Ein Hobby wie eine Sportart, verbunden mit der Suche nach immer größeren Herausforderungen. Also enterte Jump seit dem Jahr 2002 die Sportfelder und Bühnen Europas. Zuerst die Spiele des FC Barcelonas, wo sie ihn bald daran erkannten, dass er mit der „barretina“ über das Feld sprintete – die rote Mütze mit dem schwarzen Rand gilt als Symbol Kataloniens. Luis Figo, dem Verräter, warf er bei der EM 2004 in Portugal eine katalanische Fahne ins Gesicht – er war zum Erzrivalen Real Madrid gewechselt. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Samuel Eto’o, damals noch bei Barcelona, hatte sich zunächst noch gewehrt, als Jump ihm die rote Mütze überziehen wollte. Beim nächsten Spiel aber versuchte es Jump wieder. Und Eto’o ließ es geschehen, er hat nie wieder so entgeistert geschaut. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ähnlich erging es den Finalisten der Rugby-WM 2007 in Frankreich, Roger Federer bei den French Open, Spielern beim Wasserball – und erst vor einigen Wochen den spanischen Teilnehmern des Eurovision Song Contests in Oslo vor 100 Millionen TV-Zuschauern. Jump war ohne Eintrittskarte in die Halle gekommen und hatte sich zu dem Künstler Daniel Diges gestellt. Die Aktion gehörte neben dem Sieg von Lena zu den meistdiskutierten des Tages.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Auch in Norwegen trug Jump die&nbsp; rote „barretina“. Ist er also ein politischer Aktivist für die Interessen Kataloniens? Nein, er stehe für die Freiheit ein, sagt Jump, die Freiheit aller Menschen. 2008, beim EM-Halbfinale zwischen Deutschland und der Türkei unterstützte er mit einem T-Shirt Tibets Kampf gegen die Unterdrückung durch China, aber auch das blieb eine einmalige Aktion. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Eigentlich wolle er den Menschen einfach ein bisschen Freude bereiten, dieses Gefühl der Freiheit, das er auf dem Feld erlebt, teilen. Niemals tritt er nackt auf, ausgeschlossen – er ist kein Nacktflitzer, will niemanden pikieren. Und niemals trägt er anders als andere Streaker Sponsorenlogos auf dem T-Shirt. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Selbst vor einigen Tagen widerstand er: Eine Firma hatte ihm 30.000 Euro angeboten hat, wenn er das WM-Finale mit dem Firmenlogo auf der Kleidung stürmen würde. Den Organisatoren von Sportveranstaltungen sind Menschen wie Jump verständlicherweise ein Dorn im Auge. Doch bei den Menschen kommt die unkommerzielle Piraterie des immer kommerzielleren Showgeschäfts an – 115.000 Fans hat er inzwischen bei Facebook, mehr als Spaniens WM-Torwart Iker Casillas. Seine Videos auf Youtube haben Hunderttausende angeklickt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><i></i></p>
<p><i></i></p>
<p><i></i></p>
<p><i>„Oh man, vorgestern saß ich noch mit meinen alten Freunden zusammen, vor 20 Jahren hatten wir unseren Highschool-Abschluss. Die meisten sind bürgerlich geworden, Familie, Kinder, Haus, manche auch wehmütig. Ich hatte mich dagegen entschieden, bei der WM zu jumpen. Ich überlege gut, welche Strafe droht. Vor vier Jahren war ich beim Finale des Afrika-Cup in Ägypten und habe mich dagegen entschieden zu jumpen. In Abu Dhabi war ich 2005 bei einem großen Turnier, dort hätte mir aber eine Woche Haft gedroht. Das hält keiner aus. Auch Johannesburg schien mir zu riskant. Aber die Jungs haben mich so entgeistert angeschaut: ‚Was machst du hier? Warum bist du nicht in Südafrika?’, hatten sie gefragt.</i></p>
<p><i>Ich bin aufgestanden und habe Alex angerufen, er war gerade in Rom. Ein paar Stunden später saßen wir im Flugzeug, Erste Klasse, da schleiche ich mich immer rein - einen freien Platz gibt’s da fast immer, irgendwer fehlt immer. „A la Carte Menu für Herrn Arici“, stand auf der Speisekarte. Mir hat es auch geschmeckt. Ich bin mit Pastorenkleidung eingereist, um bei der Passkontrolle nur rasch durchgewunken zu werden. Ich bin ziemlich sicher, dass die Fifa meine Daten in einigen Ländern an die Behörden weitergibt. In Norwegen haben sie mich mal drei Tage wie einen Terrorist eingesperrt, weil die niederländische Königin im Land war und sie dachten, ich würde Veranstaltungen mit ihr entern.“</i></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Nur der Pass, der Pass muss zurück. Ein Schnellgericht in Johannesburg hatte ihn am Dienstag zu 2000 Rand Strafe verurteilt. Etwas mehr als 200 Euro, nur 27 Stunden Gefängnis. Das war’s. Glück gehabt – er hat in seiner Karriere schon deutlich mehr zahlen müssen. Und&nbsp; Südafrika hatte während der WM auf Geheiß der Fifa Schnellgerichte eingeführt, die bis tief in die Nacht arbeiteten – für Diebstähle in Hotels oder auf der Straße gab es oft innerhalb von einem Tag mehrjährige Haftstrafen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Mit den Jumpern meinten es die Richter gnädiger: Ein Mann, der in Durban das Halbfinale zwischen Deutschland und Spanien zu seiner Bühne machte, musste rund 300 Euro Strafe zahlen – Jump hätte sich über 1000 Euro Strafe nicht gewundert. Die Sorge war groß, schon vor dem Finale hatte sich Alex, dieser Bruder im Geiste, die Kontaktdaten von spezialisierten Anwälten besorgt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Es bleibt allein die Suche nach dem Pass. Ein Mitarbeiter des Organisationskomitees habe ihn beschlagnahmt, erzählt Alex. Und in der Polizeistation wussten sie zwischenzeitlich selber nicht mehr, wo er sein könnte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><i></i></p>
<p><i>„Der Zaun ist nur einen Meter hoch. Ein Bein drüber. Mist, der Ordner sieht mich, bein zurück. Erst mal einen auf unauffällig machen, der Holländer neben mir redet sowieso die ganze Zeit auf mich ein. Eigentlich wollte ich erst während des Spiels jumpen, entweder zu Beginn der ersten oder zweiten Halbzeit und ein Tor schießen. Doch das jetzt – das muss ein Zeichen sein. Eine Südafrika-Flagge, die sie am Eingang neben meinem Platz aufgehängt haben, fällt runter. Der Ordner dreht sich um, hebt sie auf. Er schaut nicht. Los!“</i></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Nur zehn Minuten dauert der&nbsp; Besuch in der Booysens-Polizeiwache ein paar Blöcke weiter. Irgendwie ist der Pass hier gelandet, keiner kann das mehr so genau rekonstruieren. Jump tritt aus dem Gebäude, das Grinsen ist zurück. Er hält das Dokument triumphierend nach oben, küsst einem Passanten auf die Glatze. Ein paar Meter weiter ist ein kleines Café, Plastikstühle, Tee aus Pappbechern. Ist gesünder als Kaffee.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Plötzlich fängt er an, in seinem gebrochenen Englisch zu plaudern. Schnell wird deutlich, dass er sich nie viel um Autoritäten gekümmert hat. In Barcelona ging er auf eine Privatschule. Als ein Lehrer mäkelte, er trage Tennissocken unter dem Schulanzug, zog er die Hosen runter. „Nimm’ die Tür, und geh’“, rief der Lehrer wütend. Jump hob die Tür aus den Angeln und ging. Es war sein letzter Tag an der Privatschule, er wechselte auf eine öffentliche.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><i>„Laufen, über die Bande springen. Nicht umdrehen, nur den Pokal im Blick behalten. Plötzlich wird das Stadion laut, wie immer, wenn einer jumpt. Ich fühle mich stark, und gleichzeitig habe ich Angst. Man weiß nie, was in diesen Momenten passiert. In einem Wort: lebendig. Jacke aus, auf dem T-Shirt steht „Jimmy Jump against Racism“. Vor ein paar Stunden war ich noch in Soweto in dem Haus, in dem einst Nelson Mandela gewohnt hat. Es ist unglaublich, was er im Kampf gegen Rassismus geleistet hat. Ich will die Botschaft unterstützen.</i></p>
<p><i>Die rote Mütze aus der Tasche. Aufziehen. Noch eine, für den WM-Pokal. Natürlich will ich ihn nicht stehlen. Wie sollte ich das auch machen in einem Stadion mit 85.000 Menschen? Ich will ihm nur die Mütze aufziehen, als Symbol der Freiheit. Zeigen, dass der Pokal die Menschen vereint – dass er für alle da ist. Noch ein paar Meter, ich spüre das Gold ganz kurz an meiner Hand. Dort kommt der Sicherheitsmann. Autsch, ein guter Schlag, gegen den Hals. Ich falle, zu siebt tragen sie mich weg. Es fühlt sich gut an, ich lache.“</i></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Es gebe wohl nicht viele wie ihn, sagt Jump, vielleicht vier weltweit. Viele laufen einmal auf das Feld – und nie wieder, wegen der hohen Anwaltskosten, den Stunden im Gefängnis oder weil es einfach nur eine verlorene Wette war. Bei Jump ist es anders: Er hat zunächst im Vertrieb einer Süßwarenfirma, dann als Immobilienmakler gearbeitet. Normale Jobs. Doch seit dem Jahr 2007 jumpt er nur noch.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Die Leute denken immer, dass ich damit viel Geld verdiene“, sagt er, „das ist nicht wahr. Ein paar Privatleute zahlen mir meine Reisen, weil sie dieses moderne Piratentum mögen. Sie erwarten dafür keine Werbung. Ich komme gerade so über die Runden.“ Über eine Homepage verkauft er inzwischen T-Shirts. Und er will andere unkommerzielle Streaker unterstützen, die ersten Spender haben in die „Jimmy Jump Freedom Foundation“ eingezahlt – in Südafrika beglich der Spanier bereits die Strafgelder von vier anderen, die Absperrungen übertreten hatten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><i>„Sie tragen mich in die Zelle im Stadion. Ich lache noch immer. Sie behandeln mich sogar gut, ein paar der Polizisten scheinen mich zu kennen. Ein paar lachen, als sie mich sehen. </i></p>
<p><i>In der Zelle sind noch ein paar andere Häftlinge. Es gibt keinen Bildschirm hier in der Zelle, aber man hört, wie das Spiel dort draußen hin und her wogt. Bei den anderen ist es wohl der Alkohol, bei mir das Adrenalin, jedenfalls singen plötzlich alle.</i></p>
<p><i>Alex hat die Zelle gefunden. Einer von der Fifa will, dass sie ihn auch verhaften – wegen Mittäterschaft. Die Polizei hört nicht auf den Mann. Alex hat mir schon oft aus der Patsche geholfen, er wird es auch dieses Mal schaffen.“</i></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Am Abend sitzen Jimmy und Alex in einem Steak-Restaurant im Norden von Johannesburg. Der Druck fällt ab. Ganz kurz erzählt Jump, er wolle unbedingt in den Krüger Nationalpark, wenigstens ein Tag Safari. Doch dann wechselt er das Thema, zu einem, das ihm wirklich wichtig ist. „Wie heißt denn noch dieser neue Club in der deutschen Liga? Aus Hamburg kommt der glaube ich, über den habe ich gute Sachen gehört.“ Beim FC St. Pauli können sie sich bald auf Besuch einstellen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erschienen in Die Welt, 17. Juli 2010</p>]]></content:encoded>
			<category>WM 2010</category>
			
			
			<pubDate>Thu, 19 Aug 2010 19:27:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Der WM-Beat Sowetos</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/wm-2010/detailansicht/article/der-wm-beat-sowetos//cHash/a3400b4c5e/</link>
			<description>Nirgends pulsiert das größte aller Fußballturniere so sehr wie in Soweto</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Er hat die Fahne auf der Potchefstroom Road gekauft, von einem der unzähligen Straßenhändler Sowetos. 40 Rand kostete sie, etwas mehr als vier Euro. Nicht ganz billig – zumindest wenn man bedenkt, dass es sich um eine fremde Landesfahne handelt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch nun sitzt der Südafrikaner Richard Mazibuko vor der riesigen Leinwand und hält die rot-gold-grüne Flagge Ghanas mit dem Stern in der Mitte hoch. Mazibuko, der schlaksige Mann mit dem Zehntagebart, war noch nie in diesem Land, er kennt auch niemanden aus Ghana. Schließlich liegen 4800 Kilometer zwischen den beiden Nationen. Zuviel für ihn.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch Mazibuko reckt die Fahne der Gäste in die Höhe, immer mindestens auf Schulterhöhe, das gebietet der Respekt. Das Spiel gegen die Serben, das da flimmert, ist nicht sonderlich aufregend – aber welchen Unterschied macht das schon. „Natürlich müssen wir zu den afrikanischen Mannschaften halten“, sagt er, „das ist eine afrikanische Weltmeisterschaft.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Rund 800 Leute sind in den offiziellen Fan-Park im Rockville-Township von Soweto gekommen. Die gigantische Gegend südwestlich von Johannesburg ist mit über zwei Millionen Menschen der größte Township Südafrikas. Einige Gegenden sind soziale Brennpunkte, ohne Frage. Doch die Nachbarschaft des Fan-Parks gehört zu jenen Vierteln, die längst nicht mehr so recht dem Klischee des Armenviertels entsprechen. Früher, zu Zeiten der Apartheid, wurden die Menschen gezwungen hier zu leben. Ums Überleben zu kämpfen. Nun entscheiden sich viele, in Soweto zu bleiben. Zu wohnen. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Nur ein paar Kilometer von dem Fan-Park entfernt steht seit vier Jahren die Maponya-Einkaufsmeile mit ihren schicken Boutiquen und Restaurants – eine Investition in Höhe von umgerechnet 50 Millionen Euro. Monument der gestiegenen Kaufkraft, der hochmoderne Komplex würde selbst in New York nicht auffallen. Und so wirken die gigantischen Aufbauten des Fußball-Weltverbands Fifa, die überdimensionale Leinwand, nicht mehr ganz so sehr wie ein Fremdkörper inmitten der vielen kleinen Steinhäuser.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Friedlich umhüllt die Nachmittagssonne Mazibuko und 800 weitere Fans. Beinahe warm begleitet der südafrikanische Winter den Auftritt der Ghanaer gegen die leicht favorisierten Serben.&nbsp; Der Geruch von gegrilltem Fleisch zieht durch die Reihen. Ein paar haben ihre Vuvuzela-Trompete mitgebracht, doch vor allem liegt Stimmengewirr in der Luft: Die Aufregung angesichts der ersten Weltmeisterschaft auf afrikanischem Boden hat sich auch nach den ersten Turniertagen nicht gelegt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Das gilt vor allem für Soweto, dem Herzen der WM. Schon vor dem Turnier entstand diese Euphorie der gebrochenen Grenzen, als das Rugby-Team Blue Bulls zwei Spiele nach Soweto verlegte. Zehntausende Weiße fuhren zum ersten Mal überhaupt in einen Township, viele mit einem mulmigen Gefühl – doch die Leute winkten ihren Bussen zu, feierten danach zusammen mit ihnen den Sieg des Teams aus Pretoria. Und den Abbau von Vorurteilen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Im Soccer City Stadion, das an den Township grenzt, fand das Eröffnungsspiel statt, am 11. Juli ist hier auch das Finale. Die beiden größten Vereine, die Orlando Pirates und Kaizer Chiefs haben hier ihre Wurzeln, Tausende Autos und Minibusse sind mit ihren Aufklebern zugeklebt. Nicht zufällig vergab der Weltverband Fifa auch ein riesiges Konzert zum WM-Auftakt ins Orlando-Stadion von Soweto. „Wer unseren Fußball, unser Land verstehen will, der muss nach Soweto kommen“, sagt Mazibuko. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Fan sitzt auf dem verdörrten Rasen und schwenkt seine Ghana-Fahne. 0:0, nur noch ein paar Minuten. „Wohl wieder kein Sieg“, sagt der 46-Jährige, „ich kann das nicht glauben.“ Ein Team müsse einfach durchkommen, wenigstens ins Viertelfinale. Südafrika hatte ein Unentschieden gegen Mexiko erreicht, aber Nigeria und Algerien waren mit Niederlagen gestartet. Mazibuko bangt. Mit „Bafana Bafana“, natürlich, der eigenen&nbsp;Mannschaft. Und mit Afrika.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Vor der Leinwand toben ein paar Kinder, sie rennen auf und ab. Es fühlt sich an wie ein lieblicher Herbsttag im Park. Langsam geht die Sonne unter, und dann, so eine Grundregel, mit der zumindest weiße Südafrikaner aufwachsen, sollte man doch eigentlich die Townships spätestens verlassen. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch hier in Rockville gab es bislang keine Zwischenfälle. Weder am Tage noch in der Nacht. Am Eingang werden die Besucher gleich zweimal auf Waffen abgesucht – „falls einem was entgeht“, entschuldigt sich der Ordner, „nur zur Sicherheit.“ Die Stadt hat sogar eine fünf Meter hohe Überwachungskamera auf das Gelände gekarrt. Sie steht auf einem Anhänger, der Motor des Stromgenerators tuckert vor sich hin. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Mazibuko, Ghanas Leih-Fan mit der Südafrika-Mütze, schaut verächtlich auf das Gerät. „Hier wird nichts passieren, ob mit oder ohne Kamera. Dafür verbürge ich mich“, sagt der Besitzer eines kleinen Restaurants im Kliptown-Abschnitt von Soweto, während er auf das Mittelfeldgeschiebe starrt, dort oben auf der Leinwand. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr wir uns in Soweto über die Gäste freuen. Gastfreundschaft ist einer der wichtigsten Bestandteile unseres Lebens.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch dann schweigt er wieder. Die letzten Minuten sind angebrochen, und Ghana ist als Finalist des vergangenen Afrika-Cups neben der Elfenbeinküste die größte Turnierhoffnung des Kontinents. Mazibuko umklammert den dürren Plastikstab der Fahne mit beiden Händen. Man könne sich so ein Spiel nicht zu Hause am Fernseher anschauen, hatte er vorher gesagt. Ohne Leute, die mitleiden. Mitjubeln. Südafrika spielt erst am Mittwochabend wieder. Doch das Land, in dem unzählige Autos mit Fahnen geschmückt sind, befindet sich unabhängig von den eigenen Auftritten im Ausnahmezustand. Vier Wochen lang, ohne Pause.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Neben Mazibuko sitzt Thammy Dilata. Er kommt aus dem Pimville-Abschnitt Sowetos. „Ich bin auch hier, weil ich Sorge hatte, dass bei mir der Strom ausfällt“, sagt der 38-Jährige. Beim Eröffnungsspiel brach plötzlich in einigen Teilen Sowetos das Netz zusammen, wie so oft: Tausende zapfen die Leitungen illegal an. Und wenn der Bedarf so groß wie bei einer WM ist, kollabiert das System. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Er hätte zu einem der inoffiziellen Public Viewings gehen können. Oder in eine der unzähligen Shebeens, wie die Kneipen in Soweto genannt werden. Er hat sich trotzdem für den Fan-Park entschieden. Hier gelten zwar Fifa-Preise. 1,60 Euro für eine Cola, das Doppelte der normalen Preise. Aber er hat ein großes Plus: ein eigenes Stromaggregat.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Mazibuko verfolgt die letzten Angriffe auf dem Bildschirm. Doch Dilata, der die südafrikanische Fahne um den Hals trägt, hat genug gesehen, um die Lage zu analysieren. „Ghana hat das stärkste Team Afrikas, sie sind technisch stark und jung. Und wahnsinnig schnell.“ Er rückt die Brille zurecht, die in den Nationalfarben des WM-Gastgebers bepinselt ist, bevor er seine Prognose wagt: „Sie werden von allen afrikanischen Teams am weitesten kommen. Egal was heute passiert.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Plötzlich ein kollektiver Aufschrei. „Hand“, schallt es durch Soweto, „das war doch Hand.“ Ein Serbe hat den Ball im Fallen tatsächlich regelwidrig berührt. Elfmeter, sieben Minuten vor dem Ende. Dilata nickt wissend, und Mazibuko springt mit seiner Fahne auf und ab, als seien es die Südafrikaner, die vor dem Sieg stünden. Oder als sei wenigstens der Elfmeter schon verwandelt. Dabei läuft Asamoah Gyan erst jetzt an, schießt hoch, in die Mitte – ins Tor. Hunderte jubeln, hüpfen auf und ab. Die Vuvuzelas dröhnen wieder ihr montones Konzert durch die Straßen. Vor dem Bildschirm fällt Mazibuko gleich fünf Unbekannten nacheinander in die Arme.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Kurz darauf ist Schluss. Ghana hat gewonnen, und mit dem Team irgendwie auch ganz Afrika. Und Soweto. Und Mazibuko. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erschienen in Die Welt, 15. Juni 2010</p>]]></content:encoded>
			<category>WM 2010</category>
			
			
			<pubDate>Thu, 17 Jun 2010 00:42:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Raum gegen das Verbrechen</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/wm-2010/detailansicht/article/raum-gegen-das-verbrechen//cHash/530cbd1dba/</link>
			<description>Südafrika setzt im Kampf gegen Kriminalität auf Überwachungskameras</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ein junger Fußballfan verlässt mit einer blutenden Platzwunde das Stadion. Er steht ganz offenbar noch unter Schock, als die Fotografen ihre Fotos vor dem Tembisa-Township von Johannesburg machen – jene Bilder, die man der WM 2010 in Südafrika nicht gewünscht hätte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Mindestens 16 Zuschauer wurden am späten Sonntagnachmittag bei einem Testspiel zwischen den WM-Teilnehmern Nigeria und Nordkorea (3:1) verletzt – darunter ein Kind. Hinzu kommt ein Polizist mit schweren Verletzungen. Fans hatten versucht,&nbsp;die vom Sicherheitspersonal bereits geschlossenen Tore des Stadions zu durchbrechen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Unfallhergang lässt auf eine chaotische Organisation schließen. „Es wurden Gratistickets ausgegeben, und als die Menschen davon hörten, begann der tragische Ansturm auf die Tore“, sagt Colonel Opperman von der zuständigen Tembisa Polizei-Station. Lediglich 10.000 Zuschauer fasst das Stadion, es waren auch gefälschte Karten im Umlauf.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Weltverband Fifa als Veranstalter der WM 2010 bemüht sich, Verbindungen zu dem am Freitag beginnenden Turnier zu vermeiden. Man hoffe auf eine baldige Genesung der Verletzten, aber „darüber hinaus wollen Fifa und Organisationskomitee betonen, dass dieses Spiel nichts mit der Vorbereitung der WM 2010 zu tun hatte“.&nbsp; Zudem sei die Fifa nicht an der Ticketvergabe des Spiels beteiligt gewesen. Tatsächlich ist die Milliardeninszenierung vom Organisationslevel nicht mit dem afrikanischen Fußballalltag vergleichbar.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Offenbar hatten das Organisationskomitee (LOK) und die beiden Verbände aus Nigeria und Nordkorea das Freundschaftsspiel unterschätzt. Der englische Fußballverband FA reagiert gestern vor dem Freundschaftsspiel gegen den örtlichen Verein Platinum Stars (nach Redaktionsschluss) umgehend: „Nach dem Vorfall haben wir das LOK angerufen und die Notwendigkeit von Maßnahmen betont, damit sich ein solcher Ansturm nicht wiederholt“, so ein Sprecher der FA.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Vorfall ist bedauerlich, zumal er von den bemerkenswerten Anstrengungen Südafrikas ablenkt, ein sicheres Turnier zu gewährleisten. In der Verbrechensbekämpfung zum Beispiel, wie ein Besuch des CCTV-Kontrollzentrums von Johannesburg belegt. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Live-Bilder von 231 Kameras der Innenstadt kommen hier im dritten Stock des Penmor-Turms an. Stadtviertel wie Hillbrow, Joubert Park und Braamfontein tragen überproportional zu der Statistik von 18.000 Morden bei, die es jährlich in Südafrika gibt.&nbsp; Sie zählten lange zu den gefährlichsten Gegenden der Welt, zumindest außerhalb von Kriegsgebieten – und darüber hinaus zu den Hauptsorgen der Fifa. Denn mit dem Ellis Park grenzt eines der wichtigsten WM-Stadien direkt an die Problemgegenden. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Besuch in dem unscheinbaren Hochhaus direkt neben der N2-Autobahn beginnt wenig vertrauensvoll. Stromausfall, wie so oft in Johannesburg. „Kein Problem“, sagt Ermittler Herman Petzer, „die Kameras, Bildschirme und Elektronik werden über ein eigenes Stromaggregat versorgt.“ Wie die Stadien auch – in Südafrika ist das elementar.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Also über die Treppen in den dritten Stock. Zwei Türen mit Panzerglas versperren den Zugang zu dem Raum. Petzer hält den rechten Zeigefinger an ein Abdrucklesegerät, die erste Tür öffnet sich, und im Halbdunkeln stehen 17 Schreibtische. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ganz vorne sitzt Tinashe Sibeko, er hat 15 Live-Bilder gleichzeitig auf seinem riesigen Bildschirm. Mit einem Schalthebel kann er die einzelnen Kameras ferngesteuert bewegen. „Heute ist es ruhig“, sagt er, „hektisch wird es am Wochenende und am 25. des Monats. Dann ist Zahltag und die Leute gehen feiern.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Seit sechs Uhr sitzt er hier. Einer Stunde Überwachung folgen zwei Stunden Pause – die Arbeit erfordert ein ähnliches Konzentrationsvermögen wie von Fluglotsen. Man entwickele einen Instinkt für brenzlige Situationen, sagt Sibeke. Dann ruft er einen Beamten der Verkehrs- oder Kriminalpolizei, die jeweils einen Schreibtisch im gleichen Raum haben. Die alarmieren neben den normalen Streifenwagen unmittelbar 40 Beamten in Zivil, die pro Schicht zur Verfügung stehen. Drei Minuten dauert es im Schnitt, bis sie am Unfall- oder Tatort sind.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Im März 2000 begann die Stadt mit der Überwachung – einer Zeit, als der Kampf gegen das Verbrechen noch eher halbherzig geführt wurde. Rund 150 technisch mittelmäßige Kameras waren im Einsatz. Als der Vertrag mit der damals beauftragten Firma Cueincident fünf Jahre später auslief, vergingen zwei Jahre, bis der neue Auftrag vergeben wurde –die Ausrüstung gammelte vor sich hin, eine Kamera nach der anderen fiel aus.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Den Neun-Millionen-Euro-Zuschlag für die Jahre 2007 bis 2011 bekam schließlich die international operierende Firma Omega. „Seit drei Jahren haben wir die besten Kameras der Welt“, sagt Petzer, „sie zoomen drei Kilometer weit und erkennen sogar die Kennzeichen von gestohlenen Fahrzeugen.“ </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Über hunderttausend Autos werden jährlich in Südafrika gestohlen. Kaum ein Neuwagen wird ohne eingebauten Peilsender verkauft, die gestohlenen Fahrzeuge werden von privaten Sicherheitskräften per Hubschrauber geortet und mit Motorradkommandos gejagt. Ein paar Prozent der Hijacker, gewaltsam vorgehende Autodiebe, werden dank des CCTV-Raums gestellt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Effektivität der Kameras aber ist umstritten. 260 Verhaftungen gelingen nach Polizeiangaben in der Innenstadt pro Tag – über den Anteil der Überwachungskamera werden keine genauen Statistiken veröffentlicht. Angeblich sei die Zahl der Verbrechen in den überwachten Gegenden um 80 Prozent gesunken, teilte die zunächst beauftragte Firma Cueincident vor vier Jahren mit – doch das war während der Ausschreibungsphase, als das Unternehmen die Wirksamkeit seiner Kameras pries. Verlässliche Statistiken gibt es keine.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Die Zahl ist deutlich gesunken“, betont Ermittlerin Martha Letsoalo, „allerdings verlagert sich das Verbrechen oft nur innerhalb der Gebäude und in andere Stadtviertel.“ Innerhalb des Teams herrscht Unzufriedenheit, weil das System nicht wie gewünscht ausgebaut wurde. Ganz Schottland hat mit fünf Millionen nur etwas mehr Bewohner als Johannesburg – aber mit 2200 CCTV-Kameras die zehnfache Zahl an Überwachungseinrichtungen. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Wir brauchen mehr Kameras in ganz Südafrika“, sagt Letsoalo. Einige Statistiken haben sich seit dem Jahr 2003 deutlich gebessert, die Zahl der Straßenüberfälle und versuchten Morde etwa sank um ein Drittel. Die der tatsächlich vollzogenen Morde und Vergewaltigungen aber ist konstant hoch – trotz erweiterter Rechte der Polizei für den Waffengebrauch.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Immerhin: Bei der WM-Planung, für die 40.000 zusätzliche Polizisten ausgebildet wurden, spielen die Kameras eine große Rolle – Überwachungsräume gibt es auch an anderen großen Spielorten wie Kapstadt, Durban und Port Elizabeth. Mit besonderer Konzentration auf die Straßen im Stadion-Umkreis.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Übertriebene Hoffnung macht der Besuch im Penmor-Tower allerdings nicht. Am Mittag ist der Strom wieder da. Dafür stürzen die Computer ab, alle Bildschirme bleiben schwarz. Bis sie wieder hochgefahren sind, dauert es 20 Minuten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erschienen in Die Welt, 8. Juni 2010</p>]]></content:encoded>
			<category>WM 2010</category>
			
			
			<pubDate>Sat, 12 Jun 2010 22:11:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Die heimlichen Co-Trainer Südafrikas</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/wm-2010/detailansicht/article/die-heimlichen-co-trainer-suedafrikas//cHash/eebd50df62/</link>
			<description>In den Fußballvereinen des WM-Gastgebers haben traditionelle Heiler beachtlichen Einfluss</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ein paar Treppenstufen führen zum Laden von Dr. Smusiso Smith. In den Regalen reihen sich Flaschen mit Zähflüssigem, daneben Dutzende Pulver, ordentlich verschraubt in riesigen Einmachgläsern. Im Hinterzimmer stehen vier Bottiche. Man könnte es als das Labor von AmaZulu FC bezeichnen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Denn jeden Samstagmorgen, sagt Smith, kommen zwei Stürmer des südafrikanischen Erstligisten die Stufen hinaufgestiegen, seine Praxis liegt am Ende des Muthi-Marktes für traditionelle Medizin von Durban. Dann greift der Sangoma, wie die traditionellen Heiler in Südafrika genannt werden, ins Regal und zieht eine Flasche UmavuNdulula hervor – zerkochte Baumrinde mit Essig und Salz. „Sie kommen vor jedem Spiel. Die Medizin gibt ihnen Kraft, Energie für Tore“, sagt Dr. Smith. Dosierung: Ein Glas am Morgen, eines vor dem Anpfiff. 70 Rand kostet die Flasche, umgerechnet 7,50 Euro. Ein Schnäppchen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Praxis von Dr. Smith hat keine Tür, sie sieht aus wie eine geöffnete Garage. Stimmengewirr von einem benachbarten Kleidermarktes dringt hinein. Von irgendwoher ertönt ein Pochen wie das eines Ambosses, kräftige Männer zerstampfen ein paar Meter weiter mit riesigen Eisenstäben Wurzeln und Tierknochen. Bestandteile von Muthi, der Medizin der Sangomas.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Über einem klapprigen Schreibtisch hängt das Zertifikat der Traditional Health Organization (THO), die rund ein Drittel der 200.000 Sangomas in Südafrika vertritt. Das Vertrauen in sie ist bei Teilen der Bevölkerung groß, selbtst bei einigen Politikern: Sangomas sind den rund 30.000 westlichen Medizinern per Gesetz gleichgestellt – Smith kann Patienten krank schreiben, auch wenn das kaum eine Firma respektiert. Er könnte sogar in einem Krankenhaus arbeiten, sofern es eine Abteilung für traditionelle Heilkunde hat. Und er kann Geld mit Fußball verdienen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Denn auch im südafrikanischen Fußball haben Sangomas bisweilen beachtlichen Einfluss. Sie dürfen selbst bei der WM ganz offiziell praktizieren, hat der Weltverband Fifa bei einer Medizinerkonferenz im Februar beschlossen – nicht ohne auf die Einhaltung der Doping-Bestimmungen hinzuweisen. Rund 50 Prozent der Profis, schätzt Südafrikas Nationalspieler Matthew Booth, vertrauen auf die Dienste der Sangomas. Meist lassen sie sich allerdings im privaten Rahmen behandeln, zumal vielen Trainern das Verständnis für traditionelle Medizin fehlt: Mit Algerien wird nur einer der sechs afrikanischen WM-Teilnehmer von einem Afrikaner trainiert.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Rainer Dinkelacker aber hat die Macht der Sangomas mehr als einmal erlebt. Nur wenige Tage, nachdem der Torwarttrainer 1999 beim Kultverein Kaizer Chiefs anheuerte, fuhr das Team zu einem Auswärtsspiel in den Norden des Landes. Als der Bus inmitten der Dunkelheit stoppte, stieg das komplette Team aus und ging in die Büsche.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Ich bin mit meiner Kamera hinterher gegangen und habe mit Blitzlicht ein Foto gemacht“, erzählt der Schwabe, der den außerordentlich talentierten Itumeleng Khune zum WM-Torwart Südafrikas formte. „Erst als der Blitz auslöste habe ich gesehen, dass sie sich alle mit einem Pulver einrieben.“ Von wütenden Blicken begleitet stieg Dinkelacker zurück in den Bus. „Sag’ am besten nichts“, raunte ihm der Trainer zu.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Deutsche musste einen Weg finden, mit dem traditionellen Glauben umzugehen. Denn der ist alltäglich präsent: Die Chiefs haben ihren eigenen Sangoma. Ganz unspektakulär im Trainingsanzug gekleidet bestreicht er vor jedem Spiel Oberkörper und Stirn der Profis mit einem in Wasser aufgelösten Pulver. Die Prozedur dauert ewig – jedes Mal verharrt er einige Minuten und murmelt wie in Trance vor sich hin. Dinkelacker bleibt immerhin davon verschont: „Ich berühre mit dem Wasser kurz das Shirt und dann die Stirn. Das reicht für die Jungs aus, um mich als Teil des Teams zu akzeptieren.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch wer sich weigert, der fliegt. Lungsi Mooi hat bis vor ein paar Monaten als Managerin von Bay United FC gearbeitet, das Profi-Team von Port Elizabeth gemanagt. Jetzt sitzt die 42-Jährige in einem Restaurant in Port Elizabeth und muss schmunzeln, als sie sich an einen der kuriosesten Transfers des Vereins erinnert. „Ein Spieler der Chiefs hat sich dagegen gestreubt, die Flüssigkeit aufzutragen. Der Sangoma rief daraufhin bei Kaizer Motaung (der Besitzer des Vereins, d.Red.) an. Der Junge war noch am gleichen Tag raus aus der Startelf.“ Und wechselte bald zu Bay United.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Im eigenen Team bekam sie lange wenig&nbsp; von der traditionellen Medizin mit. Doch eines Tages klingelte das Telefon in ihrem Büro, ein Gespräch aus dem Kongo. „Ich kann ihrem Team helfen“, sagte der Anrufer. „Sind sie ein Trainer?“ „Nein.“ „Ein Spieler?“ „Nein.“ „Ein Arzt?“ „Nein, aber glauben sie mir. Ihr Team wird mit mir sehr viel mehr Energie haben.“ Mooi legte auf. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Vielleicht ein Fehler? Das Team stieg vor einem Jahr ab und verpasste vor einigen Wochen auch noch knapp den Wiederaufstieg. Viele Südafrikaner würden in dem Verzicht auf Sangomas eine Erklärung sehen. Kurz bevor das FNB-Stadion von Johannesburg zur gigantischen Soccer City-Arena umgebaut wurde, fand hier noch einmal das legendäre Soweto-Derby zwischen den Kaizer Chiefs und Orlando Pirates statt. Als die Spieler der Pirates hörten, dass der Chiefs-Sangoma etwas Wasser im Gang verspritzt hatte, weigerten sie sich, diesen zu betreten. Lieber liefen sie halb um das Stadion, bis sie einen Zugang für die Ordner auf das Feld gefunden hatten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Soviel Macht wie in den achtziger Jahren werden die Heiler aber wohl nie mehr haben. Damals begann der Engländer Dylan Kerr als 17-Jähriger seine Karriere bei den Arcadia Shepherds aus Pretoria seine Karriere. „Eine meiner ersten Erfahrungen war, dass in der Kabine zwei Hühner geschlachtet wurden“, erzählt er, „ihr Blut spritzte auf meine Fußballschuhe, das sollte Glück bringen.“ </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Heute, nach 26 Jahren im Fußballgeschäft, lacht Kerr. „Das waren großartige Geschichten seinerzeit“, sagt er. Einmal trat er mit Arcadia zum Auswärtsspiel in Durban an. Zur Halbzeit lag die Mannschaft mit 0:2 zurück, der gegnerische Sangoma tanzte triumphierend auf dem Spielfeld. „Dann haben wir drei Tore geschossen und noch gewonnen. Die Fans haben den Mann aus dem Stadion gejagt.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ein solcher Fall ist heute undenkbar. Südafrikas Profi-Liga PSL wird seit 1996 von Europäern geführt, die in den vergangenen Jahren den Spielbetrieb nach dem Vorbild der großen Ligen professionalisierten. Erst im Mai wurde eine Kooperation mit der Deutschen Fußball Liga (DFL) verkündet. Die traditionellen Elemente des Fußballs werden geduldet – solange sie nicht im größeren Maße öffentlich werden. Schließlich könnte die PSL auf große Sponsoren unseriös wirken.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Auf dem Muthi-Markt von Durban hat Dr. Smith dennoch genug Kundschaft, um zu überleben. Er verpackt eine Flasche UmavuNdulula in Zeitungspapier. Könnten damit auch die deutschen Stürmer treffen? Sie spielen schließlich am Sonntag in Durban ihr erstes Vorrundenspiel gegen Australien, und Angreifer wie Miroslav Klose fielen zuletzt nicht gerade durch ihre Treffsicherheit auf. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Smith nickt. „Natürlich, sie wirkt bei jedem.“ Da erscheint es beinahe unerklärlich, dass AmaZulu FC die Saison nur als Neunter der südafrikanischen Liga beendet hat. Trotz UmavuNdulula.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erschienen in Die Welt, 9. Juni 2010</p>]]></content:encoded>
			<category>WM 2010</category>
			
			
			<pubDate>Sat, 12 Jun 2010 22:08:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Der Farblose</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/wm-2010/detailansicht/article/der-farblose-1//cHash/51e130391b/</link>
			<description>Matthew Booth ist der einzige Weiße in Südafrikas Team. Er nimmt Hautfarbe nicht wahr</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es läuft die 74. Minute im Mbombela Stadion von Nelspruit, als die Rufe beginnen. „Buuuuuuth“, schreien die 35.000 Zuschauer. Wie eigentlich immer, wenn sie Matthew Booth sehen. Der fast zwei Meter große Verteidiger, einer der absoluten Publikumslieblinge der südafrikanischen Nationalmannschaft, aber steht an der Außenlinie und verzieht keine Miene. Ein paar Anweisungen von Trainer Carlos Alberto Parreira, dann läuft der einzige weiße Spieler der Mannschaft auf das Feld in seinen Strafraum. Arbeiten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Gegner heißt nur Thailand und Südafrika führt bereits mit 3:0. Aber Booth vollführt sein robustes Handwerk mit einer Ernsthaftigkeit, als habe die Weltmeisterschaft bereits begonnen. Und Booth, inzwischen 33 Jahre alt, will sich empfehlen, nicht wieder eine WM verpassen – vor acht Jahren verletzte er sich kurz vor dem Turnier in Japan und Südkorea schwer am Knie. Das Freundschaftsspiel fand Anfang Mai statt, die drittletzte Partie, bevor Parreira&nbsp; schließlich seine 23 Spieler für das WM-Aufgebot bekannt gab. „Wenn ich bei der WM auf afrikanischer Erde dabei sein darf, kann ich glücklich sterben“, hatte Booth gesagt. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Verteidiger ist schließlich berufen worden, und er fällt auf, auch wenn es wohl nicht für die erste Elf reichen wird. Er ist der einzige weiße Nationalspieler Südafrikas, und einer der beliebtesten noch dazu – ein lebendes Symbol der Versöhnung. Als die internationale Fußballgemeinschaft beim Confed-Cup vor einem Jahr erstmals auf ihn aufmerksam wurde, saß seine Ehefrau Sonia Pule auf der Tribüne: „Jemand neben mir fragte, warum er ausgebuht werde“, sagt sie, „ich musste lachen. Das Gegenteil war der Fall. Die Fans rufen einfach gerne seinen Namen.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Dem Publikumsliebling selbst scheint die Aufmerksamkeit fast unangenehm zu sein. Nach einer Trainingseinheit in der Johannesburger Milpark-Sportanlage erzählt er ein wenig. Es ist ruhig, ein paar Meter weiter stehen die Bäume eines Parks, die WM-Hektik plötzlich weit weg. Booth trägt Badeschlappen und ein wunderbar höfliches Lächeln. „Ich versuche, nicht an die Sache mit der Hautfarbe zu denken“, sagt er, „die Leute nehmen Fußball in Südafrika immer als Sport der Schwarzen wahr. Das stimmt nicht ganz, Fußball wurde wie keine andere Sportart von allen ethnischen Gruppen gespielt.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Das allerdings lange Zeit streng getrennt. Als Booth 1982 in Kapstadt im Amateurverein Fish Hoek AFC mit dem Fußballspielen begann, waren alle seine Mitspieler weiß, so wie ganz Fish Hoek damals. Es gab bis zum 1977 eigene Ligen für Schwarze, Weiße und Gemischtfarbige (Coloureds) – danach bröckelte die Apartheid im Fußball, als einem der ersten gesellschaftlichen Bereiche.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>In Fish Hoek dauerte es bis Ende der achtziger Jahre, bis der Verein eine Politik der offenen Tür einführte. „Damals war ich zehn Jahre alt“, sagt Booth, „ich hatte schon vorher oft mit Schwarzen und Coloureds gespielt. Ich nehme die Hautfarbe gar nicht mehr wahr.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Nur wenige verkörpern die Wunschvorstellung des modernen Südafrikas so wie er. Und die heißt nach 16 Jahren Demokratie schlicht Normalität. Dabei hat Booth die Politik der Rassentrennung selbst noch erlebt, während der achtziger Jahre: Er wuchs in einer behüteten Familie der weißen Mittelschicht auf, spielte zunächst die klassischen weißen Sportarten wie Rugby und Kricket. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Seine Ehefrau Sonia Pule erlebte eine Jugend wie in einer anderen Welt. Sie ist schwarz, stammt aus Soweto. Ihr Vater starb einen Monat nach ihrer Geburt, sie teilte sich drei Zimmer mit 16 Familienangehörigen. Irgendwann begann Sonia, an Schönheitswettbewerben teilzunehmen – und gewann oft. So kam die Familie zu einem Toaster und einem Fernseher.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Vor zehn Jahren traf Booth das angehende Model, das für einen Mitspieler als Babysitter jobbte. „Ich habe realisiert, dass er kein durchschnittlicher, pompöser Fußballspieler ist“, erinnerte sich Sonia einmal im Gespräch mit „Sports Illustrated“, „er ist ziemlich cool.“ Die beiden sind seitdem ein Paar, was trotz der erfreulichen Annäherung zwischen der schwarzen und weißen Bevölkerung noch immer in ländlichen Gegenden Südafrikas eher selten ist.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Es gäbe viele Argumente, die Popularität Booths mit sozialen Gründen zu erklären. Das Paar hat – ohne viel darüber zu reden – den „Booth Education and Sports Trust“ gegründet, mit dem sowohl Fußballplätze als auch Schulmaterial finanziert werden. Auch bei seinem Verein, den Mamelodi Sundowns aus Pretoria ist er für sein soziales Engagement bekannt. Er ist gut mit vielen seiner Mannschaftskameraden befreundet, und geht regelmäßig im Township von Alexandra aus. Kaum ein Südafrikaner ist derzeit präsenter in Werbespots als der Ersatzspieler Booth, der weder trinkt noch raucht. Auch bei der Auslosung der Gruppenspiele im Dezember repräsentierte er vor mehreren Hundert Millionen Fernsehzuschauern „Bafana Bafana“.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Vielleicht ist der Grund aber auch simpler. Mzion Mofokeng hat auf einen Kaffee in den Sebokeng-Township südlich von Johannesburg eingeladen. Der rundliche Mann mit der lustigen Zahnlücke ist der Kultfan der Orlando Pirates, sogar das öffentliche Telefon vor seinem kleinen Haus hat er mit dem Vereinsemblem bepinselt. Booth Verein Mamelodi Sundowns gehört zu den härtesten Konkurrenten. Doch das sind nicht die Tage der Vereinsrivalität. Mofokeng trägt das Trikot der Nationalmannschaft.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Für uns Fans spielen seine Hautfarbe oder politische Botschaften keine große Rolle“, sagt der 60-Jährige. „Gott hat ihm seltene Gaben gegeben. Er ist nicht der beste Freund des Balls, technisch sind andere besser. Aber er hat diesen unglaublichen Ehrgeiz und weiß, wann er schnell passen muss. Und wenn hohe Bälle kommen, machen wir uns wenig Sorgen.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Er habe die Nationalmannschaft zu Länderspielen in Mali und Ghana begleitet, erzählt der Gemüseverkäufer: „Booth war immer derjenige, der sich am meisten Zeit genommen hat. Er hat sich oft für unsere Unterstützung bedankt, wenn sie schlecht gespielt haben. Der Mann zeigt Respekt.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ohnehin ist Booth längst nicht der erste weiße Publikumsliebling in der demokratischen Geschichte des Landes. Neil Tovey war 1996, kurz nach dem Ende der Apartheid, einer der Leistungsträger der südafrikanischen Nationalmannschaft. Das legendäre Team hatte vier weiße Spieler – und gewann den Afrika-Cup. „Besonders ohne Neil hätten wir wenig Chancen gehabt“, sagt Mofokeng. Letztlich zähle der Fußball. Und nicht die Hautfarbe.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ob Booth bei der WM 2010, die heute mit dem Spiel von Südafrika gegen Mexiko beginnt eine ähnlich starke Rolle spielen kann gilt allerdings als eher unwahrscheinlich. Der Familienvater wurde im vergangenen Jahr durch eine Bänderverletzung zurückgeworfen, seine Konkurrenten in der Innenverteidigung spielten seitdem stark. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Ich stelle keine Ansprüche“, sagt Booth, „der Trainer kann auf mich zählen, egal welche Pläne er hat.“ Südafrikas Nationalmannschaft, als Weltranglisten-83. der am niedrigsten platzierte WM-Gastgeber aller Zeiten, zeigte sich nach einer dreimonatigen Vorbereitung bei hohen Siegen gegen Thailand und Guatemala zuletzt stark formverbessert.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Für positive Stimmung wird Booth jedenfalls sorgen. Bei den Mamelodi Sundowns gab es in der vergangenen Saison einen Running Gag. „Wie ist das Wetter da oben“, fragte der Trainer Paul Dolezar, wenn es mal nicht so gut lief. Booth grinste dann: „Es regnet noch nicht. Keine Sorge.“ </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Oder am Dienstag. Südafrikas Nationalmannschaft hatte im Johannesburger Sturrock-Park ein Geheimtraining angesetzt. Keine Fans. Ein paar Fans standen hinter einem Einfahrtstor zum Stadion, von dem aus sie die Spieler sehen konnten. Dann ertönten die Rufe: „Boooooth.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erschienen in Die Welt, 10. Juni 2010</p>]]></content:encoded>
			<category>WM 2010</category>
			
			
			<pubDate>Sat, 12 Jun 2010 22:02:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Rückkehr der Regenbogennation</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/wm-2010/detailansicht/article/rueckkehr-der-regenbogennation//cHash/595d277db6/</link>
			<description>Südafrika feiert mit dem Beginn der Weltmeisterschaft auch die Ideale der Nation</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Dort steht also Desmond Tutu, auf der riesigen Bühne wirkt er noch kleiner als ohnehin schon. Eingekleidet im gelben Trikot, dem Schal und der Mütze der südafrikanischen Nationalmannschaft. Der wohl rührigste aller Kirchenmänner schaut nach links. Dann nach rechts. Als biege gleich die Realität um die Ecke, wie am Ende eines zu schönen Traums.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Über Jahrzehnte hinweg hat Südafrika, und mit dem Land der gesamte Kontinent, die erste WM auf afrikanischer Erde herbeigesehnt. Dieses Turnier, dessen Austragungsort so oft in Frage gestellt wurde. Dessen Vorbereitung von der internationalen Gemeinschaft kritisch verfolgt wurde, als habe man einem Praktikanten eine kaum zu bewältigende Aufgabe anvertraut.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch hier beginnt nun Desmond Tutu auf der Bühne des Orlando Stadions von Soweto zu tanzen. Und realisiert, dass er nicht träumt. „Das ist fantastisch“, ruft der ehemalige Erzbischof von Kapstadt in das Fahnenschwenkende Rund. Und noch einmal, als die Worte sich schließlich ihren Weg bahnen: „Das ist fantastisch.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Es ist Donnerstagabend, nur ein Konzert, die WM wird erst 17 Stunden später eröffnet. Doch die Sprachlosigkeit Tutus in diesem Moment macht wohl auch dem größten Zyniker die historische Kraft des Turniers deutlich. Sein Leben lang, vor und nach dem Ende der Apartheid, hatte er lautstark unermüdlich für Frieden und gegen Rassismus gekämpft. Die Worte gingen ihm dabei nie aus.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Nun wirkt Tutu auf der riesigen Bühne überwältigt – von 40.000 Menschen im Stadion des berühmtesten aller Townships. Noch einmal blickt er ungläubig in die ausgelassene Menge. Dann sagt er große Worte: „Wir wollen der Welt für ihre Hilfe danken, dass wir uns zu einem wunderschönen, wunderschönen Schmetterling entwickelt haben.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Das Land ist im Ausnahmezustand. Seit Wochen schon, der monotone Klang der Vuvuzela-Tröten dröhnt durch die Städte und Dörfer. Das klingt nicht immer schön, bemängeln viele Fans, Spieler und TV-Sender in seltener Eintracht. Aber man hört sie –&nbsp; so laut wie einen startenden Düsenjet, sagen die Wissenschaftler. Die Trompeten basieren auf Hörnern der Kudu-Antilope, mit denen in Südafrikas Dörfern in der Vergangenheit wichtige Versammlungen einberufen worden. Wer in der Gegenwart den ganzen Planeten erreichen möchte, der kann nun einmal nicht flüstern.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Als am Freitag die Eröffnungsfeier der weltgrößten Feier beginnt, zählen die Menschen die letzten Sekunden mit. „10, 9, 8...“ Tutu sitzt in seinem gelben Fußballtrikot auf der Ehrentribüne des gigantischen Soccer City Stadions von Johannesburg. Nein, eigentlich steht er mehr, denn im Sitzen kann man nicht zu der Zeremonie der 1500 Künstler tanzen. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Knapp 85.000 sind im Stadion, viele haben drei Stunden für ein paar Dutzend Kilometer gebraucht. Schon der Alltag in Südafrika ist eine niemals endende Improvisationsmeisterschaft. Nun herrscht für einen Monat lang Ausnahmezustand: Die Straßen Johannesburgs sind verstopft wie selten zuvor.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Kurz vor dem Anpfiff treten Jacob Zuma und Sepp Blatter auf den Rasen, dicht an dicht. Zuma ist das Staatsoberhaupt, er hat vor sechs Jahren – damals noch als Vize-Präsident – Südafrikas Verträge mit dem Fußball-Weltverband Fifa unterschrieben. Und Blatter, der Fifa-Chef, fungiert in diesen Tagen als der Schattenpräsident des Landes.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Er hat mit seinen WM-Auflagen das Schwellenland gehörig aufgemischt. In Kapstadt steht nun ein Stadion, das wegen seines Standorts auf Granitboden unglaubliche 400 Millionen Euro gekostet hat – die Fifa bestand darauf, die Arena vor dem marketingtauglichen Tafelberg zu bauen. Über die Verwendung nach der WM wird noch gerätselt. Wie in so vielen WM-Städten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch dies sind die Wochen der Freude, nicht des Zweifelns – auch wenn sich Momente der Trauer in die Eröffnungsfeier schleichen. Nach langem Zögern hatte Nelson Mandela, inzwischen fast 92 Jahre alt und körperlich geschwächt, zunächst seine Anwesenheit zugesagt. Nur für ein paar Minuten, aber immerhin. Seit Februar war der ehemalige Präsident nicht mehr öffentlich aufgetreten – die Nation hatte sich nach ihm gesehnt. Das Turnier ist untrennbar mit seinem Namen verbunden, unvergessen die Momente, als er bei der Vergabe des Turniers im Mai 2004 den 6,2 Kilogramm schweren WM-Pokal in die Höhe reckte. Eine Nation lächelte mit ihrem wichtigsten Bürger.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch am späten Donnerstagabend war Zenani, die 13-jährige Urenkelin Mandelas, bei einem Autounfall getötet worden. Ausgerechnet nach dem Besuch des Konzerts in Soweto, bei dem Tutu das Glück Südafrikas noch kaum fassen konnte. Kurzerhand sagte der trauernde Staatsmann seine Teilnahme ab.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Als der Präsident Südafrikas, Jacob Zuma, kurz vor dem Anpfiff der Auftaktpartie zwischen Südafrika und Mexiko das Wort an die 85.000 im Stadion richtete, findet er die passenden Worte: „Ich möchte zunächst eine Nachricht unserer Ikone Nelson Mandela überbringen, der heute bei uns sein wollte. Unglücklicherweise hat sich eine Tragödie in seiner Familie ereignet.“ Mandela sei aber eines wichtig: „Mit dem Anpfiff müsst ihr das Spiel genießen.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Zuschauer halten Plakate hoch, die Zumas Partei African National Congress (ANC) verteilt hatte: „Siyabonga Madiba“ – Danke Mandela. Für das Turnier, aber eigentlich natürlich die Voraussetzung dafür: den friedlichen Übergang zur Demokratie in den neunziger Jahren. Für Mandelas historisch beinahe einmalige Politik der Versöhnung. Er wird die Schilder am Fernseher gesehen haben – zusammen mit Hunderten Millionen Fernseh-Zuschauern in aller Welt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Was für ein Rahmen für den Auftritt der eigentlichen Protagonisten des Tages, die Mannschaft Südafrikas. Die Fifa hält laut ihrer Rangliste 82 Teams für besser, wohl noch nie war ein Gastgeber größerer Außenseiter. Tanzend waren die Spieler, die international kaum einer kennt, aus der Kabine gekommen. Als wollten sie den Druck einfach abschütteln.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>60.000 hatten „Bafana Bafana“ (die Jungs) am Mittwoch in Johannesburg zugejubelt, als hätte es den Spott angesichts endlos erscheinender Niederlagenserien in den vergangenen Jahren nie gegeben. 1,6 Millionen Trikots wurden verkauft, Autos und Straßen sind mit Nationalflaggen geschmückt. „Als Optimist rechne ich mit dem Finale“, teilte ihnen dann auch noch Zuma in einer Ansprache mit und schaute Kapitän Aaron Mokoena tief in die Augen: „Meine Finger brennen darauf, ihm den Pokal zu überreichen.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Wie gelähmt beginnen die Hoffnungsträger gegen die um 66 Plätze besser platzierten Mexikaner, und Desmond Tutu wünscht sich auf der Tribüne vermutlich, er befände sich in einem Traum. Doch dann läuft plötzlich ein Mann mit dem melodiösen Namen Siphiwe Tshabalala los. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Er spielt für die Kaizer Chiefs, den Kultverein aus dem nur wenige Kilometer entfernten Soweto. Fast eine Stunde ist vorbei, die Vuvuzelas werden immer lauter, es sind nun die Mexikaner, die erstarren. Den Willen der Nation ins Gesicht geschrieben, ein Schuss aus vollem Lauf, gegen alle eigenen und fremden Zweifel – genau in den oberen Winkel. Und das Land explodiert.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ob in den Townships oder den edlen Vororten der Städte, auf den Straßen oder in den Häusern: was für ein Jubel, gemeinsam mit den rund 250.000 ausländischen WM-Besuchern. In einigen Teilen Sowetos ist der Strom ausgefallen, doch die Kunde des Traumtors verbreitet sich auch hier innerhalb von Sekunden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Dann der Ausgleich, 1:1, die Realität schaut einen Moment in Südafrika vorbei. Als das erste WM-Spiel auf afrikanischem Boden abgepfiffen wird, ist plötzlich ein paar Sekunden Stille auf den Tribünen. Als erwache die Nation aus einem Traum. Doch dann Jubel, alle Hoffnung ist lebendig. Und auf der Tribüne tanzt Desmond Tutu.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erschienen in Welt am Sonntag, 13. Juni 2010</p>]]></content:encoded>
			<category>WM 2010</category>
			
			
			<pubDate>Sat, 12 Jun 2010 21:37:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Der Pastor von der Straße</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/wm-2010/detailansicht/article/der-pastor-von-der-strasse//cHash/e1332418ce/</link>
			<description>Vor der WM hilft ein Geistlicher Prostitutierten. Mit rabiaten Methoden. Und Erfolg</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die SMS kam nachts um zwei Uhr. „Hol mich hier raus“, schrieb Amanda Cockman, an Andre Lombard, den Pastor. Über Tage hatte die Prostitutierte, Straßenname „Sharon“, seine Kirchenleute ignoriert. Immer wieder waren diese an ihre Ecke Loop Street/Koller Street gekommen, hatten versprochen, sie aus dem Zuhälterring zu befreien. Zu gefährlich, antwortete Sharon. Unmöglich.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch als die 23-Jährige nun zum Handy griff, bluteten ihre Arme und Beine noch immer. Hiebe mit der Sjambok-Lederpeitsche.&nbsp; Minutenlang hatte Frank, ihr nigerianischer Zuhälter, auf sie eingeprügelt – nur das Gesicht intakt gelassen, das wichtigste Kapital bei der Suche nach Freiern. „Ich werde sterben, wenn ich hier bleibe“, schoss es Sharon durch den Kopf. „Nachricht senden?“ stand auf dem Display. Es war Amanda, die auf Ja drückte. Nicht Sharon.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die zierliche Frau sitzt auf ihrem Bett im dritten Stock des Universitätskrankenhaus von Bloemfontein – jener unscheinbaren Stadt mit knapp 500.000 Einwohnern im Herzen Südafrikas. Auf ihrer Leinenhose steht: „Ich bin zu attraktiv, um mich mit Mathematik zu beschäftigen.“ Auf der rechten Schulter ein kleines Herz. Erinnerung an Johan, den Taxifahrer. Vater ihres fünfjährigen Sohnes. Eine verflossene Liebe.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Nicht mehr ganz so dürr ist sie wie an jenem Donnerstag vor acht Tagen, als Pastor Lombard mit fünf Freiwilligen der Gemeinde zu der Wohnung der Nigerianer gefahren war. Nur Stunden nach der SMS. Lombard hatte mit einigen Freiwilligen der Kirche an die Tür geklopft und war bis auf ein paar Zentimeter an das Gesicht von Frank, dem Zuhälter gegangen. Er werde Amanda nun mitnehmen, ihre Sachen auch. Ein paar wilde Drohungen, Beschimpfungen. Doch zehn Minuten später saß die Prostituierte in dem Auto des Kirchenmanns.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Elf Jahre diente Lombard für eine Spezialeinheit der südafrikanischen Armee. Im Jahr 2000 aber entschied sich der 38-Jährige für eine kirchliche Laufbahn bei der Christian Revival Church (CRC). Kampfsport betreibt er weiterhin.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Es sind Menschen wie Lombard, Vertreter der Zivilgesellschaft, die gegen das Problem des Menschenhandels und der Prostitution in Südafrika vorgehen. In dem Land, das ab Freitag Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaft ist, schätzen Hilfsorganisationen die Zahl der Frauen, die zu Prostitution gezwungen werden, auf 38.000. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Lombard hält diese Zahl für zu hoch gegriffen. Das gleiche gilt für die Prognose der zentralen südafrikanischen Drogenbehörde CDA, die 40.000 zusätzliche Prostituierte für das Turnier erwartet. „Das würde pro Gastgeberstadt zusätzliche 4500 Prostituierte bedeuten, dafür gibt es den Markt gar nicht“, sagt er, „in Bloemfontein gibt es derzeit nicht mehr als 200 Prostituierte, so viel mehr werden es bei der WM nicht sein. Ich glaube auch nicht, dass sich viele Fans nachts in die Innenstädte der Städte trauen werden.“ </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Vorbereitet aber sei seine Gemeinde. Normalerweise zieht ein Team von 60 Kirchenmitgliedern im Kampf gegen die Prostitution durch die Straßen, diskutiert mit Freiern, konfrontiert Zuhälter. Während der WM werden es 120 sein. Angesichts der hohen HIV-Infektionsrate im südlichen Afrika stellt dieses Thema, das vor jedem großen Sportereignis diskutiert wird, eine besonders große Sorge dar. Hotels schulen ihre Angestellte, wie sie Prostituierte erkennen können, um ihnen den Zugang zum Gebäude versperren.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Kaum eine Stadt ist dabei von dem Thema Zwangsprostitution so sehr betroffen wie Bloemfontein. Der Ort direkt an der N1 – der wichtigsten Autobahn zwischen den beiden Wirtschaftsmetropolen Kapstadt und Johannesburg. Ein Zwischenstopp für unzählige Fernfahrer, auch aus den Nachbarländern.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Die Mädchen werden aus Lesotho verschleppt, Überbringer bekommen rund 1000 Rand (110 Euro)“, erklärt Lombard. Auch Mädchen aus verarmten Gegenden Südafrikas seien betroffen, und nicht zuletzt die über eine Million Aids-Waisen des Landes. Die Täter glaubt Lombard identifiziert zu haben: „Zu 90 Prozent kontrollieren nigerianische Syndikate die Szene in Bloemfontein.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Pastor sitzt auf einem Stuhl neben Cockmans Bett. Der Fernseher läuft rauschend im Hintergrund, Bilder einer billigen Seifenoper.&nbsp; Eine Woche Entzug liegt hinter der Frau – Tage, in denen sie oft am ganzen Leib zitterte. Die Mutter ist im Gefängnis, der Vater tot. Zuhälter hatten ihre Abhängigkeit von „Rocks“ kontinuierlich gefördert, wie die Droge Crack auf der Straße genannt wird –&nbsp; Kokainsalz gemischt mit Natron. Eine Zigarette vor der Schicht um 18 Uhr, eine zwölf Stunden später, wenn sie das Geld der Freier einkassieren. Kaum eine Droge hat größeres Suchtpotenzial. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Ich habe erst vor einem Jahr angefangen anzuschaffen“, erzählt Amanda. „Ich wohnte mit&nbsp;einer Freundin in der Johannesburger Innenstadt. Nachts klingelte ein Mann: Er heiße Justin und habe einen Job für ein Mädchen, aber sie müsse Rocks rauchen. Ich habe mich gewundert. Dann aber dachte ich, er braucht einen Drogenkurier und bin mitgegangen.“ Justin übergab das Mädchen an Frank. Zwei Tage später ging sie zum ersten Mal in Pretoria anschaffen, dann brachten die Nigerianer sie nach Bloemfontein.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Amanda hat den Entzug durchgehalten. Lombard glaubt, dass sie zu den 30 Prozent der drogenabhängigen Prostituierten zählen könnte, die er tatsächlich auf Dauer von der Straße fernhalten kann – rund 90 Mädchen hat er seit dem Jahr 2007 befreit. Knapp 30 führen inzwischen ein bürgerliches Leben, sie haben das vierwöchige, von der CRC finanzierte Entzugsprogramm durchgehalten. Eine arbeitet als Friseurin nur ein paar Straßen weiter. Eine andere hat etwas außerhalb der Stadt eine Boutique eröffnet.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Es sind entführte, drogenabhängige Mädchen wie Amanda, auf die er sich konzentriert. Frauen, deren Haut mit Batterie-Säure oder Bügeleisen verbrannt wird, wenn sie zu flüchten versuchen. Die neben den „Rocks“&nbsp; lediglich 20 Rand (2,20 Euro) pro Tag für Essen bekommen, der Rest wird einkassiert. Als Amanda noch Sharon war, brachte sie oft über 1000 Rand mit – 110 Euro. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch das Rotlicht-Milieu von Bloemfontein verliert seine Anziehungskraft. Es ist kurz vor 21 Uhr, Lombard fährt mit seinem silbernen Audi die berüchtigsten Gegenden der Stadt ab. Lombard biegt links ab und zeigt auf ein rotes Backsteinhaus, die Fenster sind mit Holzbrettern verschlossen. „Das haben wir vor zwei Jahren zugemacht“, sagt er, „es war einer der Hauptunterschlüpfe der Syndikate.“ </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Boemfontein ist die Hauptstadt der Free-State-Provinz, und seitdem Lombard einmal deren Gouverneur die Problemviertel bei Nacht gezeigt hat, funktioniert die Zusammenarbeit mit den Behörden. „Er war geschockt. Unsere Leute geben die Hinweise an das Einwanderungs- und Gesundheitsministerium, daraufhin reagiert die Polizei.“ Drei Häuser seien so geschlossen worden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Gegenüber Politikern setzt er sich auch für die Legalisierung der Prostitution ein – ein emotional debattiertes Thema in Südafrika. Seit drei Jahren wird es diskutiert, der damalige Polizeichef hatte den Vorschlag unterbreitet, um während der WM mehr Sicherheitspersonal für andere Gesetzesübertretungen zu haben. Immer wieder gibt es vereinzelt Unterstützer, aber eine wirkliche Initiative kam nicht in Gang.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Ich würde eine Entkriminalisierung unterstützen“, sagt Lombard, „man könnte das Thema dann besser kontrollieren, die Mädchen medizinisch besser versorgen.“ Bei Vergewaltigungen oder Mädchen würden viele Mädchen derzeit schon allein deshalb nicht zur Polizei, weil sie die eigene Verhaftung befürchten. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Mit seinen Ansichten eckt der Christ mitunter an. Es gebe Geistliche, die nach Computer riechen, fährt Lombard fort. Er selbst rieche nach Straße. Über seinem Kirchenhemd trägt er ein schickes Sakko, die kurzen Haare sind schick gestylt. „Wenn ich mir als Pastor nur die Probleme anhöre und nichts dagegen tue, dann habe ich meinen Beruf verfehlt“, sagt er.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Und seine Gemeinde unterstütze ihn zu hundert Prozent – die meisten zumindest. Walter gehört dazu, keine Frage, ein wortkarger Chinese, der einst zum Studium nach Bloemfontein kam. Der professionelle Kung-Fu-Kämpfer sitzt auf dem Beifahrersitz, begleitet den Geistlichen bei fast allen Einsätzen. Der 31-Jährige trägt oft eine kugelsichere Weste. „Diese Typen sind gefährlich“, sagt er. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Lombard aber verzichtet darauf – trotz mehrerer Morddrohungen gegen den Vater von zwei Töchtern. „Die Nigerianer respektieren ihn, obwohl er ihr Geschäft zerstört“, sagt Walter. „Einmal wurde einer angeschossen. Er hat bei Pastor Andre angerufen und um Hilfe gebettelt.“ </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Dann macht der Geistliche eine Vollbremsung. Auf der Gegenfahrbahn hat ein Mann eine Frau aus einem Opel Corsa gelassen. Lombard und Walter stürzen hinaus, treten an das Fenster. „Warum hast Du die Frau hier rausgelassen?“ fragt Lombard. Drei Minuten redet er auf den Mann ein, beinahe Stirn an Stirn. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Als der Pastor wieder in das Auto steigt, grinst er: „Der Typ hat am ganzen Leib gezittert.“ Ob ihn das wirklich abhalten werde?&nbsp; Lombard schüttelt den Kopf. „So schnell geht das nicht. Aber wir werden ihn nun jedes Mal ansprechen, wenn wir ihn sehen.“ Der Mann werde sich zumindest gut überlegen, sie noch einmal hierher zu bringen.&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erschienen in Die Welt, 7. Juni 2010</p>]]></content:encoded>
			<category>WM 2010</category>
			
			
			<pubDate>Fri, 11 Jun 2010 22:14:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>WM der Vorbereitung</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/wm-2010/detailansicht/article/wm-der-vorbereitung//cHash/983b96879b/</link>
			<description>Südafrika-Touristen erwartet eine gewaltige Party - mit Spielregeln</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Sie übernachteten zu Hunderten auf Campingstühlen. In Decken gehüllt, mitten in Soweto. Am 15. April gingen die verbliebenen 500.000 der 2,8 Millionen Tickets für die WM in den freien Verkauf. Und vor der Maponya Einkaufszentrum hatten sich die Fans schon am Vorabend eingefunden, um noch an Karten zu kommen. Aufgeregt redeten sie die Nacht hindurch, fachsimpelten über den nächsten Weltmeister – und stürmten um neun Uhr schließlich das Büro. Die Nachfrage steigt endlich: Innerhalb von sechs Tagen wurden landesweit 180.000 Tickets verkauft.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Keine Frage, es liegt etwas in der Luft. Immer mehr Vuvuzela-Tröten ertönen in diesen Tagen in den Straßen Johannesburgs, immer mehr Südafrikaner tragen das Trikot der Nationalmannschaft – auch an fußballfreien Tagen. „Halala“ steht auf einem überdimensionalen Plakat geschrieben, das an einem der Wolkenkratzer befestigt ist. Übersetzt bedeutet das so viel wie Freude, eine große Party – und die Welt ist willkommen. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Rund 250.000 ausländische Fans werden erwartet, und sie werden ein großartiges Turnier erleben. Dafür, zumindest so viel steht fest, hat Südafrika in der Vorbereitung alles erdenklich Mögliche unternommen. Ein wenig müssen nun noch die Touristen selbst mithelfen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>DIE SICHERHEIT</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Südafrikaner warten etwas schmunzelnd auf die 10.000 deutschen WM-Touristen. Als eine Sportzeitschrift einen privaten Sicherheitsdienst mit der Empfehlung zitierte, die deutschen Spieler sollten außerhalb ihres Quartiers schusssichere Westen tragen, spottete eine südafrikanische Zeitung: „Schießt nicht auf uns, wir sind Deutsche“. Wer sich die blanken Zahlen anschaut, der erkennt schnell, dass Südafrika ein attraktives – und damit nicht übertrieben gefährliches – Reiseziel ist. Im Jahr 1994 bereisten lediglich 600.000 Ausländer die Nation – im vergangenen Jahr waren es 9,93 Millionen. 15 Mal so viele, darunter 250.000 Deutsche. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Kaum ein Land kann trotz aller Negativschlagzeilen zum Thema Kriminalität eine solche Entwicklung aufweisen. „Dieser Erfolg ist kein Zufall“, sagt Tourismus-Minister Marthinus van Schalkwyk, „er ist das Resultat ständiger Bemühungen, das Land global zu vermarkten und den Menschen Einblicke zu geben. Auch unser Status als WM-Gastgeber hat ohne Zweifel zum Wachstum beigetragen.“ </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch genau an diesem Punkt, der Sicherheit, haben die Strategen der Branche in den vergangenen Jahren angesetzt. „Wir haben früh erkannt, dass sie die Grundvoraussetzung für Tourismus ist und die entsprechenden Weichen gestellt“, sagt Annelie Barkema, die Leiterin der Tourism Safety Initiative (TSI). Schließlich hängt eine Million Arbeitsplätze und acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts von ausländischen Besuchern ab. Die Basis sind Touristen, die das Land mit guten Erfahrungen wieder verlassen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Es waren kleine Maßnahmen, die große Veränderungen gebracht haben. Am Flughafen mussten einreisende Touristen bis vor einigen Jahren die Menge ihres Bargelds angeben. Wer größere Beträge mit sich trug, wurde zuweilen noch am gleichen Tag Opfer eines Überfalls – die Zusammenarbeit der Verbrecher mit Flughafenpersonal war offensichtlich. Kurzerhand wurde die Bestimmung geändert, die Auskunft ist nicht mehr vorgeschrieben.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Auch das Sicherheitspersonal der Hotels und Gasthäuser wird inzwischen mit den Personalien in einer Datenbank erfasst. Angesichts von 180.000 Polizisten und der erhöhten Wachsamkeit der Behörden sind die Arbeitsbedingungen für Verbrecher während der WM ohnehin erschwert. „Unsere Sicherheitspläne sind felsenfest“, sagt Polizeiminister Nathi Mthethwa, „gegen jede Art von unangemessenem Verhalten wird kompromisslos vorgegangen.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Natürlich sind die Kriminalitätsraten höher als in Deutschland, auch die Gewaltbereitschaft. Doch Verbrechen finden vor allem in Gegenden statt, wo sich Touristen klassischerweise nicht aufhalten. Für Fans, die ihre Reise genau planen, ist das Risiko überschaubar. Zu den wichtigsten Hinweisen gehört es, keine Wertgegenstände offen zu präsentieren, sich im Vorfeld im Hotel über mögliche Ausflugsziele informieren und nachts nicht zu Fuß zu gehen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>DER TRANSPORT</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Südafrika hat die dreifache Größe Deutschlands. Bis auf den Großraum Johannesburg, von wo aus immerhin sechs der zehn WM-Stadien mit dem Auto erreichbar sind, bleibt zu Spielen wie in Kapstadt oder Durban nur die Reise mit dem Flugzeug. Doch auch die Entfernungen innerhalb der Ausrichter-Städte können gewaltig sein. Da das öffentliche Verkehrssystem nicht empfehlenswert ist, beiben als Transportmittel nur Mietwagen. Diese sind in gutem Zustand, doch auf den Straßen ist Vorsicht geboten, schließlich sterben dort jährlich 15.000 Menschen – in Deutschland ist es nicht einmal ein Drittel. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Wer es sich leisten kann und viel an unbekannten Orten fahren muss, sollte erwägen, mit dem Mietwagen die Dienste eines erfahrenen Fahrers in Anspruch zu nehmen“, empfiehlt der deutsche Botschaftsrat in Pretoria, Martin Schäfer, „auch die Nutzung eines GPS-Navigationssystems ist sehr zu empfehlen.“ Wichtig sei es, klare Ziele ins Auge zu fassen, sich auf den Linksverkehr einzustellen und die Autofenster geschlossen zu halten. Aber vor allem, vielleicht der wichtigste Rat: „Es ist ganz falsch, sich die Freude an diesem wunderschönen Land verderben zu lassen.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>DIE UNTERKUNFT<br /> </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Aish“, würde der Südafrikaner zu seinem liebsten Klagelaut ansetzen, „aish, die Wirtschaftskrise.“ Ursprünglich hatte das Lokale Organisationskomitee mit 450.000 Besuchern gerechnet, nun wird es voraussichtlich nur gut die Hälfte. Die positive Seite der Angelegenheit: Die Fifa-Tochterfirma „Match“, die Hunderttausende Hotelzimmer vermieten wollte, musste Kontingente zurückgeben. So sind die zunächst oft utopischen Preise gesunken.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Wer geschickt plant, wird seine Reise sogar jetzt noch antreten können – für rund 20 Spiele sind noch Karten erhältlich. Und auch die großen Reiseveranstalter, die Komplettpakete mit Flug, Unterkunft und Tickets verkaufen, werden ihre Preise senken müssen. Ein Drei-Tages-Blitztrip zum letzten deutschen Vorrundenspiel gegen Ghana nach Johannesburg kostet bei einem der großen deutschen Reiseveranstalter derzeit allerdings noch stolze 2290 Euro. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>DAS WETTER</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Aish!“ Und noch einmal: „Aish.“ Kalt kann es werden im Juni und im Juli. Und regnerisch. Und sonnig. Das Turnier findet mitten im südafrikanischen Winter statt – doch das Land ist mit seinen verschiedenen Klimazonen zu groß,&nbsp; um diese Jahreszeit einheitlich zu beschreiben. Rund um Johannesburg, dem Herzen der WM, scheint die Sonne ungestört. In Kapstadt kann es dagegen Ewigkeiten regnen. Tagsüber erreichen die Temperaturen oft 20 Grad. Aber nachts –&nbsp; „aish, aber nachts“. Da kühlt es besonders in den Stadien rund um Johannesburg ab, im Extremfall bis auf den Gefrierpunkt. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Man beachte: Während des Einpackens einer Wollmütze mag man sich in Deutschland noch ein wenig schämen. Doch beim Finale am 11. Juli wird man sie unter Umständen nicht einmal mehr gegen den WM-Pokal eintauschen wollen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erschienen in WELT am SONNTAG, 16. Mai 2010</p>
<p>&nbsp;</p>]]></content:encoded>
			<category>WM 2010</category>
			
			
			<pubDate>Sun, 23 May 2010 03:23:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Bafanas Gewichtsprobleme</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/wm-2010/detailansicht/article/bafanas-gewichtsprobleme//cHash/56f27baa83/</link>
			<description>Die Vorbereitung von Südafrikas Team ist eine Komödie - die Nation steht trotzdem hinter ihnen</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am Ende musste die Mutter einschreiten, um den Starstürmer zu beruhigen. Vor zehn Tagen reiste Benni McCarthy vom englischen Erstligisten West Ham United nach Johannesburg, wo sich die südafrikanische Nationalmannschaft&nbsp; auf die WM 2010 vorbereitet.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>McCarthy ist der Rekordtorschütze von „Bafana Bafana“ (32 Treffer), er gewann mit Porto vor sechs Jahren die Champions League. Er galt einmal vor längerer Zeit als extrem antrittsstark, aber verkörpert mit seinen 32 Jahren noch immer die große Hoffnung der angriffsschwachen Südafrikaner. Der WM-Gastgeber will mit allen Mitteln verhindern, als erster WM-Gastgeber schon in der Vorrunde auszuscheiden. Tore von McCarthy sind dafür fest eingeplant.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch dann erdreistete sich der Fitnesstrainer von Bafana Bafana, das Offensichtliche zu kritisieren. „McCarthy’s Körperfettanteil ist zu hoch“, sagte Francisco Gonzalez der Internetseite Globoesporte.com, „seine Fitness ist schlechter als die des restlichen Teams.“ Man müsse die Frage stellen, ob sich das bis zur WM beheben lasse. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Südafrikanische Zeitungen griffen die Aussagen genüsslich auf und garnierten sie mit einem – allerdings veralteten – Foto von McCarthy, dessen Bauch das Trikot so sehr ausspannte, als habe er sich in die Kinderabteilung verirrt. Kurzerhand boykottierte McCarthy eine Pressekonferenz. Der launige Stürmer war so aufgebracht, dass Teambetreuer Dennis Mumble verzweifelt dessen Mutter anrief. Mama beruhigte den sensiblen Sohnemann schließlich: Nein, du bist nicht zu dick.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Seifenoper um Bafana Bafana aber ist um eine Episode erweitert. Selten geriet die Vorbereitung eines WM-Gastgebers so sehr zur Komödie wie beim Weltranglisten-90. Südafrika, wo die Nationaltrainer im Jahrestakt gefeuert werden. Cartoonisten haben ihren Spaß, Südafrikas Stimmungsbarometer Jonathan Shapiro („Zapiro“) port portraitierte den Verband einst als ein durchgeknalltes Zirkus-Ensemble.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Seit einem halben Jahr haben die Funktionäre des amüsanten Fußball-Verbands Safa erneut den brasilianischen Weltmeistertrainer von 1994, Carlos Alberto Parreira, mit der WM-Mission betraut. Er in einem kleinen Raum der Johannesburger Wits-Universität. An der Wand hängen verblasste Schwarz-Weiß-Fotos von Studententeams. In dem ursprünglich vorgesehenen Trainingsquartier für die WM waren die Renovierungsarbeiten verschlafen worden. So stand das Team kurz vor Ende der Fifa-Frist im März plötzlich ohne Camp da, bis die Universität einsprang.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Gerade hat Parreira seine Spieler eine Stunde lang sprinten lassen. „Wir haben nur eine Chance, wenn wir mindestens genauso fit wie die anderen Teams sind“, sagt der 67-Jährige. „Ob wir dann bereit sind, kann nur das Turnier zeigen.“ Südafrika trifft in der Vorrundengruppe A auf die stärker einzuschätzenden Teams aus Mexiko, Uruguay und Frankreich. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Einfacher als bei seinem ersten Gastspiel macht ihm der Verband die Vorbereitung nicht. Parreira hatte das Team schon 2007 für ein Jahr betreut, bis er wegen einer Krankheit seiner Frau das Amt abgab. Für die Vorbereitungsspiele standen mit Ausnahme von Dänemark (5. Juni) fast ausschließlich zweitklassige Gegner wie Namibia, Swasiland oder Simbabwe bereit. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Als ich im November zurückgekommen bin, hatten alle großen Teams bereits Spiele vereinbart“, sagt Parreira, „ich habe es bei Brasilien, Deutschland und England versucht. Aber ihr Terminkalender war voll.“ Mit 1,4 Millionen Euro versuchte der Verband, im letzten Moment die Argentinier zu einem Spiel am 31. Mai zu ködern. Ohne Erfolg. Bafana Bafana gilt sportlich als wenig attraktiver Testspielgegner.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Südafrikaner aber stehen dennoch geschlossen hinter dem Team. Unerschütterlich optimistisch haben Hunderttausende die Nationalflagge an ihren Autos befestigt, auch die Außenspiegel sind mit Stoffüberzügen in den Landesfahnen versehen. Seit Monaten tragen viele Arbeitnehmer jeden Freitag das Trikot der Nationalmannschaft. 1,6 Millionen der gelben Adidas-Leibchen werden voraussichtlich bis zur WM verkauft worden sein.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Immerhin: Sportlich gibt es Hoffnung. Südafrika beendete die Liga schon Anfang März, um der Mannschaft nach dem Vorbild von Südkorea, dem Sensationshalbfinalisten der WM 2002, dreieinhalb Monate Vorbereitungszeit zu geben. Je einen Monat verbrachte das Team bei kostspieligen Trainingslagern in Brasilien und Deutschland. Vor einer Woche zeigte es sich beim 4:0-Sieg gegen Thailand stark verbessert. „Das ist die beste Gruppe, mit der ich je zusammengearbeitet habe“, lobte Parreira den Zusammenhalt der Mannschaft, „diese Jungs sind motiviert und fest dazu entschlossen, gut abzuschneiden.“ </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Sollte das nicht reichen, sind da ja auch noch die Vuvuzelas, die Plastiktröten im Stadion. „Man muss zum Mitspieler hingehen und ihm ins Ohr schreien, so laut ist es“, sagt Nationalspieler Matthew Booth. „Unsere Gegner erwartet ein Kulturschock.“ Und Starstürmer Benni McCarthy. Moralisch unterstützt von Mama.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erschienen in WELT am SONNTAG, 23. Mai 2010</p>]]></content:encoded>
			<category>WM 2010</category>
			
			
			<pubDate>Sun, 23 May 2010 03:18:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Vorkämpfer der Mittelschicht</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/wm-2010/detailansicht/article/vorkaempfer-der-schwarzen-mittelschicht//cHash/0fa22fbb30/</link>
			<description>Joseph Tshawe hat mit seiner „Homeless Building Company“ das Stadion Pretorias renoviert</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Weihnachtstage des Jahres 2008 verbrachte Joseph Tshawe im Stadion von Pretoria. Die Frau und die Kinder hatten einen Baum geschmückt, über Hundert Christbaumkugeln, doch der 56-Jährige verließ das Haus um sechs Uhr morgens und kam erst kurz vor Mitternacht nach Hause. „Die Zeit war knapp“, sagt der Bauunternehmer, „und ich durfte nicht versagen. Dafür stand zu viel auf dem Spiel.“ Der Fünf-Millionen-Euro-Auftrag. Eines der Stadien der WM 2010 in Südafrika. Und sein Stolz.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Denn kaum ein dunkelhäutiger Unternehmer hat am Bau der Arenen einen so großen Anteil wie Tshawe, der Firmenchef aus Johannesburg. Sechs neue Stadien verlangte das Turnier, dazu vier renovierte. Ein Auftragsvolumen von umgerechnet drei Milliarden Euro. Immerhin rund die Hälfte der Baumaßnahmen wurde von Unternehmen übernommen, die unter das „Black Economic Empowerment Program“ (BEE) fallen. Mit ihm versucht Südafrikas Regierung seit 1996, die Ungleichheiten der Apartheid ausgleichen will. Die Firmen werden mit einem Punktesystem entsprechend des Anteils schwarzer Mitarbeiter und Eigentümer eingestuft – und bei der Vergabe von öffentlichen Bauprojekten und Lizenzen bevorzugt behandelt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch Tshawes „Homeless Building Construction“ (Obdachlosen-Baufirma) war letztlich das einzige BEE-Unternehmen, das hauptverantwortlich mit der Renovierung eines Stadions beauftragt wurde. Ausgerechnet das Loftus Versfeld in Pretoria, einer überwiegend von Weißen besuchten Heimspielstädte des populären Rugby-Teams Blue Bulls.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Ich bin auf Widerstand gestoßen“, sagt Tshawe. Der kräftige Mann sitzt im edlen schwarzen Anzug an seinem Schreibtisch. Sein Büro hat er in einem zur Firmenzentrale umgebauten Wohnhaus östlich von Johannesburg. Ein ordentlich aufgeräumter Arbeitsplatz, Schränke, kaum persönliche Gegenstände. Nichts, was ihn ablenken könnte. Die Besitzer des Stadions standen hinter ihm, auch die Mehrheit der Weißen, betont Tshawe: „Aber es gab auch viele, bei denen wir nicht willkommen waren. Wenn wir an Spieltagen die Arbeit unterbrochen haben, wurden wir oft als ‚Kaffir’ beleidigt.“ Das Schimpfwort für Schwarze aus der Apartheidzeit haben einige Unverbesserliche noch immer nicht vergessen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Nur wenige haben die Debatten um das BEE-Programm in den vergangenen Jahren intensiver zu spüren bekommen als Tshawe. Es ist umstritten, schließlich entscheidet in Südafrika bei gleicher (und manchmal auch geringerer) Qualifikation in vielen Fällen die Hautfarbe über die Vergabe von Arbeitsplätzen oder Aufträgen. Und nicht selten tauchen Namen nur deshalb im Briefkopf und auf der Gehaltsliste auf, um Quoten zu erfüllen. BEE nutze nur einer kleinen Minderheit, argumentieren die Kritiker. Es schade dem freien Markt und der Wettbewerbsfähigkeit der stärksten Wirtschaftsmacht Afrikas.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Tshawe schüttelt den Kopf. „Schwarze und weiße Unternehmen sind noch lange nicht auf Augenhöhe. Die Wirtschaft wird nach wie vor von den Weißen dominiert“, sagt er, „wir brauchen das Programm noch mindestens zehn Jahre lang.“ Ihm gehe es vor allem um den Aufbau von Arbeitsplätzen – mit ein wenig staatlicher Hilfe bei der Eigeninitiative, die wegen mangelnder Beratungsangebote für Existenzgründer oft im frühen Stadium erstickt werde.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Bauunternehmer hat es weit gebracht, gegen alle Widerstände. In den achtziger Jahren, kurz vor Ende der Apartheid, arbeitete er für eine Kunststofffirma. Dabei war der charismatische Mann seinen Vorgesetzten zunächst ein Dorn im Auge, weil er angesichts der lausigen Löhne Streiks organisierte. „Aber irgendwann haben sie meine Führungsstärke erkannt“, erzählt Tshawe. In der von Weißen geführten Firma wurden auch schwarze Mitarbeiter bis zu einem gewissen Hierarchiegrad gefördert, sein Chef schickte ihn zu Praktika nach Italien und England – und überzeugte den unter armen Verhältnissen aufgewachsenen Tshawe schließlich, die Abendschule zu besuchen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Unternehmer steht auf, bespricht sich kurz mit der Sekretärin und steigt in seinen silbernen Mercedes. Er fährt in den sechs Kilometer entfernten Enduwini-Abschnitt von Tembisa, dem Township, in dem er damals gewohnt hat. „Mein Weg war lang“, sagt er, während er durch die überfüllten Straßen steuert. Die Kanalisation funktioniert nur schlecht, und der Regen hat die Probleme Tembisas in Gestank verwandelt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>An einem unscheinbaren Haus hält er an, bis vor einigen Jahren lebten die Tshawes hier auf 40 Quadratmetern. Ohne Strom. „Ich habe von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends gearbeitet“, erinnert sich der Unternehmer an seine ersten Berufsjahre, „dann habe ich einen Mini-Bus genommen und bin zur Schule gefahren. Bis um elf habe ich gelernt, um fünf Uhr bin ich wieder aufgestanden.“ Er ist ein Workaholic. Bekennend.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Und ein gläubiger Christ. Nach einem schweren Autounfall im Jahr 1993 lag er wochenlang im Koma. Die Ärzte hatten ihn abgeschrieben, erzählt Tshawe, „aber ich habe mich trotzdem erholt. Gott hat mir ein zweites Leben gegeben. Das wollte ich auch für andere nutzen.“ Er startete sein eigenes Unternehmen, baute mit ehemaligen Befreiungskämpfern 1996 ein erstes Haus. Ohne Kapital, 45 Quadratmeter groß. „Am Ende blieb kaum Gewinn“, sagt Tshawe, „aber wir haben uns selbst finanziert, das ist die Hauptsache. Und einige, die damals geholfen haben, arbeiten noch immer für mich.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Langsam wuchs das Unternehmen. Nun war es Tshawe, der bis zu 18 Jugendlichen gleichzeitig die Abendschule bezahlte. Er stieg in die neue schwarze Mittelschicht auf, ein so genannter „Black Diamond“ (schwarzer Diamant). So bezeichnet das Unilever-Instituts der Universität Kapstadt die drei Millionen dunkelhäutigen Aufsteiger Südafrikas, von denen 61 Prozent über 700 Euro im Monat verdienen. „Ihre Zahl wächst jährlich um 15 Prozent“, sagt Unilever-Direktor John Simpson, „sie haben seit etwa einem Jahr eine größere Kaufkraft als die Weißen.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Diese These wird von vielen Forschern angezweifelt. Doch Tshawe ist der beste Beweis, dass der soziale Aufstieg möglich ist. Schritt für Schritt entwickelte er seine Firma, schulte die oft schlecht ausgebildeten Mitarbeiter in Eigenregie, bis seine „Homeless Building Construction“-Firma für den Großauftrag des Loftus-Stadions in Frage kam. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Als er schließlich den Zuschlag bekam, hätten sich fast die Banken quer gestellt – es fehlte an der Anfangsfinanzierung für das ungewöhnlich große Projekt. „In einer Bank haben sie mich gefragt, ob ich Marihuana geraucht habe, als ich einen Kredit von fünf Millionen Rand (rund 500.000 Euro) angefragt habe.“ </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Tshawe aber gab nicht auf und fand schließlich mit dem staatlichen Bauförderer IDC einen Geldgeber. Am nächsten Tag begann er mit 280 Arbeitern das Projekt. Das Stadion musste den Fifa-Regeln entsprechend umgestaltet werden: Von der Dachkonstruktion über den Medizinbereich bis zur Beleuchtung der Innengänge. Nach zwölf Monaten waren die Arbeiten abgeschlossen, Fifa-Generalsekretär Jerome Valcke gratulierte Tshawe vor Journalisten strahlend zu seiner guten Arbeit.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch der hat nun auf der Rückfahrt Sorgenfalten auf der Stirn. Kurz nach Abschluss der Bauarbeiten traf die Wirtschaftskrise Südafrikas Bausektor hart, inzwischen kann er nur noch 130 Mitarbeiter beschäftigen. „Viele WM-Projekte wurden von großen Firmen übernommen, für kleinere Bauten, die nichts mit der WM zu tun haben, ist derzeit kein Geld da“, sagt er. Dann ein Lächeln. Es werde schon wieder aufwärts gehen. So war es doch bislang immer.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Nur genießen wird er auch künftige Erfolge nicht können –&nbsp; der Ehrgeiz treibt ihn immer weiter. Längst leben die Tshawes in einem dreistöckigen Haus im edlen Countryview-Vorort. Doch noch immer sieht die Familie den Vater nur selten. Nach Feierabend lernt er, wie immer eigentlich. Nicht einmal für einen WM-Besuch in „seinem“ Stadion wird die Zeit vermutlich reichen. Er macht gerade per Fernstudium an der Universität von Johannesburg seinen Hochschulabschluss für Unternehmensführung. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Und danach soll noch die Doktorarbeit folgen. Wieder schmunzelt Tshawe: „Bevor ich sterbe, möchte ich einmal mit Doktor Tshawe angesprochen werden.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erschienen in Welt am Sonntag, 23.5.2010</p>]]></content:encoded>
			<category>WM 2010</category>
			
			
			<pubDate>Sun, 23 May 2010 03:14:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Der weiße Riese Sowetos</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/politik/detailansicht/article/der-weisse-riese-sowetos//cHash/23bebf4727/</link>
			<description>Mitten in Südafrikas größtem Township wohnt der Deutsche Tim Fuhrmann</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Als Tim Fuhrmann die kleine Steinhütte in Soweto betritt, bekommt Oma Nelly den Schock ihres Lebens. Für umgerechnet 40 Euro&nbsp; im Monat vermietet sie den „Backroom“ in ihrem Häuschen. Knappe zehn Quadratmeter, kein fließendes Wasser. Man wäscht sich in einem Plastikbottich, das Klo ist in einem Holzverschlag auf dem Hof. Ein Freund brauche dringend Unterkunft, hatte die Enkelin gesagt. Warum nicht, dachte Nelly.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Dass die Hautfarbe ihres Freundes weiß ist, hatte die Enkelin vorsichtshalber verschwiegen. Doch da steht der Deutsche nun in der engen Küche mit allem, was er besitzt: Eine Tasche – seine zwei anderen sind ihm am Vormittag in Johannesburgs Innenstadt gestohlen worden. Knapp zwei Meter groß, über 100 Kilo schwer, ein ehemaliges Mitglied der Judo-Nationalmannschaft. Der Student hat im 20 Kilometer entfernten Johannesburg gerade ein Praktikum bei einer Hilfsorganisation für Straßenkinder beendet – und will bleiben in diesem wunderbaren Land, alles zurücklassen. Auch wenn er pleite ist. Ein Bär von meinem Mann und doch etwas schüchtern, schließlich spricht Nelly nur Zulu und Afrikaans. Er versteht kein Wort.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Wie kann ich ihn hier wohnen lassen“, fragt Nelly die Enkelin. „Zu uns verirren sich nie Weiße. Es ist doch viel zu gefährlich für ihn.“ Phiri ist eine der ältesten Gegenden der South Western Townships (Soweto), und einst eine Hochburg des Apartheidwiderstands. 20 Jahre sind seitdem vergangen, doch der Gedanke sitzt bei ihr fest. Zwei Stunden diskutieren sie in dem kleinen Wohnzimmer. Erst als die Sonne längst untergegangen ist, stimmt sie zu.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Fünf Jahre sind seit dieser ersten Begegnung vergangen. Fuhrmann sitzt nun wieder auf dem Sofa, das immer ein wenig knarrt, wenn man sich bewegt, weil über dem gelb-roten Stoff ein Schutzbezug aus Kunststoff gespannt ist. „Eine schöne Zeit war es hier“, sagt der 28-Jährige. Nach eineinhalb Jahren zog er aus, aber nur einige Kilometer weiter. Fuhrmann ist noch immer einer von höchstens ein paar Dutzend Weißen, die in Soweto leben. Eine Alternative suchte er nie: „Die Entscheidung, hierher zu ziehen, gehört zu den besten meines Lebens.“ </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Nelly nickt. Die Augen der 68-Jährigen sind etwas getrübt. Nicht aber die Lebensfreude. „Tim ist ein guter Mensch. Wie oft haben wir hier gesessen. Er mochte es immer gerne, wenn ich Pap (Maismischgericht, d.Red.) mit Spinat gekocht habe.“ Sie lächelt. „Aber er hat auch für mich gekocht, sehr gut sogar. Pastete mit Reis, dazu Gemüse.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Eineinhalb Jahre wohnte Fuhrmann bei Nelly. Und er lernte das neue Soweto kennen, einen Alltag zwischen Armut und Aufbruch. Jeder zweite der rund zwei Millionen Menschen ist arbeitslos, in Johannesburg ist es nur jeder fünfte. Auf den Mauern sind Anzeigen wie: „Legale Abtreibung – sicher und professionell gepinselt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Auf der anderen Seite aber wird derzeit kräftig in die Infrastruktur investiert. In den vergangenen Jahren entstanden ein neues Schnellbussystem und mehrere moderne Einkaufcenter. Bei der WM 2010 finden Eröffnungs- und Endspiel in einem an Soweto grenzenden Stadion statt. Der größte Township des Landes ist in Bewegung. Und diejenigen, die mit gesicherten Jobs zu Geld gekommen sind, ziehen nicht immer weg. „Der Gemeinschaftssinn ist großartig“, sagt Fuhrmann, „und das macht das Leben auch weniger gefährlich als in vielen Teilen Johannesburg. Und ruhiger. Mir ist in Soweto noch nie etwas passiert.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Dabei hat er sich durchkämpfen müssen, wie eigentlich alle hier. „Ich bin jeden Morgen um fünf aufgestanden, und habe nach Arbeit gesucht.“ Es gab da so manche Woche, da ernährte er sich ausschließlich von einem Laib Weißbrot – „bis ich an fünf Rand (50 Euro-Cent, d.Red.) gekommen bin. Dafür habe ich etwas Erdnussbutter gekauft“. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Dann kam dieser Job für 150 Euro im Monat als Türsteher in einer ziemlich verruchten Bar in Jeppestown, immer wieder gab es Messerstechereien. Täglich fuhr er mit den überfüllten „Black Taxis“, den berüchtigten Mini-Bussen, die fast ausschließlich von der schwarzen Bevölkerung genutzt werden und deren System verwirrend ist. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Es gibt unzählige Zeichen. Wenn der Fahrer zum Beispiel den Zeigefinger nach oben hält, fährt er in die Stadt. Zeigefinger nach unten bedeutet, dass er die Hauptverkehrsstraße entlang fährt.“ Jeder Tag eine Herausforderung. Natürlich hätte Fuhrmann zurück in sein Heimatdorf zwischen Hamburg und Segeberg ziehen oder weiter Afrikawissenschaften in Berlin studieren können. Doch das kam nicht in Frage: „Ich bin keiner der aufgibt.“ </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Außerdem hätte er dann seine große Liebe gefährdet. Denn irgendwann heiratete Fuhrmann die Enkelin von Nelly. Längst war er in der Familie akzeptiert, doch an die Rituale der Zulus musste er sich natürlich halten. „Zunächst schreibt man einen Brief an die Eltern der Braut, in dem man die Absicht mitteilt“, erzählt er. Danach müssen eigentlich zwei Verwandte die Lobola verhandeln, eine Art „Brautablöse“, mit der vor allem die Hochzeit finanziert wird. „Meine Familie war 10.000 Kilometer weg. Ich habe zwei Freunde geschickt. Und sie haben das toll gemacht.“ Über 400 Menschen waren bei der Hochzeit – darunter die Familie aus Deutschland.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Irgendwann wendete sich das Schicksal endgültig zum Guten.&nbsp; Unternehmen in Deutschland bekamen mit, dass in Südafrika ein zäher, und durchaus eloquenter Typ lebt. Über Empfehlungen landete er schließlich bei der Deutschen Industrie- und Handelskammer in Johannesburg – Anfragen von Firmen, die sich im Umfeld der WM 2010 engagieren wollten, landeten fortan auf seinem Schreibtisch. „Ich habe mir auf diese Weise in kurzer Zeit ein großes Netzwerk innerhalb der Fußballfamilie aufbauen können, sowohl unter Sponsoren, als auch bei den Verbänden. Das wird mir auch nach der WM helfen.“ Gerade hat er einen neuen Job begonnen, er koordiniert jetzt die Sicherheitsmaßnahmen für das International Football Village, ein Fanpark in der Nähe des Johannesburger Flughafens OR Tambo.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Das Gehalt würde wohl längst einen Umzug in einen der vornehmeren Vororte Johannesburgs ermöglichen. Doch Rosebank oder Sandton sind nicht seine Welt, „alle meine Freunde leben in Soweto“. Sein Traum ist ein kleines Stück Land, vielleicht zwei Hektar groß – aber das darf dann auch nicht weit weg von dem Township liegen. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Es ist Sonntagnachmittag, und Fuhrmann schaut bei „Big G’s World“ vorbei, einer der unzähligen Shebeens, wie die oft illegalen Kneipen in Soweto genannt werden. Blechdach, weiße Plastikstühle, zwei Fernseher, der Ausschank ist vergittert. Fuhrmann grüßt einige der Gäste mit einer Umarmung. In einer Stunde überträgt Shebeen-Boss „Big G“ das Spiel der Kaizer Chiefs, neben den Orlando Pirates der populärste Verein Sowetos. Fuhrmann aber ist kein großer Fußball-Fan, er will nur eine Partie Billard spielen, ein Glas Bier trinken – während seine Frau in der Kirche ist. „Sie haben sich daran gewöhnt, dass die Kirche nicht mein Fall ist.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Draußen, vor der Tür, steht Cyril Mazibuko und raucht eine Zigarette. „Tim ist der einzige Weiße in Soweto, den ich kenne“, sagt er. „Ich habe mal gehört, dass ein paar Kilometer weiter ein Portugiese wohnt. Aber den habe ich nie gesehen.“ Mazibuko kommt ein wenig ins Plaudern. In Südafrika sei das Zusammenleben von Schwarzen und Weißen gar nicht mehr das große Thema, auch wenn Julius Malema, der Chef der ANC-Jugendorganisation diesen Eindruck erwecke. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Die Regierung muss endlich etwas gegen die Arbeitslosigkeit unternehmen“, sagt er, „wir alle haben die Schule zu Ende gemacht, aber keiner von uns hat Arbeit. Ohne Universität hast du in diesem Land keine Chance. Aber wer kann sich das leisten?“ Er spricht das große Drama Südafrikas an, schließlich ist die junge Generation von dem Mangel an formellen Jobs am stärksten betroffen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Auf der Rückfahrt wird Fuhrmann nachdenklich. In Deutschland hatte er sich sehr in der linken Studentenbewegung engagiert, war einer der Mitorganisatoren der Studentenproteste. Natürlich vertritt er viele Positionen weiterhin – doch aus der Entfernung relativiert sich so manches Problem in Deutschland. „Ich bin inzwischen schon der Meinung, dass arbeitslose Menschen etwas zum Gemeinwohl beitragen sollten, wenn sie eine Zeit lang keinen Job finden und körperlich dazu in der Lage sind.“ </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Er kann sich noch gut erinnern, als er seine Frau das erste Mal mit nach Deutschland nahm. Bei einem Besuch in Hamburg zeigte er ihr einige Sozialbauwohnungen. Fuhrmann schmunzelt. „Sie kann bis heute nicht glauben, dass das welche waren.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erschienen in Welt am Sonntag, 23.5.2010</p>]]></content:encoded>
			<category>Politik</category>
			
			
			<pubDate>Sun, 23 May 2010 03:06:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Leben und Sterben unter Tage</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/land-und-leute/detailansicht/article/leben-und-sterben-unter-tage//cHash/2677a5efa6/</link>
			<description>In Südafrika nimmt die Zahl der illegalen Goldgräber zu – die Industrie wehrt sich rabiat</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Noch eine Zigarette. Norbert Mawines Hände zittern, als er zum Feuerzeug greift. Die Sonne senkt sich langsam und überlässt den gewaltigen Graben neben Minenschaft zwei wieder dem Schatten. Seit neun Stunden nun wartet Mawine. Wartet, dass die Polizisten den Körper seines toten Cousins Clever Smango aus dem Loch im Boden ziehen, in das er vor ein paar Tagen noch selber gestiegen ist.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Er muss seinen Cousin identifizieren, hat man ihm gesagt, darf den staubigen Ort nicht verlassen. Die Mine am Rande der Kleinstadt Benoni, fünfzig Kilometer östlich von Johannesburg, war für ihn lange wie ein Versprechen. Und sie hat dem 27-Jährigen letztlich alle Hoffnung genommen. Ein Zug an der Zigarette, die Schiebermütze hat er tief ins Gesicht gezogen. „Gott hat mich vor dem Tod gerettet. Aber ich weiß nicht, was jetzt werden soll.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Vor acht Tagen waren vier schwer bewaffnete Sicherheitsleute der südafrikanischen Aurora-Goldmine in die endlosen Gänge hinabgestiegen. Schaft zwei wurde von der Firma wegen Wartungsarbeiten seit einigen Monaten nicht betrieben, umso mehr illegale Minenarbeiter wie Mawine hatten sich hier breit gemacht. Zama-Zamas heißen sie in Südafrika, übersetzt heißt das so viel wie: Die ihr Glück suchen. Schüsse fielen, die Polizei hat inzwischen den Tod von vier Menschen bestätigt. Mawine sagt, es seien „deutlich mehr“ gewesen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Seit dem brutalen Vorgehen der Mine ist das Problem der Zama-Zamas so präsent im öffentlichen Bewusstsein wie zuletzt im Mai 2009. Damals kamen mindestens 82 bei einem Feuer in der nicht weit entfernten Harmony Goldmine ums Leben. Immer mehr Menschen, so berichten die Eigentümer, versuchen ihr Glück illegal unter Tage. Angetrieben werden sie von dem Personalabbau in Südafrikas Minenwesen und dem Goldpreis: Er ist nach der Weltwirtschaftskrise auf ein Rekordhoch geschnellt, wie so oft, wenn es schlecht um die Weltkonjunktur bestellt ist. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Und je höher der Goldpreis steigt, umso aktiver werden die Zama-Zamas. Genaue Zahlen existieren über sie nicht. Aber es sind Tausende, darüber ist sich die Branche einig. Oft stammen sie aus den Nachbarländern, doch auch viele arbeitslose Südafrikaner steigen in die endlosen Gänge die den Großraum Johannesburg prägen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Kammer der Minenindustrie schätzt, dass illegale Bergbauer in Südafrika jährlich Rohstoffe im Wert von umgerechnet rund 500 Millionen Euro stehlen. „Genau lässt sich das nicht feststellen“, sagt der Jurist der Kammer, Anton van Achterbergh, „sie deklarieren die Ware nirgends, so lässt sich schlecht sagen, wie viel sie nehmen.“ </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Lange hielten sich die großen Firmen aus Sorge um ihren seriösen Ruf auch mit Informationen zu dem Thema zurück. Zuletzt teilte immerhin die Harmony-Mine mit, dass das illegal geschürfte Gold in etwa zehn Prozent seines legal abgebauten Goldes entspreche. Das deckt sich auch mit Recherchen des südafrikanischen Instituts für Sicherheitsstudien (ISS).</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Minen betonen, dass ihnen durch Ausfallzeiten, Sicherheitsosten sowie beschädigtes oder gestohlenes Material ein noch höherer Schaden entsteht. Ohnehin müssen viele Goldminen Südafrikas ums Überleben kämpfen, das verbliebene Gold ist immer schwerer zu erreichen. Im Jahr 1970 brachten sie noch 1000 Tonnen pro Jahr hervor, zuletzt waren es nur noch 272 Tonnen. Der über Jahrzehnte hinweg wichtigste Goldförderer der Welt hat seinen Spitzenplatz an China verloren.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Dementsprechend vehement verteidigt die kriselnde Aurora-Mine, die mindestens Hundert seiner Arbeiter seit Monaten nicht bezahlt hat, ihr Vorgehen. „Sie (die Zama-Zamas) haben Generatoren und Maschinen da unten und sie haben auf unsere Wachmänner geschossen und sie gekidnappt“, sagt Khulubuse Zuma. Der Sohn von Präsident Jacob Zuma ist an der Mine ebenso beteiligt wie der Enkel von Staatsikone Nelson Mandela, Zondwa Mandela. Die prominenten Namen verschaffen dem Fall zusätzliche Aufmerksamkeit.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„In der ersten Woche wurde auf einen eingestochen, ein anderer wurde zusammengeschlagen“, fährt Khulubuse Zuma fort. Ihm sei gesagt worden, dass sich noch 200 bis 300 weitere illegale Minenarbeiter in den viele Kilometer langen und kaum zu kontrollierenden Schächten befinden würden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Norbert Mawine stellt die Situation anders dar. Keiner der Getöteten sei bewaffnet gewesen, behauptet er, es sei ohne Vorwarnung geschossen worden. Um ihn herum fahren Dutzende Polizeiwagen vor und wieder weg. Mawine steht am Rande des Trubels, starrt auf das Loch, durch das sie gleich seinen Cousin bergen werden. Keine Bewegung in seinem Gesicht. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Natürlich hat er gewusst, dass es gefährlich ist. Nicht genutzte Minengänge sind oft lebensbedrohlich, in Form von losbrechenden Steinen, Feuer oder Kohlenmonoxidvergiftungen. Aber welche Wahl sei ihm denn geblieben, fragt Mawine. Vor sechs Jahren kam er mit Frau und Kind aus dem Nachbarland Simbabwe in einen Township von Benoni. In der gebeutelten Heimat hatte er als Straßenbauer keine Arbeit mehr gefunden. Oft sei er fortan nach Johannesburg gefahren, habe auf Baustellen geholfen –&nbsp; nur um letztlich um den Lohn geprellt zu werden. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Irgendwann begann Mawine, an der Oberfläche der Goldmine Kohle aufzusammeln. 80 Rand (8,60 Euro) brachte das an guten Tagen. Es reichte zum Überleben, aber er weiß selbst nicht mehr wie. „Mein Cousin hat mir gesagt, dass in der Mine ein deutlich besseres Geschäft wartet.“ </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Mawines schweigt. Dann zittert seine Stimme. Er sei nur zweimal mit unten gewesen, habe erst seit einem Tagen Werkzeug gehabt, behauptet der Goldgräber – eventuell auch, um sich vor Gericht eine bessere Position zu verschaffen. Am 24. August beginnt sein Prozess, bis dahin ist er auf freiem Fuß – seine Frau hat die Kaution von 1500 Rand (160 Euro) irgendwie aufgebracht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Zumindest die Mechanismen des Geschäfts aber sind ihm bestens bekannt. Viele würden über Wochen in den Gängen leben, erzählt er. Mit dem geschürften Material fahren sie dann nach Johannesburg, wo Händler die Ware abnehme warten. Ein Zama-Zama verdiene auf diese Weise umgerechnet rund 40 Euro am Tag.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>So mancher Drahtzieher dagegen ist mit dem Geschäft zum Millionär geworden. Nach Angaben der Kammer kontrollieren internationale Syndikate das kriminelle Geschäft. Oft schleusen sie ihre Leute selbst in voll funktionsfähige und hoch profitable Minen ein. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die offiziellen Arbeiter werden dafür bestochen oder eingeschüchtert. Oft ist das aber nicht einmal das nötig: Sie schmuggeln Waren unter Tage und verkaufen sie an die Zama-Zamas weiter: zum fünf- bis zehnfachen Preis. Der Kurs für eine Packung Zigaretten&nbsp; steht bei zehn Euro, ein Laib Brot kostet 20 Euro. Bei Monatslöhnen von wenigen Hundert Euro stieß die Mafia mit diesem Modell lange auf wenig Widerstand. Der Diebstahl von Gold und Diamanten ist so alt wie die Industrie selbst, erste Aufzeichnungen darüber stammen aus dem 19. Jahrhundert.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Nun aber geht die Industrie das Problem offensiv wie nie an. In vielen Gängen wurden Kameras installiert und Fingerabdruckscanner an Zugangspunkten installiert. Oft dürfen Arbeiter keine Lebensmittel mehr mit unter Tage nehmen, um den illegalen Handel zu unterbinden. Die Harmony-Mine hat zuletzt mehrfach Razzien mit einem 180 Personen umfassenden Sicherheitsteam gemacht – allein 910 illegale Minenarbeiter seien dabei verhaftet worden, nach dem Brand im vergangenen Jahr wurden 77 offenbar korrupte Minenarbeiter verhaftet. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Auch die Sondereinheit „Hawks“ der südafrikanischen Polizei hat den Kampf gegen den illegalen Bergbau zu einer ihrer Kernaufgaben erklärt – dem Fiskus gehen schließlich Steuereinnahmen in Millionenhöhe verloren. Zudem kommt es immer wieder zu Streitigkeiten, ob der Staat oder die Mine für stillgelegte Bergwerkabschnitte verantwortlich sind.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Aurora-Mine beschäftigt an jedem Schaft zwei Sicherheitsleute am Tag, vier in der Nacht, sie hat versäumt, seine nicht genutzten Schächte und Stollen zu verschließen. Mawine sagt, sein Cousin und er hätten nie Probleme gehabt, in dem riesigen Labyrinth ihrem Handwerk nachzugehen. „Der Teil der Mine war doch stillgelegt, ich glaube nicht, dass wir großen Schaden angerichtet haben.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Aufklärung der Vorfälle von Schacht zwei in Benoni wird wohl noch Wochen dauern. Mawine bleibt bei seiner Darstellung, dass keiner seiner Freunde bewaffnet gewesen sei. Ob er sich denn vorstellen könne, irgendwann wieder unter Tage zu steigen? Er schweigt, redet lieber von seiner Frau, die ihn für Tod gehalten hatte, von seiner Tochter, für die er weiterhin kämpfen müsse. Und von seinem Cousin: „Ich muss das Geld auftreiben, um ihn nach Simbabwe überführen zu können. Irgendwie. Das bin ich ihm schuldig.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erschienen in Die Welt, 10. August 2010</p>]]></content:encoded>
			<category>Land und Leute</category>
			<category>Top News</category>
			
			
			<pubDate>Wed, 19 May 2010 19:18:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Gefallene Könige</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/wm-2010/detailansicht/article/gefallene-koenige//cHash/f33b2725df/</link>
			<description>Die 16 bekanntesten Fans Südafrikas reisen zusammen - und glauben weiter an ihre Chance</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Pretoria – Als sich der Bus in den Stau der Enttäuschten einreiht, der traurige Pop von Brenda Fassie aus den Boxen dröhnt, spricht plötzlich Thomas „Rasta“ Mokhari. „Es sind noch 90 Minuten“, sagt der bekannteste Fan der Moroka Swallows könnte als Bob-Marley-Double durchgehen, „wir haben noch immer eine Chance.“ Ganz hinten links sitzt „Master“, der im Stadion immer einen riesigen mexikanischen Sombrero trägt. Beim Santos FC in Kapstadt erkennen ihn alle an dem Hut. „Yebo“, sagt der 35-Jährige, richtig so. Aber man hört ihn kaum.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Wer mag jetzt noch das Erreichen des Achtelfinales glauben. Gerade hat Südafrika sein zweites Vorrundenspiel gegen Uruguay verloren. 0:3 in Pretoria, ein Tor von Alvaro Pereira, zwei von Diego Forlan, der mit über 20 Millionen Euro beinahe einen höheren Marktwert als alle südafrikanische Spieler von Südafrika zusammen. Dazu die Rote Karte für einen der besten, den Torhüter Itumeleng Khune. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Für Südafrika, den Weltranglisten-83., verbuchten die Statistiker am Ende dagegen keinen einzigen gefährlicheb Torschuss. Nur ein Punkt, 1:4 Tore nach zwei Spielen. Das erste Vorrunden-Aus eines Gastgebers in der WM-Geschichte scheint festzustehen. „Eish, Bafana“, titelte gestern der „Citizen“, und selten war jenes Wort, mit dem sich die Südafrikaner von kolossal Schiefgelaufenem befreien, angemessener: Eish.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Aber aufgeben? Ausgeschlossen. Nicht die Könige der Fans. Ein Bier-Sponsor finanziert ihnen in zwei kleinen Bussen die Fahrt zu den Spielen von „Bafana Bafana“, 16 Fans, von jedem Erstligisten der berühmteste. Zu den Ligaspielen kommen im Schnitt nur 10.000 Zuschauer, doch die Fanszene mit ihren bunten Makarapa-Hüten, überdimensionalen Brillen und wilden Kostümen ist so kreativ wie kaum eine andere. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Gemeinsam waren sie angetreten, um Südafrika in die zweite Runde zu treiben. Vorne, auf dem Beifahrersitz, sitzt Mzion Mofokeng. Natürlich sitzt er vorne, der rundliche Kultfan der Orlando Pirates gehört zu den bekanntesten Gesichtern. Wenn er in seinem weiten Fangewand erhaben durch die Straßen schreitet, die Leute um gemeinsame Fotos bitten, dann wirkt es schlicht königlich. Der Gemüseverkäufer hat etwas von Napoleon.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Im anderen Bus sitzt Wilson Mtshebe von den Kaizer Chiefs, man erkennt ihn an einem weißen Ziegenbärtchen. Wie Mofokeng ist er jenseits der 50, beide können sich noch gut an die achtziger Jahre erinnern, als es wilde Schlägereien zwischen den Fanlagern der Soweto-Rivalen gab. „Es ist ruhiger geworden“, sagt Mofokeng, „und in diesen Wochen haben wir alle das gleiche Ziel: Bafana muss in die zweite Runde.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Das scheint nun fern wie nie. Trainer Carlos Alberto Parreira schob die Schuld auf denSchiedsrichter. Dabei waren es seine ballverliebten Spieler, die vor 42.658 Entsetzten keinen einzigen gefährlichen Schuss zustande gebracht hatten. In den Sekunden nach den drei Toren Uruguays blieben die Vuvuzela-Tröten stumm. Sogar die der Superfans, wie sie sich nennen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Sie standen ganz vorne, wie immer, Dutzende Fotografen richteten ihre Objektive auf sie. Jubelbilder vor dem Anpfiff, fassungslose Gesichter danach. Tausende Zuschauer gingen schon vor dem Abpfiff – Forlan hatte mit einem abgefälschten Distanzschuss (24.) und per Elfmeter (80.) getroffen. Die Superfans aber blieben, ertrugen auch noch das 0:3 durch Alvaro Pereira in der Nachspielzeit.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erst dann verließen sie die Tribüne, friedlich, beinahe gefasst, wie die meisten. Bafana Bafana ist Gastgeber, aber nun einmal doch einer der größten Außenseiter des Turniers. Unten sprach Mittelfeldstar Steven Pienaar Durchhalteparolen in die Kameras: „Wir haben nun ein Finale gegen Frankreich, die Spieler wollen diese Sache wieder gerade rücken“, sagte er.&nbsp; Den vorherrschenden Eindruck der Mannschaft aber brachte Verteidiger Bongani Khumalo auf den Punkt: „Es war schrecklich, wirklich schlimm.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Hoffnungsvoll hatte die Nation darauf spekuliert, dass der 16. Juni, der Tag der Jugend, künftig nicht mehr allein mit dem Beginn des Soweto-Aufstands vor 34 Jahren verbunden würde. Von der aktuellen Mannschaft war damals noch niemand geboren, als mindestens 200 Menschen im Protest gegen die Politik der Apartheid starben. So erlebt Südafrika einen ersten Moment der Trauer, verstärkt durch die gestrige Beerdigung von Nelson Mandelas Urenkelin Zenani, die einen Tag vor der WM bei einem Autounfall getötet wurde. Der 91-Jährige, der deshalb der Eröffnungsfeier ferngeblieben war, nahm am Morgen an der Trauerzeremonie teil.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ein Funken Hoffnung aber bleibt der Nation. Am Dienstag werden die Superfans wieder in ihren Bus steigen, 400 Kilometer sind es nach Bloemfontein zum Spiel gegen die Franzosen. Mofokeng, der Pirates-Mann auf dem Beifahrersitz, dreht sich um: „Glaub’ mir“, sagt er heiser, „es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erschienen am 18. Juni 2010</p>]]></content:encoded>
			<category>WM 2010</category>
			
			
			<pubDate>Mon, 17 May 2010 21:03:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Schüsse in den eigenen Fuß</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/politik/detailansicht/article/schuesse-in-den-eigenen-fuss//cHash/54e3e9e109/</link>
			<description>Simbabwe hat den Tiefpunkt überwunden - doch es steht sich beim Aufschwung selbst im Weg</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Verkäuferin legt einen Schokoriegel auf die Ladentheke. Kommentarlos, wie man nun einmal Wechselgeld herausgibt. 8,60 US-Dollar kostet der Einkauf in dem Supermarkt in Harare, ein wenig Wasser, Müsliriegel, Shampoo und etwas Obst liegen im Einkaufskorb – all das ist in Simbabwe wieder problemlos erhältlich. Nur Münzen der neuen Währung gibt es keine in dem südafrikanischen Land, auch nicht an dieser Kasse. Und so kauft man entweder auf den US-Dollar genau ein. Oder bekommt das Wechselgeld kurzerhand in Form von klebrigen Süßigkeiten ausgezahlt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Vor einem Jahr hat Simbabwe den US-Dollar als offizielles Zahlungsmittel eingeführt. Kurz zuvor hatte sich der autokratisch regierende Robert Mugabe mit seinem Widersacher Morgan Tsvangirai vom Movement of Democratic Change (MDC) auf eine Koalition geeinigt. Ihm blieb kein anderer Ausweg. Das inflationsgeplagte Land war erstarrt, seit der ewige Präsident sich nach der verlorenen Wahl im März 2008 mit Hilfe des Militärs an die Macht geklammert hatte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Preise verdoppelten sich täglich, in die Supermärkte kamen die Menschen mit Schubkarren voller 100-Billionen-Noten des Simbabwe-Dollars. Und selbst das war meist zwecklos – die Regale waren leer, Simbabwe für Unternehmen wertlos. Wozu noch Waren liefern? Das Volk hungerte, die verbliebenen Unternehmen zerfielen und die Cholera griff immer gieriger nach Leben. Der letzte Ausweg der Fremdwährung, die Reformen des MDC – sie haben zumindest als Erste-Hilfe-Maßnahmen gegriffen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Und so finanziert Mugabe die Veranstaltungen zum heutigen 30. Jahrestag der Unabhängigkeit ausgerechnet mit der wichtigsten Währung des von ihm so gehassten „Westens“: dem US-Dollar. Seit Anfang des Monats feiert das Land, heute Abend soll in Harare unter anderem Bob Marley’s Witwe Rita auftreten – in jener Stadt, wo das Paar im April 1980 ein legendäres Konzert gegeben hatte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Dabei gibt es wenig Grund zu feiern. „In einigen Regionen ist die Nahrungsmittelsituation so schlimm wie nie zuvor“, sagt Emma Knudishora, die Generalsekretärin des Roten Kreuzes in Simbabwe. 2,17 Millionen der rund zwölf Millionen Simbabwer sind auf Lebensmittelhilfe angewiesen – und das in der einstigen „Brotkammer Afrikas“, die lange auch die Nachbarstaaten im großen Stil belieferte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Bisher spüren nur wenige Menschen den von der neuen Regierung propagierten Aufschwung. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat für Simbabwes Jahr der Unabhängigkeit 1980 ein Bruttoinlandprodukt von 3,7 Milliarden US-Dollar für das Land berechnet. 30 Jahre später ist das Land wieder auf dem gleichen Niveau (2009: 3,6 Milliarden) angelangt – nachdem es 1998 schon einmal knapp den doppelten Wert erreicht hatte (6,8 Milliarden).</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ein paar weitere Zahlen, die das Drama des Landes verdeutlichen: Nur jeder 20. ist im formalen Sektor angestellt. Jeder zweite hat keinen Zugang zu sauberem Wasser und sanitären Anlagen. Die Lebenserwartung für Männer liegt bei 43 Jahren, für Frauen bei 44. Im vergangen Jahrzehnt flüchteten drei Millionen Menschen aus Simbabwe – mehr als aus Mosambik während des 15 Jahre andauernden Bürgerkrieges.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Simbabwe ist noch weit von einer wirtschaftlichen Erholung entfernt“, sagt der politische Analyst Sylvester Maphosa vom südafrikanischen Idasa-Institut. Der Niedergang Simbabwes habe bereits Ende der achtziger Jahre begonnen – nachdem das Land zunächst durchschnittliche Wachstumsraten von acht Prozent und jährlich 40.000 neue Arbeitsplätze vermelden konnte: „Damals entstanden die ersten Pläne für die Landreform“, sagt Maphosa. „Es gab die ersten Angriffe auf weiße Farmer und das politische Klima wurde unternehmensfeindlich. Viele Zulieferfirmen der Farmen schlossen. Hinzu kamen Morde an Mitgliedern der ethnischen Minderheit der Matabele. Auch das verschreckte neue Investoren.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Immer pompöser wurde in diesen Jahren der Lebensstil von Robert Mugabe. Er hatte als frisch vereidigtes Staatsoberhaupt noch demonstrativ einen Kleinwagen gefahren. Bis tief in die Nacht brannte das Licht in seinem Büro, wo der einstige Befreiungskämpfer daran arbeitete, die Lebensverhältnisse seiner Landsleute zu verbessern.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch je teurere Autos Mugabe fuhr, umso aggressiver kritisierte er die hohen sozialen Unterschiede. 1991 verdiente die Hälfte der Bevölkerung ganze 15 Prozent des Einkommens. Gleichzeitig verfügten die reichsten drei Prozent, zumeist Weiße, über ein Drittel des Einkommens – eine Ungerechtigkeit, die auf viele entkolonialisierte Staaten zutrifft.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Längst hatten sich politische Oppositionsparteien wie der MDC etabliert. Und entsprechend wuchs der politische Druck auf Mugabe. Ende der neunziger Jahren – als ihm eine Wahlniederlage drohte – verschuldete er Simbabwe mit gigantischen Rentenzahlungen an Kriegsveterane. Er trieb den Verteidigungshaushalt mit einem Einsatz im Kongo in die Höhe und setzte schließlich die Landreform durch.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>4000 der damals 4500 weißen Farmer verloren ihren Besitz. Die Grundstücke wurden in den meisten Fällen ohne Entschädigung nach Gutsherrenart an schwarze Landsleute verteilt, meist an landwirtschaftliche Laien. Heute liegen die meisten Felder brach. Selbst die wenigen qualifizierten neuen Farmer können wegen Sanktionen der internationalen Landwirtschaftsindustrie gegen die illegal besetzten Höfe kaum agieren. Millionen wurden arbeitslos.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Inflation galoppierte, bis sie nicht mehr messbar war – weiter angetrieben durch internationale Sanktionen gegen einige Banken des Landes. Ein Land ohne Benzin und Lebensmittel, die Lehrer gingen nicht mehr zur Arbeit – ein derartiger Niedergang ist abgesehen von Kriegsgebieten historisch einmalig. Für Analyst Maphoso sind die Schuldigen klar: „Die wirtschaftliche Entwicklung ist abhängig von der Regierungsleistung.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Immerhin: Seit der Bildung der neuen Regierung vor gut einem Jahr und der Einführung des US-Dollars hat sich die Lage zumindest in einigen Bereichen etwas entspannt. In der Schule von Mabvuku zum Beispiel, einem Vorort von Harare. Sie war vor zwei Jahren über Monate geschlossen geblieben. Nun bekommen die Lehrer 120 US-Dollar pro Monat ausgezahlt, der Unterricht läuft wieder. An einer Wand des Klassenraumes steht wieder der Stundenplan für die „4c“ und die „5c“: Englisch, Mathematik und Shona, die Muttersprache. „Es hat sich viel getan“, erzählt der Lehrer, „wir haben etwas Alltag zurück.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Besonders Finanzminister Tendai Biti (MDC) bemühte sich, eine unternehmensfreundliche Politik voranzutreiben. Potenzial hat Simbabwe, keine Frage. Das Land ist reich an Ressourcen und gut ausgebildeten Arbeitnehmern. Tatsächlich besuchten seitdem zahlreiche Wirtschaftsdelegationen das Land, auch aus Deutschland. Einige internationale Konzerne investieren wieder oder zeigen zumindest verstärkt Präsenz. Volkswagen etwa sponserte im Februar zusammen mit der Hilfsorganisation „terre des hommes“ ein Jugendfußballturnier in Harare – ein Jahr zuvor wäre das noch undenkbar gewesen. Die Kaufkraft der Menschen hat sich mit Hilfe der fremden Währung vervielfacht, da sie ihre Ersparnisse wieder einsetzen können. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Auf der anderen Seite steht Mugabes unverändert brutale Politik. Er war nach den verlorenen Wahlen vor zwei Jahren nur mit Hilfe des Militärs im Amt geblieben, und will auch beim nächsten Urnengang (voraussichtlich 2012, er wäre dann 88 Jahre alt) wieder antreten. Stur verweigert die Symbolfigur des Abschwungs die Umsetzung des Regierungsbündnisses – und liefert einen der Gründe, warum die EU und die USA die Sanktionen gegen das Land aufrecht erhalten. „Das ist nicht der richtige Zeitpunkt“, betonte zuletzt der deutsche Außenminister Guido Westerwelle (FDP) bei einem Besuch in Pretoria. Die Demokratisierung des Landes sei nicht ausreichend fortgeschritten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Wie fragil der Aufschwung weiterhin ist, weiß auch der Hamburger Unternehmer Wilfried Pabst. Zuletzt wollte der 66-Jährige sein Geschäft in Simbabwe ausweiten, er betreibt bereits ein Tierreservat. Der Kauf einer Tantalerz-Mine im Südosten des Landes stand kurz vor dem Abschluss – verbunden mit Investitionen im Bereich von mehreren Millionen Euro und 500 neuen Arbeitsplätzen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Nun liegt das Projekt auf Eis. Seit dem 1. März gilt ein Indigenisierungs-Gesetz, nach dem alle Unternehmen in Simbabwe im Wert von mehr als 500.000 US-Dollar zu 51 Prozent in den Besitz von „Einheimischen“ überschrieben werden müssen. Immerhin, sagt Pabst, sehe es nicht danach aus, „als werde die Sache so heiß gegessen, wie sie gekocht wurde“.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Tatsächlich streitet die Koalition wegen dieses Gesetzes. Ein Sprecher von Ministerpräsident Tsvangirai teilte am Dienstag nach einer Kabinettssitzung mit, das Gesetz sei „null und nichtig“. Man habe sich darauf verständigt, die „Angelegenheit intensiver zu beraten“.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Mugabe persönlich dementierte das am Mittwoch: Diese Darstellung sei „komplett falsch“, Simbabwe halte an dem Gesetz fest. Wie dem auch sei – Pabst hält den Schaden schon jetzt für beträchtlich: „Das Gesetz hat massenhaft Investoren abgehalten. Viele fürchten, dass es vielleicht nicht jetzt, dafür aber in Zukunft in Kraft tritt. Die Intention ist eindeutig.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der selbstbewusst auftretende Unternehmer schreckt nicht davor zurück, seine Meinung auch in den höchsten Kreisen kundzutun. Vor ein paar Tagen saß er mit einigen Ministern zusammen, die das Schicksal Simbabwes allzu oft mit einer Verschwörung des Westens erklären. Seine Botschaft an die Politiker: „Wer sich andauernd selbst in den Fuß schießt, der sollte nicht immer nach dem Arzt rufen.“ Es helfe bisweilen mehr, sich Gedanken über das eigene Handeln zu machen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erschienen in Welt am Sonntag, 18. April 2010</p>]]></content:encoded>
			<category>Politik</category>
			
			
			<pubDate>Fri, 23 Apr 2010 17:56:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Turnier der kleinen Hoffnungen</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/wm-2010/detailansicht/article/turnier-der-begrenzten-hoffnung//cHash/7d365ab8b6/</link>
			<description>Die WM wird keine Goldgrube - einige Unternehmer aber haben Marktlücken gefunden</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nicht mehr ganz so laut tönt sie nun, die neue Vuvuzela. Statt 141 Dezibel ertönen die südafrikanischen Plastik-Trompeten jetzt nur noch mit 124 Dezibel. Das erinnert viele zwar noch immer an den Geräuschpegel eines startenden Flugzeugs. Aber die Änderung soll die Kritiker besänftigen, die sich in Südafrikas Stadien inmitten einer Elefantenherde wähnen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Sicherer sind sie zudem, die Tröten, die bei der WM nicht nur in Südafrika erklingen werden: „Wir stellen sie jetzt aus drei Teilen her, so dass sie brechen, wenn man damit zuschlägt“, sagt Neil van Schalkwyk, Chef eines der größten Vuvuzela-Herstellers, Masincedane Sport CC. Seine Firma und dem deutschen Partner-Unternehmen „Urbas Kehrberg“, die für Europa die Markenrechte gesichert hat, haben bislang 2,5 Millionen Vuvuzelas verkauft, bis Ende des Jahres sollen noch weitere 1,3 Millionen ausgeliefert werden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Ich hätte so etwas nie erwartet“, sagt van Schalkwyk, der dank der großen Nachfrage inzwischen 50 Mitarbeiter&nbsp; beschäftigen kann, „das ist schon jetzt phänomenal.“ Sein Kapstädter Unternehmen habe durch die WM „einen enormen Schwung“ erlebt. Eine Erfolgsgeschichte, wen wundert es: Er liefert quasi die Instrumente für den Soundtrack des Turniers – nicht immer musikalisch hochwertig, aber voller Leidenschaft intoniert von Hunderttausenden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch über Einzelfälle wie diesen hinaus beschäftigt Volkswirte derzeit die Frage, wie groß der ökonomische Nutzen eines sportlichen Großereignisses für das Gastgeberland ist. Die Erwartungen waren schließlich immens: Südafrika legte im Frühjahr 2004 der Fifa einen Bericht der Unternehmensberater von Grant Thornton vor, nach dem wegen des Turniers insgesamt zwei Milliarden Euro in die Wirtschaft gepumpt werde. Sie kalkulierten mit 48.000 afrikanischen Fans, 289.000 Fans von außerhalb des Kontinents und 115.000 südafrikanischen Fans, die nicht nur Spiele in der Nähe ihres Wohnorts besuchen wollen. Summiert ergibt das 452.000.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Das Turnier werde darüber hinaus 159.000 neue Arbeitsplätze schaffen. Im Jahr 2008 erhöhte das Unternehmen diese Prognose sogar auf über 400.000. Bis zu stolzen&nbsp; zwei Prozentpunkten werde die WM zum Wirtschaftswachstums beitragen – eine hoffnungsvolle Perspektive für das Land mit den höchsten sozialen Unterschieden der Welt. In Südafrika gibt es 50.000 Dollar-Millionäre, aber Millionen Haushalte ohne Wasser und Strom in den Townships gibt. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch die Organisatoren kalkulierten ohne die Wirtschaftskrise – sie kostete in Südafrika 900.000 Arbeitsplätze und trifft die WM hart. Außerhalb von Südafrika wurden bislang erst 500.000 Tickets verkauft – durch die Krise verzichten viele Touristen auf Fernreisen, zumal der starke Rand die Preise weiter hochtreibt. Offizielle Angaben über die Zahl der anreisenden Fans gibt es nicht. Doch wenn man wie Grant Thornton davon ausgeht, dass jeder WM-Reisende drei bis vier Spiele anschauen, reisen nach jetzigem Stand nur rund 150.000 von außerhalb Afrikas an. Grant Thornton teilte vor einigen Tagen mit, man müsse die Gesamtzahl der reisenden Fans auf bis zu 330.000 reduzieren.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Jüngere Schätzungen sind dementsprechend vorsichtiger. Sie gehen nur noch von 0,4 bis 0,7 Prozentpunkten aus, die das Turnier zum Wirtschaftswachstum von 2,7 Prozent beitrage, das die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) für Südafrika in diesem Jahr prognostiziert. Investitionen von 33 Milliarden Rand (3,23 Milliarden Euro) allein in die Stadien wirken vor diesem Hintergrund gewaltig – trotz der wirtschaftlichen Erholung Südafrikas nach der Rezession 2009. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Wirklich überwunden sind die Folgen der Wirtschaftskrise nicht, sie haben die allzu große Euphorie der Wirtschaft um das Turnier gedämpft. In der Hotelbranche zum Beispiel: Im Jahr 2009 stieg die Zahl der Zimmer um zehn Prozent auf 60.000, während zeitgleich die Auslastung von 70 auf 60 Prozent sank. „Die Ära des opulenten Konsums ist vorbei“, warnte der Pam-Golding-Tourismusberater, Kamil Abdul Karrim, beim Jahrestreffen der südafrikanischen Hotelindustrie im vergangenen November. Hauptadressat seiner Worte: Kapstadt. Allein hier werden bis zur WM innerhalb eines Jahres 2500 neue Fünf-Sterne-Hotelzimmer entstanden sein. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>So verlagert sich die Rhetorik der Entscheidungsträger immer mehr auf den tatsächlich nicht zu unterschätzenden, aber nicht messbaren Image-Effekt des Turniers. „Diese WM ist enorm wichtig für Südafrika“, sagt die Premier-Ministerin des Westkaps, Helen Zille, „es ist das größte Event überhaupt und unsere Chance, der Welt etwas von ihrem Afrika-Pessimismus zu nehmen.“ Die vielen Milliarden, die derzeit auch unabhängig von der WM in Südafrikas Infrastruktur investiert werden, sollen die Industrie noch wettbewerbsfähiger machen. Die WM fungiert wie ein riesiger Scheinwerfer – als eine gewaltige PR-Kampagne. Auch deshalb kritisierten Regierungspolitiker Fluglinien und Hotels vehement, die ihre Preise für die Dauer des Turniers deutlich erhöhten und sich den Unmut der Touristen einbrachten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der überschaubare materielle Nutzen der WM ist dabei keine südafrikanische Besonderheit: Sehr viel anders war es auch bei den vergangenen Turnieren nicht. Studien über die wirtschaftliche Nachhaltigkeit belegen das: Die WM 2006 etwa habe der Fifa als Hauptprofiteur der Sponsor- und TV-Einnahmen Millionen eingebracht, aber der ökonomische Effekt sei sehr begrenzt gewesen, bilanzierte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in einer Studie nach dem Turnier in Deutschland vor vier Jahren. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ähnlich verhielt es sich mit den vorangegangenen Turnieren in Frankreich (1998) und vor allem Japan/Südkorea (2002), wo man sich einen Aufschlag von 2,2 Prozentpunkten auf das Wachstum erhofft hatte. Die tatsächliche Zahl lag weit unter einem Prozentpunkt. „Es gibt keine Hinweise darauf, dass es einen langfristigen Aufwärtstrend durch die Ausrichtung der WM gibt“, sagt Richard Tomlinson von der Universität Melbourne, der ein Langzeitprojekt zum Effekt von Weltmeisterschaften geleitet hat. Die WM 2010 aber könne einen Abbau von Vorbehalten vorantreiben, die „zur ökonomischen Entwicklung für den Normalbürger beitragen können“.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Nur zu welchem Preis? Im Falle Südafrikas bleibt zu hoffen, dass sich die Ausgaben lohnen, während viele strukturschwache Gegenden vernachlässigt wurden. Lange war das Land für seine Haushaltsdisziplin &nbsp;und niedrige Inflationsraten bekannt, die unerwartet hohen WM-Ausgaben wiegen gewaltig im Etat. Das sorgt bei aller Vorfreude auf die WM für einige Kritik, zumal es Zweifel an der Auslastung der in jeder Hinsicht erstklassigen Stadien nach dem Turnier gibt. Die Party wird großartig – nur der Kater danach darf nicht zu heftig ausfallen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Dabei gibt es sie durchaus: Südafrikanische Firmen, die unmittelbar von der WM profitieren. Und zwar auch in Südafrika, das Turnier ist kein alleiniges Produkt von international operierenden Baukonzernen. Über 50 Prozent des Auftragsvolumens wurden nach Angaben des lokalen Organisationskomitees an heimische Firmen vergeben. „Murray &amp; Roberts“, die größte Baufirma des Landes, verlor in den vergangenen Monaten mehrere große Aufträge im Ausland, die WM-Projekte retteten dem Unternehmen wie auch der ganzen Branche Tausende Arbeitsplätze. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Immer wieder aber finden auch mittelständische Unternehmer Marktlücken. Bheka Luthuli ist einer von denen, die das Turnier sogar reich gemacht hat. Der 45-Jährige sah bei der WM 2006 in Deutschland kleine mobile Tribünen – und importierte das Konzept in seine südafrikanische Heimat. „Ich bin zwei Jahre nur rumgereist und habe versucht, die Menschen zu überzeugen – da habe ich quasi aus dem Koffer gelebt und trotzdem rote Zahlen geschrieben“, erzählt der Unternehmer. Dann kamen die Aufträge plötzlich – schon beim Konföderationen Pokal 2009 trainierte das Team aus Spanien in einem seiner Stadien. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Sechs Arenen mit einer Kapazität zwischen 2000 und 20.000 Zuschauern stehen inzwischen vor allem im Norden des Landes – auch in einigen Fanparks während der WM werden seine mobilen Aufbauten zum Einsatz kommen. „Es gab eine Zeit, in der ich gezweifelt habe“, sagt Luthuli, „aber meine Ausdauer hat sich gelohnt.“ Zehn feste Mitarbeiter beschäftigt seine Firma Umzansi nun – hinzu kommen rund 100 Architekten, Zulieferer und Bauarbeiter, die sich über regelmäßige Aufträge freuen. Luthuli selbst fährt Porsche und wird ihn noch lange finanzieren können: Das Unternehmen wird wohl auch an der WM 2014 in Brasilien präsent sein.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Luthuli zeigt jenen Unternehmergeist, über den Südafrika trotz aller beeindruckender wirtschaftlichen Erfolge nicht im ausreichendem Maße verfügt. „Man erwartet ein hohes Maß (davon) in Ländern wie Südafrika, wo es wenig formale Arbeitsplätze gibt“, sagt Mike Herrington von der Universität Kapstadt. Er ist Teil von Global Entrepreneurship Monitor, einem Zusammenschluss internationaler Wissenschaftler, die das Existenzgründerklima in verschiedenen Ländern vergleichen. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Herringtons Zeugnis für den WM-Gastgebers fällt bescheiden aus: „Die Initiative, eigene Geschäfte aufzubauen, ist in Südafrika deutlich geringer als in anderen Ländern mit mittlerem und niedrigem Einkommen.“ Zu den Gründen zählen seiner Meinung nach mangelnde Ausbildung, Bürokratie und ausbleibende staatliche Beratungsleistungen – aber auch eine Kultur überhöhter Erwartungen und Versprechungen:&nbsp; Immer wieder gibt es Proteste in den Protesten wegen ausbleibender Regierungsleistungen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Einmal befragte er Jugendliche, mit welchem Beruf sie in finanzieller Hinsicht die besten Karrierechancen verbinden würden. Zur Wahl standen „Unternehmer“, „Fußball-Profi“, „Kino-Star“, „Arzt“ und „Politiker“. Die Schüler hätten fast einstimmig „Politiker“ geantwortet und dabei auch freimütig über Korruption geredet, so Herrington. Der Ruf der aktuellen politischen Elite um die Regierungspartei African National Congress (ANC) ist dürftig – eine ganze Reihe von Kabinettsmitgliedern ist eng mit privaten Firmen verbunden. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Dabei, so könnte man anmerken, ist Südafrikas Bilanz seiner 16 demokratischen Jahre seit dem Ende der Apartheid nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich durchaus beachtlich. Das stimme, sagt Vuvuzela-Produzent van Schalkwyk. Aber man müsse auch das Potenzial des Landes zu Grunde lege: „Wir könnten deutlich weiter sein.“</p>
<p>erschienen in DIE WELT, 27.3.2010</p>]]></content:encoded>
			<category>WM 2010</category>
			
			
			<pubDate>Mon, 19 Apr 2010 09:01:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>&quot;Das Klima ist aufgeheizt&quot;</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/politik/detailansicht/article/das-klima-ist-aufgeheizt//cHash/29a64b58ef/</link>
			<description>Der Historiker Emile Clifford Coetzee über die Folgen des Terreblanche-Mordes</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Historiker Emile Clifford Coetzee forscht seit Jahren über rechtsradikale Organisationen in Südafrika. Im Interview spricht der Dozent von der Universität Johannesburg über den Einfluss des Extremisten-Führers Eugene Terreblanche und die Folgen seiner Ermordung für Südafrika und die WM 2010.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>DIE WELT: Herr Coetzee, was für ein Mensch war Terreblanche?</p>
<p>Emile Clifford Coetzee: Er war ein Rätsel, ein schwer zu ergründender Charakter. Ich habe ihn zuletzt vor einigen Monaten für meine Recherchen besucht, und er war wortkarg und schwach, völlig introvertiert. Zuletzt hatte er wohl auch wegen gesundheitlichen Problemen seinen Zorn auf die schwarze Bevölkerung etwas verloren, trat auch nicht mehr so cholerisch wie früher auf.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>DIE WELT: Wie groß ist die Bedeutung seiner Organisation Afrikaner Weerstandsbeweging AWB?</p>
<p>Coetzee: Die Südafrikaner halten sie für eine kleine Gruppe ohne&nbsp; Einfluss. Klein sind sie tatsächlich inzwischen, die letzten tödlichen Anschläge der AWB liegen viele Jahre zurück. In den vergangenen Jahren hat zunehmend der Generalsekretär Andre Visagie die Geschäfte geführt, der längst nicht das Kaliber und die charismatische Kraft von Terreblanche hat. Wenn sich dieser Mord vor zehn Jahren ereignet hätte, wäre die unmittelbare Reaktion vermutlich offene Gewalt gewesen, weit extremer, als sie jetzt zu erwarten ist. Aber Unterstützung haben sie nach wie vor unter vielen weißen Farmern, auch wenn die Mitglieder nicht mehr so offen agieren. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>DIE WELT: Deren Wut ist gewaltig. Was ist in den kommenden Wochen zu erwarten?</p>
<p>Coetzee: Um ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht. Das Klima hat sich in den vergangenen Monaten kontinuierlich aufgeheizt, besonders wegen der anhaltenden Provokationen von Julius Malema. Er ist erst 29 Jahre alt und hat kein offizielles Regierungsamt, aber er ist als Führer der Jugendorganisation der Regierungspartei ANC enorm präsent. Malema provoziert mit Forderungen nach Verstaatlichungen der Minen und einer aggressiven Landreform. Er führt die meisten Probleme Südafrikas auf die weiße Minderheit zurück. Mit seiner aufhetzenden Rhetorik erreicht Malema eine beträchtliche Zahl junger, mäßig ausgebildeter Südafrikaner – zumal er selbst aus armen Verhältnissen kommt, und sich als Identifikationsfigur inszeniert. Trotz eines inzwischen luxuriösen Lebensstils.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>DIE WELT: Ihm wird vorgeworfen, dass er vor einigen Wochen öffentlich das Lied „Kill the Boer“ gesungen hat, tötet die Buren.</p>
<p>Coetzee: Er versucht das mit der Geschichte dieser Lieder aus dem Befreiungskampf zu rechtfertigen, sozusagen als Kultur des ANC. Dieses Lied hat in den vergangenen Wochen das Konfliktpotenzial&nbsp; enorm aufgeheizt. Meine These ist, dass dieses Verbrechen weit weniger Wellen geschlagen hätte, wenn es vor der Debatte um Malema passiert wäre. Wenn die politische Führung ihn jetzt nicht zur Ordnung bringt und die Justiz die Mörder nicht zu harten Strafen verurteilt, könnte die Situation eskalieren. Dann kann der 3. April 2010, der Tag von Terreblanches Ermordung, zu einem Wendepunkt in Südafrikas Geschichte werden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>DIE WELT: Welches Selbstverständnis haben die Buren?</p>
<p>Coetzee: Sie waren während der Apartheid die dominierende politische Klasse in Südafrika – die höchsten Ämter wurden eher von ihnen als etwa von englischstämmigen Weißen gehalten. Sie gelten als stolz, ihre Vorfahren drangen vor Jahrhunderten ins Landesinnere, weil das Westkap damals unter britischer Hoheit stand. Allerdings sympathisiert nur eine kleine Minderheit der drei Millionen Buren mit der AWB. Den stärksten Rückhalt hat sie unter den Farmern, denen diese Volksgruppe ja auch ihren Namen verdankt. „Boer“ ist das niederländische Wort für Farmer.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>DIE WELT: Welche Werte vertreten sie?</p>
<p>Coetzee: Nach europäischen Standards sind die Buren eher konservativ geprägt, mit starken Familienbanden, tief verwurzelten christlichen Glauben und einem starken Patriotismus. Besonders in der Gegend um Ventersdorp, wo Terreblanche lebte, sind fast alle Farmer Buren, die das Land seit Generationen bewirtschaften. Diese Stadt gilt als eine der Hochburgen des rechten Flügels, und das ist sie sicherlich auch – obwohl es auch Tausende gibt, die sehr respektvoll miteinander umgehen und gegenseitig voneinander profitieren. Die AWB erlebt in Ventersdorp auch durch die Tatenlosigkeit der Polizei einen Aufschwung, die den vielen Farmmorden in Südafrika tatenlos begegnet.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>DIE WELT: Die Organisation vermeldet, sie habe seit dem Mord eine Vielzahl an Mitgliedsanträgen erhalten. Entwickelt sich das zu einer ernsthaften Gefahr?</p>
<p>Coetzee: Das bleibt abzuwarten. Aber die AWB hat sich auch durch interne Grabenkämpfe selbst geschwächt, das trifft auf viele der extremistischen Bewegungen in Südafrika zu. Die jungen Menschen haben sich entweder von dem Gedankengut entfernt oder werden von den starren Strukturen abgeschreckt. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>DIE WELT: Es bleiben noch 64 Tage bis zur WM 2010 in Südafrika. Fürchten Sie einen Einfluss auf das Turnier?</p>
<p>Coetzee: Natürlich ist ein Vorfall wie dieser schrecklich für die WM. Er präsentiert das Land in einem schlechten Land. Aber ich bin optimistisch, dass Besinnung einkehren wird.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erschienen in DIE WELT, 6. April 2010</p>]]></content:encoded>
			<category>Politik</category>
			
			
			<pubDate>Wed, 14 Apr 2010 10:25:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Die Farmer von Ventersdorp</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/politik/detailansicht/article/die-farmer-von-ventersdorp//cHash/9cbbb9f3e4/</link>
			<description>Nach dem Mord an dem Rassisten Terreblanche reißen in seiner Stadt alte Wunden auf</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am Freitagmorgen steht der Farmer Johannes de Bruyn um 5.30 Uhr auf. Er betet, isst zwei Scheiben Brot mit Marmelade, trinkt eine Tasse Kaffee, raucht seine Pfeife. Dann geht er hinaus aufs Feld zu seinem Traktor. Vier Hektar Land muss er schaffen, es bleibt nur dieser eine Tag. Die Maisernte ist überfällig, de Bruyn hat keine Zeit. Nicht einmal für eine Beerdigung.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Vorne, an der Landstraße, rasen Pritschenwagen in Richtung der acht Kilometer entfernten südafrikanischen Kleinstadt Ventersdorp. Auf den Ladeflächen wehen die Fahnen der Afrikaner Weerstandsbeweging (AWB) mit dem Symbol der rassistischen Organisation. Es erinnert an die Nazi-Swastika erinnert. Die Fahrer tragen khakifarbenen Uniformen wie beim Militär.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Später werden sie beim Trauergottesdienst in Ventersdorp zu Ehren ihres ermordeten Anführers Eugene Terreblanche die Nationalhymne aus der Zeit der Apartheid singen. Polizei-Hubschrauber kreisen über den Tausenden Aktivisten, die einst für eine Fortsetzung der Rassentrennung gekämpft haben und noch immer einen eigenen „weißen“ Staat anstreben.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Am frühen Nachmittag wird Terreblanche auf seinem Grundstück im Kreis seiner Familie begraben – ohne dass es zu den befürchteten Rassenunruhen kommt. Acht Tage sind seit dem Mord an Südafrikas bekanntestem Rassisten vergangen. Zwei seiner Farmarbeiter hatten Terreblanche in seinem Bett getötet. Die Polizei fand ihn übel zugerichtet: das Gesicht zerschnitzt, die Brust aufgeschlitzt, die Hose heruntergezogen. Der Tat sei ein Streit um Gehalt vorangegangen, sagten die geständigen Täter aus.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch daran wollen viele weiße Farmer nicht glauben, sie geben den ständigen Provokationen von Julius Malema die Schuld. Der Jugendliga-Chef der Regierungspartei African National Congress (ANC) lässt keinen Tag ohne Hetzereien vergehen. Zuletzt hatte er „Kill the Boer, kill the farmer“ skandiert – tötet die Bauern. „Der Mord an Mr. Terreblanche ist eine Kriegserklärung der schwarzen Gemeinschaft an uns Weiße“, sagte AWB-Generalsekretär Andre Visagie, der zunächst Gegenanschläge angekündigt hatte. Sein Sprecher revidierte das später.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Auf Töten folgt Chaos“, sagt Farmer de Bruyn, „das ist Gottes Aufgabe. Nicht die unsere.“ 58 Jahre alt ist der Farmer, 35 davon verheiratet, jeden Sonntag geht er in die Kirche. Es ist Mittag, und er sitzt in der Küche – an dem alten Tisch, wo vor ein paar Wochen noch Terreblanche gesessen hat. Sie kannten sich seit Jahrzehnten, der ruhige Farmer und der Rassistenführer. Dieser Selbstdarsteller, der regelmäßig hoch zu Ross durch die Stadt ritt. „Ich habe ihm oft gesagt, er solle nach Hollywood gehen.“ Terreblanche habe gelacht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>De Bruyn war nie Mitglied der AWB. Doch auch ihn haben die Farmmorde wütend gemacht, über 3000 gab es nach Angaben der Oppositionspartei Democratic Alliance (DA) seit dem Jahr 1994. Seine Sätze klingen ähnlich rassistisch wie die Terreblanches: „Es sind die Schwarzen, die in diesem Land die Verbrechen begehen.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Hinter dem Haus kümmert sich einer „der Schwarzen“ um die Schafe, sein Name ist Andries Mathlako. Er komme gut mit seinem einzigen Mitarbeiter aus, sagt de Bruyn. Doch seit die Polizei in schwarzer Hand sei, gehe es bergab. „Wenn mir heute ein Schaf gestohlen wird, fährt die Polizei nicht einmal mehr raus.“ Er denke oft, es gebe heute mehr Rassenhass als während der Apartheid.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Diese Stimmung versuchen zumindest die Populisten auf beiden Seiten vehement anzuheizen. Die AWB, zuletzt gleichermaßen zersplittert wie bedeutungslos, berichtet wenig glaubwürdig von täglich über tausend Anträgen auf Mitgliedschaft seit dem Mord. Visagie drohte während eines Fernseh-Debatte einer schwarzen Analystin („Ich bin nicht fertig mit dir“), bevor er fluchend das Studio verließ. Die Stimmung ist angespannt: Malema, der vom ANC aufgefordert wurde, das Lied „Kill the Boer“ nicht mehr anzustimmen, ließ am Donnerstag einen Reporter der BBC aus einer Pressekonferenz werfen („Bastard“, „Verdammter Spion“).</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch wie tief ist der Graben wirklich? Unter den Farmern von Ventersdorp zeigt sich kein einheitliches Bild. Selbst de Bruyn muss zugeben, dass die jüngere Generation „vielleicht anpassungsfähiger“ sei als die seine: „Der Chef meiner Tochter ist schwarz, sie verstehen sich bestens.“ Und wer an seinen Feldern vorbeifährt, der trifft drei Kilometer weiter auf einen Mann mit beinahe gleichem Namen, aber einer völlig anderen Weltanschauung. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>George de Bruin bewirtschaftet seit zwei Jahren ein paar Hektar Land. Eine Ewigkeit hat der 37-Jährige in der Hektik Johannesburgs als Banker gearbeitet. Nun arbeitet er mitten in der Provinz, seine Hände sind schmutzig – neben seiner Farm renoviert er ein Haus, in dem künftig Drogenabhängigen beim Entzug geholfen werden soll. „Oor begin“, steht an der Auffahrt auf Afrikaans geschrieben: Lass’ uns neu anfangen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Terreblanche habe seine Arbeiter in der Tat nicht gut behandelt, sagt der athletische Mann. Wahrscheinlich sei es wirklich um Geld gegangen, nicht um Rassismus. „Ich stimme mit nichts überein, was die AWB sagt, Südafrika hat viel erreicht.“ Entscheidend sei, dass die Verbrechen aufhören, Straftäter müssten weit härter bestraft werden. Er würde sogar die Wiedereinführung der Todesstrafe unterstützen, schließlich schüre auch die Nachlässigkeit bei der Aufklärung von Morden Rassismus: „Zuma (Südafrikas Präsident) muss endlich etwas dagegen unternehmen. Und er muss Populisten wie Malema in Zaum halten. Diesmal darf dieser Demagoge nicht einfach weitermachen können.“ </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ohne Frage gibt der pöbelnde Jungpolitiker, gerade 29 Jahre alt, dem starren Weltbild von Leuten wie Johann van Eeden Nahrung. Der 62-Jährige wohnt genau zwischen de Bruin und Terreblanches Anwesen. Er war einer der besten Freunde des Rassistenführers, vor acht Jahren bekam er von ihm seinen Schäferhund Toska geschenkt. Die Frau kocht das Abendessen, während van Eeden im Wohnzimmer auf einem roten Sofa sitzt und erzählt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Man müsse alles vor den Schwarzen wegsperren, auch vor seinen vier schwarzen Mitarbeitern – die würden sogar den Diesel-Treibstoff aus den Traktoren stehlen. Warum stellt er dann nicht Weiße ein? Schweigen. Einige Sekunden lang. Die Farmer, kritisiert die Gewerkschaft Cosatu, würden die Armut und Arbeitslosigkeit unter der schwarzen Bevölkerung ausnutzen und miserable Löhne zahlen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Van Eeden schweigt weiter, er will darauf nicht antworten. Nicht mehr lange, und es werde das gleiche passieren wie in Simbabwe. Im herunter gewirtschafteten Nachbarland wurden 4000 weiße Farmer enteignet. In Südafrika gibt es zehn Mal so viele, dort funktioniert die Landreform nach dem „Willing buyer, willing seller“-Prinzip, den Gesetzen des Marktes. Nur: Farmer wie van Eeden würden ihre Grundstücke selbst zum Marktwert nie verkaufen, der Großteil des Landes ist noch immer in weißem Besitz. Bevor er mit schweren Schritten zurück ins Haus geht, sagt der Farmer: „Wir erwarten täglich, dass sie kommen.“ </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Joey Yssel machen solche Worte wütend. Sie ist Lehrerin und betreibt mit ihrem Mann Rentius nebenberuflich eine Farm am Ortseingang von Ventersdorp. „Wenn sie Leute wie Malema unter Kontrolle bringen, ist etwas Vergleichbares wie in Simbabwe ausgeschlossen“, sagt die 46-Jährige. Der Graben zwischen den ethnischen Gruppen sei längst nicht so tief, wie es derzeit den Anschein habe. Ihr Zusammenleben mit den drei schwarzen Angestellten sei harmonisch. Auch der beste Freund ihres Sohnes Estian, 12, sei schwarz – und Klassenbester.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Vieles wird in diesen Tagen übertrieben dargestellt, sagt Yssel. Diese Meinung würden übrigens auch die Farmer von nebenan vertreten, die den Nachbarhof vor einigen Jahren gekauft hätten. „Da ist ein sehr netter Kontakt entstanden, sie arbeiten sehr professionell und erfolgreich“, sagt Yssel. Dass die neuen Besitzer schwarz sind, erwähnt sie nicht einmal.</p>
<p>Erschienen in DIE WELT</p>]]></content:encoded>
			<category>Politik</category>
			
			
			<pubDate>Wed, 14 Apr 2010 10:04:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Simbabwes Suche nach Normalität</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/land-und-leute/detailansicht/article/simbabwes-suche-nach-normalitaet//cHash/3fb8939a28/</link>
			<description>Das gebeutelte Land findet immerhin auf dem Fußballplatz zum Alltag zurück</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Einen US-Dollar kostet das Vanille-Eis, das der Verkäufer auf der Tribüne anbietet. Langsam geht Washington Meleka, ein rundlicher Mann, mit seinem Schiebewagen auf und ab. Wartet gelangweilt, dass jemand von den spärlich besetzten Rängen&nbsp; des Rufaro Stadions von Harare hinabsteigt und einen zerknitterten Schein herüberreicht. Fußball-Alltag, wie in Tausenden Stadien dieser Welt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Normalität. Wie hat sich Simbabwe danach gesehnt. Bis vor einem Jahr gab es kein Eis in dem Land im Süden Afrikas. Die Inflation raste derart, dass sich die Preise jeden Tag mindestens verdoppelten. In die Supermärkte kamen die Menschen mit Schubkarren voller 100-Billionen-Noten des Simbabwe-Dollars. Und selbst das war meist zwecklos – die Regale waren leer, Simbabwe für Unternehmen wertlos. Wozu noch Waren liefern? „Ich habe damals Erdnüsse im Stadion verkauft“, sagt Meleka, „die hab’ sie selbst angebaut.“ Klebrig waren sie, in gebrauchten Plastiktüten verpackt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Vor einem Jahr hat Simbabwe, bis dato das Land mit der welthöchsten Inflationsrate (300 Billionen Prozent), den US-Dollar als offizielles Zahlungsmittel eingeführt. Kurz nachdem der autokratisch regierende Präsident Robert Mugabe sich mit seinem Widersacher Morgan Tsvangirai vom Movement of Democratic Change (MDC) auf eine Koalition geeinigt hatte. Ihm blieb damals kein anderer Ausweg mehr, nachdem er sich nach der verlorenen Wahl im März 2008 mit Hilfe des Militärs an die Macht geklammert hatte: Das Volk hungerte, die Unternehmen der einst gesunden Volkswirtschaft zerfielen und die Cholera griff immer gieriger nach Leben. Der letzte Ausweg der Fremdwährung, die Reformen des MDC – sie haben als erste Hilfe gegriffen. Und ein wenig Routine zurück nach&nbsp; Simbabwe gebracht. Einen Ansatz von Zerstreuung, trotz weiterhin 90 Prozent Arbeitslosigkeit.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Unten auf dem Rasen spielen die besten Fußballtalente des Landes gegeneinander. Die Hilfsorganisation Terre des Hommes hat, finanziert von Volkswagen, das Turnier der Zehn- bis Zwölfjährigen organisiert. Die Top-Spieler werden im Mai nach Madrid fliegen, zum Finale des „Junior Masters“ der besten Nachwuchskräfte aus aller Welt. Der Konzern, der kein offizieller Sponsor der WM 2010 im Nachbarland Südafrika ist, fördert vorbildliche Benefizprojekte, um sich im Rahmen der ersten Weltmeisterschaft in Afrika zu positionieren – und ganz nebenbei Kontakte zu reanimieren. In Simbabwe zieht die Nachfrage nach Neuwagen wieder zaghaft an, ein Auto-Haus von VW gibt es bereits.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Auf der Haupttribüne sitzt ganz oben, unter dem Dach, Peter Ndlovu. Der 38-Jährige hat 13 Jahre in England Tore geschossen, sein schneller Antritt war in der Premier-League gefürchtet. Ndlovu hat in Simbabwe ungefähr den Stellenwert, den Franz Beckenbauer in Deutschland genießt – mit dem Unterschied, dass man den Bayern seltener als Ndlovu auf Reggae-Konzerten sichtet.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Ex-Stürmer zeigt auf ein paar Männer, die direkt am Spielfeldrand stehen. „Das sind die Nationaltrainer von drei Jugendnationalmannschaften da“, sagt er, „ich habe auch mehrere Erstliga-Trainer gesehen. Es ist gut, dass solche Turniere wieder stattfinden und Talente gesichtet werden. Die Jungs brauchen ein Ziel.“ Noch vor Monaten wäre die Veranstaltung undenkbar gewesen: Die Mannschaften sind teilweise aus 500 Kilometer Entfernung angereist. Damals wäre das schon am Benzin gescheitert. Es gab keines.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Am Vortag hat Ndlovu das Mabvuku-Dorf einige Kilometer vor der Hauptstadt besucht. Die Fußballspieler der örtlichen Schule saßen als Favoriten des Turniers in ihren Fußballschuhen vor dem Gebäude. Die Mädchen führten ein Theaterstück auf, in dem sie für ihre Rechte als Kinder protestierten. Sie hatten vor zwei Jahren über Monate hinweg keinen Unterricht bekommen. Die Lehrer waren zu Hause geblieben, nachdem sie nicht bezahlt worden waren. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Nun steht wieder der Stundenplan für die „4c“ und die „5c“ an einer Wand des Klassenraumes: Englisch, Mathematik und Shona, die Muttersprache. Der neue Ministerpräsident Tsvangirai hatte als erste Amtshandlung durchgesetzt, jedem Lehrer 120 US-Dollar pro Monat zu bezahlen. Nicht viel, aber immerhin: Der Schulbetrieb läuft wieder. Die Schule in Mabvuku erinnert Ndlovu ein wenig an seine Jugend in Bulawayo während der achtziger Jahre, als Simbabwe das beste Schulsystem Afrikas entwickelte und überhaupt als Vorbild eines entkolonialisierten Staates galt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Fußballstar verfolgte den Niedergang seines Landes aus der Ferne – die Hungersnöte, Mugabes Terrorregime. Das traf auf die meisten Top-Profis zu, nur 20 Prozent der Nationalspieler stehen in Simbabwe unter Vertrag. Der Fußball aber stoppte nie in dem gebeutelten Land, die Liga spielte mit ihren 16 Mannschaften weiter. Teilweise vor 30.000 Fans, die ihren stimmkräftigen Ruf aufrecht erhielten, ganz zum Vergnügen von Mugabe, der als glühender Fußballfan gilt. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Bei Toren der Nationalmannschaft, den Warriors („Krieger“), soll der&nbsp; in diesen Tagen immer schwächer werdende 86-Jährige vor dem Fernseher früher of wild auf und ab gesprungen sein. 1994 etwa: Wenige Jahre vor dem Niedergang des Landes und den Enteignungen tausender weißer Farmer, hätte sich Simbabwe beinahe für die WM qualifiziert. Letztlich fehlte nur ein Sieg.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Statt des prestigeträchtigen Erfolgs folgte eine wirtschaftliche Krise von enormem Ausmaß, die sich auch auf den Fußball auswirkte. Schon im August 2007, inmitten der Krise, hatte diese Zeitung ein Spiel in Harare besucht, die Black Rhinos waren zum Duell gegen den Militärclub Lenthens auf der Ladefläche eines LKWs angereist. Das Benzin für die Fahrt hatten sie auf dem Schwarzmarkt gekauft. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>300.000 Simbabwe-Dollar kostete das Ticket, doppelt so viel wie noch einen Spieltag zuvor. Die Profis konnten für ihre spärlichen Gehälter kaum etwas kaufen und spielten dennoch weiter, auch wenn das Gekicke in einem sehr unansehnlichen 0:0 endete. Es war die Zeit, als die Cholera-Katastrophe begann. Auch die Profis nahmen sich beim Training nur selten die Zeit, das verunreinigte Trinkwasser abzukochen – die Bakterien erwischten viele Spieler.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Der Fußball hat uns immer Halt gegeben“, sagt Ndlovu, der sich mit politischen Aussagen auffällig zurückhält. Noch immer leben Mugabe-Kritiker gefährlich, noch immer werden Journalisten verhaftet oder anders eingeschüchtert. Es geht in diesen Tagen darum, starke Persönlichkeiten zu bilden, und das schafft der Sport: „Unsere Jugend braucht Vorbilder. Sie müssen sehen, dass sich Leistungen auf dem Fußballfeld lohnen.“ </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die schmächtigen Jugendlichen auf dem Kunstrasen des Stadions vereint der Traum von einer Karriere im Ausland. In Simbabwe verdienen die besten Spieler umgerechnet nur rund 800 Euro – während die Preise im Supermarkt oder an der Tankstelle beinahe so hoch sind wie in Deutschland und Großfamilien von dem Gehalt eines einzelnen abhängen. Selbst mit dem US-Dollar als Zahlungsmittel bleibt das Land ein Ort der Improvisation: Münzen der Fremdwährung gibt es in Simbabwe kaum. Wer im Supermarkt nicht auf den Dollar genau einkauft, bekommt sein Wechselgeld in Schokoriegeln ausgezahlt. Und selbst der Simbabwe-Dollar existiert noch: Eine Busfahrt kostet 50 US-Cent. Wer einen Dollar hinlegt, bekommt vom Fahrer ein dickes Bündel der alten Währung zurück.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Koalition zwischen Mugabe und Tsvangirai bröckelt, der Aufschwung ist fragil. Doch in Simbabwe ist es nicht die Zeit der Zweifel. Ein paar Meter von Ndlovu entfernt, auf der Ehrentribüne, verfolgt Wellington Nyathanga das Treiben auf dem Spielfeld. Der Präsident des simbabwischen Fußballverbands ist ein stolzer Mann, sein Rücken durchgedrückt. „Unsere internationalen Beziehungen haben in den vergangenen Jahren gelitten. Doch die Welt hat nicht vergessen, dass wir hervorragende Fußballspieler haben. Einige dieser Jugendlichen werden eines Tages in Top-Ligen spielen.“ Der Verband sei derzeit dabei, Fußballinternate einzurichten. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Auch mit internationaler Hilfe: Die Deutsche Botschaft in Harare unterstützt Nyathanga dabei, die Reinhard-Fabisch-Akademie einzurichten. Eine Sportschule, die nach dem ehemaligen Nationaltrainer des Landes benannt werden soll. Der 2008 verstorbene Ex-Dortmund-Profi Fabisch hatte Simbabwe in den neunziger Jahren während seiner sportlich erfolgreichsten Zeit betreut, danach folgte in jeder Hinsicht der Absturz.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Talentierte Spieler hat das Land noch immer, das zeigen vor allem die Spieler ausMabvuku. Sie gewinnen das Turnier. Einfach aber wird es für keines der Kinder. „Das Problem vieler Fußballmannschaften im südlichen Afrika sind die Effekte von Unterernährung in den ersten Lebensjahren“, sagt Jayaseelen Naidoo, der Vorsitzende der südafrikanischen Entwicklungsbank DBSA, „diese Effekte, die beachtliche Teile der Bevölkerung betreffen, sind kaum aufholbar.“ Ernährungswissenschaftler sehen auch das als Grund an, warum bislang kein afrikanisches Team das Halbfinale einer Weltmeisterschaft erreichen konnte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ndlovu, Simbabwes Beckenbauer, klingt das zu pessimistisch. Für die Jungs auf dem Rasen würde nur eine Schranke gelten – diejenige, die sich selbst für ihre Ziele setzen.</p>]]></content:encoded>
			<category>Land und Leute</category>
			
			
			<pubDate>Wed, 14 Apr 2010 09:44:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Enter the Ninja</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/land-und-leute/detailansicht/article/enter-the-ninja//cHash/ceb2a966b5/</link>
			<description>Die Band „Die Antwoord“ ist eines der ersten Erfolgsbeispiele viralen Marketings in Afrika</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ein paar SMS hatten die Besitzer des Johannesburger Clubs Tokyo Star verschickt: „Die Antwoord“ habe sich spontan zu einem Auftritt entschieden, bevor sie am nächsten Abend das erste mal vor 2000 Leuten auftreten werde. Kein Marketing, nichts, es spricht sich schon rum. Stimmt. Der Club ist mit 300 Gästen überfüllt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der White-Trash-Auftritt in Reinkultur, diese südafrikanische Antwort auf Eminem, hat einen der rasantesten Starts in der Musikgeschichte des Landes hingelegt. Im vergangenen Jahr startete der Method-Acting-Künstler Waddy Jones sein Projekt, zusammen mit der zierlichen Künstlerin Yo-Landi Vi$$er und ihrer Helium-Stimme sowie einem dagegen vergleichsweise unauffälligen DJ namens Hi-Tek.&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Jones selbst nennt sich seit der Gründung von Die Antwoord nur noch Ninja und die Musik „Zef Rap“ (Rap der weißen Unterschicht). Harter Rap-Rave-Punk mit provokativen Texten über das neue Südafrika, gesungen auf Englisch und Afrikaans. Letzteres ist bemerkenswert: In der Sprache der eher konservativen burischstämmigen Südafrikaner wurden bislang eher Liedermacher berühmt, die über Rosen sangen – eher als „I am the richest bitch with the nicest ass“, wie sich Yo-Landi wenig blumig ausdrückt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Über die in Südafrika derzeit rasant zunehmende Internetverbreitung erlangte die Band&nbsp; im Februar schlagartig Berühmtheit. Das erste Album „$0$“ war ohnehin frei über ihre Homepage abrufbar, der Hype um die in Südafrikas Kunstszene bestens verknüpfte Band aber begann mit den am 2. Februar im Internet veröffentlichten Videos.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Mal inszeniert sich das Trio glaubwürdig als perspektivlose Straßengang in einer südafrikanischen Kleinstadt („Zef Side“), dann huldigt Die Antwoord wiederum Samurais („Enter the Ninja“) – mit unzähligen von Jones kindlich gezeichneten Gesichtern, die im Hintergrund flackern.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Innerhalb von einer Woche übersprangen die Videos bei Youtube die Millionenmarke, die internationale Musikblog-Szene entdeckte Die Antwoord und während der ersten vier Februar-Tagen wurde die Homepage drei Millionen Mal angeklickt. „Unser Server ist am ersten Tag des Ansturms zusammengebrochen“, sagt Jones, Hauptdarsteller des vielleicht bislang größten viralen Marketingphänomens in Südafrika. Im vergangenen Monat verzeichnete die Seite 20 Millionen Zugriffe.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Jones erinnert auf der Bühne mit dem schwarzen Muskel-Shirt über dem hageren Oberkörper und den bunten Schlabbershorts ein wenig an die vergessenen Achtziger-Jahre-Helden von Vanilla Ice, hin und wieder baut er auch Passagen von Werbespots aus deren Zeit oder Sätze aus dem Kultfilm „Ghostbusters“ ein.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die eigentliche Faszination aber entsteht durch den eindringlichen HipHop der Antwoord – und dem Spiel mit der Identität. „Um es zusammenzufassen“, leitet er mit finsterem Blick den ersten Song ein, „in Südafrika gibt es viele verschiedene Dinge: Weiße, Farbige, Englisch- und Afrikaans-Leute, Xhosas, Zulus. Ich bin all’ diese verschiedenen Menschen – vereint in einer Person.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Jones und Yo-Landi sind weiß. Ihr „Zef-Rap“ steht allerdings vor allem für den Stil der „Coloureds“, die ihre Ursprünge in Verbindungen zwischen weißen Siedlern, Dunkelhäutigen und asiatischen Sklaven haben. Eine Minderheit in Südafrika, die lange weder von der weißen, noch der schwarzen Bevölkerung vollständig akzeptiert wurde. Die höchste Bevölkerungsdichte hat sie in Teilen von Kapstadt, einige der Siedlungen gelten als soziale Brennpunkte mit Drogenproblemen und hoher HIV-Verbreitung, aber auch starkem Familienzusammenhalt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ninja hat die Namen einiger Straßengangs auf seinen Körper eintätowieren lassen, auf zwei Zähnen haften Goldkronen. Was für ein Kontrast zu seiner Erscheinung noch vor einigen Jahren. Unter dem Namen Max Normal.TV hatte er als Kopf der gleichen Formation eine eher intellektuelle Erscheinung gewählt und auch schon mal im schlecht sitzenden Anzug gerappt. Oder er entwarf von japanischen Comics inspirierte Zeichnungen – durchaus erfolgreich, in Kapstadt gab es mehrere Ausstellungen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>So eindrucksvoll wie diesmal aber traf er den Zeitgeist nie. Viele junge Südafrikaner sind auf der einen Seite der Debatten um Hautfarbe überdrüssig, von der die politische Kommunikation geprägt ist. Auf der anderen Seite erleben sie soziale Unterschiede, die zu den extremsten der Welt gehören. Noch immer leben Millionen in Armut und ohne Zugang zu Wasser oder Strom – während nur ein paar Kilometer weiter pompöse Anwesen stehen. Erste und Dritte Welt direkt nebeneinander. Südafrika hat 50.000 Dollar-Millionäre, aber keine Mittelschicht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Es erscheint so auch kaum als Zufall, dass wohl Neill Blomkamp beim nächsten Musikvideo der kreative Kopf sein wird. Der Regisseur landete mit dem Oscarnominierten Science-Fiction-Film „District 9“ einen der Überraschungserfolge des vergangenen Jahres, in dem das Spannungsfeld vieler afrikanischer Länder aufgezeigt wird: Industriewelten entstehen direkt neben strukturschwachen Gegenden. Die ethnischen Gruppen des Landes sind dabei höchst unterschiedlich verteilt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>In wenigen Gegenden entlädt sich die angestaute Energie dieses Kontrastes so sehr wie in den Cape Flats. Die Weißen, so die Wahrnehmung vieler Coloureds hier, dominieren die Wirtschaft, die Schwarzen der Politik. Der „Zef-Rap“ habe die Stimmung dieser endlosen Siedlungen aus einstöckigen Häusern aufgenommen, sagt Jones, der sich inzwischen auch privat ausschließlich mit Ninja anreden lässt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>In den nächsten Wochen sind Tourneen durch die USA und Europa geplant, das Album soll kommenden Monaten als CD unter anderem auch in Deutschland erscheinen. Und mit dem amerikanischen Record-Label Interscope (u.a. Eminem, Black Eyed Peas) werde nach Angaben des Antwoord-Managements „intensiv verhandelt“.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Dem Boingboing-Blog hatte Ninja den Deal bereits als vollzogen bestätigt. Die Einigung sei durchaus stilecht zustande gekommen. Er habe Jimmy Iovine, den Interscope-Chef, zu sich herangezogen und ihm im einen Kuss auf die linke und rechte Wange gegeben, als sei er ein sizilianischer Pate: „Wir haben schließlich einen Deal gemacht, wie man ihn mit der Mafia macht. Die Antwoord macht jetzt Geschäfte mit Interscope.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erschienen im Stylemag</p>]]></content:encoded>
			<category>Land und Leute</category>
			
			
			<pubDate>Wed, 14 Apr 2010 09:35:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Später Ansturm auf WM-Tickets</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/wm-2010/detailansicht/article/spaeter-ansturm-auf-wm-tickets//cHash/8ad5bf2376/</link>
			<description>Erstmals setzt die Fifa im großen Stil auf den Direktverkauf von Tickets – mit Erfolg</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mitten in Soweto ragt das Maponya-Einkaufszentrum in die Höhe. Ein moderner Gebäudekomplex, 60 Millionen Euro wert, inmitten von Südafrikas größtem Township. Die Nachbarschaft besteht aus maroden Steinhäusern, teilweise ohne fließendes Wasser. Ein Denkmal der sozialen Unterschiede Südafrikas.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Schon am Mittwochnachmittag stellten sich hier die ersten an. Am Abend waren es Hunderte, die in Decken gehüllt übernachteten. Später über Tausend. Dabei öffnete das Ticketbüro des Fußball-Weltverbands Fifa erst 15 Stunden später, am Donnerstagmorgen. Seitdem sind in Soweto sowie in zehn weiteren landesweit verteilten Büros von nun an die verbliebenen 500.000 der 3,2 Millionen Eintrittskarten direkt erhältlich. Und das für alle 64 Spiele – selbst für das Finale waren noch 300 Tickets verfügbar.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ein gewaltiger und zumeist friedlicher Ansturm. In der Hauptstadt Pretoria allerdings fielen die Computer aus, die Fans fürchteten offenbar leer auszugehen und wurden unruhig – die Polizei setzte Pfefferspray ein.&nbsp; In Kapstadt starb ein 64-jähriger Mann an einem Hirnschlag. Er war die Nummer „565“ auf der Warteliste.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Immer deutlicher werden die besonderen Herausforderungen dieses Turniers. Nachdem die letzten fünf Weltmeisterschaften in Industrienationen stattgefunden hatten, passte sich die Fifa nur langsam an die Gegebenheiten des Schwellenlands an. „Mir ist die Diskussion um den späten Zeitpunkt bewusst“, sagte der deutsche WM-Berater Horst R. Schmidt der WELT, „aber für diesen Verkaufsweg müssen erst alle Sitze in den neu gebauten Stadien zugeordnet werden. Eine Vorverlegung war nicht möglich.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Zudem seien auch bei der WM 2006 in Deutschland „weit über 100.000 Tickets“ kurz vor oder während des Turniers veräußert worden, sagte Schmidt. „Neu ist in Südafrika aber sicherlich die Dimension.“ Er war bei dem „Sommermärchen“ vor vier Jahren der Organisationschef. Damals gab es im Zusammenhang mit den Tickets Auseinandersetzungen mit den Datenschützern. Diesmal ist die Aufgabe elementarer.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Nur eine Minderheit konnte sich die Karten über das Internet oder die Bank besorgen, wo das Geld auch noch Monate im Voraus hinterlegt werden musste. „Ich habe es mehrfach probiert, aber meine Bank hat immer wieder abgelehnt. Und Internetzugang habe ich nicht“, sagte Gugu Cele, die „Nummer 31“ der Warteschlange in Soweto. Die Angestellte eines Reisebüros hat sich krank gemeldet, um hier für vier Tickets anzustehen. „Wir haben die ganze Nacht geredet. Die Aufregung steigt.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Andrang gibt der Fifa Hoffnung. Von der schleppenden Nachfrage alarmiert, wurde im Februar bereits das Kontingent der billigsten Kategorie vier (zwölf Euro) von elf auf 20 Prozent erhöht. Es ist für Südafrikaner reserviert, die seit April ergänzend mit einer erweiterten Marketingkampagne gelockt werden. Zusätzliche Kosten: 1,5 Millionen Euro.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch eine Alternative gibt es dazu nicht. „Ich würde mir wünschen, dass noch viele Fans aus dem Ausland kommen“, sagt Schmidt, „aber zu erwarten ist das zu diesem Zeitpunkt eher nicht mehr.“ Schmidt rechnet mit lediglich 250.000 WM-Touristen anstelle der vom Gastgeber prognostizierten Zahl von 450.000. „Diese Zahl ist schwer vorherzusehen, in Deutschland hatten wir mit einer Million Besucher gerechnet.“ Ein Irrtum der schönen Art – am Ende waren es knapp 2,5 Millionen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Allerdings: Der Vergleich ist nicht wirklich fair. Für die europäischen Fans war Deutschland problemlos erreichbar. Interessanter ist der Vergleich mit der WM 2002 in Japan und Südkorea. Damals verkaufte der DFB 2900 Tickets für die ersten drei Spiele der Nationalmannschaft. In Südafrika sind es 3500 von 21.000 verfügbaren. Hinzu kommen für diese Partien etwas mehr als 30.000 Tickets, die über die Fifa-Homepage von Deutschen bestellt wurden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Das dürfte Bundestrainer Jogi Löw durchaus Hoffnung machen: Lediglich die USA (132.000 Karten) und England (71.000) werden wohl mehr Fans mitbringen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erschienen in DIE WELT, 16. April 2010</p>]]></content:encoded>
			<category>WM 2010</category>
			
			
			<pubDate>Tue, 23 Mar 2010 17:35:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Die ersten Verlierer der WM</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/wm-2010/detailansicht/article/die-ersten-verlierer-der-wm//cHash/d9fa0a82f2/</link>
			<description>In Durban sind 500 Menschen wegen eines Stadionparkplatzes umgesiedelt worden</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>An einem Freitagabend erfuhr Ma Busisiwe, dass sie am nächsten Tag kein Haus mehr haben würde. Es blieben ihr ein paar Stunden lang Zeit, Hab und Gut zusammenzutragen und in eine Hütte etwas außerhalb zu bringen – dann kamen die Bagger und rissen das Steinhaus ein, dass sie 19 Jahre zuvor selbst mit aufgebaut hatte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die 57-Jährige steht vor dem King Zwelithini Stadion von Umlazi, einem Township von Durban. Die Erde ist aufgerissen, Männer mit Bauhelmen gehen vorbei – in drei Monaten sollen hier WM-Teilnehmer trainieren, vielleicht sogar Deutschland, das am 13. Juni in einem anderen Stadion von Durban sein erstes Vorrundenspiel gegen Australien bestreitet. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Auf der anderen Straßenseite entsteht ein Parkplatz, in der Mitte liegen ein paar Betonrohre. Genau dort stand bis Juli 2009 ihr Haus. Busisiwe blickt hinüber, an ihrem langen Rock mit den blühenden Blumenmotiven zerrt der Wind. Sie will nicht näher rangehen: „Die Leute kennen mich, das würde Ärger geben.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Sie ist keine Gewinnerin der WM. Rund 400.000 neue Jobs sind zumindest temporär durch die WM entstanden, eines der gewaltigsten Infrastrukturprojekte in der Geschichte des Sports wird Südafrikas Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig verbessern und die Fifa hat mehrere Hilfsprojekte ins Leben gerufen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch Busisiwe gehört zu 500 Menschen, die für die Bauarbeiten um das Trainingsstadion umgesiedelt wurden. Vier Kilometer weiter, von der D-Sektion des Townships in die T-Sektion, wo die Stadt eilig Blechhütten ohne Strom- und Wasserversorgung aufgebaut hat. Vier ihrer Kinder und fünf Enkelkinder wohnten in ihrem alten Haus mit der Witwe. Die meisten leben nun über die Stadt verstreut. Den wenige Quadratmeter großen Raum 257 ihrer neuen Heimat teilt sich die Frau nun mit einer Tochter und zwei Kindern.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Gerechnet hatte sie in den ersten Jahren immer damit, dass sie ihr Haus verlassen muss. 1990 baute sie es illegal auf dem frei stehenden Grundstück, wie es Millionen Südafrikaner im ganzen Land taten. Doch nach ein paar Jahren legte die Stadt Strom und Wasser in die informelle Siedlung – ein Signal der Duldung. Wer in den ersten Jahren nicht von illegal bebautem Land verjagt wurde, wird vom südafrikanischen Gesetz geschützt. Doch die Behörden beharren darauf, dass die Umsiedlung rechtens war, obwohl am am Rand des Parkplatzes noch ein Haus steht: Die Familie hatte als einzige rechtzeitig einen Anwalt auftreiben können. Und der hatte Erfolg mit seinem Einspruch.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Im Jahr 1997 verabschiedete die Provinz KwaZulu-Natal, in der Durban liegt, das Gesetz zur „Eliminierung und Vorbeugung zur Entstehung von Slums“. Seitdem sind hier Umsiedlungen unbürokratischer umsetzbar als irgendwo sonst in Südafrika. Die komplizierte Welt der Rechtssprechung hat wenig mit der von Busisiwe zu tun. Sie besserte ihre Rente damit auf, dass sie bei Fußballspielen im King Zwelithini Stadion selbst angepflanzte Bananen, Avokados und Pfirsiche verkaufte. Umgerechnet 50 Euro kamen an einem guten Tag zusammen – ein, zwei Mal pro Woche. Busisiwe hatte weder Zeit noch Geld, sich einen Anwalt zu besorgen. Sie hatte noch nie mit einem gesprochen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Dafür hat sich nun die Organisation „South Durban Community Environmental Alliance“ (SDCEA) des Falls angenommen – und will für die Rechte der Umgesiedelten notfalls vor Gericht kämpfen. „Die Regierung muss dieser Gemeinde angemessene Unterkünfte bereit stellen“, sagt SDCEA-Sprecherin Lisa Frost Ramsey, „und diejenigen, die Haus und Einrichtung verloren haben, müssen angemessen entschädigt werden. Wir werden im April juristische Schritte einleiten.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Vor dem Anpfiff der WM 2010 am 11. Juni 2010 wird die Angelegenheit nicht mehr geklärt werden können. Busisiwe freut sich nicht auf diesen Tag: „Ich würde zu keinem Spiel gehen, selbst wenn man mir das Ticket schenken würde.“ Sie kennt die Statistiken über den wirtschaftlichen Nutzen der WM nicht, die vielen neuen Hilfsprojekte, die ebenfalls mit dem Turnier verbunden sind. In ihrem Alltag sieht die Frau nur die Nachbarn, die wie sie umgesiedelt wurden. Von denen, sagt Busisiwe, habe niemand einen neuen Job gefunden.&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erschienen in Die Welt, 4. März 2010</p>]]></content:encoded>
			<category>WM 2010</category>
			
			
			<pubDate>Tue, 16 Mar 2010 14:26:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Starre Barrieren</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/politik/detailansicht/article/starre-barrieren//cHash/6c21bde47f/</link>
			<description>Die Wirtschaftskooperation afrikanischer Länder kommt nur langsam in Fahrt</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es war wenig überraschend die Regierung Simbabwes, die an den 125. Jahrestag der Berliner Konferenz bereits vor elf Tagen erinnerte. Das Treffen von Ministern der Europäischen Union, bei dem die Sanktionen gegen das Land wegen anhaltender Menschenrechtsverletzungen um ein Jahr verlängert wurden, sei „ein Rückschritt ins Jahr 1885“ gewesen, hieß es in dem Staatsorgan „Herald“. Schließlich habe Simbabwe wie damals der Kontinent „nicht die Chance zugesprochen bekommen, seinen Fall darzulegen“.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Noch immer wird der 26. Februar 1885 zur Erklärung unwillkommener Ereignisse herangezogen – jener Abschlusstag der Berliner Konferenz, bei der die Kolonialmächte einer Einladung von Reichskanzler Bismarck nach Berlin folgten und deren Vereinbarungen eine elementare Grundlage für die Aufteilung Afrikas in Kolonien bildete. Weit über 1000 kulturell verschiedene Völker wurden durch die willkürlich gezogenen Grenzen getrennt oder – weit wichtiger – zu künstlichen Staatsgebilden zusammengefasst.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Es entstand ein System, „das damit fortfährt, Afrika zu töten“, schreibt das pan-afrikanische Magazin „The African“ in seiner aktuellen Titelgeschichte, und weit nicht zu unrecht auf die angolanische Exklave Cabinda hin, die vom Kongo umschlossen wird. Ein Anschlag auf Togos Fußballteam in der um Unabhängigkeit strebenden Provinz, deren Bewohner von ihrer ethnischen Abstammung mit Angola wenig zu tun hat, machte den Konflikt im Januar deutlich.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Man dürfe die Folgen der Kolonialisierung und auch des Neokolonialismus von Ländern und Unternehmen der Ersten Welt nicht kleinreden, sagt Andreas Eckert, Professor für die Geschichte Afrikas an der Humboldt Universität Berlin, „aber die damals gezogenen Grenzen gehören nicht zu den hervorstechendsten Problemen des heutigen Afrikas“. Zumal sie nach dem Ende der Kolonialzeit zumeist stabil blieben und heute vor allem auf wirtschaftlicher Ebene verteidigt werden: „Der Kontinent vergibt mit seinem hoch reglementierten innerafrikanischen Handel eine große Chance auf ökonomischen Fortschritt.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Laut Studien der Weltbank beläuft sich das Handelsvolumen afrikanischer Staaten innerhalb des Kontinents auf nicht einmal zehn Prozent. Dabei gibt es rund ein Dutzend Wirtschaftsgemeinschaften, teilweise seit Jahrzehnten schon – sei es der gemeinsame Markt des östlichen und südlichen Afrikas COMESA, die Entwicklungsgemeinschaft SADC im Süden Afrikas oder die ostafrikanische Gemeinschaft EAC.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch die Zölle, für viele Staaten eine der wichtigsten Einnahmequelle, sind die teuersten der Welt und die logistischen Kosten immens: ein Container von Mosambik nach Uganda kann genauso viel wie nach Asien kosten, verbunden mit teilweise tagelangen Wartezeiten an den Grenzen. Die viel kritisierten Handelsbarrieren in Industrienationen, die Afrika wichtige Marktanteile kosteten, gelten auch vor der Haustüre.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Viele der Zusammenschlüsse verhandeln außerhalb von Afrika vehement über Freihandelsabkommen Vereinbarungen mit den unmittelbaren Nachbarn aber bleiben Lippenbekenntnisse“, sagt Thembinkosi Dlamini vom südafrikanischen Demokratie-Institut Idasa. Denn die Intensivierung des innerkontinentalen Handels wird in schöner Regelmäßigkeit vermeldet. Die EAC ist eine Zollunion, die SADC ist formal eine Freihandelszone. Vor 15 Monaten vereinbarte der Block sogar mit EAC und COMESA, auf eine gemeinsame Freihandelszone hinzuarbeiten. Sie würde über die Hälfte des Kontinents abdecken.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Sie einigen sich feierlich auf einen Abbau der Handelsschranken und vergessen dann die Umsetzung“, sagt Dlamini, „die Probleme innerhalb der Blöcke sind so groß, dass darauf die Konzentration liegen muss, bevor der Kontinent zusammenrücken kann.“ Manchmal hapere es an der Umsetzung, manchmal aber auch neben komplizierten Quotensystemen an ganz profanen Problemen: „An den Grenzen zu Mosambik gibt es die meisten Zollformulare nur auf Portugiesisch, die Beamten sprechen keine andere Sprache“, so der Analyst.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Das jetzige restriktive System fördert anstelle von Staatseinnahmen Korruption, die bis in hohe Verwaltungsebenen reiche: „Bei derart hohen Bestimmungen sucht sich der informelle Handel seinen Weg.“ Nach einer Studie der US-Behörde für internationale Entwicklung kostet eine LKW-Fahrt von Ghanas Hafenstadt Tema in Malis Hauptstadt Bamako (1800 Kilometer) durchschnittlich 155 US-Dollar Bestechungsgeld und Wartezeit von insgesamt sieben Stunden an Kontrollepunkten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Immer wieder bremst auch die Aussicht auf Profit den Elan der Akteure, so dass sich manche die Frage nach der Lukrativität der Nachbarnationen stellen. „Viele Märkte sind neben dem hohen Aufwands und des Transportrisikos nicht lukrativ genug“, sagt Dlamini. „nehmen sie Malawi: Dort gibt es eine Stromversorgung für 20 Prozent der Bevölkerung, die wenigsten können sich importierte Waren leisten. Es gibt einfach nicht genug Kaufkraft, damit die Unternehmen dort investieren.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Exportwirtschaft der meisten Länder südlich der Sahara ist auf einen hochprofitablen Rohstoff konzentriert, das vor allem für Industrienationen bestimmt ist. Die Industrie ist nicht ausreichend diversifiziert, auch das oft mangelnde Straßennetz verkompliziert den Handel.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Und in manchem Fall lässt die Kooperation die Mitgliedsländer schlicht verwirrt zurück. Sambia ist Teil eines der 15 Mitgliedsländer des SADC-Bündnis südlicher Länder, aber auch des südostafrikanischen Zusammenschluss COMESA. Laut SADC-Vorschriften darf kein Zoll auf südafrikanische Produkte erhoben werden. Die COMESA aber sieht genau das vor.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erschienen in Die Welt, 26. Februar 2010</p>]]></content:encoded>
			<category>Politik</category>
			
			
			<pubDate>Tue, 16 Mar 2010 14:16:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>„Der glücklichste Tag Südafrikas“</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/land-und-leute/detailansicht/article/der-gluecklichste-tag-suedafrikas//cHash/557cff1512/</link>
			<description>Der Autor John Carlin über seine Buchvorlage zum Mandela-Film Invictus</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>„Sport hat die Kraft, die Welt zu verändern. Er hat die Kraft zu inspirieren. Er hat die Kraft die Menschen in einer Art zu vereinen, wie es wenig anderes vermag... . Er ist ein Instrument des Friedens.“</p>
<p><i><br /></i></p>
<p><i>Johannesburg – Die Worte des ehemaligen südafrikanischen Präsidenten mögen ein wenig zu hoffnungsvoll klingen. Doch nie waren sie angemessener als mit Blick auf den 24. Juni 1995, dem Finale der Rugby-Weltmeisterschaft in Südafrika. Das Turnier fand kurz nach Ende der Apartheid statt, Rugby galt als Sport der weißen Minderheit. Überraschend gewann der Gastgeber gegen Neuseeland, zu einem Zeitpunkt, als das Zusammenleben zwischen Schwarz und Weiß noch vom gegenseitigem Misstrauen bedroht war. Nelson Mandela überreichte im grünen Rugby-Trikot den WM-Pokal an Kapitän Francois Pienaar – eine große Geste der Versöhnung, das gesamte Land feierte den Sieg. Am Donnerstag kam der Film „Invictus – Unbezwungen“ in die Kinos, der die Geschichte mit den jeweils für einen Oscar nominierten Morgan Freeman (Mandela) und Matt Damon (Pienaar) in den zentralen Rollen erzählt. Er basiert auf dem Buch „Der Sieg des Nelson Mandela“ des britischen Autoren John Carlin, 53, der im Interview von seinen bewegenden Recherchen erzählt.</i></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>???: Herr Carlin, wo waren Sie am Tag des&nbsp; Finales der Rugby-WM. In Johannesburg im Stadion?</p>
<p>John Carlin: Sie erwischen einen wunden Punkt. Ich habe von 1989 bis 1995 für die englische Zeitung „Independent“ über die politische Transformation Südafrikas berichtet. Kurz vor der Rugby-WM habe ich dann den Korrespondentenjob in den USA angenommen, so dass ich wie der damalige Kapstädter Erzbischof Desmond Tutu, der verzweifelt in San Francisco eine Rugby-Kneipe gesucht hat, das Finale von einer südafrikanischen Bar in Washington DC vom Fernseher aus ansehen musste.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>???: Wann wurde Ihnen die historische Bedeutung dieses Momentes klar?</p>
<p>Carlin: Wir sind in den Jahren zwischen Mandelas Freilassung und den Wahlen 1994 täglich zwischen Euphorie und Verzweiflung geschwankt, 1993 zum Beispiel – nach der Ermordung von Chris Hani (der Aktivist der heutigen Regierungspartei ANC wurde von einem ultra-rechten Apartheid-Unterstützer erschossen, d.Red.) drohte dem&nbsp; Land ein Bürgerkrieg. Auch 1995 war der neue Staat noch nicht wirklich gefestigt. Dann kam dieser Tag, der glücklichste in Südafrikas Geschichte. Das Team gewann und alle – wirklich alle – feierten. Nelson Mandela hat in diesem Moment die Herzen der Weißen gewonnen. Sie haben in diesen Stunden seine Legitimität anerkannt, das Land als Präsident zu führen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>???: War es schwierig, ihn von dem Buchprojekt zu überzeugen? </p>
<p>Carlin: Mandela hat sofort zugesagt, das war entscheidend – danach gingen alle Türen auf. Die Gespräche waren inspirierend für mich, ihm war die Kraft des Sports immer bewusst. Schon während seiner Zeit auf der Gefängnisinsel Robben Island beschäftigte er sich mit Rugby, um mit den Wachmännern ein Thema zu haben, mit dem er das Eis brechen konnte. Bei einem Interview zu dem Buch hat ein riesiger burischer Spieler, der 1995 auf dem Feld stand, so heftig geweint, dass ich ihn umarmen musste. Mit seiner Persönlichkeit hat Mandela so viele Herzen derer aufgebrochen, die ihn persönlich erlebt haben – selbst überzeugte Verfechter der Apartheid. Beim Rugby-Finale aber haben alle im Land diese Magie der Versöhnung erlebt. Jene Momente haben die ultra-nationalistische Bewegung unter Teilen der weißen Bevölkerung zum Erliegen gebracht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>???: Vereinfacht der Film nicht die historischen Zusammenhänge? </p>
<p>Carlin: Der Film basiert im Wesentlichen auf den letzten 120 von fast 300 Seiten. Natürlich war dieses Turnier nicht der alleinige Grund, dass Südafrika ein stabiler Staat werden konnte. Und das Land ist heute auch nicht so glücklich wie an diesem Tag. Aber er erzählt von einer der entscheidenden Phasen in Südafrikas Geschichte. Sie müssen wissen, dass während der Apartheid eine kleine Sektion im Stadion für Schwarze reserviert war. Sie haben immer die andere Mannschaft angefeuert. Bei der WM 1995 aber haben sich alle als Südafrikaner gefühlt, mit dem gleichen Ziel. Und Morgan Freeman ist fantastisch in der Rolle Mandelas, sehr glaubwürdig. Er trifft sogar seinen Akzent sensationell. Auch Matt Damon ist eine perfekte Besetzung.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>???: Hätten Sie sich nicht mehr südafrikanische Schauspieler in den entscheidenden Rollen gewünscht?</p>
<p>Carlin: Ich weiß, dass es diese Kontroverse gab. Südafrika hat eine großartige Filmszene, aber die Welt ist nun einmal wie sie ist. Wäre es ein südafrikanischer Film gewesen, hätte er es kaum über die Landesgrenzen geschafft. Mir war es wichtig, dass diese Story in die Welt getragen wird, gerade in einer Zeit, in der an die großartige Leistung dieses Landes erinnert werden sollte. Und der Film hat, wenn man so will, noch eine Botschaft: Regisseur Clint Eastwood und Freeman sind beide in einem Alter jenseits der 70 Jahre und haben einen Mann portraitiert, der seinen Leistungshöhepunkt ebenfalls dann erreicht hat.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>???: In knapp vier Monaten beginnt die Fußball-WM 2010. Die Organisatoren betonen, dass auch dieses Turnier die Menschen noch weiter zusammenführen soll.</p>
<p>Carlin: Das wird es auch, ein wunderbares Turnier, das den Menschen Stolz bringen wird. Aber Danny Jordaan (der WM-Organisationschef, d.Red.) übertreibt manchmal ein bisschen bei seiner Einordnung der politischen Bedeutung dieses Turniers. 1995 waren die staatlichen Institutionen fragil, das sind sie – bei allen Problemen wie Verbrechen, Arbeitslosigkeit und hohen sozialen Unterschieden – heute unumstritten nicht mehr. Es steht weniger auf dem Spiel als damals. Natürlich kann man darüber diskutieren, ob die ethnischen Gruppen inzwischen wirklich vereint sind. Aber sind sie das in den USA, in Kanada? Ich weiß es nicht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>???: Welche Bedeutung hat dieses Turnier denn für Südafrika?</p>
<p>Carlin: Die entscheidende Ebene ist diesmal die wirtschaftliche, nicht die politische. Ich hoffe, dass die WM den Aufschwung bringt, den sich die Menschen von ihm versprechen. Diese Bedeutung wäre allerdings in einem Gastgeberland wie Mexiko nicht anders. Südafrika ist in vielerlei Hinsicht ein deutlich normaleres Land als damals. Trotzdem: Es wird einer der glücklichsten Monate für die Nation, davon bin ich überzeugt. Selbst wenn Südafrika früh ausscheiden sollte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>???: Sie glauben nicht an einen ähnlichen Überraschungssieg wie 1995?</p>
<p>Carlin: (lacht) Nein, sie gehen diesmal als viel, viel größerer Außenseiter in das Turnier. Südafrika war 1995 im Finale gegen Neuseeland der Underdog, aber vor dem Turnier galt das Land als dritt- oder viertstärkste Mannschaft. Das kann man von Südafrikas Fußballteam nicht behaupten. Nein, das Finale werden sie auf keinen Fall erreichen. Das Schöne ist, dass die Südafrikaner das akzeptiert haben. Sie werden auch nach dem Ausscheiden das Turnier genießen. Es wird keine WM, die dann ihr Momentum verlieren wird. Dafür lieben die Menschen den Sport zu sehr.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erschienen in Die Welt, 18. Februar 2010</p>]]></content:encoded>
			<category>Land und Leute</category>
			
			
			<pubDate>Tue, 16 Mar 2010 13:58:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Stille über Sambia</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/wm-2010/detailansicht/article/stille-ueber-sambia//cHash/f4eb2b1af6/</link>
			<description>1993 starb fast die komplette sambische Nationalmannschaft. Ein Traum blieb am Leben</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nach der letzten Trainingseinheit winkt Trainer Godfrey Chitalu kurz zu ihm herüber. Aggrey Chiyangi geht hin, langsam, noch immer brennt an jenem Mittwoch im April 1993 die Nachmittagssonne über Sambias Hauptstadt Lusaka. Der Verteidiger, mit 20 Jahren eines der größten Talente des Landes, hat gut trainiert, erwartet letzte Anweisungen. Am nächsten Tag reist das Team zum Afrika-Cup-Qualifikationsspiel auf Mauritius, direkt danach in den Senegal, WM-Qualifikation. Mit ihm – natürlich. Doch der Trainer wählt andere Worte. Ein Verteidiger, der in Marokko unter Vertrag steht, habe kurzfristig die Freigabe von seinem Verein für die Länderspieel bekommen: „Es tut mir Leid, aber du fliegst nicht mit.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ein entschuldigender Blick, er habe drei anderen Spielern die gleiche Botschaft übermitteln müssen. Doch Chiyangi dreht sich nur wortlos um und geht wütend in die Kabine. Für ihn steht außer Frage, dass er mit seiner Schnelligkeit, der Sprungkraft, der Technik zu den besten Spielern Sambias gehört. Einer auf dem direkten Weg in eine europäische Liga. Hatten ihn nicht deshalb gerade Power Dynamos verpflichtet, eines der Top-Teams? Chiyangi bringt in seiner Enttäuschung kaum ein Wort über die Lippen, vor allem das Spiel im Senegal soll den Auftakt von Sambias erster WM-Qualifikation bilden, das historische Spiel würde nun ohne ihn stattfinden. Seine Niederlage, die erste große.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Es vergehen einige Tage bis zu dem Morgen des 28. April, der seine Freunde davonreißen und ihm ein zweites Leben schenken wird. Die Haushälterin klopft an die Wohnungstür, aufgeregt, ungewohnt hysterisch. „Aggrey, sie sagen, sie sind alle tot“, stammelt sie, „die Buffalo ist abgestürzt.“ Das klapprige Militärflugzeug, Typ Buffalo DHC-5D, mit der die Regierung seine besten Fußballspieler seit Jahren quer durch Afrika schickt, sei in der vergangenen Nacht nicht wie geplant im Senegal angekommen. Aggrey stürzt zum Radio.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die BBC hat gerade eine Sondersendung zu dem Unglück begonnen, das sich kurz nach einem Zwischenstopp vor der Küste Gabuns ereignet hat. Es gebe ersten Erkenntnissen zufolge keine Überlebenden, sagt die Sprecherin. 18 Spieler, dazu die Trainer, Betreuer – alle tot. Chiyangi, der Ausgemusterte – am Leben. Auch wenn es sich nicht so anfühlt. Benommen geht er zum Stadion von Kitwe, der Industriestadt im Norden Sambias. Unterwegs trifft er Mannschaftskameraden, die instinktiv den gleichen Weg eingeschlagen haben. Es hält sich noch das Gerücht, es gebe zwei Überlebende, doch so recht kann keiner daran glauben. Eine merkwürdige Stille. Der Schock hat sich über das gesamte Land mit seinen damals 8,5 Millionen Einwohnern ausgebreitet.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Während sich Chiyangi auf den Weg macht, klingelt Tausende Kilometer weiter nördlich in einem Haus in Eindhoven das Telefon. Seit 1988 spielt Kalusha Bwalya hier beim PSV in Holland, seit dem Jahr, in dem er bei den Olympischen Spielen in Seoul gegen Italien drei Tore erzielt hat – das 4:0 hatte ihn endgültig zum größten Fußballstar in der Geschichte Sambias gemacht. Er soll erst am Donnerstag in den Senegal reise. Gerade hat Bwalya seine einjährige Tochter Olivia zu den Nachbarn gebracht, nur für die Stunde, während der er im Wald laufen gehen will. Aber, ja doch, das Telefon. Zurück ins Haus.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Finanzdirektor des Verbands ist dran, seltsam, der ruft nie an. „Hallo Kalu? Du musst deine Reise verschieben.“ „Warum?“ „Ich kann nicht viel sagen im Moment. Das Flugzeug, es gab einen Unfall. Im Moment sagen die Leute, dass es neun Überlebende gibt.“ Als Bwalya den Fernseher anmacht, berichtet auch CNN live von der Unglücksstelle im Gabun. Neun Überlebende, denkt der Profi, neun Überlebende. Doch eine Frau spricht in die Kamera: „Es gibt keine Überlebenden.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ein Tag wie in Trance, fremdbestimmt. Freunde kommen, sie haben die Arbeit verlassen. Das Telefon klingelt ununterbrochen, bis zum Abend. Die meisten wollen wissen, ob Bwalya an Bord war, was passiert ist. Doch der Stürmer weiß doch auch nichts. Nur dass er am Leben ist. Und seine Mannschaftskameraden tot. Kann das wirklich sein? Der großartige Torwart Efford Chabala, den er so lange kennt, seit er Fußball spielt. Oder Wisdom Chansa, der Liebling der Massen, mit dem er aufgewachsen ist, einer seiner besten Freunde. Die Leute riefen immer „Wiz...! Wiz...!“ wenn der Stürmer an den Ball kam. Mit ihm hatte er zuerst gejubelt, wenn er eines seiner unzähligen Tore geschossen hatte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der 28. April 1993 ist ein Tag, an dem der Schrecken über das Telefon kommt. Bei Kenneth Malitoli klingelt es in einem Appartement in Tunis, der Hauptstadt Tunesien. Erst vor ein paar Wochen ist der Mittelfeldspieler von Nkana FC Kitwe zu Espérance Tunis gewechselt, wie Bwalya ist er jetzt einer von fünf Auslandsprofis, die individuell anreisen dürfen. Als es klingelt, packt er gerade seine Reisetasche. Als er aufgelegt hat, liegt ihm nichts ferner, als sie zu benutzen. In drei Tagen würden die Trauerfeiern in Sambia beginnen, hatte es geheißen. „Bitte flieg’ nicht“, fleht ihn seine Frau unter Tränen an. „Bitte flieg’ nicht.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Noch ist in diesen Stunden nicht klar, was das Flugzeug zum Absturz gebracht hat. Nein, wie könnte es, erst zehn Jahre später, im Jahr 2003 wird die Regierung ihren Abschlussbericht vorlegen. Der Pilot sei müde gewesen, heißt es da, er hatte das Team am Tag vor der Abreise erst aus Mauritius zurückgeflogen, der mit 3:0 locker erledigten Pflichtaufgabe in der Afrika-Cup-Qualifikation. Die Reise vom Süden Afrikas nach Dakar an der westlichsten Stelle des Kontinents beanspruchte Tankstopps in Brazzaville (Republik Kongo), Libreville (Gabun) und Abidjan (Elfenbeinküste).</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch schon in Abidjan kam das Flugzeug nicht mehr an. 500 Meter vor der Küste Gabuns, kurz vor Mitternacht des 27. April 2003, fing der linke Motor Feuer. Der übermüdete Pilot stellte anstelle dieses Triebwerks offenbar den verbleibenden rechten Propeller ab. Das Todesurteil für 18 Fußballprofis, zwei Trainer, fünf Funktionäre und Betreuer sowie fünf Besatzungsmitglieder – eines der schlimmsten Flugzeugunglücke in der Sportgeschichte. Anders als beim Unglücksflug von München im Jahr 1958, bei dem acht Spieler von Manchester United starben, überlebte niemand.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Malitoli kennt in diesen Momenten keines dieser Details, und doch weiß er Bescheid. Oft hatten er und seine Mitspieler geunkt, dieses Flugzeug werde sie eines Tages alle umbringen. Keiner lachte. Einmal, etwa zwei Jahre zuvor, wurde die Militärmaschine auf dem Weg zu einem Spiel über dem Kongo abgefangen. Die dortigen Sicherheitskräfte fürchteten einen Angriff. Damals war Malitoli an Bord und angesichts der aufsteigenden kongolesischen Luftwaffe sicher, der Buffalo werde nun abgeschossen. Eine eilig eingeleitete Landung verhinderte das, doch das Team wurde verhaftet und kam erst nach diplomatischen Bemühungen des damaligen Präsidenten Sambias, Kenneth Kaunda, wieder frei. Sie spielten und reisten für den Befreiungshelden. Das Team hatte zwei Spitznamen: die „Chipolopolos“ (Gewehrkugeln) – und „KK 11“, benannt nach den Initialen Kaundas.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Da war auch dieser Flug Ende des Jahres 1992 von Lusaka nach Madagaskar, der Insel vor der Südostküste Afrikas. Damals flog das Team in Bestbesetzung, auch Kalusha Bwalya war an Bord. Als die Maschine das Festland hinter sich zurückließ, machte der Pilot eine Durchsage: „Bitte die Rettungswesten anziehen. Sollten wir abstürzen dauert es vier Stunden, bis die Maschine versinkt.“ Einige Spieler haben Fotos gemacht, wie sie mit den Westen gegenüber sitzen. Kaum einer der verbliebenen Profis kann heute auf diese Fotos schauen, ohne in Tränen auszubrechen. Der Unfall hätte jederzeit passieren können, das war allen klar, noch bevor er Realität wurde. Flugsicherheit ist in Afrika ein Problem, mit einer Maschine wie dieser besonders. Spieler, die im Ausland unter Vertrag standen, hatten immer versucht, Flüge mit der Buffalo zu meiden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Malitoli steigt an dem Freitag vor der Beerdigung nicht in das Flugzeug zur Trauerfeier nach Lusaka. Er hat es seiner verzweifelten Frau versprochen, und wäre mental auch nicht in der Lage zu dieser Reise – bis heute hält seine Flugangst an. Sie gedenken der aus dem Leben gerissenen Weggefährten in Tunis, zusammen mit der Familie eines sambischen Spielers, der ebenfalls zu Espérance gewechselt war.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Aber Bwalya fliegt, wie könnte der Superstar der Chipolopolos in diesen Stunden in Eindhoven bleiben. Am Tag nach dem Unglück besucht er noch kurz das PSV-Vereinsgelände. „Keiner von euch zeigt ihm Zeitungsartikel, keiner spricht mit ihm darüber“, hatte der Trainer vorher die Spieler ermahnt. Im Flugzeug besteht der Pilot darauf, dass Bwalya in einer der vordersten Reihen sitzt. Dort fühle man sich sicherer. Der Stürmer versucht sich nichts anmerken zu lassen, redet sich die statistische Unwahrscheinlichkeit eines weiteren Absturzes ein. Ein Mann der Stärke, auch jetzt noch, zumindest hält die Fassade – doch sorgenlos wird er nie wieder ein Flugzeug betreten. „Wenn man jung ist, denkt man, dass nichts passiert“, geht es ihm durch den Kopf. Spätestens an diesem Tag, mit 29 Jahren, endet seine Jugend.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>An einem Samstagmorgen kommt der Stürmer in Lusaka an. Erst am Nachmittag werden die 30 Särge erwartet, die vor der Küste von Gabon geborgen wurden. Doch als die Menschen ihn sehen, fangen sie an zu weinen. Afrikas Fußballer des Jahres 1988 ist das Gesicht des sambischen Sports, er steht für diese tragisch ausgelöschte Mannschaft wie kein Zweiter.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ein paar Stunden verbringt er im „Football House“, dem Sitz des sambischen Fußball-Verbands. Dann wartet Bwalya im Independence Stadion von Lusaka auf seine getöteten Freunde. Hunderte empfangen sie vor dem Flughafen, Zehntausende auf dem Weg zum Stadion. Klagelaute begleiten die Fahrt, die Verzweiflung bahnt sich ihren Weg.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Drei Stunden dauert der Transport der Särge zum Stadion, an normalen Tagen eine Strecke von 15 Minuten. Die Toten sind auf der Ladefläche von Pickup-Trucks aufgebahrt. Nur eine Straße führt zum Flughafen, plötzlich eine Einbahnstraße – gegen die Prozession, die Richtung Stadion drängt, kommt an diesem Tag keiner an. Der Flug der getöteten Fußballprofis ist der letzte für diesen Tag, das gesamte öffentliche Leben steht still.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Im Stadion haben sie die Tore abmontiert, schließlich ist mit den Spielern irgendwie auch das Spielerische verunglückt. Die Särge stehen über das Feld verteilt. 35.000 verabschieden sich, vor der Arena warten noch einmal 100.000, vielleicht noch mehr.&nbsp; Die komplette Nacht pilgern die Menschen von Sarg zu Sarg, singen Kirchenlieder. Nie hat Bwalya so viele Menschen auf einmal weinen sehen. „Die Helden werden zur letzten Ruhe geleitet“, titelt die örtliche Daily Mail. 130 Menschen erleiden Schwächeanfälle, bei zwei hochschwangeren Frauen, die sich von einem Besuch der Trauerfeier nicht abhalten hatten lassen, setzen die Wehen ein.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Am Sonntag werden die Spieler begraben – alle zusammen in einem Kreis angeordnet, nur ein paar Meter vom Stadion entfernt. Sie kommen aus allen Teilen des Landes, aber keine der Familien hat dagegen protestiert, dass sie hier vereint bleiben. Ein Denkmal und massive Grabsteine erinnern an die KK 11 – der „Heroes Acre“.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Das Land trauert weiter, offiziell drei Tage lang, dann soll das Leben wieder stärker als der Tod sein. Dafür hat Kalusha Bwalya immer gekämpft, auch wenn die Trauer bis heute, fast 17 Jahre später, nicht gewichen ist. Wie könnte sie. Bwalya, inzwischen 46 Jahre alt, sitzt im edlen Anzug in einem Café in Melrose Arch, einer der edelsten Gegenden Johannesburgs. Eine Ewigkeit ist seit dem Unglück vergangen, acht Jahre spielte er noch in Mexiko, bevor er nach 147 Länderspielen und 100 Toren vor sechs Jahren für immer&nbsp; aufhörte. Sein Geld verdient Bwalya inzwischen mit dem Handel von Rohstoffen, doch das Herz ist beim Fußball, dem er in Sambia als Verbandspräsident vorsteht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Man kann auf so etwas nicht vorbereitet sein“, sagt der muskulöse Mann, „man hört von Katastrophen, aber das ist immer weit weg. Niemand kann sich wirklich vorstellen, dass es einem selbst passiert. Von einem Tag auf den anderen. Man hält das für einen Traum. Sogar heute denke ich manchmal, dass einer der Jungs vorbeigeht, hier, auf der Straße. Man wacht auf, und dann sind sie einfach wieder da. Unser Fußball wird nie wieder der gleiche sein, aber wir tun unser Bestes, alles was wir können, um diese Lücke zu schließen.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Er hat einen langen Weg hinter sich seit jenen schlimmen Tagen im April 1993. Auf ihn legte die Nation ihre Hoffnung – sie sehnte sich nach neuen Chipolopolos, nach einem neuen Team. Fußball ist der populärste Sport in Sambia, der ehemaligen britischen Kolonie. Ein bisschen Boxen, ein bisschen Leichtathletik noch, aber eigentlich zählt nur Fußball, der auch heute noch aus einer Plastiktüte mit hineingestopftem Papier bestehen kann, gegen den nackte Füße kicken. Die Chipolopolos waren der Stolz der kleinen Nation, die in diesen Tagen unter einer Krise des so wichtigen Markts für Kupfer litt. Experten räumten Sambia gute Chancen für die anstehende Qualifikation der WM 1994 in den USA ein – nie zuvor hatte ein Land aus dem Süden Afrikas an einer Weltmeisterschaft teilgenommen. Der Traum durfte nicht auch noch sterben.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Bwalya ging voran, als Kapitän der alten und neuen Mannschaft, mit Hilfe einer beeindruckenden Welle internationaler Unterstützung. Während die Familien der Toten jahrelang auf Entschädigung der Regierung warten mussten, bekamen sie Spendengelder aus dem In- und Ausland. Gut zwei Monate gab die Fifa Zeit für den Neuaufbau, sie verlegte alle offiziellen Spiele des Landes. Trainer wurde Freddie Mwila, der gerade die Nationalmannschaft Botswanas betreute, aber für sein Heimatland erfolgreich um Freigabe bat. Bwalya war da, Chiyangi, auch Malitoli, der wieder in Flugzeuge stieg. Aber sonst? 30 Spieler lud Mwila zu einem Trainingscamp in der Nähe von Lusaka ein, noch einmal 30 wurden in der Copper Belt-Gegend im Norden des Landes getestet. Das Land hatte eine breite Basis an Talenten. Doch bis zum ersten WM-Qualifikationsspiel gegen Marokko am 4. Juli blieben nur wenige Wochen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Mehrere Länder hatten kostenlose Trainingslager angeboten, Sambia entschied sich schließlich für ein fünfwöchiges Camp in Dänemark. Auch der britische Verband bot die Dienste von Ian Porterfield an: Der Schotte war gerade bei Chelsea entlassen worden, man werde für das Gehalt des renommierten Trainers aufkommen. Die jungen Spieler trainierten unter seiner und Mwalis Leitung, als ob es kein Morgen gebe.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Am 4. Juli 1993, dem ersten offiziellen Spiel der neuen Chipolopolos, war das Independence Stadion überfüllt wie nie zuvor, erinnert sich Bwalya. „Wir sind vor dem Spiel zu den Gräbern vor dem Stadion gegangen. Ich habe den jungen Spielern gesagt, dass es vor uns Leute gab, die ihr Bestes gegeben haben. Könnt ihr euch vorstellen, was sie leisten würden, wenn sie nur einen Tag zurückkommen könnten, um ihren Job zu Ende zu bringen?“ An diesem 4. Juli sei die Energie regelrecht greifbar gewesen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch Marokko war als großer Favorit angereist, schnell führten die Gäste mit 1:0. Pause. Dieses Spiel durfte nicht verloren gehen, nicht dieses Spiel. Die Spieler sangen in der Kabine, kein Gedanke an eine Niederlage. Kurz nach dem Wiederanpfiff ein Foul vor dem Strafraum, Freistoß für Sambia. „Ich habe mir den Ball zurecht gelegt und wusste, dass er reingehen würde“, erinnert sich Bwalya. Das Leder landete genau im Winkel, „eines der schönsten Tore meiner Karriere. Jeder war 200 Prozent über seinem Leistungsvermögen, auch ich.“ Als kurz darauf Johnson Bwalya (die beiden sind nicht verwandt) das Siegtor schoss, taumelte das Stadion, das Land vor Freude. So viel Leben war selten in Sambia.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Energie trug das Team weit, weiter als je zuvor. Zur WM-Qualifikation fehlte am Ende nur ein einziges Tor im letzten Gruppenspiel gegen Marokko. 0:1, schon ein 1:1 hätte gereicht. Und beim Afrika-Cup in Tunesien im Januar 1994 erreichte das Team sensationell das Finale, Nigeria gewann knapp mit 2:1. „Das waren unsere beiden einzigen Spiele, die wir in den zwölf Monaten nach dem Unglück verloren haben“, sagt Bwalya, „wir haben so viel erreicht in diesem Jahr.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch ihm war klar, dass der Fußball unter dem Unglück nachhaltig leiden würde, kein Land kann den Verlust seiner Fußballelite verkraften. 1996 erreichte Sambia noch einmal den dritten Platz beim Afrika-Cup, doch von da an folgten zwölf Jahren, in denen sich das Land entweder nicht für die Kontinentalmeisterschaft qualifizierte oder in der ersten Runde scheiterte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Das Beginn dieses Jahres ist für das südafrikanische Land eine Zeit der Hoffnung. Gerade kommt Kalusha Bwalya aus Angola zurück, wo im Januar der Afrika-Cup 2010 stattgefunden hat. Das Team, das Sambia geschickt hatte, erinnerte ihn an die Jungs von 1994 – „mutig, diszipliniert und kreativ“ seien sie aufgetreten. Das erste Mal seit zwölf Jahren erreichte die Mannschaft wieder das Viertelfinale, der spätere Finalist Nigeria gewann erst nach Elfmeterschießen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Viele Experten trauen der jungen Mannschaft die Qualifikation für die WM 2014 in Brasilien zu. „Wir konnten nach all den Jahren wieder für unser Team jubeln“, sagt Bwalya. Er trinkt noch einen Schluck Tee. Ein paar Sekunden Schweigen. Dann lächelt er. „Diese Jungs haben die Kraft, einen großen Traum zu vollenden. Und sie tun alles dafür.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erschienen im Magazin&nbsp;11Freunde, März 2010</p>]]></content:encoded>
			<category>WM 2010</category>
			
			
			<pubDate>Tue, 16 Mar 2010 13:29:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Der WM-Marathon</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/wm-2010/detailansicht/article/der-wm-marathon//cHash/cee0394ce5/</link>
			<description>Gut drei Monate vor der WM bleiben der Fifa ungewöhnlich viele Hürden</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ein wenig hatte er etwas von einem Krieg der Bilder, dieser bizarre Schlagabtausch zwischen der Fifa und britischen Boulevardzeitungen. Die „Sun“ hatte vorgelegt und Baustellenfotos des unfertigen Quartiers „Royal Bafokeng Sports Campus“ der englischen Mannschaft in Rustenburg veröffentlicht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Am Dienstag konterte Fifa-Generalsekretär Jerome Valcke. Eigentlich sollte er im Luxus Resort Sun City, nur ein paar Kilometer vom Campus entfernt, über die Ergebnisse des Team-Workshops der 32 WM-Mannschaften sprechen. Stattdessen projizierte er zunächst schicke Bilder des Quartiers an die Wand. „Das ist ein Ort mit 68 guten Zimmern, wo man wohnen kann“, sagte Valcke, „man kann fernsehen, Telefon und Internet funktionieren. Die Straße ist nicht perfekt, na und?“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Ton ist rauer geworden, gut 100 Tage vor Beginn des Turniers am 11. Juni in Südafrika. Tatsächlich hat England erst gestern den Vertrag für das Hotel unterschrieben, einen Tag später als von der Fifa vorgesehen und erst nach der Zusicherung, dass die derzeit tatsächlich mäßigen Trainings- und Regernationsmöglichkeiten im Mai im versprochenen Zustand sind.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Frage nach den Quartieren der 32 Mannschaften ist durchaus prestigeträchtig – oft wurde vermutet, dass Südafrika nicht über ausreichend geeignete Anlagen verfügen würde. Diese Befürchtung hat sich für die meisten Teams nicht erfüllt. Im Hotel Velmore der deutschen Mannschaft bei Pretoria laufe bisher „alles nach Plan“, sagte Bundestrainer Jogi Löw, der sich gestern davon noch einmal vor Ort überzeugen wollte, „ob alles vorangetrieben wurde“.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Größeres Kopfzerbrechen aber bereiten der Fifa die eigenen Baustellen – die Stadien und der Ticketverkauf. Neun der zehn WM-Arenen gelten als fertig, doch ausgerechnet die Soccer City nicht, der Ort von Eröffnungs- und Endspiel. Noch immer wird vor allem an den Zufahrtswegen gearbeitet. „Soccer City wird zur WM fertig werden“, sagte Valcke. „wenn sie fragen, ob wir vorher noch Testspiele dort haben werden – ich hoffe es.“ </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ein WM-Start ohne vorherige Tests in der Soccer City wäre eine schwere Hypothek. Große Neubauten wie das Stadion in Kapstadt oder Durban wurden bisher mit Ereignissen vor rund 15.000 Zuschauern und dann unter voller Kapazität erfolgreich getestet. Und so drückte sich WM-Organisationschef Danny Jordaan auch entschiedener aus: „Eswird diese Tests geben, wie es sie in den anderen Stadien auch gegeben hat.“</p>
<p>Doch die Fifa erwartet in den letzten dreieinhalb Monaten Vorbereitungszeit in jedem Fall ein Improvisationsmarathon. „Zu diesem Zeitpunkt könnten wir die WM nicht beginnen“, sagt Valcke, „wir haben noch 108 Tage. Das erscheint kurz und ist es auch. Aber wir werden es schaffen.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Noch immer sind 700.000 der 2,9 Millionen Tickets nicht verkauft, der Weltverband hat gerade den Anteil der billigsten Ticketkategorie (rund 14 Euro) von elf auf 20 Prozent hochgesetzt. „Rekategorisierung“, nennt das die Fifa – ein Synonym für Preisnachlass. Auch die Hospitality-Pakete wurden wegen Vorbehalten und der Wirtschaftskrise nicht wie gewünscht abgesetzt. Ungeachtet der reduzierten Einnahmen erwartet der Weltverband, dass aus den Erlösen die reinen Organisationskosten des Turniers (300 Millionen Euro, ohne Baumaßnahmen) bezahlt werden können.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Lehren bietet das Turnier schon jetzt reichlich: Die Fifa erwägt für die WM 2014 in Brasilien die Einrichtung von weltweiten Ticketcentern. Auch die frühzeitige Suche nach einem eigenen Quartier könnte ein guter Tipp für die Brasilianer sein. Der südafrikanische Verband Safa verlegte im letzten Moment innerhalb von Johannesburg das Camp seiner Nationalmannschaft. Schon jetzt ist klar, dass das ursprünglich vorgesehene Gelände nicht fertig wird.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erschienen in Die Welt, 26. Februar 2010</p>]]></content:encoded>
			<category>WM 2010</category>
			
			
			<pubDate>Mon, 15 Mar 2010 14:45:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>„Deutschland ist Favorit, ganz klar“ </title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/wm-2010/detailansicht/article/deutschland-ist-favorit-ganz-klar//cHash/a329ec61a3/</link>
			<description>Australiens Nationaltrainer Pim Verbeek über die WM und abgeschiedenes Wohnen</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Pim Verbeek ist einer dieser Fußballtrainer, die in ihrer Laufbahn weit gereist sind. Bei der WM 2002 und 2006 betreute der 53-Jährige Südkorea als Co-Trainer. Seine Biografie weist aber auch Stationen in Japan, den Vereinigten Arabischen und den Niederländischen Antillen auf. Seit Ende des Jahres 2007 trainiert der Niederländer nun die Nationalmannschaft von Australien, dem ersten Gruppengegner Deutschlands bei der WM 2010. Im Interview spricht er über die Favoritenrolle der Deutschen, Verletzungspech und Genügsamkeit seiner Mannschaft bei der Quartiersuche in Südafrika.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>??? Herr Verbeek, es war nicht ganz einfach für alle Teams, ein geeignetes Quartier in Südafrika zu finden, das der Engländer in Rustenburg ist noch mitten im Bau. Hatten Sie ähnliche Probleme?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Pim Verbeeek: Nein, das ist längst fertig. Wir werden 20 Kilometer außerhalb von Johannesburg wohnen, da ist nicht viel drum herum. Mit den Australiern geht das, die suchen keinen Trubel. Da ist jede Mannschaft unterschiedlich, die Niederländer haben sich zum Beispiel in Sandton (Johannesburger Wirtschaftszentrum, d.Red.) einquartiert, die brauchen ein wenig Hektik und leben eigentlich bei jedem Turnier in der Stadt. Wir werden unsere Ruhe haben, und das ist gut so.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>??? Wen erachten Sie als Favoriten in der Gruppe?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Verbeek: Das ist Deutschland, ganz klar. Dafür braucht man sich nur die Ergebnisse bei den letzten großen Ereignissen anschauen, Dritter bei der WM und Zweiter bei der EM. Sie sind besonders bei solchen Turnieren stark, mit Teamgeist und starken Einzelspielern. Ich denke, dass sie die Gruppe gewinnen werden und die drei anderen Teams sich um Platz zwei streiten werden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>??? Können Sie sich gegen Serbien und Ghana durchsetzen?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Verbeek: Das hoffen wir natürlich, wir wollen uns übrigens auch gegen Deutschland durchsetzen, ich sage lediglich, dass sie der Favorit sind. Ghana habe ich beim Afrika-Cup genau beobachtet. Sie spielen einen sehr dynamischen Fußball und sind ohne Top-Stars wie Michael Essien ins Finale gekommen – eine herausragende Leistung, natürlich wird das eine schwere Aufgabe für uns. Zumal sie unheimlich viele Talente haben, das hat die letzte U20-WM gezeigt, als sie Weltmeister wurden. Auch Serbien hat eine tolle Qualifikation gespielt, auch wenn ich diese Mannschaft noch nicht so gut einschätzen kann wie Deutschland und Ghana. Aber wir wollen und könen die Vorrunde überstehen, das ist ganz klar.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>??? Woran liegt es, dass Australiens Fußball derart im Aufschwung ist?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Verbeek: Australien hat sich 2006 erstmals für eine WM qualifiziert, und der Stamm der Spieler ist stabil geblieben. Wir verbessern uns ständig und der Zusammenhalt im Team ist außergewöhnlich gut. Das Land ist einfach sportverrückt, unsere Heimspiele sind immer ausverkauft. Ganz Australien steht bei unseren Spielen hinter uns, und das hilft sehr. Der Verband arbeitet dazu sehr professionell, was meine Arbeit erleichtert.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>??? Wie zufrieden sind Sie mit der Form ihrer Mannschaft gut drei Monate vor der WM?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Verbeek: Wir haben im Moment außerordentliches Verletzungspech, mir fehlen gleich mehrere wichtige Spieler, der jetzige Kader unterscheidet sich dementsprechend stark von dem bei der WM. Die Beobachter des DFB brauchen also zu unseren nächsten Spielen gar nicht erst anzureisen (lacht). Aber es ist besser, dieses Pech jetzt zu haben als in drei Monaten, bei der WM.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>??? Und was trauen sie Ihrem Heimatland zu, den Niederlanden?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Verbeek: Sie haben diesmal eine fantastische Truppe zusammen. Auf dem Platz war das eigentlich immer so, diesmal aber gilt das auch außerhalb des Platzes. Vor allem der Sturm ist herausragend, ich traue auch Ruud van Nistelrooy noch den Sprung zu. Sie können ein Wörtchen um den Titel mitsprechen.</p>
<p>&nbsp;</p>]]></content:encoded>
			<category>WM 2010</category>
			
			
			<pubDate>Mon, 15 Mar 2010 14:39:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Die Kraft des Fußballs  </title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/wm-2010/detailansicht/article/die-kraft-des-fussballs//cHash/4993717da3/</link>
			<description>Die Südafrikaner wollen das Turnier genießen - egal wie weit die eigene Mannschaft kommt</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Umgerechnet 30 Euro hat Pumza Mdlalana für ihr Trikot der südafrikanischen Nationalmannschaft ausgegeben. Die Mutter der Elfjährigen hat das Geld durch Putzen im Johannesburger Stadtteil Melville verdient, sie brauchte dafür zwei Tage. Aber ob sie die Summe für die schüchterne Tochter aufbringen würde?&nbsp; Das war nie die Frage.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Schon seit Monaten sind die Südafrikaner dazu aufgerufen, an jedem Freitag das Trikot von „Bafana Bafana“ anzuziehen. Obwohl deren Fußball oft wenig ansehnlich ist, folgen immer mehr dem Ritual des „Soccer Friday“, um ihre Unterstützung zu zeigen. Auch die Kinder dürfen nun anstelle der Schuluniform ab und zu das gelbe Shirt während des Unterrichts tragen. „Wenn Pumza das Trikot anzieht, wirkt sie ein wenig größer, so aufrecht und selbstbewusst läuft sie durch die Gegend“, sagt Dorcas Mdlalana, die Mutter. Dafür würde sie alles tun.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Noch ein paar Wochen bleiben bis zur WM 2010 in Südafrika, der ersten auf dem Kontinent überhaupt. Es ist traditionell die Zeit vor großen Turnieren, in der es hektisch wird – und die verbliebenen Baustellen etwas besorgt von der Weltöffentlichkeit begutachtet werden. In Südafrika, so ahnt man zu Recht, sind es mehr als bei den vergangenen fünf WM-Turniere die allesamt in Industrienationen stattfanden, sei es Deutschland (2006), Japan/Südkorea (2002), Frankreich (1998), den USA (1994) oder Italien (1990).</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Schon jetzt steht fest: Die WM 2010 wird ein wenig chaotisch sein, nicht bis in jedes Detail planbar. An den Gedanken ist man in der lukrativen und durchorganisierten Branche, die in den vergangenen zwanzig Jahren so ziemlich jede Zielgruppe erschlossen hat, nicht gewöhnt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch so ist Südafrikas Fußball nun einmal: ungeschminkt. Vor einigen Wochen spielten zum letzten Mal vor der WM die beiden Soweto-Kultvereine Orlando Pirates und Kaizer Chiefs in der Liga gegeneinander. Es war ein wenig so, wie es wohl bei einigen Spielen der WM sein wird – wer sich nicht drei Stunden vor Anpfiff auf den Weg gemacht hatte, erlebte eine Anfahrt durch ein imposantes Verkehrschaos. Wer aber schon lange vorher im Stadion war, sah den Tanz und die Gesänge zehntausender Fans, die friedlich dem Anpfiff erwarteten. Danach ein 0:0, ohne große Höhepunkte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Aber Pfiffe? „Dafür muss hier mehr passieren“, sagt Mzion Mofokeng, der Kultfan der Pirates. „Beide Mannschaften konnten nicht mehr die Meisterschaft gewinnen, deshalb waren wir mit unseren Gedanken schon ein wenig bei der WM.“ Der rundliche Mann mit der lustigen Zahnlücke ist eines der Gesichter dieses Turniers: Er grinst in diesen Tagen auf ungezählten Plakaten und TV-Spots in Südafrika und wirbt auch bei Fans anderer Vereine um Unterstützung für die sportlich zweitklassige Nationalmannschaft.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Denn kaum einer rechnet damit, dass die Heimelf in die zweite Runde einziehen wird – obwohl die Liga schon Anfang März beendet wurde und die meisten Spieler sich monatelang zusammen auf die WM vorbereiten können. „Wir werden diese WM genießen. Egal wie weit Bafana Bafana kommt “, sagt Mofokeng, „die Aufregung nimmt zu. Die Leute merken, dass dies ein einmaliges Erlebnis wird. Eine zweite WM in unserem Land wird keiner erleben.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Fußball in Südafrika&nbsp; bleibt eben eine Frage der Perspektive. Das Spiel zwischen den Pirates und den Chiefs fand mitten in Soweto statt – Unaufmerksame verließen es mitunter ohne Handy. Doch weit wahrscheinlicher als ein Diebstahl ist bei solchen Begegnungen, dass man mit Sitznachbarn ins Gespräch kommt und mit einer herzlichen Einladung zu einem Besuch wieder nach Hause fährt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Oder die Vuvuzelas: Beim Confed-Cup vor knapp einem Jahr konnte man bei Interviews so mancher Fußballstars aus Europa den Eindruck gewinnen, sie hätten allein die etwas nervigen Tröten auf der Tribüne wahrgenommen. Die wunderbaren Gesänge Tausender, die das „Shosholoza-Volkslied“ anstimmten, erwähnten sie nicht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Zugegeben: Tatsächlich gibt es kaum ein Faninstrument, das Geräuschpegel wie diese Plastik-Trompete erzeugt. Einige Wissenschaftler verglichen sie&nbsp; sogar mit dem Lärm eines startenden Düsenjets, Spieler forderten ihr Verbot. Aber sie gehören zum südafrikanischen Fußball, und der Weltverband Fifa hat bereits angekündigt, man werde sie bei der WM zulassen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Für Stars und Fans mit empfindlichem Gehör gibt es allerdings Hoffnung. Plumpes Ohropax wäre ein bisschen herzlos der Fankultur gegenüber. Das dachten sich zumindest Andrew Chin und Craig Doonan, zwei Ingenieure aus Kapstadt, die zusammen die „African Earplug Company“ aufgebaut haben. Sie brachten, betäubt vom Lärm des Confed Cups, einen Ohrstöpsel in der Form der spitz zulaufenden Vuvuzela heraus. Das breite Ende sieht aus wie ein Fußball.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Die Idee ist gut, weil wir Fußball und Vuvuzela schätzen, aber den Menschen die Freiheit geben zu wählen“, sagt Chin und meint die Wahl zwischen der vollen Dröhnung afrikanischer Fußballkultur und einem um 80 Dezibel reduzierten Erlebnis. Bis zur Weltmeisterschaft sollen die Stöpsel für umgerechnet rund drei Euro im Handel verfügbar sein. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Wenn dieses Turnier eines nicht wird, dann leise. Und das ist gut so. Musik begleitet das Leben, überall. Kleine Kinder singen und tanzen in den Townships. Selbst Präsident Jacob Zuma, der einst als politischer Gefangener auf Robben Island den Gefängnischor organisierte, ließ vor seiner Wahl im April 2009 kaum eine Wahlkampfveranstaltung ohne Tanz- und Gesangseinlage vergehen. In Soweto sind einige schicke Clubs entstanden, wo man auffällt, wenn man nicht zu tanzen beginnt. Dort gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder verschämt in der Ecke stehen und das musikalische Gefühl der Südafrikaner bewundern. Oder einfach mitmachen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Diese gemeinsame Begeisterung erhoffen sich die Organisatoren bei der WM. Seit ein paar Monaten studieren viele Fans den „Diski Dance“ ein: einen Tanz, bei dem das Jonglieren eines Balles mit den Füßen imitiert wird. Das sieht manchmal selbst bei den tanzbegeisterten Südafrikanern ein bisschen witzig aus – aber die Organisatoren geben nicht auf und haben sogar eine Webseite mit der Anleitung eingerichtet (<a href="http://www.learntodiski.com" target="_blank" >www.learntodiski.com</a>). Wer weiß, vielleicht tanzt im Juni die ganze Welt diesen Tanz.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Zuvor bleiben noch einige Baustellen. Das Soccer City Stadion, wo am 11. Juni in Johannesburg das Eröffnungsspiel stattfindet, hinkte – wie auch das in Nelspruit – dem Zeitplan hinterher. Längst nicht alle Infrastrukturprojekte des Transportwesens werden wie anvisiert abgeschlossen sein. Und die Fifa hat mit ihrem komplizierten Ticketverkauf einen Fehler gemacht, den sie erst spät eingesehen hat.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Kritik ist notwendig, doch nicht immer die Schärfe. Manchmal gerät in Vergessenheit, dass dieses Turnier Vorbehalte gegen einen Kontinent nehmen kann, von dem viele kaum mehr als Stereotype kennen. In Südafrika, einer stabilen Demokratie mit knapp zehn Millionen Touristen jährlich, verstört es zum Beispiel, auf das Kriminalitätsproblem reduziert zu werden – während das Land wahrlich bemerkenswerte Schritte unternommen hat, um ein sicheres Turnier zu gewährleisten. „Der Zweifel ist tot. Freie Bahn für 2010“, schrieb Organisationschef Danny Jordaan vor einigen Wochen in einem Gastbeitrag für die Zeitung „The Star“, „dies ist das Jahr, in dem wir, als Nation, unsere Türen und Herzen für die Welt öffnen werden.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>In Südafrika leben die Menschen ungeachtet der verbleibenden Aufgaben der WM entgegen. Schließlich hat der Fußball schon einmal eine positive Rolle in der Geschichte des Landes gespielt. Bis 1992 war Südafrika aus dem Weltverband Fifa ausgeschlossen, der sich den weltweiten Sanktionen gegen das Apartheid-Regime angeschlossen hatte. Jahrzehnte vergingen ohne offizielle Länderspiele und Schwarze, Weiße, Gemischtfarbige und Indisch-Stämmige spielten in getrennten Ligen. Und doch: „In keinem Sport war die Rassentrennung so durchlässig“, sagt Fußballlegende Mark Fish, 36. Seine Mutter ist weiß, der Vater gemischtfarbig – und in der Jugend spielte er trotzdem immer wieder mit schwarzen Freunden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Das hat das Apartheid-Regime nie ganz unter Kontrolle bekommen“, grinst Fish, der inzwischen als TV-Experte arbeitet. Mit der Wits-Universität gab es sogar eine Spitzenmannschaft, die sich schon Ende der siebziger Jahre aus der weißen Liga zurückzog und aus Protest gegen die Regierung in der Liga der Schwarzen mitspielte. Dieser Sport hat permanent versucht, sich dem schrecklichen Weltbild der Apartheid-Regierung zu entziehen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Gerade einmal 20 Jahre ist die Freilassung von Nelson Mandela her, ein Wimpernschlag der Geschichte – und Südafrika freut sich darauf, sein neues Gesicht zu präsentieren. Die Menschen reden in den Bars, an der Supermarktkasse, auf der Straße über die WM: „Ke Nako“ – es ist Zeit. Manchmal ist übrigens auch das deutsche Team Thema, schließlich sind die deutschen Spieler seit einigen Monaten nun viel präsenter in Südafrika: Mitte Februar begann der Privatsender „SuperSport“ mit Live-Übertragungen der Bundesliga. Sie war bis dahin nicht einmal in Ausschnitten zu sehen gewesen. Und so kannten viele nur Michael Ballack aus den Übertragungen der englischen Premier League. Plötzlich begegnen einem in Gesprächen auch Namen wie Mario Gomez oder René Adler.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Das Bild des Landes ändert sich, auch außerhalb der Stadien. In den Geschäften liegen immer mehr Fanartikel aus, die ausgebauten Flughäfen sind längst für die rund 300.000 ausländischen Gäste geschmückt. Zuletzt zog auch die lange schleppend verlaufene Nachfrage nach Tickets an. Es dauert manchmal ein bisschen, bis die Gelassenheit der Südafrikaner in Begeisterung umschlägt. Wenn es aber so weit ist, dann ist sie überwältigend.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Deutlich spürbar steigt die Vorfreude auf dieses Event, das in vielerlei Hinsicht eine positive Seite der Globalisierung symbolisiert. Die besten Fußballspieler der Welt ziehen nach Afrika, nachdem Stars wie Didier Drogba von der Elfenbeinküste (FC Chelsea) oder Samuel Eto’o aus Kamerun (FC Barcelona) seit Jahrzehnten die großen Ligen bereichern. Die besten Fußballvereine verdanken ihre weltweite Präsenz nicht zuletzt afrikanischen Stars. Leg Drain folgt Brain Drain. Industrienationen profitieren nicht nur davon, dass Afrikas beste Akademiker für schmale Gehälter zu ihnen pilgern, auch die besten Fußballspieler bereichern die europäischen Ligen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Letzteres gilt als positiv, haben dank des dort gewonnenen Könnens auf diese Weise doch Länder wie die Elfenbeinküste, Ghana oder Kamerun im Fußball international hohes Niveau erreicht. Es ist ein schöner Aspekt der Globalisierung, schließlich bringen die Profis alle paar Wochen ihre Fähigkeiten in den Nationalmannschaften der Heimat ein. Afrikanische Gesundheitsminister würden sich wünschen, das würde auf ihre in der Heimat ausgebildeten und anschließend oft für immer abgewanderten Mediziner zutreffen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Manchmal hat der Sport nun einmal diese Kraft, die in anderen Bereichen nicht aufzubringen ist. Es ist dieser Sport, der es mehr als jeder andere vollbringt, Vorbehalte und Vorurteile zu überwinden. Sei es auf einem Bolzplatz in Berlin-Neukölln – oder beim WM-Finale in Johannesburg am 11. Juli.</p>
<p>Erschienen im DFB-Journal, April 2010</p>]]></content:encoded>
			<category>WM 2010</category>
			
			
			<pubDate>Tue, 23 Feb 2010 17:47:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Mehr als nur ein Spiel</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/wm-2010/detailansicht/article/mehr-als-nur-ein-spiel//cHash/77d902ba41/</link>
			<description>Auf Robben Island gab es eine Fußball-Liga - Mandela blieb nur das Zusehen</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Als der Schiedsrichter nach miserabler Leistung abpfiff, der Play-Off-Platz verpasst war, da protestierten die Spieler&nbsp; der Atlantic Raiders. Sie wollten Gerechtigkeit, selbst hier, auf dem staubigen Fußballplatz von Robben Island. Jenem Gefängnis, in das sie allein wegen ihrer politischen Einstellung inhaftiert worden waren.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch eine Disziplinarkommission bestätigte das Resultat, und die Emotionen schäumten über: Die Raiders setzten sich während der folgenden Partie auf den Platz. Spielabbruch. Geschlagene fünf Monate wurde über den Protest des Teams verhandelt. Die meisten waren ohne faire Gerichtsverhandlung zu jahrzehntelangen Gefängnisstrafen verurteilt worden, weil sie sich gegen das Apartheid-Regime gewehrt hatten. Innerhalb von Minuten. Auf dem Fußballfeld aber sollte der Gerechtigkeit Zeit gegeben werden. Wenigstens hier.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Was sich auf der Insel vor der südafrikanischen Parlamentsstadt Kapstadt zwischen dem Jahr 1965 bis zur Schließung des Gefängnisses 1991 abspielte, gehört zu den erstaunlichsten Geschichten des internationalen Sports. Bis zu 1400 Häftlinge saßen hier gleichzeitig ein und setzten nach jahrelangen Verhandlungen durch, Fußball spielen zu dürfen. Die Makana Football Federation entstand 1966, benannt nach einem legendären, Xhosa-Krieger – und war straff organisiert mit Trainern, Schiedsrichtern und Funktionären. Gleich im ersten Paragraphen der Satzung ist festgelegt, dass man die Liga strikt nach den Statuten des Weltverbands Fifa ausspielen werde.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Dem prominentesten Häftling war die Teilnahme am Spielbetrieb allerdings verwehrt. Nelson Mandela verbrachte 18 seiner 27 Gefängnisjahre auf Robben Island, bevor er exakt vor 20 Jahren aus dem Gefängnis in Paarl in die Freiheit entlassen wurde – der 11. Februar 1990 ist das inoffizielle Ende der Apartheid, die Geburtsstunde des neuen Südafrikas, die in diesen Tagen im ganzen Land gefeiert wird.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch davor standen lange Jahre der Qual. 15 Minuten pro Tag durfte Mandela auf den Hof. Ein Blick der Hoffnung blieb: Sein Zellenfenster zeigte zum Fußballplatz, der ANC-Führer genoss es, die Spiele durch die Gitterstäbe seiner Zelle zu verfolgen. „Mandela hat oft betont, dass er das liebte“, sagt der ehemalige stellvertretende Fifa-Generalsekretär Jerome Champagne, „als die Gefängnisleitung erkannte, dass darin sein einziges Vergnügen bestand, errichtete sie eine Wand zwischen seiner Zelle und dem Spielfeld.“ Fußball, so die gar nicht einmal falsche Logik, ist das Gegenteil von Isolation.</p>
<p>Die Spielergebnisse erreichten Mandela trotzdem: Die Häftlinge, die für die Zubereitung seines Essens verantwortlich waren und schrieben sie auf kleine Zettel, mit denen sie auch politischen Rat einholten. „Wir haben Briefe mit Plastiktüten versiegelt und die große Essenbottiche getan, die auch in der Isolationshaft genutzt wurden“, erinnert sich Lizo Sitoto, der damals im Tor des Manong FC stand.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>So blieb Mandela mit der Außenwelt wenigstens rudimentär in Kontakt, er antwortete mit auf ähnliche Art geschmuggelte Botschaften. „Seine Nachrichten waren unsere Inspiration“, erzählt Sipoto. „Manchmal benötigten wir auch seinen Rat, wenn es um bessere Haftbedingungen ging.“ Viele mussten damit rechnen, ihr Lebensende auf Robben Island zu verbringen. Der Fußball wurde zum Ritual, das Halt gab, schließlich war ein Ende der Apartheid lange nicht absehbar – und damit ebenso wenig die Freilassung der Häftlinge.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Eine gute halbe Stunde dauert die Überfahrt zu Südafrikas Alcatraz, schaukelnd, wo Atlantik und Indischer Ozean stürmisch zusammentreffen – mit den gleichen alten Booten, die früher die Gefangenen hierher brachten. Die Behörden achten darauf, dass das Weltkulturerbe seine Ursprünglichkeit behält. So ist die Insel&nbsp; anders als Gedenkstätten wie dem Hector Pieterson Memorial in Soweto nicht von Souvenir-Händlern umlagert, die Zahl der Besucher begrenzt. Der Schrecken dieses Ortes ist angesichts von klickenden&nbsp; Touristenkameras dennoch ein Stück weit gewichen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Hier stehen die beiden klapprigen, gelb-schwarz gestrichenen Fußballtore noch immer, im Schatten eines Wachturms und nur einen Steinwurf von den Zwölferzellen entfernt, durch die heute Touristen strömen. Wenig deutet auf die historische Bedeutung dieses etwas zu klein geratenen Feldes hin, improvisiert und staubig wie Tausende Plätze in Südafrika.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>In den Köpfen von Antony Suze aber sind die Bilder der Vergangenheit lebendig, er kann sich noch gut an seine Zeit auf der Insel erinnern. 15 Jahre Haft für seine Mitgliedschaft in der Widerstandsbewegung African National Congress (ANC), ein dunkler Lebensabschnitt – in seinem Grauen lediglich unterbrochen von Suzes Auftritten im Sturm des Serienmeisters Manong FC. Der 67-Jährige spielte in der ersten der drei Ligen. Klein war er, quirlig, ein Laufwunder mit Torinstinkt. „Der Fußball gab uns für ein paar Stunden das Gefühl von Freiheit, trotz der Gefangenschaft.“ </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>1963 wurde Suze verurteilt. Schnell gehörte er zu den Wortführern derer, die das Recht auf Fußball einforderten. „Wir haben anfangs unsere Socken zusammengeknotet und in der Zelle gekickt“, erinnert sich Suze. Ein Feld von ein paar Quadratmetern.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Um Spiele auf dem Hof baten sie vergeblich. „Die Wächter sagten, wir wären zu schwach“, so Suze, „das stimmte auch – wegen des lausigen Essens. Wir wollten trotzdem spielen. Also haben wir genervt.“ Über ein Jahr lang beantragten Häftlingsvertreter bei der Gefängnisleitung mindestens einmal pro Woche Fußballspiele – im Jahr 1965 endlich mit Erfolg.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Samstags, manchmal auch sonntags, sperrten die weißen Wachmänner einen Platz auf, der kaum größer als ein Handballfeld war, hier fanden 1966 die ersten Spiele des frisch gegründeten Makana-Verbands statt. Erst Jahre später wurde ein Gefängnisgebäude abgerissen und die Häftlinge, die 1971 mit Protesten und Streiks insgesamt bessere Haftbedingungen durchgesetzt hatten, bekamen an dieser Stelle einen größeren Platz. Auch wenn die Spieler dank Spenden des Roten Kreuzes inzwischen mit Trikots und Fußballschuhen spielten, war die Spieldauer selten regelkonform. Je nach Laune des Wachpersonals reichte der Freigang auch schon einmal bloß für zwei Spiele, die jeweils 45 Minuten dauerten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Unabhängig davon entwickelte sich eine Atmosphäre, die wohl nur mit der Intensität brisanter Lokal-Derbys vergleichbar ist. „Die ganze Insel war in acht Klubs aufgeteilt“, sagt Manong-Angreifer Suze, „jeder gehörte zu einem Klub, auch wenn er nicht gespielt hat. Man konnte nicht sagen, dass man neutral ist. Nein. Du musstest zu einem Klub halten.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Auf Robben Island, wo ausschließlich politische Gefangene einsaßen, wuchs die Bedeutung der Liga weit über den Sport hinaus. Während die Fifa sich schon in den fünfziger Jahren der weltweiten Protestwelle Südafrika angeschlossen und das von Rassisten geführte Land 1961 zunächst suspendierte und 1976 endgültig von der Fußballgemeinschaft ausgeschlossen hatte, nutzten die Häftlinge den Makana-Fußballverband für eine Botschaft – und sei es auch nur an die Gefängnisaufseher.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Wir diskutierten, wie man eine demokratische und ausgeglichene Gesellschaft aufbauen konnte“, sagt Suze. Das bezog sich nicht allein auf das Zusammenleben von weißen und schwarzen Bürgern: Auf der Insel saßen Insassen verschiedener Ethnien, die mitunter wenig mehr als den gemeinsamen Feind teilten. Auch die Gräben zwischen Vertretern des ANC und der konkurrierenden Widerstandsbewegung Pan Africanist Congress (PAC) waren manchmal tief: „Fußball war eine Möglichkeit für Menschen unterschiedlicher Herkunft, die Organisation eines friedlichen Miteinanders auf dem Fußballfelds zu testen.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der englische Sporthistoriker Charles Korr entdeckte Anfang der neunziger Jahre die Archive des Makana-Fußballverbands, er hat ihre Geschichte öffentlich gemacht. „Sie wollten sich und auch dem Regime beweisen, dass sie alles führen konnten“, sagt er, „eine Liga und ein ganzes Land.“ Viele waren zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt worden und gaben die Hoffnung dennoch nicht auf.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Tatsächlich haben viele aktuelle Spitzenpolitiker des Landes in der Makana-Liga gespielt. Der heutige südafrikanische Präsident Jacob Zuma agierte zunächst als Innenverteidiger, später als Schiedsrichter. Sein Amtsvorgänger Kgamela Motlanthe galt als einer der besten Techniker, sein Minister für menschliche Siedlungen, Tokyo Sexwale, war der Generalsekretär der Liga. Auch Dikgang Moseneke, als Richter am Verfassungsgericht einer der einflussreichsten Juristen, übte sich schon damals in ähnlicher Funktion: als Mitglied der Makana-Disziplinarkommission.&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Damals aber wirkte die Ausrichtung der WM wie eine Utopie. „Wir haben immer für ein freies Südafrika gekämpft“, erinnert sich Raumplanungsminister Sexwale. „Die WM war kein konkreter Teil dieses Traums.“ Allzu fern wirkte die friedliche Transformation zur Demokratie und erst recht jene Bilder, die 2004 um die Welt gingen: Der 85-Jährige Nelson Mandela verkündete bei der WM-Vergabe in Zürich: „Ich fühle mich heute wie ein 15-Jähriger.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch Südafrika hat aus einer Utopie erstaunlich schnell Realität gemacht. Schon im Jahr der Beendigung des Apartheid-Regimes, 1994, begannen die Pläne für eine WM-Bewerbung. Der Fußball hat seinen kleinen Anteil an der positiven Entwicklung des Landes gehabt. Er soll nun einen großen Beitrag zum weiteren Zusammenwachsen der ethnischen Gruppen leisten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Fifa hat diese besondere Bedeutung des Turniers früh erkannt und es wohl auch deshalb nach Südafrika vergeben – trotz Sicherheitsbedenken und Zweifel an ausreichender Infrastruktur, den bestimmenden Themen der Berichterstattung. Geschickt lenken die Funktionäre deshalb die Aufmerksamkeit auf die Gefängniskicker von Robben Island, die ein so starkes Symbol für die Kraft des Fußballs. Vor zwei Jahren wurde die Makana Football Association anlässlich von Mandelas 89. Geburtstag Fifa-Ehrenmitglied. Im Dezember 2009 fand im Rahmen der WM-Auslosung eine Sitzung des Exekutiv-Komitees auf der Insel statt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Auch die Recherchen des Historikers Charles Korr wurden von der&nbsp; Fifa unterstützt. Er hat die Geschichte in einem Buch festgehalten und auch verfilmt. Der Titel steht dabei stellvertretend für das ganze Turnier und könnte passender kaum sein: More than just a game. Mehr als nur ein Spiel.</p>]]></content:encoded>
			<category>WM 2010</category>
			
			
			<pubDate>Fri, 12 Feb 2010 17:46:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Angolas vergessener Krieg</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/politik/detailansicht/article/angolas-vergessener-krieg//cHash/833a9dfb71/</link>
			<description>Nach den Anschlägen auf Togos Team verhaftet die Regierung auch Bürgerrechtler</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Polizei kam während des Mittagessens. Zehn Beamte standen vor der Tür, einige in Uniform mit schweren Maschinengewehren. 30 Minuten durchsuchten sie das Haus von Wirtschaftsprofessor Belchior Lanso, dann nahmen sie den 50-Jährigen mit. &quot;Verbrechen gegen die Staatssicherheit Angolas&quot;, lautet die Anklage.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ihr Mann habe immer gesagt, dass so etwas eines Tages passieren werde, sagt Madalena Bras. Die Ehefrau des Professors sitzt in ihrem kleinen Büro des Cabinda Central Hospital, sie leitet die Personalabteilung des Krankenhauses. Jede Faser ihres Kleids ist bunt, das Gesicht aber wirkt wie erstarrt. &quot;Ich habe mit ihm zusammengelebt, aber ich weiß nichts von politischen Aktivitäten&quot;, sagt sie.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Regen prasselt gegen das Blechdach. Ein paar Sekunden fällt der Strom aus, dann springt ein Notgenerator an. &quot;Ich weiß nur, dass er die Attacken kritisiert hat und seine Meinung nie versteckt hat&quot;, fährt die Frau fort, &quot;er hat immer verurteilt, wenn Menschen getötet werden.&quot; Sie hat ihren Mann seit der Verhaftung am 14. Januar nicht mehr gesehen, ein paar Mal durfte sie Essen zum Gefängnis bringen.</p><div id="ad_article_0" class="noPrint ad"></div><p>&nbsp;</p>
<p>Knapp drei Wochen sind die Anschläge auf das Fußballteam Togos nun her. Mit zwei Bussen war die Mannschaft zum Afrika-Cup in Angola angereist, das Quartier auf dem Gebiet der angolanischen Exklave Cabinda war nur wenige Fahrstunden vom Vorbereitungscamp in der Demokratischen Republik Kongo entfernt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Vier Polizeiautos begleiteten die Mannschaft, als der Konvoi beschossen wurde. Der Busfahrer und zwei Teambetreuer starben, sieben Spieler wurden teilweise schwer verletzt. Das Turnier endet erst am Sonntag. Doch die Leichtigkeit und fröhliche Anarchie der vorangegangenen Turniere in Ghana und Ägypten war diesem Afrika-Cup abhanden gekommen, bevor er überhaupt begonnen hatte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Eilig bekannten sich die Rebellen der FLEC (Front for the Liberation of the State of Cabinda) zu dem Anschlag - jene Organisation, die in einem kaum wahrgenommenen Konflikt seit Jahrzehnten für die Unabhängigkeit Cabindas kämpft, dem gigantischen Vorratslager von Afrikas größtem Erdölproduzenten Angola. Unmittelbar nach der Attacke wurden zwei FLEC-Aktivisten verhaftet.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch längst geht es nicht mehr vordergründig um die Aufklärung des Verbrechens. In Luanda geht der Afrika-Cup weiter, auch in Cabinda - Präsident dos Santos will sich seine Botschaft nicht zerstören lassen. Angola, acht Jahre nach dem Bürgerkrieg eine der stärksten WIrtschaftsmächte Afrikas, ist wieder wer. Doch gleichzeitig greift die Regierung hart durch.&nbsp;Zusammen mit Professor Lanso wurden einige Tage später auch der Anwalt Francisco Luemba und der ehemalige Priester Raul Tati verhaftet - allesamt scharfe Kritiker der Regierung und von Menschenrechtsverletzungen. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Organisation Human Rights Watch teilte mit, sie verfolge &quot;konkrete Hinweise, dass die Verhaftung von Mitgliedern der Zivilgesellschaft ausgeführt wird&quot;. Und Amnesty International rief Angolas Führung auf, &quot;diesen betrüblichen Vorfall nicht als Vorwand für Bürgerrechtsverletzungen in Form von beliebigen Verhaftungen zu verwenden&quot;.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Lanso, Luemba und Tati dienten eingeschüchterten Lokalpolitikern seit Jahren als Sprachrohr für Kritik an der Regierung. Der Gouverneur der Provinz kommt aus der Hauptstadt Luanda, ein Parteisoldat - für Kritik bleibt wenig Raum. Dabei gibt es dafür reichlich Anlass: Cabinda ist für 60 Prozent der Ölproduktion Angolas verantwortlich, gilt jedoch als unterentwickelt. Anders als zum Beispiel im ebenfalls erdölreichen Südsudan, wo die Bevölkerung an den Einnahmen der Konzerne direkt beteiligt werden, fließen nach Cabinda lediglich sechs Millionen US-Dollar (4,27 Millionen Euro) monatlich an Steuereinnahmen aus der Ölförderung - das sind nicht einmal 25 Prozent.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Das sei viel zu wenig, sagt der Rechtsanwalt Martinho Nombo. Zusammen mit seinem verhafteten Kollegen Luemba hat er im Jahr 2005 die Organisation Mpalabanda gegründet, was in der Sprache der Cabinder so viel bedeutet wie: Du kannst die Blüte abschneiden, aber sie wird wieder blühen. Es sei eine neutrale Organisation gewesen, mit dem Ziel, Menschenrechtsverletzungen aufzudecken: aufseiten der Regierung und auch der FLEC. Im Jahr 2006 wurde sie trotzdem verboten, auch Nombo gilt als Staatsfeind: &quot;Auf der Verhaftungsliste steht auch mein Name. Ich rechne jeden Moment damit, dass sie mich holen.&quot;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Auf seinem Schreibtisch türmen sich fünf Stapel mit Akten, andauernd klingelt das Handy. Doch Nombo strömt die Gelassenheit eines Mannes aus, der sich entschieden hat, nicht davonzulaufen. Noch immer spricht er das aus, was die meisten in Cabinda nur zu denken wagen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die 500 000 Menschen der Provinz, so der Anwalt, haben mit ihrer ethnischen Abstammung (Bakongo) wenig mit den Menschen in Angola zu tun. Ihre Volksgruppe weitet sich eher in Richtung Norden gen Kongo aus, von dem die 60 Kilometer von Angola entfernte Exklave umschlossen ist. Die Movimento Popular de Libertação de Angola (MPLA), die inzwischen von dem heutigen Staatspräsidenten José Eduardo dos Santos geführt wird, habe das Gebiet nach der Unabhängigkeit von Portugal im Jahr 1975 mithilfe von Kuba illegal besetzt, um mit den Öleinnahmen den blutigen Bürgerkrieg gegen die von den USA unterstützte Unita zu finanzieren. Neben seinem Schreibtisch steht eine Holzfigur, die sich die Ohren zuhält. Nombo lässt den Druck an seinem mächtigen Körper abprallen, hört bei Drohungen nicht hin - den Mund aber würde er sich nie verbieten lassen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Denn längst sind Worte in &quot;Angolas vergessenem Krieg&quot; (BBC) die größte Bedrohung für die Regierung. Mehr noch als die zersplitterte FLEC - ein Flügel unterzeichnete im Jahr 2006 ein Friedensabkommen, ehemalige Anführer wurden mit Regierungsposten ruhiggestellt. Die Regierung hat den Konflikt für beendet erklärt. Tatsächlich sind Anschläge wie die vom 8. Januar selten geworden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch abseits der Inszenierung des Afrika-Cups, für den die Organisatoren Zehntausende Freitickets inklusive Transport spendierten, brodelt das Konfliktpotenzial unvermindert. 20 Minuten dauert die holprige Fahrt durch die drückende Schwüle des angolanischen Sommers hinaus aus Cabinda City. Am Straßenrand stehen zwei Soldaten mit kugelsicherer Weste und dem Maschinengewehr im Anschlag - das immer wiederkehrende Motiv des Landes, das auch acht Jahre nach Ende des Bürgerkriegs hochgradig militarisiert ist. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Irgendwann geht ein staubiger Weg von der Landstraße ab - in Fünferreihen drängen sich weiße Plattenbauten. In der Nova-Era-Siedlung, einem ehemaligen kubanischen Militärcamp, wurden nach dem Friedensabkommen von 2006 Dutzende FLEC-Kämpfer untergebracht. Sie sollten in die angolanische Armee integriert werden, mit gleichen Rechten im Gesundheits- und Schulwesen für die Familien.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Tiago Maloso steht im Unterhemd vor einer der Baracken. Die Arme sind verschränkt, eine Frau kocht neben ihm auf einer rostigen Radfelge das Mittagessen, überall sind Kinder. 31 seiner 56 Lebensjahre hat er für die FLEC gekämpft, vor drei Jahren hat der Soldat die Waffen für eine bessere Zukunft seiner neun Kinder niedergelegt. Aber es bewegt sich nichts, sagt er: &quot;Die Schulen funktionieren nicht, Wasser müssen wir mit dem Auto holen, die Stromversorgung bricht täglich zusammen.&quot; Seine kleine Rente reicht angesichts der rasant steigenden Preise kaum zum Überleben, fast wehmütig blickt er in seiner dunklen Wohnung auf Bilder, die ihn in der Dreisterneuniform des FLEC-Obersten zeigen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die enttäuschten Versprechungen haben die Bewohner wütend gemacht. Während die Regierung das örtliche Chiazi-Stadion für den Afrika-Cup als Symbol neuer Wirtschaftskraft finanziert hat, stagniert die Region, weil die Stadt noch immer keinen eigenen Hafen hat. Stattdessen müssen die Fischer Cabindas Abstand von den gewaltigen Ölraffinerien halten. Während dort Milliarden verdient werden, klagen sie darüber, dass es immer weniger Fische gebe - die verbliebenen würden dazu noch oft nach Öl schmecken.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch diese Probleme sind in Cabinda Tabuthemen, selbst einige Kilometer weiter, im Kirchenhaus der Gemeinde Paróquia Imacolada Conceição. Sie liegt direkt an der Küste mit Blick auf die Ölplattformen. Der Priester wird bei unangekündigtem Besuch nervös, seinen Namen will er nicht nennen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erst als der angolanische Fahrer in einem anderen Raum ist, spricht der Geistliche. In seinen Predigten habe er weder die Anschläge noch die Verhaftungen thematisiert: &quot;Das ist zu gefährlich geworden.&quot; Aber enttäuscht sei er, nicht zuletzt von Papst Benedikt XVI. - der hatte bei seinem Angola-Besuch vor einem knappen Jahr zwar die Korruption angesprochen, Cabinda aber mit keinem Wort erwähnt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Er wisse nur eins, sagt der Priester: Die Lebensumstände der Menschen müssten sich bald ändern: &quot;Hier in Cabinda ist tief im Inneren jeder Einzelne ein Separatist.&quot; Daran habe sich nie etwas geändert.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erschienen in Die Welt, 28. Januar 2010</p>
<p>&nbsp;</p>]]></content:encoded>
			<category>Politik</category>
			
			
			<pubDate>Tue, 02 Feb 2010 13:54:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Müllberg und Porsche</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/wm-2010/detailansicht/article/muellberg-und-porsche//cHash/4f4a029173/</link>
			<description>Der Afrika-Cup in Angola bietet bislang ein seltenes Bild des Chaos</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ab zwölf Uhr hat Präsident José Eduardo dos Santos diesen Montag zum Feiertag ausgerufen. Niemand soll in Angola arbeiten, wenn sich fünf Stunden später die „Schwarzen Antilopen“ des Gastgeberlandes gegen Algerien für das Viertelfinale des Afrika-Cups qualifizieren. Und so verstopfen am Mittag Hunderttausende Autos Luanda, noch extremer als ohnehin schon: Die Erdöl-Industrie hat die Hauptstadt des südwestafrikanischen Landes zu einem der teuersten und übervölkertsten Orte der Welt gemacht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Während dos Santos selbst wie gewohnt im Hubschrauber einfliegt, dauert die 40 Kilometer lange Strecke vom Stadtzentrum ins Stadion mit dem Auto vier Stunden lang. „So schlimm ist es sonst nie“, sagt der Fahrer, „sie wollen alle gleichzeitig zum Spiel oder nach Hause.“ Während der ersten Stunde legt er kaum 30 Meter zurück.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Quälend langsam, fast surreal ziehen die Kontraste Angolas am Fenster vorbei. Immer wieder drängeln sich wuchtige „Porsche Cayenne“ in enge Autolücken, es scheint das Lieblingsauto der Elite zu sein. Straßenverkäufer bieten in der verkeilten Verkehrsmasse ein halbes Supermarktsortiment an, einer streckt einen DVD-Spieler ans Fenster. An einigen Straßen türmen sich die Müllberge, nur etwas weiter entstehen von chinesischen Firmen errichtete Wohnblöcke. „Project of New Life“ heißt das Viertel – Projekt des neuen Lebens. Eine Botschaft, die Angolas Regierung nach Jahrzehnten des Bürgerkriegs auch mit dem Turnier in die Welt senden wollte. Alles auf Null.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch in der Realität erlebt der Kontinent einen der chaotischsten Afrika-Cup der letzten zwanzig Jahre – auch nach den Anschlägen auf das togolesische Team in Cabinda, bei dem drei Betreuer starben. Am Morgen hatte Ghanas Torwart Richard Kingson auf der Terrasse des „Hotel Presidente“ gestanden. Er verzog das Gesicht, als er vom Training des Vortages erzählte. Der zugeteilte Platz war doppelt belegt worden, das Team musste eine Stunde mit dem Bus zu einem anderen Spielfeld fahren, auf dem es keine Linien gab – und auch keine Tore. „Wir haben zwei Eckfahnen in den Boden gerammt, wie früher als Kinder. Das ist sehr beschämend. Beim Fußball sollte es um Frieden, Liebe und Fairness gehen. Die Menschen müssen etwas gegen die Umstände dieses Turniers tun“, sagt Kingson, 31.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Er spielt in der englischen Premier League bei Wigan Athletic und erlebt damit im Alltag die kommerziellste Inszenierung der Fußball-Branche. Angola aber ist ungeschminkt. Kingson hörte von seinem Fahnen-Tor aus ein Knacken, als sich 25 Meter weiter vorne Michael Essien auf dem holprigen Platz das rechte Knie verdrehte. Der Superstar des FC Chelsea hat einen Marktwert jenseits der 30 Millionen Euro – nun fällt er mit einem Innenbandanriss ersten Diagnosen zufolge mindestens sechs Wochen aus. Essien reiste gestern ab.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Irgendwo im Niemandsland taucht das Cidadela-Stadion auf. Überall Autos, Tausende Fans pilgern geduldig mit ihren rot-schwarz-goldenen Fanmonturen zum Eingang. Vuvuzelas ertönen, aber die Plastiktröten sind längst nicht so dominant sind wie im Land des WM-Gastgebers Südafrika. 50.000 Zuschauer fasst das Stadion, in ein paar Jahren soll sich Luanda bis hierher ausgeweitet haben. Erst einmal aber gibt es nur neue Straßen und diese hoch moderne Arena – wieder waren es chinesische Unternehmen, die sie in Rekordzeit gebaut haben. An solchen Projekten müssen per Gesetz zu 30 Prozent angolanische Firmen beteiligt sein. Doch die können mit dem Tempo Chinas selten mithalten – und beauftragen wiederum chinesische Firmen als Subunternehmer.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Handelspartner aus Fernost stellt auch das Stadionmanagement, das Sicherheitskontrollen wie an einem Flughafen angeordnet hat. Die Zuschauer gehen durch die Sicherheitskontrolle, die bei Metall anschlägt. Daneben parken Kleinlaster mit eingebauten Laufbändern. Jede Tasche wird durchleuchtet. Erhöhte Wachsamkeit: wegen der Terroranschläge, aber auch der Anwesenheit des Präsidenten. Denn dann herrscht beim Afrika-Cup traditionell Alarmstufe eins. Bei dem Turnier in Ägypten vor vier Jahren wurde zwei Stunden vor dem Anpfiff niemand mehr ins Stadion gelassen, weil man Anschläge auf Muhammad Husni Mubarak befürchtete. Selbst der Chef des afrikanischen Fußball-Verbands ging damals entnervt nach Hause.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Das Spiel ist ausverkauft, durchaus eine Seltenheit bei dem Turnier, wo Hotelpreise von 300 Euro pro Nacht die Fans anderer Teams abschreckten. Zwei überdimensionale Bilder vom Staatsoberhaupt dos Santos hängen an den Oberrängen, das Fernsehen zeigt ihn oft auf der Tribüne. Angola erreicht schon bei einem Unentschieden des Viertelfinales in jedem Fall. Den „Wüstenfüchsen“ aber, wie sich die Algerier nennen, reicht ein Unentschieden nur dann, wenn Malawi im parallel in Cabinda stattfindenden Duell nicht gegen Mali gewinnt. In diesem Fall wären sogar sowohl Angola als auch Algerien weiter.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Umkämpft beginnt die erste Halbzeit in der schwülen Hitze, Chancen auf beiden Seiten, ein Spiel ohne Mittelfeld. Der WM-Teilnehmer Algerien ist überlegen, doch selbst die besten Chancen landen nicht im Tor. 0:0 zur Pause – anders als in Cabinda, wo Mali schnell mit 2:0 gegen Malawi führt. In der Halbzeit, wird Algeriens Trainer Rabah Saadane später zugeben, tuschelten sich die Spieler das Ergebnis zu. Ein Unentschieden reicht also beiden Teams zum Weiterkommen, egal wie hoch Mali gewinnt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Es folgen ein paar laue Schüsse Angolas, der Rest des Spiels erinnert an den „Nichtangriffspakt von Gijón“ zwischen Deutschland und Österreich bei der WM 1982 in Spanien. Damals führte Deutschland 1:0, ein Ergebnis, das für beide die nächste Runde bedeutete. Die Profis passten sich gelangweilt die Bälle zu. Das leidtragende Team damals: Algerien – jene Mannschaft, die sich nun minutenlang und ungestört in der eigenen Hälfte den Ball zupasst. Schon vor dem Schlusspfiff gratulieren sich die Spieler gegenseitig.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Rabah Saadane war 1982 Co-Trainer Algeriens, jetzt ist er Cheftrainer. Wütend sitzt er nun in den Katakomben des Cidadela-Stadions. Gerade hat ein Journalist nach einer möglichen Absprache des Ergebnisses gefragt. Ein CAF-Offizieller hat die Frage kurzerhand für unzulässig erklärt, doch Saadane antwortet trotzdem: „Kommen sie nicht mit so einer Frage an, das akzeptiere ich nicht.“ So sei Fußball nun einmal, fährt er immer lauter fort, „ich habe meinen Spielern gesagt, dass sie alles dafür tun müssen, keinen Fehler zu begehen“.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Saadane versucht wie die meisten Trainer, jeden Ärger mit dem Gastgeber zu vermeiden. Angola habe ein gutes Spiel gezeigt – ohnehin präsentiere sich das Land „exzellent“. Ach ja, da sei die Sache mit den Trainingsplätzen, „aber das sei ein Problem, das wir in Zukunft sicher bewältigen können“. Zwei Trainingseinheiten Algeriens waren wegen kurioser Doppelbelegungen ausgefallen, das Team hat das Thema kaum öffentlich gemacht. Malawi aber verpasste vor seiner 0:2-Niederlage gegen Angola auf diese Weise sogar drei Einheiten und legte offiziell Beschwerde beim afrikanischen Verband ein.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Das ist freilich eher als symbolischer Akt zu werten, in dem Land herrschen eigene Regeln. Am Abend gehen Profis eines Teilnehmerlands aus, mit Polizei-Eskorte werden sie auf die Partymeile Ilha chauffiert. Viele sind in Europa unter Vertrag, jetzt feiern sie bis nachts um drei, mitten im Turnier. Immerhin diesen Vorteil hat&nbsp; Angola, das eine extrem restriktive Pressepolitik verfolgt: Paparazzo-Fotografen sind eine Seltenheit.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erschienen in Die Welt, 20. Januar 2010</p>]]></content:encoded>
			<category>WM 2010</category>
			
			
			<pubDate>Mon, 01 Feb 2010 16:36:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Afrikanischer Weltmeister? Möglich</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/wm-2010/detailansicht/article/ein-afrikanischer-weltmeister-moeglich//cHash/91cbc23259/</link>
			<description>Ghanas Nationaltrainer Milovan Rajevac über WM-Gegner Deutschland und Fußball in Afrika</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mal fehlten auf dem Trainingsplatz die Tore, mal waren die Plätze doppelt belegt: Der Afrika-Cup in Angola bedeutete harte Arbeit für den Nationaltrainer von Ghana, Milovan Rajevac. Es ist seine erste Aufgabe in Afrika, zuvor trainierte der Serbe in China und dem Ölscheichtum Katar. Ghana führte er mit defensivem Fußball erstmals seit 1992 wieder ins Endspiel des Afrika-Cups. Das Halbfinale wurde gegen Nigeria mit 1:0 gewonnen, im Finale wartete gestern Ägypten (nach Redaktionsschluss). Im Interview spricht der 56-Jährige über WM-Gegner Deutschland und den afrikanischen Fußballaufschwung.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>WELT am SONNTAG:&nbsp;In knapp fünf Monaten beginnt die WM in Südafrika. Wie wichtig ist für Sie vor diesem Hintergrund der Afrika-Cup?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Milovan Rajevac: In Ghana ist jedes Spiel wichtig, auch wenn dieser Kader mit der WM wenig zu tun hat. Uns fehlen wegen Verletzungen zehn etablierte Spieler, darunter so wichtige Stammspieler wie Stephen Appiah, der in Bologna spielt, und Michael Essien vom FC Chelsea. Aber Ghana hat die letzte U-20-WM in Ägypten gewonnen, wir haben viele talentierte Spieler. Für uns war das Turnier eine Chance, sie etwas besser kennenzulernen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>WELT am SONNTAG:&nbsp;Was erwarten Sie von den afrikanischen Teams bei der WM?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Rajevac: Es wird eine große Rolle spielen, dass dieses Turnier auf afrikanischem Boden stattfindet, das ist ein großer Vorteil. Und mit jedem großen Turnier wird auch der Anteil der Spieler in europäischen Top-Vereinen größer. Diese Spieler bringen wiederum ein hohes Level an Professionalität in die Nationalmannschaften und diesen unbedingten Willen, sich durchzusetzen. Zu zeigen, dass sie mit den Besten mithalten können. Bei dieser WM ist alles möglich - auch ein afrikanischer Weltmeister.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>WELT am SONNTAG:&nbsp;Sie haben auch einige Jahre in China gearbeitet. Welchem Kontinent prognostizieren Sie die größere Zukunft im Fußball - Asien oder Afrika?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Rajevac: Es ist ganz interessant zu sehen, wie viel Geld in Asien in die Strukturen des Fußballs investiert wird. In den dortigen Akademien wird das Training, die Ernährung perfektioniert, besonders in Japan und Südkorea. In Afrika passiert das längst nicht in diesem Maße, auch wenn wir in Ghana inzwischen zwei ordentliche Fußballschulen haben. Doch dort ist die körperliche Veranlagung einfach besser, die Spieler haben mehr Tempo als in Asien. Ein afrikanischer Weltmeister ist deutlich wahrscheinlicher als ein asiatischer, auch wenn der Fußball dort unterschätzt wird.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>WELT am SONNTAG:&nbsp;In Ländern wie Ghana oder Südafrika haben die englischen Vereine mit ihrer Vermarktungsmaschinerie mehr Fans als die heimischen Klubs. Hemmt das nicht die Entwicklung des örtlichen Fußballs?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Rajevac: Das sind völlig unterschiedliche Welten. In einem Land wie Ghana ist es in absehbarer Zeit unmöglich, eine Infrastruktur in ausreichend Vereinen aufzubauen, die für die Entstehung einer großen Liga nötig ist. Im Gegenteil: Die großen europäischen Ligen sind für Ghanas Fußballnachwuchs gut. Jeder von ihnen möchte so spielen wie Michael Essien oder Samuel Eto'o aus Kamerun, die es bei Top-Vereinen geschafft haben. Sie sind in Afrika Helden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>WELT am SONNTAG:&nbsp;Es fällt auf, dass bei diesem Turnier kein deutscher Trainer&nbsp;dabei war. Haben die im afrikanischen Fußball an Stellenwert verloren?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Rajevac: Nein, das ist nur eine Momentaufnahme. Sie haben eine exzellente Reputation. Im letzten Jahr erst hatte ich mit Ernst Middendorp zu tun, er hat in Ghana einen Verein trainiert. Auch Siegfried Bahner, der mit Teams in Nigeria gearbeitet hat, kenne ich. Der deutsche Fußball ist in Afrika nicht zuletzt wegen Puma im Gespräch, das die meisten der großen Teams sponsert.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>WELT am SONNTAG:&nbsp;Sie treffen bei der Weltmeisterschaft mit Ghana auf Deutschland. In der Champions League sind deutsche Spieler in den letzten Runden eher selten zu sehen - wie groß ist der Respekt in Ghana?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Rajevac: Wenn man in der Fußballbranche Deutschland sagt, ist der Respekt immer groß. Sie haben immer zu den besten Teams gehört, und gegen Deutschland ist es noch immer schwer zu spielen. Aber andere Teams schaffen es inzwischen besser, eine große Stärke des Teams zu übernehmen: Sie bekommen es traditionell gut hin, Niederlagen wegzustecken. Dafür haben andere Nationen immer länger gebraucht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>WELT am SONNTAG:&nbsp;Wie groß nehmen Sie den kulturellen Unterschied zwischen Afrika und Europa wahr?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Rajevac: Der ist schon sehr groß. Ich rede viel mit den Menschen und habe großen Respekt vor ihnen. Ich bekomme allerdings nicht so viel mit, da ich viel von Serbien aus arbeite. Und wenn ich in Ghana bin, werden wir manchmal zu sehr abgeschirmt, um viel mitzubekommen. Die Sicherheitsvorkehrungen um das Team sind hoch.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>WELT am SONNTAG:&nbsp;Spielt der Glaube an Juju, an Hexenkraft, im Team eine Rolle, wie es in manchen Ländern der Fall ist?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Rajevac: Ich habe das zumindest nicht mitbekommen, in anderen afrikanischen Ländern hat der Glaube daran eine große psychologische Bedeutung. Aber gebetet wird innerhalb des Teams viel, vor und nach jedem Spiel, jedem Training. Das Christentum ist in der Mannschaft sehr präsent.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erschienen am 31. Januar 2010</p>]]></content:encoded>
			<category>WM 2010</category>
			
			
			<pubDate>Mon, 01 Feb 2010 16:30:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Die verurteilten Opfer</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/wm-2010/detailansicht/article/die-verurteilten-opfer//cHash/95c9e82fba/</link>
			<description>Togo wird nach seiner Abreise vom Afrika-Cup für vier Jahre gesperrt</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Dem Entsetzen nach den Schüssen folgte die Fassungslosigkeit angesichts einer beispiellosen Entwicklung internationaler Sportpolitik. „Abscheulich“, nannte Togos Stürmer Emmanuel Adebayor die Entscheidung des afrikanischen Fußballverbands CAF, sein Team für die kommenden beiden Turniere zu sperren. Das bedeutet: Togo kann erst in sechs Jahren wieder beim Afrika-Cup mitspielen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Man reagiere damit auf die Einmischung von Togos Regierung in den Sport, hieß es am Samstag: Der Premierminister Gilbert Houngbo hatte die Abreise des Teams beim Afrika-Cup in Angola wegen einer Staatstrauer angeordnet. Mit gutem Grund: Unabhängigkeitskämpfer hatten in der unstabilen Provinz Cabinda zwei Teambetreuer und den Busfahrer erschossen. Zwei Spieler und sieben weitere Menschen wurden verletzt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die zynisch anmutende Maßnahme, zu der noch eine Geldstrafe von 50.000 Dollar (36.000 Euro) hinzukommt, löste vor allem in Togo Wut aus. „Wir sind Fußballer, auf die geschossen wurde“, sagte Nationalspieler Thomas Dossevi, „und nun dürfen wir nicht mehr Fußball spielen.“ Die Offiziellen der CAF hatten das Team noch herzlich verabschiedet: Ihre Gedanken würden die Spieler begleiten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Einen derart zynischen Vorfall hat es in der Sportpolitik selten gegeben. Doch der als notorisch chaotische afrikanische Verband, der ausgerechnet vor dem gestrigen Finale zwischen Ghana und Ägypten (nach Redaktionsschluss) die Aufmerksamkeit wieder weg vom Sport lenkte, berief sich auf seine Statuten. „Die Entscheidung der Politiker entspricht nicht dem Reglement der CAF und des Afrika-Cups.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Tatsächlich sieht Artikel 78 der Turnierordnung eine Sperre bei unerlaubter Abreise vor. Doch Artikel 80 besagt, dass ein Rückzug „im Fall höherer Gewalt“ akzeptiert werden kann.&nbsp;&nbsp; Der war zweifellos gegeben, erklärte Nationaltrainer Hubert Velud, der in der Sportzeitung L’Équipe Einspruch ankündigte: „ Das können wir nicht akzeptieren, wir müssen reagieren.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Diese Meinung wird weltweit geteilt, die englische Zeitung „The Observer“ sprach von einem „Gipfel der Taktlosigkeit“. Beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) äußerte man sich zwar etwas vorsichtiger, doch DFB-Präsident Theo Zwanziger sagte der WELT: „Ich kann die Betroffenheit der togolesischen Sportler über diese Entscheidung absolut nachvollziehen.“ Es verbiete sich jedoch, die Entscheidung eines Verbandes, dem der DFB nicht angehört, zu kommentieren, „zumal wir nicht alle Details kennen, die schlussendlich zum Ausschluss geführt haben“.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ähnlich argumentierte DFB-Schatzmeister Horst R. Schmidt, der bei der WM 2010 in Südafrika als Berater fungiert. Doch nach den immer wieder gezogenen Parallelen zwischen dem Afrika Cup und der WM stellte er zumindest klar: „Der Afrika Cup wird von der CAF ausgerichtet, die WM von der Fifa. Beides hat nichts miteinander zu tun.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Das ist beruhigend, denn immer deutlicher wird das katastrophale Krisenmanagement von CAF-Präsident Issa Hayatou, der seit 22 Jahren die Ungeschicke des Verbands lenkt. Nur mit äußerster Mühe gelang es ihm, Togos Gruppengegner Burkina Faso, die Elfenbeinküste und Ghana vom Bleiben zu überzeugen. „Ursprünglich war es so gedacht, dass wir uns alle zusammentun und auch abreisen, wenn Togo gehen will“, gibt Ghanas Hans Sarpei zu, der bei Bayer Leverkusen unter Vertrag steht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Kritiklos aber hatte Hayatou das Festhalten Angolas am Spielort Cabinda hingenommen, obwohl die Unabhängigkeitsorganisation FLEC bereits vor einem halben Jahr mit Anschlägen gedroht hatte. „Im Jahr 1972 wurden elf israelische Athleten bei den Olympischen Spielen in Deutschland ermordet, damals wurden die Spiele auch nicht gestoppt“, verteidigte der Offizielle wenige Tage nach den Anschlägen die Fortführung des Turniers. Dass damals die Delegation Israels wie auch die Sportler Ägyptens, Algeriens und der Philippinen ohne anschließende Sperren abreiste, erwähnte er nicht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Dafür wird sich die CAF und der angolanische Staat mit einer Klage der Familien der Todesopfer auseinandersetzen müssen. „Zwei unserer Landsleute (das dritte Todesopfer war ein angolanischer Fahrer, d.Red.) wurden getötet aufgrund von Fehlern und Versäumnissen der afrikanischen Fußball-Föderation und seines Präsidenten Issa Hayatou, sagte der beauftragte Rechtsanwalt. Die Klage schließe Angola mit ein, weil es ein Krisengebiet für die Austragung gewählt habe.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Togos Superstar Adebayor rief Hayatou zum Rücktritt auf. Und auch Trainer Velud wartet auf ein klares Signal, vor allem der Fifa: „Ich bin gespannt, ob Sepp Blatter diese Entscheidung gutheißt.“ Diese Frage verspricht durchaus Spannung, schließlich&nbsp; ist Sepp Blatter bei seiner geplanten Wiederwahl zum Fifa-Präsidenten im Jahr 2011 auf die Stimmen der CAF angewiesen, dem mit 55 Mitgliedern größten Kontinentalverband. Gestern hieß es auf Anfrage bei dem Weltverband, man werde „keinen Kommentar“ zu dieser Angelegenheit abgeben.&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erschienen in Die Welt, 1. Februar 2010</p>]]></content:encoded>
			<category>WM 2010</category>
			
			
			<pubDate>Mon, 01 Feb 2010 16:25:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Das Leiden Ghanas</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/wm-2010/detailansicht/article/das-leiden-ghanas//cHash/4c803319bf/</link>
			<description>Der deutsche WM-Gegner trifft im Viertelfinale ersatzgeschwächt auf Angola</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Als der ghanaische Botschafter die Situation erkannte, räumte er kurzerhand seine Residenz. Vierzig Fans von vier Fanvereinigungen sind aus seiner Heimat zum Afrika-Cup nach Angola gereist – sie leben während des Turniers in der Villa, immer drei auf einem Zimmer. Der Botschafter hat für sich selbst kurzerhand ein anderes Haus angemietet.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Und so leben die Fußballfans mitten im Regierungsviertel Luandas. Angola ist das teuerste Land Afrikas, schon die Flugtickets von 1200 US-Dollar (833 Euro) pro Person hatte die Regierung Ghanas bezahlt. „Anders hätten wir keine Chance gehabt, uns das zu leisten, die Kosten hier sind unglaublich“, sagt Haji „4040“ Polo, Chef und Gründer von Misugha, des mit 20.000 Mitgliedern größten Fanclubs in Ghana. Die „Black Stars“, Stolz der Nation und im Sommer WM-Vorrundengegner der deutschen Mannschaft in Südafrika, sollten nicht ohne Fans zur Kontinentalmeisterschaft antreten – der teameigene Trommler Joseph Langabel logiert wie die Spieler gar im Fünfsternehotel Presidente.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Immerhin in das Viertelfinale hat die lautstarke Unterstützung mit Trommeln und Trompeten bislang geführt, was mit der Elfenbeinküste, Algerien, Kamerun und Nigeria auch den anderen vier WM-Teilnehmern gelang. Ghana, bei der WM 2006 als Achtelfinalist erfolgreichstes afrikanisches Team, trifft heute (17 Uhr, Eurosport) in der Hauptstadt Luanda auf Gastgeber Angola. Schon das galt im Falle Ghanas als völlig ungesichert&nbsp; angesichts der verletzungsbedingten Abwesenheit von zehn etablierten Spielern. Leistungsträger wie Kapitän Stephen Appiah (Bologna) und John Mensah (Sunderland) reisten gar nicht erst mit, zu allem Überdruss verdrehte sich Superstar Michael Essien auf einem holprigen Trainingsplatz das Knie – und reiste nach einer gespielten Halbzeit gegen die Topfavoriten von der Elfenbeinküste (1:3) wieder ab.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erschöpft setzt sich Trainer Milovan Rajevac, 56, in einen Lounge-Sessel des „Hotel Presidente“ von Luanda. „So dezimiert wie wir ist hier kein Team angetreten“, sagt der Serbe. Und dann natürlich Cabinda, was dort passierte sei „ein Horror“ gewesen. Am 8. Januar beschossen Unabhängigkeitskämpfer die beiden Busse des togolesische Team, die auf dem Weg in das Quartier war, in dem auch Ghana während der ersten Tage wohnte. Ein Fahrer und zwei Betreuer starben, sieben Spieler wurden teilweise schwer verletzt. Ghana hat in den ersten Tagen einen Kondolenzbesuch bei Togos Team hinter sich. Das Quartier in Cabinda war abgeriegelt worden, aufgeregte Funktionäre überredeten das Team aus Ghana zu bleiben, während Togo abreiste. Es hat sich nicht nach einem Fußballturnier angefühlt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Während der Dolmetscher übersetzt, schweift der Blick von Rajevac aus dem Fenster des sechsten Stocks. Baukräne staksen zwischen den Büroblöcken der Stadt hoch, an wenigen Stellen wird soviel gebaut wie in Afrikas neuer Erdöl-Hauptstadt. Er hat viel gesehen, Mannschaften im Ölscheichtum Katar und in China betreut. Dieser Anschlag aber hat Spuren hinterlassen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Immerhin das frühe sportliche Aus hat Ghana verhindert, auch wenn die DFB-Späher wenig Aufschluss für das WM-Spiel gewonnen haben dürften. Hans Sarpei läuft langsam durch die Katakomben des Coqueiro-Stadions, am Vorabend hat das Team mit einem 1:0 gegen Burkina Faso gewonnen, ein Kraftakt wie jeder Tag hier „Diese 23 Spieler sind nicht unser stärkstes Team, aber wir haben trotzdem eine gute Mannschaft“, sagt Hans Sarpei.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Es gab Verwirrung um die Frage, ob die anderen Teams der Togo-Gruppe auch abreisen wollten. Am Anfang sei es so gedacht gewesen, dass bei einem Rückzug von Togo auch die anderen Vorrundengegner abreisen, erklärt Sarpei, „aber im Nachhinein wollte ja Togo auch spielen, da war für uns auch klar, dass wir auch spielen“. Togo wollte nach einer dreitägigen Staatstrauer in der Heimat tatsächlich zurückkehren, wurde aber wegen der Abreise disqualifiziert. Inwieweit Mannschaften wie die Elfenbeinküste um Superstar Didier Drogba vom FC Chelsea auch auf politischen Druck hin blieben, wird wohl schwer zu klären sein.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Sarpei versuchte derweil „zur Normalität zurückzukehren. Soweit das möglich ist. Hinter ihm liegt eine der wenigen problemlosen Trainingseinheiten beim Afrika-Cup, wie immer beendet von einem gemeinsamen Gebet. „Dieses Turnier ist anstrengend“, sagt der Profi von Bayer Leverkusen, „sehr anstrengend.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Einmal musste das Team auf ein Feld ohne Linien und Tore ausweichen. Die Fahrt dauerte eine Stunde lang, nachdem die Organisatoren das Coqueiro-Stadion an zwei Mannschaften gleichzeitig vergeben hatte. Die Mannschaft rammte kurzerhand die Eckfahnen als Pfosten in den Boden.</p>]]></content:encoded>
			<category>WM 2010</category>
			
			
			<pubDate>Sun, 31 Jan 2010 16:49:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Der unvollendete Marsch</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/politik/detailansicht/article/der-unvollendete-marsch//cHash/0a3f9ff67e/</link>
			<description>20 Jahre nach der Freilassung Mandelas blickt das Land auf erfüllte und enttäuschte Hoffnung</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das klinge jetzt so unspektakulär, sagt Ben Becker, der Möbelverkäufer. Aber er habe an jenem Sonntag des 11. Februars 1990 einfach vor dem Fernseher in Pretoria gesessen. Und geweint. Immer weiter, „bis ich die Bilder nur noch verschwommen gesehen habe“. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Bilder jenes Mannes, von dem drei Jahrzehnte lang kein Foto in Südafrika veröffentlicht werden durfte: Nelson Mandela trat, leicht ergraut, in der Abenddämmerung auf den Balkon der Kapstädter City Hall. Die 27 Jahre Haft, nur Stunden zuvor beendet, hatten dem einstigen Schwergewichtsboxer die Pfunde unter dem schwarzen Anzug genommen. Aber nicht dieses beinahe magische Lächeln, von dem sich die Welt die Versöhnung der Nation erhoffte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Das war er also, dachte Becker damals. Jener Mann, den die Apartheid-Regierung all die Jahre als Terrorist dargestellt hatte. Den er, wie so viele weiße Südafrikaner, spätestens zur Militärzeit zu hassen lernen sollte. „Wer eingezogen wurde durfte tagelang nicht schlafen. Danach haben sie immer wieder gesagt, dass dieser Mann mit seinen Leuten die Nation bedroht. Das war Gehirnwäsche.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>In seinem Fall eine erfolgloser Natur. Becker war Jazz-Fan, die Hautfarbe seiner Freunde schwarz. Mehr als einmal wurden sie verhaftet, wenn sie abends im Atteridgeville-Township von Pretoria oder in&nbsp; Soweto zusammen Musik hörten. Sie haben die gemeinsamen Konzerte nie aufgegeben, erst recht nicht die Freundschaft. Es war ihr kleiner Beitrag zu jenem 11. Februar 1990.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>20 Jahre soll dieser Tag nun her sein. Becker steht in seinem Gebrauchtmöbelladen in Cresta, Johannesburg. 56 Jahre ist er inzwischen, das Schleppen fällt schwerer. Gerade hat er einen Tisch und sechs Stühle ausgeliefert. Beim Tragen in der Hitze hat ihm sein Angestellter Kleinboy Mphahlele geholfen. Er ist Zulu, ein guter Freund, wenn auch kein ausgesprochener Jazzfan. Der Kampf um das wirtschaftliche Überleben hat sie zusammengeschweißt anstelle von Musik oder politischer Gesinnung. Die Gegenwart.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Becker sitzt heute wieder vor dem Fernseher. 20.000 werden allein vor dem Gefängnis von Paarl nahe Kapstadt erwartet, in dem Mandela die letzten seiner 27 Gefängnisjahre verbrachte. Die Luftwaffe plant eine Luftshow, im ganzen Land finden Konzerte statt. Tausende werden eine symbolische Strecke von 500 Metern abgehen, um an seine ersten Minuten in zurück gewonnener Freiheit zu erinnern.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Und Mandela selbst, inzwischen oft auf einen Rollstuhl angewiesen und mit seinen 91 Jahren zunehmend geschwächt, hat bei der Eröffnung des Kapstädter Parlaments einen seiner selten gewordenen öffentlichen Auftritte geplant. Zweifellos der Höhepunkt der Feierlichkeiten, deren Strahlkraft auch Jacob Zuma nutzt. Der aktuelle südafrikanische Präsident hat seine Rede zur Lage der Nation in den Abend verlegt. Das gab es noch nie, doch das Volk soll live mitverfolgen, wenn er die Leistung seines Amtsvorgängers Mandela in dessen Anwesenheit preist.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Zuma hatte davon zuletzt bei den wichtigsten Wahlkampfveranstaltungen mit seiner Regierungspartei African National Congress (ANC) im Frühjahr 2009 profitiert, als Mandela überraschend aufgetreten war. Beide eint das rhetorische Geschick, das Austarieren unterschiedlicher Interessen – Fähigkeiten, die in den ersten Monaten seiner Amtszeit selbst die schärfsten Kritiker positiv überraschte. Nun aber, im Angesicht der komplizierten wirtschaftlichen&nbsp; Lage, holt ihn die Last der Erwartungen und Versprechungen ein.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Während Südafrika in den vergangenen 17 Jahren wirtschaftlich enorm gewachsen ist, dringt der wirtschaftliche Erfolg nicht ausreichend an die Basis durch. 500.000 neue Arbeitsplätze hatte Zuma für das Jahr 2009 angekündigt, am Ende fiel fast die doppelte Zahl der ersten Rezension seit 17 Jahren zum Opfer. Jeder Vierte ist arbeitslos (einige inoffizielle Erhebungen gehen von 40 Prozent aus).</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Kein anderes Land hat gleichzeitig so enorme soziale Unterschiede – der Abstand zwischen Arm und Reich ist seit der Wahl von Mandela zum Präsidenten im Jahr 1994 sogar größer geworden. „Der ANC hat es entgegen der Erwartungen geschafft, eine moderne Wirtschaft aufzubauen“, sagt Frans Cronje vom Südafrika-Institut für die Beziehungen ethnischer Gruppen, „aber er hat entgegen der Erwartungen versagt, die Lebensbedingungen zu verbessern.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Kenneth Dilata gehört zu jenen, für die sich seit dem 11. Februar 1990 wenig verändert hat. Der 43-Jährige steht vor der St. Pauls-Kirche des Soweto-Townships südwestlich von Johannesburg. „Millionen sind in den Tagen von Mandelas Freilassung hierher gekommen, es war das Herz des ANC“, erzählt er, „über uns kreisten die Hubschrauber, wir haben 48 Stunden lang in den Straßen vor der Kirche gefeiert, bis Nelson Mandela am 12. Februar nach Orlando West kam. Keiner hat auch nur eine Minute geschlafen.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Für diesen Moment hat Dilata seine Jugend und damit auch seine Ausbildung geopfert, mit Mandelas Ex-Frau Winnie und anderen Aktivisten übernachtete er im Befreiungskampf oft auf der Straße, trank aus Pfützen. 20 Jahre später schlägt er sich noch immer mit Gelegenheitsjobs durch, wohnt in einem kleinen Zimmer ohne Wasserzugang.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Schon zu Mandelas Amtszeit, zwischen den Jahren 1994 und 1999, wurden viele Erwartungen an den ANC enttäuscht – unter anderem das in der Verfassung zugesicherte flächendeckende Grundrecht auf fließendes Wasser und Strom. Mandela sei auch zu nachlässig mit der Verbrechensbekämpfung umgegangen, sagt Dilata. Sein Groll aber richtet sich gegen die aktuelle Politikergeneration des ANC, aus dem er längst ausgetreten ist.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Denn ohne Mandela hätte es in den vier Jahren der Transformation ein Blutbad gegeben, da ist sich Dilata sicher. „Das Problem war nicht allein die Auseinandersetzung mit den Weißen“, sagt er, „es gab Unruhen auch zwischen Teilen der schwarzen Bevölkerung.“ Die Führung des ANC war damals von der ethnischen Gruppe der Xhosas geprägt, zu der auch Mandela gehört. Die Konflikte mit der von Zulus dominierten „Inkatha Freedom Party“ (IFP) kostete Anfang der neunziger Jahre Hunderten das Leben.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Immer wieder sei Mandela gegen den Rat seiner Parteifreunde in die Provinz KwaZulu-Natal gereist und habe vor feindlich gesinnten, schwer bewaffneten Aktivisten geredet, erzählt Dilata. „Einmal standen sie sogar vor dem ANC-Haus in Johannesburg. Mandela hat es irgendwie geschafft, den Konflikt zu besänftigen.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Kraft der Symbolik beherrscht auch Zuma, doch seine Person hat nicht ansatzweise die Integrität Mandelas. Mit seiner Polygamie – er ist nach dem Recht der Zulus mit drei Frauen gleichzeitig verheiratet – hatten sich viele abgefunden. Doch seit der Präsident, offiziell bis dato Vater von 19 Kindern, vor einigen Tagen einräumte, ein uneheliches Kind gezeugt zu haben, steht er massiv in der Kritik. Zumal das Beispiel seines Privatlebens seine eigentlich erfreulich offensive Anti-Aids-Politik konterkariert.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ohnehin leidet der ANC mit Zuma an der Spitze darunter, dass die Partei immer weniger an den Verdiensten der Vergangenheit gemessen wird und die Versäumnisse der Gegenwart in den Vordergrund rücken, die trotz der insgesamt positiven Entwicklung Südafrikas vorhanden sind: In den vergangenen Wochen nahmen in mehreren Townships die Proteste gegen ausbleibende Staatsleistungen zu.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>So wird der Jubiläumstag als willkommener Blick in die Vergangenheit politisch genutzt. Zuma spielte den Beitrag am Systemwechsel von Frederik Willem de Klerk, dem letzten Präsidenten der Apartheid-Ära, herunter: „Lasst euch nicht irreführen von Menschen, die behaupten, ihnen sei über Nacht eingefallen, diesen Mann freizulassen.“ Es sei der Befreiungskampf des ANC gewesen, der dazu geführt habe.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Das war, zusammen mit internationalen Sanktionen zweifellos der Hauptgrund. Doch die Respektlosigkeit Zumas gegenüber de Klerk stößt selbst in der ANC-Hochburg Soweto übel auf. Dilata zeigt auf eine viel befahrene Straße: „Dort wo jetzt die Bushaltestelle ist haben wir de Klerks Gesicht neben das von Mandela gemalt.“ Neben ihm steht Catherine Xaba, die 57-Jährige verkauft Schmuck aus Plastikkugeln. „Wir alle hatten Angst, dass de Klerk Opfer eines Anschlags von Rassisten werden könnte. Ich habe damals für beide gebetet.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ein Südafrika ohne Mandela will sich keiner so recht vorstellen – erst recht nicht im Jahr der Weltmeisterschaft, die in genau vier Monaten beginnen soll – mit Mandela auf der Tribüne. Schon jetzt werden seine rar gewordenen Statements schmerzlich vermisst, im gesamten Südlichen Afrika. Kaum einer fand klarere Worte zur Situation im Nachbarland Simbabwe als Mandela, der Robert Mugabe manipulierten Wahl im Jahr 2008 als „tragisches Scheitern der Führung“ bezeichnete. Als sein ältester Sohn an Aids starb, machte er im Januar 2005 die Todesursache öffentlich – zu einer Zeit, als HIV/Aids trotz über fünf Millionen Infizierter tabuisiert wurde.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Madiba, wie er hier genannt wird, ist das Gewissen des Landes, unverzichtbares. Doch Südafrika gilt als stabil, die politischen Institutionen und seine Zivilgesellschaft sind vergleichsweise stark, das gibt vielen Analysten Hoffnung. Eines aber steht fest, sagt Dilata: „Wenn er geht, wird das Land stillstehen. Für eine lange Zeit.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erschienen in DIE WELT, 11. Februar 2010</p>]]></content:encoded>
			<category>Politik</category>
			
			
			<pubDate>Tue, 12 Jan 2010 22:04:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Zobels Uweseeler-Tröten</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/wm-2010/detailansicht/article/zobels-uweseeler-troeten//cHash/8847ca7487/</link>
			<description>Der deutsche Trainer über Sicherheitsparanoia, deutsche Eigenarten und WM-Gegner Ghana</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Als die Spieler der Moroka Swallows zu singen beginnen, winkt Rainer Zobel kurz in die Katakomben des NMMU-Stadions von Port Elizabeth. Ein paar Sekunden Einblick in die Kabine, jenen Ort, den Fußballmannschaften normalerweise für Fremde verriegeln. Im Kreis stehen die Südafrikaner, tanzen und singen, auf Zulu, laut, gar nicht einmal untalentiert. Etwas abseits steht Zobel, seit einem halben Jahr ihr deutscher Trainer. In einer Viertelstunde tritt das Team zum Testspiel gegen den VfL Wolfsburg an (Endstand 1:2), beide verbindet der Hauptsponsor Volkswagen, der den Besuch des deutschen Meisters arrangiert hat. Zobel will eigentlich noch ein paar Worte sagen, aber dieses Ritual würde er niemals unterbinden. Im Interview spricht der weitgereiste 61-Jährige über Sicherheitsparanoia vor der WM 2010, deutsche Eigenarten und WM-Gegner Ghana.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>DIE WELT: Deutsche Trainer werden seit vielen Jahren immer wieder in Afrika angestellt. Hindert oder hilft der Perfektionismus, der uns nachgesagt wird?</p>
<p>Rainer Zobel: Er kann helfen, zumal es besonders im südafrikanischen Fußball an Strukturen mangelt. Es gibt kaum Jugendmeisterschaften oder ein konkurrenzfähiges Nachwuchssystem, was bedeutet, dass vielen Spieler die Grundausbildung fehlt – ob Torschüsse oder Ballkontrolle. Aber es läuft nicht immer alles perfekt, man muss sich von der deutschen Mentalität auch trennen und Dinge zulassen. Die Spieler haben seit Jahren vor dem Anpfiff gesungen, das werde ich niemals verhindern. Ich habe nur dafür gesorgt, dass sie früher anfangen, damit ich vor dem Herauslaufen noch ein paar Worte sagen kann. Unser Zeugwart verbrennt vor dem Anpfiff in der Kabine aus Aberglaube auch oft ein Stück Pappe mit einem komischen Wachs. Er nimmt jetzt weniger, weil ich Sorge habe, dass das gesundheitsschädlich ist.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>DIE WELT: Wie würden sie das Niveau des südafrikanischen Fußballs einschätzen?</p>
<p>Zobel: Nicht sehr stark, aus meiner Mannschaft haben nur wenige Spieler das Potenzial für die Bundesliga. Technisches Talent ist da, aber es fehlt an der Ordnung im Spielaufbau. Und nicht alle haben diesen unbedingten Willen. Nach drei Siegen sind sie zufrieden, und dann verlierst du wieder dreimal in Folge. Unsere Saison hat schlecht begonnen, jetzt haben wir uns gefangen und stehen immerhin auf Platz acht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>DIE WELT: Die Moroka Swallows stammen aus einem alten Bezirk Sowetos, dem größten Township des Landes bei Johannesburg. Dort dominieren die Orlando Pirates und Kaizer Chiefs.</p>
<p>Zobel: Ja, das ist ein Problem, wir haben längst nicht so viele Zuschauer. Und in unserem Team gibt es mehr hellhäutige Spieler als in jedem anderen – das ist vielleicht ein Identifikationsproblem. Wir spielen jetzt wieder in einem Stadion in Soweto, Ich hätte es gut gefunden, wenn man in ein Gebiet gegangen wäre, wo sich Dunkel- und Hellhäutige mehr mischen. Das wäre eine große Chance gewesen, neue Fans zu gewinnen und einen Beitrag zur Annäherung der ethnischen Gruppen zu leisten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>DIE WELT: Sie leben seit einem halben Jahr in Johannesburg. Wie schätzen sie die Sicherheitslage ein?</p>
<p>Zobel: Zunächst einmal: Es ist ein tolles Land. Ich halte mich an ein paar Grundregeln, wohne zum Beispiel in einem „Security Complex“, einer ummauerten Häusersiedlung mit eigenem Wachpersonal. Meine Söhne haben mich besucht und gesagt: Du lebst ja im Gefängnis. Aber ich nehme diese Mauern nicht wahr. Man muss knallhart warnen, wo man nicht hingehen sollte. Aber in vielen Gegenden kann man sich auch frei bewegen. Mich regt es auf, wenn zum Beispiel Oliver Kahn im ZDF nach dem Tod von Peter Burgstaller (der österreichische Ex-Torhüter wurde 2007 auf einem Golfplatz nahe Durban erschossen, d.Red.) sagt, dass sich die deutsche Mannschaft komplett umstellen muss. Nach dem Motto: Da kann man nicht einmal Golf spielen. So etwas wie mit Burgstaller passiert so gut wie nie.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>DIE WELT: Sie machen sich keine Sorgen um leichtsinnige WM-Touristen?</p>
<p>Zobel: Um die Stadien herum und den wichtigen Stadtteilen wird es absolut sicher sein. Aber am späten Abend sind viele Straßen gerade während der kühlen WM-Monaten früh leer. Ich hoffe, dass angetrunkene Fans dann nicht losziehen und einfach mal schauen, wo noch was los ist.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>DIE WELT: Was bedeutet die WM für das Land?</p>
<p>Zobel: Das ist eine Riesenchance. Es ist allerdings zu viel Geld in teure neue Stadien geflossen, dabei gab es oft schon vorher gute. Es gibt nun viel zu viele – das Geld, das da geflossen ist, hätte man besser in die Infrastruktur investieren sollen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>DIE WELT: Wie stark schätzen Sie den deutschen Gruppengegner Ghana ein?</p>
<p>Zobel: Sehr stark, ein geschlossenes, gut strukturiertes Team – auch wenn Sie vor zwei, drei Jahren noch überzeugender waren. Sie werden große Unterstützung haben, ich gehe davon aus, dass die afrikanischen Fans sich bei Spielen gegen Teams aus anderen Kontinenten gegenseitig anfeuern werden. Das stärkste afrikanische Team ist allerdings die Elfenbeinküste.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>DIE WELT: Diese Teams werden von dem Lärm der Vuvuzela-Tröten vermutlich weniger eingeschüchtert sein als die Europäer.</p>
<p>Zobel: Viel nerviger ist eigentlich die laute Musik aus kaputten Boxen vor dem Spiel. Die Vuvuzelas hören sich im Stadion nicht so schlimm an wie im Fernsehen. Ich finde, der Name klingt auch irgendwie deutsch: Ich nenne sie nur noch Uweseelers.</p>
<p>&nbsp;</p>]]></content:encoded>
			<category>WM 2010</category>
			
			
			<pubDate>Mon, 11 Jan 2010 22:31:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Dr. Rote Beete gestorben</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/politik/detailansicht/article/dr-rote-beete-gestorben//cHash/5270ba1b25/</link>
			<description>Die ehemalige Gesundheitsministerin trug Mitschuld an unzähligen Toten</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Kondolenz-Bekundungen waren freundlich – und sparten deshalb das große Versagen von Manto Tshabalala-Msimang weitgehend aus. Südafrikas ehemalige Gesundheitsministerin starb am Mittwoch im Alter von 69 Jahren an den Spätfolgen einer Lebertransplantation. Bis zum Jahr 2008 hatte sie fast zehn Jahre lang die desaströse Bekämpfung der HIV-Epidemie zu verantworten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Vereinigung der Krankenschwestern würdigte ihren „enormen Einsatz im Freiheitskampf“. Die Oppositionsführerin Helen Zille nannte sie vorsichtig kritisch eine „kontroverse Politikerin“. Das Präsidentenbüro von Jacob Zuma aber wagte die Mitteilung, sie habe „durch die Einführungen von Systemen eindrucksvolle Verbesserungen im Kampf gegen HIV erzielt“.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Das wiederum ist nicht weniger als die Umschreibung südafrikanischer Geschichte. 5,7 Millionen Menschen sind HIV-positiv – mehr als in jedem anderen Land. 1000 Menschen sterben. Am Tag. Tshabalala-Msimang aber, eine verdiente ANC-Aktivistin der Anti-Apartheid-Bewegung, verharmloste das Virus während ihrer knapp zehnjährigen Amtszeit. Lange blockierte sie im Einverständnis mit dem damaligen Präsidenten Thabo Mbeki die Auslieferung von antiretroviralen Medikamenten an öffentliche Krankenhäuser. Auf deren „giftige Wirkung“, hat „Dr. Rote Beete“ (Mail&amp;Guardian) oft hingewiesen, während sie gesunde Ernährung als Behandlung empfahl. 300.000 Aids-Tote hätten einer Harvard-Studie zufolge verhindert werden können.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Südafrika hat den Kampf gegen das HIV-Virus inzwischen verbessert, vor allem unter Zuma. Umfangreiche Kampagnen laufen, die nötigen Medikamente sind längst auch im öffentlichen Gesundheitswesen verfügbar gemacht worden – wenn auch nicht im nötigen Umfang. Bislang werden überwiegend Patienten mit niedriger Zahl weißer Blutkörperchen versorg. Zuma will innerhalb von zwei Jahren 80 Prozent aller Infizierten mit antiretroviralen Medikamenten versorgen. Dieses Ziel allerdings, verkündete der aktuelle Gesundheitsminister Aaron Motsoaledi kürzlich, wird wegen logistischer Probleme kaum zu realisieren sein.</p>
<p>Erschienen in Die Welt, 18.12.2009</p>]]></content:encoded>
			<category>Politik</category>
			
			
			<pubDate>Mon, 11 Jan 2010 22:22:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Zumas Mann fürs Grobe</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/politik/detailansicht/article/zumas-mann-fuers-grobe//cHash/caa919503d/</link>
			<description>Julius Malema, Jugendchef der Regierungspartei ANC, bedient rassistische Feindbilder</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das Bedrohliche an Julius Malema sind seine Gestik, seine Mimik. Denn die sind oft kaum existent. Der Jugendliga-Chef der südafrikanischen Regierungspartei African National Congress (ANC)&nbsp; kommt bisweilen ohne aus: Seine Worte sind so aggressiv, dass sie keines Nachdrucks mehr bedürfen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Vor kurzem adressierte er – die Hände in den Hosentaschen seines schicken Anzugs – in einem Johannesburger Hotel die Vereinigung der Auslandskorrespondenten (FCA). Deren Arbeitgeber bezeichnet Malema, 28 Jahre alt,&nbsp; gerne als die „von Weißen dominierten Medien“ – wie so vieles in seinem Land: „Wir haben seit 1994 die Macht, aber an den Besitzverhältnissen hat sich kaum etwas verändert.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Er ist der Mann für die Drecksarbeit beim ANC. Am 17. Juni 2008 rief der frisch zum Jugendliga-Boss gewählte Malema seinen Anhängern zu, man sei darauf vorbereitet, „für Jacob Zuma zu töten“, damals liefen noch Korruptionsermittlungen gegen den heutigen südafrikanischen Präsidenten. Es gelte, „die Reste der Konterrevolution zu eliminieren“. Die politische Konkurrenz bezeichnete er als „Hunde“, den von Zuma als ANC-Chef verdrängten Thabo Mbeki als „tote Schlange“. </p>
<p>Mal ruft er zur Verstaatlichung der Minen auf, mal beleidigt er Frauen oder verteidigt Simbabwes Präsidenten Robert Mugabe als „Helden des Befreiungskampfes“ – dessen „einzige Fehler“ die Politik der Enteignungen und sein Klammern an die Macht gewesen seien. Hinzu kommen ungezählte Hassreden gegen die weiße Minderheit. „Ich bin kein Diplomat, kein Politiker“, sagte Malema, „ich bin Aktivist.“ Er sei ein Rohdiamant, der lernen müsse – ein Resultat aus Jahren in einem Township in Limpopo, aufgezogen von einer allein erziehenden Mutter in einer der ärmsten Provinzen Südafrikas. Einige südafrikanische Medien beschreiben ihn passender: als „Rottweiler des ANC“.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Man könnte fragen, was an den Aussagen eines 28-Jährigen ohne Regierungsamt so gefährlich sein soll. Südafrika ist politisch stabil – eine stabile Demokratie, in der ein Präsident nicht länger als zehn Jahre an der Macht sein kann. Die erste Rezession seit 17 Jahren hat Afrikas stärkste Volkswirtschaft überstanden. Die Zivilgesellschaft ist stark, und der Karikaturist Jonathan Shapiro zeichnet ihn in seinen Cartoons mit Windeln. Kurz: Dieses Land ist nicht so schnell aus der Bahn zu werfen. Erst recht nicht von einem wie Malema, dessen teure Kleidung, Autos und VIP-Personenschutz auch so manchen Township-Bewohner irritiert.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch Malema ist mehr als eine harmlose Karikatur. Er erreicht die Verlierer des zweifellos beeindruckenden südafrikanischen Wirtschaftswunders wie kein Zweiter. 43 Prozent der Südafrikaner leben laut Vereinten Nationen (UN) in Armut, besonders junge Erwachsene sind von Arbeitslosigkeit betroffen. Malema trifft mit seiner geschickten Rhetorik der einfachen Logik die Emotionen dieser Menschen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Zuma, bislang erstaunlich geschickt im Austarieren unterschiedlicher Strömungen innerhalb seiner Partei, hat Malema sogar extern zur Raison gerufen – in Maßen. Zum einen gibt es im ANC die Kultur, Nachwuchskräften gewisse Rede-Freiheit zu lassen. Zum anderen war es nicht zuletzt die Jugendliga, die für Zuma bei der entscheidenden ANC-Konferenz in großem Maße mobilisierte und auf dem Weg zur Präsidentschaft unterstützte. Das hat Zuma nicht vergessen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Malema sieht sich ohnehin längst als Teil eines Bündnisses mit dem Präsidenten. Vor den Wahlen im April erzählte er Studenten in der Küstenstadt East London, seine Rolle sei es gewesen, die Opposition „abzulenken, während Zuma ins Präsidentenamt sprintet“. Zuma sei ein Mann, der sich nicht auf das Level seiner Gegner hinablasse: „Stattdessen schickt er seine Kinder.“ Malema ist nicht mit ihm verwandt, zählt sich aber im politischen Sinne dazu.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Bei seinem Vortrag in Johannesburg hob der Jungpolitiker nur einmal die Stimme – zu einem Vorstoß, den hochrangige ANC-Politiker längst abgeschmettert hatten: die Nationalisierung der Minen, einem der wichtigsten Wirtschaftszweige des Landes. Dessen Einnahmen kämen, so Malema, nicht ausreichend der breiten Masse zugute: „Wir bekommen innerhalb des ANC immer mehr Unterstützung für die Nationalisierung der Minen. Und so wird es auch kommen.“ Es habe der Jugendorganisation schon niemand geglaubt, „als wir gesagt haben, dass Zuma Präsident wird. Er ist es geworden.“ Dieser wird in Zukunft deutlich mehr Energie darauf verwenden müssen, Malema in Zaum zu halten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erschienen in Die Welt, 10. Dezember 2009</p>]]></content:encoded>
			<category>Politik</category>
			
			
			<pubDate>Mon, 14 Dec 2009 09:37:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Kampf gegen den Verkehrsinfarkt</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/politik/detailansicht/article/kampf-gegen-den-verkehrsinfarkt//cHash/40e99e25e2/</link>
			<description>Mit einem umstrittenen Bussystem will Südafrika Chaos auf den Straßen verhindern</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Eher zufällig schweifte der Blick aus dem Büro-Fenster, hinüber zur N2-Autobahn in Johannesburg. Ein roter Bus, nagelneu, fuhr da an diesem sonnigen Tag im März vorbei, gerade aus Brasilien importiert. Colleen McCaul lächelte an ihrem Schreibtisch. Die Projektleiterin der Deutschen Gesellschaft für Technik und Zusammenarbeit (GTZ) fühlte sich ein wenig wie eine Revolutionsführerin am ersten Tag der Revolution.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Nichts anderes bedeutet für Südafrikas Wirtschaftsmetropole Johannesburg dieser Bus, an dessen Einführung McCaul maßgeblich mitgearbeitet hat. Mitgekämpft, sagt die Raumplanerin, ist wohl das passendere Wort. Die Einführung der zunächst 140 Busse im Rahmen des Schnellbus-Systems Bus Rapid Transport System (BRT) ist Kern der überfälligen Verkehrs-Transformation des Landes. Es bedurfte erst der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 nach Südafrika, ehe sich die Regierung an das Problem des immer größer werdenden Verkehrschaos in den Großstädten machte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Über Jahrzehnte hatte die mächtige Lobby der rund 200.000 privat betriebenen Kleinbus-Fahrer, die mit ihren oft schrottreifen Wagen 70 Prozent der Passagiere des öffentlichen Verkehrs transportieren, ein modernes System verhindert. Seit den Jahren der Apartheid, als weite Teile der schwarzen Bevölkerung an den Rand der Städte umgesiedelt wurden, sind die Wege zur Arbeit lang. Diesen Job übernahmen die Mini-Busse dominieren, die noch heute die Straßen dominieren.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Nirgends wird das deutlicher als in Johannesburg, wo – zählt man die Vororte mit – über fünf Millionen Menschen leben. Die Betreiber der Taxis sind kaum organisiert und sorgen immer wieder mit blutigen Auseinandersetzungen um die profitabelsten Strecken für Schlagzeilen. Die Industrie fühlte sich durch die Einführung des in Südamerika bereits weit verbreiteten Systems in ihrer Existenz&nbsp; gefährdet – und wehrte sich.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„An diesem Projekt war nichts, aber auch gar nichts einfach“, sagt McCaul. Nachdem die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) der Deutschen Gesellschaft für Technik und Zusammenarbeit (GTZ) zwei Millionen Euro zur Verfügung gestellt hatte, bildete die Südafrikanerin im April 2008 ein Team von 20 internationalen GTZ-Experten. Zusammen mit Stadt und Regierung sich McCaul den besonderen Herausforderungen des Projekts stellte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Wir haben vor allem am Finanzplan, dem Design der zunächst 20 Haltestellen und dem&nbsp; Sicherheitskonzept mitgearbeitet“, sagt die 47-Jährige, die sich auf die Arbeit gefreut hatte. „Rea Vaya“ heißt das BRT-System in Johannesburg. Soweto-Slang für: „Wir bewegen uns“. Und McCaul macht es Spaß, Dinge anzuschieben.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch zunächst bewegte sich nichts. Monatelang behinderten die BRT-Baustellen den Verkehr in Johannesburg, die Taxi-Industrie sorgte mit zwei großen Streiks für weitere Verzögerungen. Als am 1. September, dem Tag nach der Eröffnung, aus einem Taxi auf zwei BRT-Busse geschossen wurde, schien das Chaos perfekt. Das schockte dann die erfahrene Managerin: „Auch in Ländern wie Kolumbien gab es bei der Einführung Streiks. Ich hatte Widerstand erwartet – aber keine Schüsse.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erst ein paar Monate sind seitdem vergangen. Wegen der anhaltenden Verhandlungen mit der Kleinbus-Taxi-Industrie fahren erst 40 der 140 BRT-Busse. Doch McCaul klingt nicht verzweifelt: „Wir sind auf einem guten Weg.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Man könne sich gerne selbst davon ein Bild machen: „Es wird sich durchsetzen. Die Menschen sind dankbar für das neue System, sie wollen das BRT.“ Und die Wut der Taxi-Fahrer habe ebenfalls nachgelassen: Viele werden von der Stadt umgeschult und bekommen als BRT-Fahrer oder Service-Kraft an den Haltestellen ein deutlich besseres Gehalt. Zudem werden kooperationswillige Taxi-Unternehmen an den Einnahmen des Verkehrssystems beteiligt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Eine Fahrt von der „Regina Mundi“-Haltestelle in Soweto in die Innenstadt von Johannesburg bestätigt McCauls vorsichtigen Optimismus. Am Eingang stehen zwei Polizisten, doch die meisten Stationen kommen anders als in den ersten Wochen inzwischen ohne sie aus. Dutzende Minibus-Taxis drängeln sich auf der Straße neben der Station, während die glänzenden BRTs ihre eigene, freie Spur haben. Sie wirken – vollklimatisiert, behindertengerecht, von Sicherheitskameras gefilmt – wie aus einer anderen, weniger improvisierten Welt. Voll ist es drinnen, aber nicht überfüllt, schließlich kommt drei Minuten später schon der nächste. Ganze fünf Rand (45 Euro-Cent) kostet die Strecke. Und damit gut die Hälfte des Mini-Bus-Preises.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Ich habe mein Leben seit 1985 hinter dem Steuer von Taxis verbracht“, sagt Lefa Mashishi, der Fahrer, „dieser Job mit seinen festen Achtstundenschichten ist deutlich entspannter.“ Der 45-Jährige gehört zu den 250 umgeschulten Busfahrern. Weitere 300, so rechnet die Stadt vor, arbeiten an den überdachten Haltestellen –die bislang weggefallenen 700 Jobs in der Taxi-Industrie seien fast ersetzt worden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ungewohnt zügig, in rund einer halben Stunde, legt der Bus die 25 Kilometer lange Strecke zurück, vorbei an&nbsp; den beiden Johannesburger Stadien für die in wenigen Monaten anstehende Fußball-Weltmeisterschaft 2010. Vor der 94.000 Zuschauer fassenden Soccer City wird, wie an so vielen Stellen Johannesburgs, die Station noch gebaut. Bis hier am 11. Juni 2010 das Eröffnungsspiel stattfinden wird, soll ein Netz von 102 Haltestellen die Stadt durchziehen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ein ambitionierter Plan. Aber die südafrikanische Regierungspartei African National Congress (ANC) muss ihn durchsetzen. Das BRT wird in anderen WM-Städten wie Port Elizabeth, Durban oder Kapstadt – wenn überhaupt – nur auf wenigen Routen rechtzeitig fertig werden. Doch im Großraum Johannesburgs finden die meisten WM-Spiele statt, es wird das schwer arbeitende Herz dieses Turniers. Auch ohne das Großereignis herrscht Verkehrschaos. Nur 45 Prozent der Bewohner nutzen öffentliche Verkehrsmittel. Zum Vergleich: In New York sind es 90 Prozent.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Wird das System rechtzeitig zur WM funktionieren? McCaul legt allen Optimismus in ihre Stimme. „Die Verhandlungen mit der Taxi-Industrie laufen gut, das BRT wird auf allen vorgesehen Routen operieren.“ Zweifel aber bleiben: Schließlich hatte der ANC das schon einmal für den Konföderationen Pokal versprochen. Mit mäßigem Erfolg: Die Generalprobe der WM fand vor fünf Monaten statt. Ohne BRT-Busse.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erschienen in Deutschland Magazine (Auswärtiges Amt), November 2009</p>]]></content:encoded>
			<category>Politik</category>
			
			
			<pubDate>Mon, 14 Dec 2009 09:31:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Südafrikas Chef-Diplomat</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/wm-2010/detailansicht/article/suedafrikas-chef-diplomat//cHash/5ef2ed368a/</link>
			<description>Danny Jordaan braucht für seinen Job als WM-Organisationschef politische Fähigkeiten</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Auf seiner Visitenkarte steht: „Chef des lokalen Organisationskomitees der WM 2010 (LOC)“. Doch Danny Jordaan ist zuallererst einmal Fan des Fußballs, und zwar des südafrikanischen. Das wird in den Tagen rund um die WM-Auslosung, die den Endspurt der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika einläutet, immer wieder deutlich.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ein halbes Jahr vor dem Anpfiff am 11. Juni sind die bisher bereit gestellten Vorrundentickets zu den Spielen von Brasilien und England ausverkauft – während es für Partien der Gastgebermannschaft „Bafana Bafana“ noch Kontingente gibt. „Man kann nicht glauben, dass Brasilien aus Sicht des Kartenverkaufs populärer ist als unser eigenes Team“, schimpfte der 58-Jährige am Mittwoch.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>In Deutschland seien bei der WM 2006 die Tickets für die DFB-Tickets zuerst vergriffen gewesen, so der oberste Fußballorganisator des Landes. Südafrikas Team, das zuletzt die Afrika-Meisterschaft verpasste, spielt schon zu lange schlecht, um nur als formschwach zu gelten. Die meisten haben die Hoffnung auf Besserung aufgegeben – und eine solche Haltung gefällt Jordaan nicht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Seit knapp fünf Jahren steht Jordaan dem nationalen Organisationskomitee vor und übt damit einen der kompliziertesten Jobs des Landes aus. Sein Team aus Experten und Funktionären ist für die Koordinierung der Vorbereitung zuständig, was den Bau der Stadien, Sicherheitsvorkehrungen und das tägliche Abstimmen der Vorstellungen von Fifa und Politik betrifft.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ein Knochenjob und ein Diplomatenposten auf höchster Ebene. Auf der einen Seite betont Jordaan unermüdlich die in der Tat beachtlichen Fortschritte bei der Organisation des Turniers – andererseits darf er nicht den Eindruck vermitteln, Probleme kleinzureden. Vor allem in den ersten Jahren nach der Vergabe des Turniers an Südafrika am 15. Mai 2004 begleiteten Zweifel an der Fähigkeit Südafrikas, das gigantische Sportereignis zu organisieren, seine Arbeit.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Es ist auch sein Verdienst, dass diese Stimmen inzwischen kaum noch zu hören sind. Jordaan hat seine Aufgabe bislang unermüdlich und erstaunlich souverän erfüllt. Nur einmal schien er kurz davor, die Fassung zu verlieren: Als die Fifa Mitte des Jahres 2007 besorgt Streiks auf einigen Baustellen und Verzögerungen bei Infrastrukturprojekten registrierte, sprach Fifa-Präsident Sepp Blatter öffentlich von „einem Plan B“ für die WM 2010. Das sei für den Fall einer Naturkatastrophe gemeint gewesen, erklärte Blatter später. Doch Jordaan hatte die Warnung verstanden und rief den Schweizer persönlich an. Der teilte kurz darauf mit, „Plan A, B und C heißen Südafrika“.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Jordaan kennt das Spiel auf dem politischen Parkett. In den siebziger Jahren wurde er in der Hafenstadt Port Elizabeth als Student zum Anti-Apartheid-Aktivisten. Anders als so manch anderer Freiheitskämpfer opferte er dafür aber nicht seine Ausbildung, sondern beendete sein Lehramtstudium. Nach der Freilassung von Nelson Mandela 1990 und der Legalisierung der heutigen Regierungspartei African National Congress (ANC) war er wichtiger Teil der Verhandlungen zur Wiederaufnahme Südafrikas in die Fifa. Die hatte das Land wegen seiner Politik der Rassentrennung ausgeschlossen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Von den ersten Tagen der jungen Demokratie an war Jordaan Südafrikas Spezialist für komplizierte Bewerbungen – und bewies dabei langen Atem. Er stand der vergeblichen Kampagne von Kapstadt für die Olympischen Spiele 2000 vor. Verantwortlich war der Mann mit dem berühmten Zehntagebart auch die Bewerbung für die WM 2006, die zum Entsetzten der Nation an Deutschland vergeben wurde. Jordaan wurde dennoch wieder die Kampagne für 2010 anvertraut – die richtige Entscheidung.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Jordaans Aufgabe ist noch lange nicht vorbei, sie tritt in die heiße Phase. Was danach für ihn kommt? Der Funktionär machte kürzlich im südafrikanischen „Leadership-Magazin“ eine interessante Andeutung. Ob er Nachfolger von Blatter als Fifa-Präsident werde wolle, wurde er gefragt. Jordaan, ganz der Politiker, sagte weder ja noch nein. „Blatter wird bis 2015 Präsident sein. Wir werden sehen, wie der Fußball dann aussieht. Das ist eine Frage für die Zukunft.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erschienen in Die Welt, 5. Dezember 2009</p>]]></content:encoded>
			<category>WM 2010</category>
			
			
			<pubDate>Mon, 14 Dec 2009 09:21:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>&quot;Anspruch zu gewinnen&quot;</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/wm-2010/detailansicht/article/wir-haben-den-anspruch-zu-gewinnen//cHash/5e4bd70f62/</link>
			<description>Bundestrainer Löw hat bei der WM 2010 ein klares Ziel – den Titel</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Kurz vor der WM-Auslosung traf Nationaltrainer Jogi Löw auf Südafrikas Trainer Carlos Alberto Parreira. Der oberste Übungsleiter des WM-Gastgebers, gerade nach einer einjährigen Auszeit zurückgekehrt, berichtete dem deutschen Kollegen von dem enormem Druck auf Südafrika: „Die Erwartungen sind immens, die Leute sprechen über nichts anderes.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Löw kann das nachvollziehen – den Vorlauf auf die WM 2006 in Deutschland erlebte er als Co-Trainer von Jürgen Klinsmann. Und auch für ihn wird der Druck in Südafrika groß: „Deutschland gehört zu den Nationen mit dem Anspruch, bei einem solchen Turnier dabei zu sein und es dann auch zu gewinnen.“ Das wird nicht einfach, Löw schätzt neben den großen Fußballnationen die sechs afrikanischen Mannschaften sehr stark ein: Eine von ihnen könne es ins Halbfinale schaffen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch der 49-Jährige hat erkannt, dass in Südafrika nicht allein der sportliche Erfolg zählt – ein ganzer Kontinent hofft, dass die erste WM in Afrika, die in 188 Tagen beginnt, ein Erfolg wird. „Dieses Land verdient eine faire Chance“, sagte Löw gestern vor der WM-Auslosung in Kapstadt (nach Redaktionsschluss), „die Vorbereitungen laufen mit unheimlich viel Begeisterung. Südafrika will der Welt sein Gesicht zeigen.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Dafür nahm der Bundestrainer gerne in Kauf, dass dieses Turnier auch für ihn ungewöhnlich viel Vorbereitungsaufwand bedeutete. Die letzten beiden großen Turniere, die WM 2006 in Deutschland und die Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz, bedeuteten logistisch gesehen eine Luxussituation. „Dort kannten wir die Infrastruktur, Hotels und die Gegenheiten gekannt“, so Löw. „In Südafrika haben wir frühzeitig begonnen, alle Eventualitäten bis in kleinste Detail zu planen.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Schon unmittelbar nach der EM intensivierte der DFB die Vorbereitungen. Besonders Team-Manager Oliver Bierhoff, 41, reiste schon vorher mehrfach in das Land, um sich mit den infrastrukturellen Gegebenheiten bekannt zu machen – er besuchte potenzielle Unterkünfte, testete Verbindungswege zu Flughäfen und verfügbare Trainingsplätze.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>So war der DFB der erste Verband, der das Hotel Velmore in der Nähe von Pretoria als potenzielles Quartier kontaktierte. Die Gauteng-Provinz, in der Pretoria liegt, ist wegen der vielen per Bus erreichbaren Spielorte, des trockenen Wetters im WM-Zeitraum begehrt – auch die Trainingswissenschaftler sprachen sich wegen der Höhe von 1700 Metern dafür aus. Das WM Finale wird am 11. Juli 2010 in Johannesburg gespielt, das nur eine Stunde Autofahrt entfernt auf gleicher Höhe liegt. Wer bis dahin sich überwiegend auf Höhe des Meeresspiegels, wie in Kapstadt oder Durban, aufhält – wird ein massives Konditionsproblem bekommen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Wir haben da mit anderen Nationen konkurriert“, sagte Löw, der sich angesichts des Zuschlags freuen kann: Noch immer suchen einige Teams eine Unterkunft – ein Faktor, der&nbsp; angesichts des Mangels an Quartieren, bei denen alle Faktoren stimmen, durchaus eine größere Rolle spielen könnte als bei den zuletzt ausgespielten Turnieren.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch die komplizierten Dinge sind manchmal die faszinierendsten. Die Vorfreude auf die WM in Südafrika ist unter den Nationalspielern enorm. „Als wir im Oktober die Qualifikation gegen Russland geschafft hatten, haben die Spieler im Bus gesungen: Südafrika wir kommen“, erzählte Löw. Vielleicht ist es die Erwartung, einen anderen Fußball als in den großen Ligen der Industrienationen, der die Profis begeistert.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Dass der nicht immer schön klingt, hat auch Löw mitbekommen. Im Juni schaute er sich einige Spiele des Confed Cups an, der WM-Generalprobe, bei der sich die Kontinentalmeister messen. Erstmals erlebte die Fußballwelt die Vuvuzela-Plastiktröten, die sozusagen als Soundtrack den zweitklassigen südafrikanischen Fußballs schon seit Jahren prägten. Und zwar laut. Sehr laut.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Was er von den Trompeten halte, wurde Löw gestern gefragt. Der Bundestrainer zögerte einen Moment. Beim Confed Cup hatte die von einigen Stars angeregte Debatte um ein Verbot zu großen Diskussionen um die afrikanische Gesicht des Turniers geführt, Fifa-Chef Sepp Blatter hatte schließlich zugesichert, dass sie zugelassen würden. „Warum sollten wir sie wegnehmen? Die Vuvuzelas bleiben“, betonte er noch einmal am Montag bei der Soccerex-Fußballmesse in Johannesburg.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Löw hat die Instrumente als „etwas störend“ in Erinnerung behalten: „Über 90 Minuten gibt es den gleichen Geräuschpegel, egal ob der Ball gerade im Aus oder im Strafraum ist.“ Der Fußball lebe von den unterschiedlichen Emotionen, dem Murren des Publikums bei umstrittenen Schiedsrichterentscheidungen. Löw: „Ich habe Bedenken, dass ich meine Spieler auf dem Fußballfeld mit Rufen nicht mehr erreichen kann.“ Die Vuvuzelas würden seine Stimme übertönen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Man könnte es auch so formulieren: Zum Fußball gehört eine gute Vertonung – wie zu einem guten Film. Löw, der diplomatisches Geschick hat, wäre jedenfalls „grundsätzlich eher zufrieden, wenn es die nicht gäbe“.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Über solche Dinge wird sich Löw in den ersten Wochen des Jahres 2010 mit seinen Spielern unterhalten – nur wenige von ihnen waren bisher in Südafrika, vor allem nicht über eine so lange Zeit wie eine WM. Man werde Sicherheitsfragen besprechen, Gegenden, wo man sich besser nicht frei bewegt. Aber das sei nicht mit Angst zu verwechseln: „Die Spieler freuen sich wahnsinnig, hier zu spielen.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Vorher steht neben den großen Aufgaben wie die endgültige Zusammenstellung des Kaders noch Feinabstimmung aus: Bis März will der DFB zum Beispiel wissen, welche Familienmitglieder jeder einzelne Spieler mitnehmen möchte. In der Nähe des Quartiers ist ein weiteres Hotel reserviert.</p>
<p>erschienen in Die Welt, 5. Dezember 2009</p>]]></content:encoded>
			<category>WM 2010</category>
			
			
			<pubDate>Mon, 14 Dec 2009 09:12:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Das Land der zaghaften Hoffnung</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/wm-2010/detailansicht/article/das-land-der-zaghaften-hoffnung//cHash/1ec107eeeb/</link>
			<description>In Südafrika lebt der WM entgegen - auch wenn sich nicht alle Erwartungen erfüllen</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der zerklüftete Parkplatz ist verstopft, es gibt kein Vor, kein Zurück. Eine Stunde ist das Spiel nun vorbei, erstmals seit 26 Jahren haben die Orlando Pirates und die Kaizer Chiefs im Orlando Stadion von Soweto gegeneinander gespielt, jenem legendären, gerade renovierten Stadion an der Mooki Street.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Nur ein paar Hundert Meter weiter entbrannte 1976 die Wut gegen die Ungerechtigkeit des Apartheid-Regimes, mehrere Hundert Jugendliche wurden von Polizisten umgebracht, weil sie in der Schule nicht Afrikaans sprechen wollten, die Sprache der Unterdrücker. Nun warten hier die Menschen des neuen Südafrikas darauf, nach Hause zu fahren, 0:0 – ein Spiel, das man hinter sich lassen kann.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Stattdessen knallen Bässe des Kwaito-Stars Kabelo aus einem nagelneuen Jeep zwischen zerbeulten Bussen entlang – heute sind es die sozialen Unterschiede, die anstelle von Apartheid-Politikern das Land entzweien. In diesen Minuten aber warten sie alle gleichermaßen darauf, dass sich die Blechmasse entzerren möge.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Vuvuzelas tönen, die berühmt gewordenen Plastiktröten des südafrikanischen Fußballs, irgendeiner bläst immer rein. Die Leute stehen auf dem Parkplatz, trinken Bier, laden Fremde ein. Und warten noch mal eine halbe Stunde, bis sich das alles auflösen möge. Es ist Chaos, aber irgendwie fühlt sich das an diesem Ort nicht schlimm an.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Besuche bei Spielen der südafrikanischen Liga lehren recht viel über den Charme, aber auch die Probleme dieser WM. Bei den meisten südafrikanischen Spielen kaufen die Fans am Morgen in den Supermärkten ihre Tickets, gerade einmal 1,80 Euro kostet eines. Am Nachmittag gehen sie zum Spiel, man parkt halt irgendwie, Zeit ist in Afrika ein dehnbarer Begriff.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Da überrascht es nicht, dass die Fifa mit ihrem komplizierten, auf Internet basiertem Ticketvergabesystem bislang auf Probleme stößt – die Auslandsnachfrage läuft gut, aber die Nachfrage im Gastgeberland liegt unter den Erwartungen. „Es hat etwas mit der Kultur zu tun, sehr spät Tickets zu kaufen“, sagt der lokale Organisationschef Danny Jordaan, der weiß, dass vielen Fans oft schlicht der Internetzugang fehlt. Um den Verkauf zu erleichtern, stellt die Fifa jetzt Ticketcenter in den Spielorten auf und richtet ein Callcenter ein. Operation Hoffnung.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Jordaan sagt, die Nachfrage werde deutlich anziehen, am Samstag kommen eine Million Tickets für die nächste Verkaufsphase auf den Markt. Heute Abend (18 Uhr, ZDF) werden die Gruppenspiele ausgelost. Wenn Oscar-Gewinnerin Charlize Theron die letzte der 32 Kugeln gezogen hat stehen die Spielpaarungen fest. Die südafrikanischen Fans wollen vor dem Kauf wissen, welche Mannschaften sie wo sehen werden, sagt Jordaan. Ein Hinderungsgrund aber bleibt, trotz Hunderttausender Benefiz-Tickets der Fifa, die an Bedürftige gehen sollen: Mit umgerechnet 13 Euro kostet selbst die subventionierte, ausschließlich Südafrikanern vorbehaltene Kategorie vielen ein Tagesgehalt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch Südafrikas Staatspräsident Jacob Zuma, 67, als Freizeitkicker einst ein gefürchteter Innenverteidiger, hat die WM zur nationalen Mission erhoben. Die Unterstützung der eigenen Mannschaft Bafana Bafana war zuletzt ähnlich schwach wie deren Leistung, so dass der oberste Politiker des Landes einen Appell startete: „Tragt am Freitag das Trikot unserer Mannschaft und zeigt, dass ihr sie unterstützt“, verkündete Zuma, was zur Folge hat, dass kurz vor dem Wochenende inzwischen unter vielen grauen Anzügen tatsächlich ein knallgelbes Trikot leuchtet.&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Fußball ist tief in Zumas Regierungspartei African National Congress (ANC) verwurzelt. Während des Befreiungskampfes war die Partei in den hoch politisierten Townships tief in den Vereinen verankert. Wegen ihrer Politik inhaftierte ANC-Mitglieder organisierten auf der Gefängnisinsel Robben Island sogar ihre eigene Fußball-Liga, die inzwischen zum Fifa-Ehrenmitglied ernannte „Makana Football Federation“.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Vehement investierte die ANC-Regierung, seit Einführung der Demokratie 1994 an der Macht, nach dem WM-Zuschlag in den Ausbau der Infrastruktur. „Die WM 2010 ist das größte Infrastruktur-Programm in der Geschichte Südafrikas“, schrieb Zuma neulich in einem Beitrag für das Magazin „Economist“ über die vielen Milliarden, die derzeit verbaut werden. „Sie (die WM) wird ein mutiges Statement der Entschlossenheit des Kontinents sein, sein Schicksal nach Jahrzehnten der Marginalisierung in die Hand zu nehmen.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Besonders wer im Wirtschaftszentrum Johannesburg lebt, bekommt das Gefühl, einen zweiten Goldrausch zu erleben in der einst wegen seiner Goldminen expandierenden Stadt. Alles wird umgegraben. Die Autobahn N1, die zwischen Johannesburg bis zu 160.000 Autos täglich trägt, wirkt nun besonders wie ein Nadelöhr. Neben einem seit Jahrzehnten gehegten Traum ist die WM für viele Südafrikaner auch eine Geduldsprobe.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Howard Mazibuko weiß noch nicht so recht, ob er sich auf die WM freuen soll. Mit einem kleinen Bauchladen steht der 42-Jährige zwischen den fast leeren Reihen des Stadions von Atteridgeville, einem Township am Rande der Hauptstadt Pretoria. Auf dem Rasen verliert Südafrika gerade gegen Serbien mit 1:3, doch Mazibuko ist wegen der Erdnüsse hier, die er für sechs Rand (rund 50 Cent) verkauft.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Zu drei bis vier Fußballspielen pro Woche reist der Mann aus Soweto, manchmal 100 Kilometer weit. Dann verkauft er 90 Minuten lang. Rücken zum Spielfeld, Zuschauerblicke starren an ihm vorbei. An guten Tagen bleiben 300 Rand übrig für ihn, knapp 30 Euro. Wie so viele hat er die WM mit Erwartungen überfrachtet. Die anfängliche Hoffnung auf einen langfristigen Job hat er wieder aufgegeben, die Illusionen schwinden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Ich bin Fußballfan, seit ich denken kann“, sagt der Verkäufer, „natürlich habe ich tagelang gefeiert, als wir die WM bekamen. Aber ich habe Sorge, dass ich bei der WM nicht verkaufen kann. Man muss sich bewerben, aber es soll sehr schwer sein, an einen Job an den Stadien zu kommen.“ Für vier Wochen übernehmen die Regulierungsprofis der Fifa das Fußball-Kommando in Südafrika.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Das Spiel mit den Hoffnungen der Menschen gehört durchaus zum Risiko dieses Turniers – für Millionen haben sich die Lebensverhältnisse nach dem Ende der Apartheid nicht in gewünschtem Maße verändert, die Unterschiede zwischen Arm und Reich sind in den vergangenen 15 Jahren nur noch größer geworden. Das beachtliche wirtschaftliche Wachstum Südafrikas in den vergangenen Jahren nutzte überproportional einer relativ kleinen Elite.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Mit der WM, so die Befürchtung, wird es genau so sein. Bei der Vergabe im Jahr 2004 wurde prognostiziert, das Turnier werde zu 1,4 Prozent von Südafrikas Wirtschaftswachstum beitragen – aktuell schwanken die Schätzungen zwischen 0,2 und 0,9 Prozent. „Das mag nicht so hoch sein, aber es ist durchaus eine signifikante Größe“, sagt Udesh Pillay von Südafrikas Human Sciences Research Council. Das Land habe den wirtschaftlichen Nutzen überschätzt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch immerhin 415.000 Jobs, so haben die Wirtschaftsberater der Firma „Grant Thornton ermittelt, sind durch die WM-Vorbereitungen entstanden. Wie viele davon nach der WM übrig bleiben, ist fraglich – ebenso wie die Nutzung der zehn Stadien. Die fünf Neubauten unter den zehn Stadien sind auf Weltklasse-Niveau. Doch die örtliche Liga erreicht gerade einmal einen Schnitt von 10.000 Zuschauern pro Spiel. Und viele Teams der besser besuchten Rugby-Spiele vertrauen auf ihre eigenen Stadien. In Kapstadt und Durban haben die jeweiligen Vereine ihre Arenen abbezahlt – warum sollten sie für teure Pacht in die neuen Prachtbauten umziehen?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Eines aber ist sicher: Für Südafrika ist das Turnier eine große Chance für neue Perspektiven auf sich und den ganzen Kontinent. Weg von Armut, Hunger, Korruption und – im Falle von Südafrika besonders – Kriminalität, hin zum Bild eines Landes, in dem es sich für international agierende Unternehmen auch über das Jahr 2010 hinweg lohnt zu investieren.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„In diesem Turnier ist eine große Kraft“, sagte der UN-Generalsekretär Ban Ki-moon, als die UN-Generalversammlung vor einigen Wochen eine Resolution zur Unterstützung der WM verabschiedete: „Es ist an der Zeit, eine andere Geschichte des afrikanischen Kontinents zu präsentieren. Eine Geschichte des Friedens, der Demokratie und des Investments.“ Eine WM als Image-Kampagne.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Langsam spüren immer mehr Menschen, dass die Bedeutung der WM 2010 weit über den Sport hinausgeht. Daraus entsteht eine ungeheure Faszination – für Thomas Richter zum Beispiel. Der ehemalige Torhüter der zweiten deutschen Liga, 29 Jahre alt, ist vor einem halben Jahr nach Witbank, östlich von Johannesburg, gewechselt. Sein Arbeitgeber trägt jetzt nicht mehr den Namen SV Wehen Wiesbaden, sondern Mpumalanga Black Aces, gerade in die erste Liga aufgestiegen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Mit verkehrt herum aufgesetzter Baseball-Mütze kommt Richter aus der Kabine. Im Hintergrund qualmt eines der vielen Kohlekraftwerke der Gegend. Das Vormittagstraining ist überstanden. Für die zwei Stunden bis zur Nachmittagseinheit hat ihm der Zeugwart einen Sandwich mitgegeben. Eine Atmosphäre wie in einem Familienbetrieb.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Nachdem er mit Hilfe des deutschen Torwartstrainers der Kaizer Chiefs, Rainer Dinkelacker, einen Verein gefunden hatte, tauchte er in die fremde Fußballkultur ein. Er sah, wie ein christlicher Priester nach der Mannschaftsansprache des Trainers mit den Spielern betete. Oder wie die Profis vor dem Spiel Salz auf den Rasen streuten. „Das bringt Glück“, hatte ihm der Zeugwart gesagt, der es aus einer Tüte verteilt hatte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Freundlichkeit der Menschen, die Gespräche, die Eindrücke, sie brennen sich ein. Es ist das Land, das Richter lockte. Er wollte unbedingt nach Südafrika, die junge aufstrebende Demokratie, auch als ein anderer Verein zunächst absprang und die Arbeitserlaubnis auf sich warten ließ. „Ich hätte dafür auch etwas anderes als Fußball gemacht, die Karriere unterbrochen“, erzählt der angehende Betriebswirt, „dann hätte ich mich vielleicht in einem der Hilfsprojekte engagiert.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Es ist wohl diese Anziehungskraft, die der WM 2010 ihre Faszination geben wird. Für sie gibt es weder Statistiken noch Zahlen.</p>
<p>Erschienen in: Hamburger Abendblatt, 4. Dezember 2009</p>]]></content:encoded>
			<category>WM 2010</category>
			
			
			<pubDate>Mon, 14 Dec 2009 08:43:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Countdown zum Turnier des Lachens</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/wm-2010/detailansicht/article/countdown-fuer-das-turnier-des-laechelns//cHash/eec62877f2/</link>
			<description>Deutschland trifft bei der WM in Südafrika auf Australien, Serbien und Ghana</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span lang="DE"></span></p>
<p>Als Fifa-Generalsekretär Jerome Valcke und Hollywood-Schauspielerin Charlize Theron die letzten Worte von den Telepromptern abgelesen hatten, da stand fest: Deutschland hat sein sprichwörtliches Losglück vor Fußballturnieren zumindest nicht verloren. Die WM-Auslosung in Kapstadt bescherte den Deutschen lösbare Aufgaben. Wie immer seit 1966 eigentlich.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span lang="DE">Die DFB-Elf trifft in der Vorrundengruppe D der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika auf Australien (13. Juni, 20.30 Uhr, Durban), Serbien (18. Juni, 13.30 Uhr, Port Elizabeth) und Ghana (23. Juni, 20.30, Johannesburg). Aus der Ferne freute sich DFB-Präsident Theo Zwangiger, dass Deutschland „eine so genannte Hammergruppe“ erspart geblieben sei – Serbien ist als Weltranglisten-20. auf dem Papier der beste Gegner. „Es hätte schlimmer kommen können“, befand auch Bundestrainer Jogi Löw.</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span lang="DE">Damit hatte er zweifellos Recht: Mit Frankreich muss sich nun Gastgeber Südafrika auseinandersetzen. Und selbst Carlos Dunga, Trainer der unerschrockenen Brasilianer, wird der Pulsschlag angesichts der Lose Portugal und Elfenbeinküste hoch gegangen sein. Und sei nur um zwei Schläge.</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span lang="DE">Löw aber stand gestern nach der Auslosung gelassen vor der Presse – gewohnt perfekt sitzender Anzug, entspannte Gesichtszüge, in der Hand das zusammengerollte Programm der Show im Kongress-Zentrum CTICC. Er sprach den Satz in die Mikrofone, den er wohl berechtigt über jeden der möglichen Gegner gesagt hätte: „Wir haben vor allen drei Mannschaften gehörigen Respekt.“</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span lang="DE">Von den laut Weltrangliste besten 20 Teams haben sich bis auf Russland alle qualifiziert: Im Achtelfinale könnte Deutschland auf England treffen, oder die USA, die mit den Begebenheiten in Südafrika bestens zurecht kommen: Beim Confed-Cup im Juni erreichte das Team überraschend das Finale gegen Brasilien (2:3).</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span lang="DE">Doch schon am Vormittag hatte Löw den WM-Pokal als Ziel ausgegeben: Deutschland gehöre zu den Mannschaften „mit dem Anspruch, die WM zu gewinnen.“ Mit solchen Ambitionen kann man nicht zitternd das Glücksspiel WM-Auslosung verfolgen – auch wenn viele deutsche Fans Ghana, derzeit der stärkste der sechs afrikanischen WM-Teilnehmer, unterschätzen werden – vor allem im knapp 90.000 Zuschauer fassendem Soccer City-Stadion von Johannesburg. Löw begann bereits gestern mit der Vorbereitung: Das abgesagte Länderspiel gegen Chile wird voraussichtlich nicht nachgeholt. Das Team passt von seiner Spielweise nicht zu den Vorrundengegnern.</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span lang="DE">Während sich Löw noch auf die Auslosung vorbereitete, erlebte Südafrika am Beispiel von Kapstadt, in welchem elektrisierten Ausnahmezustand sich das Land in 187 Tagen ab dem Eröffnungsspiel zwischen Südafrika und Mexiko befinden wird. Die Partymeile „Long Street“ füllte sich, nein, sie überfüllte sich. Vor der Großbildleinwand, auf der die Auslosung übertragen wurde, standen 31.000 statt der erwarteten 15.000 Besucher.&nbsp;</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span lang="DE">Angesichts dieser Begeisterung dürfte die Fifa Optimismus beim Thema Kartenverkauf schöpfen. Im Ausland boomt die Nachfrage sowieso. Aus Deutschland werden rund 10.000 Fans erwartet, die im Schnitt vier Spiele sehen werden, in den USA wurden bereits 84.000 Tickets bestellt. Auch wenn mit 674.400 insgesamt 90 Prozent der bislang verfügbar gemachten Tickets verkauft worden sind, sind die Absatzzahlen in Südafrika selbst bislang unter den Erwartungen zurückgeblieben. Mit der „Kultur des späten Kartenkaufs“, begründet das der lokale WM-Organisationschef Danny Jordaan. Bei Ligaspielen holen die Fans ihre Tickets oft noch zwei Stunden vor dem Spiel im Supermarkt ab.</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span lang="DE">Die Polizei regulierte die Feiern kompromisslos und bewies auch im Kongress-Zentrum, dass sie die Sorgen um die Sicherheit ernst nimmt. Ein ausländischer Journalist – nach Angaben des „Weekend Argus“ ein Deutscher – hatte bei der Einlasskontrolle&nbsp; </span>gesagt, er habe eine Bombe im Gepäck. Der Eingang erinnerte mit seinen Detektoren an einen Flughafen. Ein Scherz wohl, doch sofort wurden Teile des Medienzentrums für 30 Minuten geräumt, eine Sondereinheit für explosive Stoffe untersuchte die Kamera des Mannes, der da schon längst verhaftet war. Morgen muss er sich vor Gericht verantworten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span lang="DE">Letztlich gelang dem WM-Gastgeber aber eine reibungslose Show. Fifa-Chef Sepp Blatter betrat zusammen mit Südafrikas Präsident Jacob Zuma vor 2000 Gästen wie den Fußball-Weltstars Franz Beckenbauer und Michel Platini – begleitet von der sich überschlagenden Stimme eines Imbongi. Der preist in der Kultur der Zulus wichtige Herrscher. Blatter hat seinen Beitrag zur erstmaligen Vergabe des Turniers nach Afrika oft genug betont, ihm dürfte das gefallen haben.</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span lang="DE">Die rund 300 Millionen TV-Zuschauer weltweit verfolgten eine Auslosung mit gelungenem Spagat zwischen moderner Fifa-Inszenierung, afrikanischer Kultur und der besonderen Würde dieses Turniers. Ex-Präsident Nelson Mandela, 91, teilte per Video-Botschaft mit, es sei für Südafrika „ein Privileg und eine Ehre“, das weltgrößte Fußballereignis ausrichten zu dürfen: „Sport hat die Macht, Menschen zu inspirieren und zusammenzuführen.“</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span lang="DE">Die beiden Moderatoren Theron und Valcke entwickelten dabei eine gewisse Leichtigkeit – vor allem dann, wenn der Teleprompter für ein paar Minuten stoppte. Dort liefen sonst Therons Worte türkis und Valckes Beiträge grün markiert herunter. „Hey Haile“, rief die charmante Theron in einem solchen Moment strahlend dem Marathonläufer Gebrselassie zu, „du musst definitiv mehr lächeln. Smiley Haile.“ Der schüchterne Äthiopier, der Kugeln aus einem der Lostöpfe zog, lächelte nun tatsächlich begeistert – als wäre er von der Schönheit in einer Bar angesprochen worden.</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span lang="DE">Therons&nbsp; </span>Spruch war spontan. Dabei war es nicht weniger als die Botschaft des Turniers an die Welt: mehr lächeln.</p>
<p>erschienen in Welt am Sonntag, 6. Dezember 2009</p>]]></content:encoded>
			<category>WM 2010</category>
			
			
			<pubDate>Mon, 14 Dec 2009 08:26:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Die Wachmänner der Fifa-Sponsoren</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/wm-2010/detailansicht/article/die-wachmaenner-der-fifa-sponsoren//cHash/6e0766fc44/</link>
			<description>Bei der WM 2010 erwartet die Fifa mehr Verletzungen seiner Markenrechte als je zuvor</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Grant Abrahamse ist ein Mann, der etwas von Marketing versteht. Und so dreht der Unternehmer aus Kapstadt selbst den Umstand, vor Gericht zu stehen, zu seinem Vorteil. Die Südafrikaner, so sagte er südafrikanischen Journalisten, müssten seinen Kampf gegen den Fußball-Weltverband Fifa unterstützen, indem sie seine Produkte kaufen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Durch die profanen Schlüsselanhänger, auf der die Vuvuzela-Plastiktröten, ein Ball und die Zahl 2010 zu sehen sind, sieht der Verband seine Rechte verletzt. Begründung: Die Konstellation verweise klar auf die WM 2010 in Südafrika, jenes Turnier, das auf dem Werbemarkt allein seinen exklusiven Partnern und Sponsoren reserviert ist.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Und die zahlen für dieses Recht ein Vermögen: Allein die sechs größten Sponsoren der WM 2010 und 2014 haben die Rekordsummen von 160 bis über 300 Millionen Euro überwiesen, 2,3 Milliarden Euro bringen Sponsoren und TV-Rechte der WM 2010 ein – ein Großteil der Fifa-Einnahmen stammen aus den alle vier Jahre stattfindenden Weltmeisterschaften.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Schon jetzt deutet sich an, dass die Fifa bei der Verteidigung seiner Markenrechte das turbulenteste Turnier seiner Geschichte droht. Im Zusammenhang mit der WM 2006 gab es weltweit 3500 Rechteverletzungen – ein halbes Jahr vor der WM 2010 sind es deren bereits 2000, die der Verband mit Hilfe seines Netzwerkes aus Anwälten und Wirtschaftspartnern ausfindig gemacht hat.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Wir gehen davon aus, dass die Zahl der WM 2006 deutlich übertroffen wird“, sagt Jörg Vollmüller, Leiter der Fifa-Abteilung Commercial Legal, die für&nbsp; das Rechteschutzprogramm verantwortlich ist. „In den letzten sechs Monaten vor dem Turnier gibt es die meisten Fälle von illegaler Werbung.“ Schon bei der Fußball-WM 2002 in Japan und Südkorea führte die Fifa über 200 Gerichtsverfahren. Kollateralschaden&nbsp; eines Wachstumsmarkts: Das Austesten von rechtlichen Grauzonen der Werbebranche, im Fachjargon Ambush-Marketing genannt, wird mit jedem Turnier attraktiver.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Thorsten Schulte gehört zu jenen, die davon leben. Der 32-Jährige betreibt zu dieser Werbe-Form eine Web-Seite (<a href="http://www.guerilla-marketing-portal.de" target="_blank" >www.guerilla-marketing-portal.de</a>), bei interessanten Projekten berät er auch direkt – da kann es schon einmal darum gehen, wie viel Bußgeld in den einzigen Städten für ungewöhnliche Werbeaktionen fällig werden, um Kosten und Nutzen abzuwägen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Der Trend, bei Weltmeisterschaften aufzutreten, geht ungeachtet des Ausrichterlandes nach oben“, sagt Schulte, „die Verlockung ist durch das weltweite Publikum groß.“ Doch der Marketing-Profi kann von Maßnahmen in Südafrika „fast nur abraten. Die Gefahr besteht neben hoher Strafen darin, dass man nach langer Planungszeit wenig aus so einer Aktion rausholt. Denn meist wird sie unmittelbar unterbunden.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Sichtbare Anzeichen davon gab es schon am Freitag: Da schickte die Fifa bei den Feiern zur WM-Auslosung mobile Einsatzkommandos auf die Straßen von Kapstadt, das in über 200 Ländern live übertragene Ereignis rückte die weltweite Aufmerksamkeit erstmals auf das Turnier. Die Juristen suchten zusammen mit Polizisten nach Produkten, auf denen unerlaubt geschützte Begriffe wie „World Cup 2010“ oder das Bild des WM-Pokals verwendet wurden. Nie zuvor hatte es so etwas zu einem derart frühen Zeitpunkt vor einem WM-Turnier gegeben.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Die Initiative kam von der Stadt, wir hätten darauf nicht bestanden. Es ging mehr darum, die Zusammenarbeit einzuspielen, als tatsächliche Rechtsverletzungen zu finden“, sagt Vollmüller. Sein Team von je zwei spezialisierten Anwälten in Johannesburg und dem Fifa-Hauptsitz Zürich fungiert als Schnittstelle mit den örtlichen Organisatoren und Polizeikräften, die Zusammenarbeit spielt sich gerade ein. „Kapstadts Politiker wollten zeigen, dass sie sich der Bedeutung der Angelegenheit bewusst sind.“ Die Stadt war beim Confed Cup im vergangenen Juni, der auch für solche Probleme als Generalprobe galt, kein Spielort.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>An Beispielen von Verstößen mangelt es nicht. Vor zwei Monaten gewann die Fifa ein Gerichtsverfahren gegen den Lutscher-Hersteller „Metcash“. Das Unternehmen darf seine Lollies nun nicht mehr „Astor 2010 Pops“ nennen. In Pretoria verdonnerte ein Gericht einen Kneipenbesitzer dazu, den Schriftzug „World Cup 2010“ von seinem Dach zu entfernen. Auch ein Werbeplakat, das anstelle der beiden Nullen zwei Fußbälle verwendet hatte, wurde untersagt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die meisten Einigungen gelingen gütlich, doch einmal vor Gericht drohen Strafen zwischen 10.000 Rand (905 Euro) und drei Jahren Gefängnis. Plus Gerichtskosten. In Südafrika stärken die rechtlichen Rahmenbedingungen Inhaber von Marken und geschützten Begriffen überdurchschnittlich: Die Fifa verlangt für WM-Bewerberländer inzwischen rechtliche Sicherheit, sonst ist die Bewerbung chancenlos.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>In Südafrika, das den Zuschlag im Jahr 2004 bekam, treten voraussichtlich im Februar Gesetze in Kraft, die den Ankauf, Verkauf und werbliche Nutzung von Tickets unter Strafe stellen, wenn das nicht von der Fifa autorisiert wurde. Es machen sich also auch Privatleute strafbar, die Tickets weiterverkaufen. So massiv war noch kein Land gegen im Vorfeld dagegen vorgegangen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Nation hat auch eigene Gesetze gegen Ambush-Marketing – darauf hatte bereits der Welt-Rugby-Verband vor der Vergabe der WM 1995 an das Land bestanden. Mit der zwei Jahre zuvor eingeführten Sektion 15A des Merchandise Marks Acts (Werbegesetz) können die Behörden weit unbürokratischer gegen Verstöße vorgehen als vor vier Jahren in Deutschland, wo die Fifa bei der Verteidigung ihrer Marken gegen unlauteren Wettbewerb klagen musste.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Damals nahm das Thema eine größere Dimension an, als der Fifa recht sein konnte. In Deutschland liefen über 300 Werbekampagnen zum Thema Fußball, der weltweite Werbeumsatz der WM wird auf fünf Milliarden Euro geschätzt. Würstchen lagen in Fußballform im Supermarkt aus, Flugzeuge hatten Fußballschnauzen und die Bierbrauerei Erdinger freute sich mit Fußball-Legende Franz Beckenbauer auf ein „großes Ereignis“. Die WM? Nein, das Firmenjubiläum natürlich.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Umso vehementer verteidigte die Fifa-Markenschutzabteilung seine 800 geschützten Wörter und Abkürzungen. Nicht immer erfolgreich: Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe entschied zu Gunsten des Süßwarenherstellers Ferrero, der auf seine Fußball-Sammelbilder „Fußball WM 2006“ schreiben wollte – und durfte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Das sei rein beschreibend, entschieden die Richter von großem Medienecho begleitet, und müsse vom Bundespatentgericht in München als Marke gelöscht werden. Die Schadenfreude war groß, hatte die Angelegenheit doch skurrile Züge angenommen: Bäcker verkauften auf einmal anstelle von „Weltmeisterbrötchen“ nur noch „Meisterbrötchen“, aus Angst vor den Rechtehütern der Fifa.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Wir haben uns weiterentwickelt“, beschreibt Fifa-Mann Vollmüller die Lehren aus der Vergangenheit, „Markenschutz ist eine sensible Angelegenheit.“ Besonders das Turnier in Südafrika wird da zum Balance-Akt. Tausende leben vom Verkauf von Waren an den Straßen – soll man verarmten Frauen ihre Schnitzereien wegnehmen, wenn dort „World Cup 2010“ eingeritzt ist?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Vollmüller winkt ab. „Wir konzentrieren uns vor allem auf kommerziellen Missbrauch, wie nachgemachte Merchandising-Kleidung oder die Verwendung des WM-Maskottchens oder des offiziellen Turnier-Logos.“ Es gehe nicht um den kleinen Straßenhändler. „Besonders in einem Land wie Südafrika, wo viele davon leben, muss man anders vorgehen.“ Ohnehin kritisieren viele Township-Bewohner, dass von der WM finanziell vor allem die Elite profitiere.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Und so wird sich der Verband vor allem auf den Fanfesten mit seinen Kontrollen zurückhalten, der Fokus liegt auf der so genannten „Restriction Zone“, jenem besonders überwachten Umkreis des Stadions, der bei der WM 2006 als „Bannmeile“ berühmt wurde. Vollmüller muss unterschiedliche Interessen austarieren. Zum einen pochen die offiziellen Sponsoren auf größtmögliche Exklusivität. Auf der anderen Seite will die Fifa nicht als penibel dastehen. Sie betont oft genug, dass der Sport an erster Stelle stehe.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Mit diesem Konflikt geht das Sponsorenschutzprogramm erstaunlich offensiv um. Erstmals hat die Fifa eine „Do’s and Don’ts“-Liste auf seine Homepage gestellt, wo Firmen mitgeteilt wird, was erlaubt ist und was nicht – die Richtlinien werden auch in Papierform verteilt. „Wir wollen offen damit umgehen, bis zu welcher Grenze wir eine Annäherung an das Turnier erlauben“, sagt Vollmüller. Ein „Do“ wäre demnach der Slogan „Fußball in Südafrika“, ein Don’t die Verwendung von „2010 Südafrika“.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Spektakuläre Fälle wie der Ferrero-Prozess sind dem Anwalt bisher erspart geblieben. Doch Abrahamse etwa, der Mann mit den Schlüsselanhängern, will nicht aufgeben. Ein Kampf David gegen Goliath: Mittelstandsunternehmer und weltgrößter Fußballverband sehen sich im März in der Hauptstadt Pretoria vor Gericht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Für den David ein Spiel auf Risiko: Allein die juristischen Kosten der Fifa belaufen sich auf weit über 10.000 Euro, die Übernahme der Kosten droht. Dafür müsste er einige der kleinen Kunstwerke verkaufen. Ob nun mit oder ohne WM-Symbole.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erschienen in Welt am Sonntag, 6. Dezember 2009</p>]]></content:encoded>
			<category>WM 2010</category>
			
			
			<pubDate>Mon, 14 Dec 2009 08:11:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>&quot;Harter Imageschlag für Afrika&quot;</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/wm-2010/detailansicht/article/harter-imageschlag-fuer-afrika//cHash/3c3662145f/</link>
			<description>Nach dem Attentat auf Togos Team entbrennt die WM-Sicherheitsdebatte neu</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Sie kauerten unter den Sitzen des Busses. 20 Minuten lang schlugen immer neue Maschinengewehrsalven in die Polster ein, von Schreien durchbrochen. Erst dann gelang es der Eskorte, die Togos Nationalmannschaft mit ihren zwei Bussen auf dem Weg zum Afrika-Cup nach Angola begleitete, am Freitag die Angreifer zurückzudrängen.&nbsp; Assimiou Toure versteckte sich da noch immer unter seinem Sitz. Betend. Und unverletzt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Profi von Bayer Leverkusen hatte Glück. „Den ersten Bus haben sie völlig durchsiebt. Die dachten wohl, dass wir da drin saßen. Aber da war nur das Gepäck,“ sagte der 22-jährige. Für den Pressesprecher, den Co-Trainer und einen Busfahrer aber hatte die Dienstfahrt in die angolanische Exklave Cabinda auf dem Gebiet des Kongos dennoch tödlich geendet: Sie erlagen ihren schweren Verletzungen – willkürliche Opfer eines politischen Konflikts.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Nur wenige Stunden später bekannte sich die „Befreiungsfront für die Unabhängigkeit von Cabinda“ (FLEC) zu dem Terroranschlag. Die Gegend, auf der schätzungsweise 300.000 Menschen leben, sollte im Jahr 1975 eigentlich von der Kolonialmacht Portugal in die Unabhängigkeit entlassen werden. Doch Cabinda ist rohstoffreich wie kaum ein anderer Flecken Erde – Angola besetzte das Gebiet.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Dagegen kämpfen Rebellen bis heute an – ungeachtet eines 2006 unterzeichneten Friedensvertrags mit der Regierung. „Diese Operation war nur der Anfang einer Serie von zielgerichteten Aktionen in der gesamten Region Cabinda“, hieß es in einem Bekennerschreiben – bislang beharrt der afrikanische Fußballverband trotz der Anschläge darauf, sechs Spiele in der Krisenregion stattfinden zu lassen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Angesichts der Brutalität der Attacke muss das als blanker Wahnsinn bezeichnet werden. Der von einer Kugel im Rücken getroffene Ersatztorwart Kodjovi Obilale wurde zu einer Not-Operation in Südafrikas Wirtschaftsmetropole Johannesburg geflogen und liegt nach dem gut überstandenen Eingriff weiterhin auf der Intensivstation. Mindestens fünf weitere Personen wurden den bisherigen Angaben zufolge verletzt. Sie werden wohl alle überleben, doch ihre Unbekümmertheit liegt irgendwo unter den Sitzen der zersiebten Mannschaftsbusse begaben. Eine „Afrikanische Fußball-Party“, die das Magazin „The African“ euphorisch angekündigt hatte, wird es nicht geben. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Das Turnier, das bei einigen afrikanischen Fußballstars wie Didier Drogba (Elfenbeinküste) einen höheren Stellenwert als die Weltmeisterschaft hat, aber wird trotzdem ausgespielt – schwer missbraucht, aber gestern trat Angola unter den Augen führender Staatsoberhäupter gegen Mali zum Eröffnungsspiel an (nach Redaktionsschluss beendet). Ein Kontinent, fünf Monate vor der Weltmeisterschaft in Südafrika traumatisch erweckt von der Realität großer Sportereignisse.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Denn dass die Mannschaft mit dem Bus durch Cabinda fuhr, kann nur mit an Fahrlässigkeit grenzender Unprofessionalität der Organisatoren erklärt werden – wobei Angola die togolesische Delegation auch noch kritisierte, mit Bussen durch das gefährliche Gebiet gefahren zu sein. Das Land hatte schlicht keine Information über die Region bereitgestellt, aus der die Berichterstattung von der Regierung ohnehin akut behindert wird. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Attentäter hatten so ein noch leichteres Spiel als die palästinensische Terrororganisation „Schwarzer September“ vor knapp 38 Jahren. Im Jahr 1972 drang sie in das Olympische Dorf von München ein und tötete im Laufe der folgenden Stunden insgesamt elf israelische Sportler und Delegationsmitglieder. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Damals waren die Sicherheitsvorkehrungen eher gering, Deutschland wollte sein neues Gesicht zeigen. „Dem Sicherheitspersonal wurde gesagt, nicht zu hart vorzugehen“, analysierte der amerikanische Sporthistoriker Allen Guttmann. Es sei darum gegangen, die aus dem Zweiten Weltkrieg resultierenden Feindbilder zu überwinden. John MacAloon, Experte zum gleichen Thema, stellte fest, Olympische Dörfer seien seitdem zu „Sicherheitsfestungen geworden, die jede Festivalstimmung unterbindet und Athleten von der Öffentlichkeit trennen“.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Wenig anders verhält es sich mit Weltmeisterschaften – das Turnier in Südafrika wird in einer stabilen Demokratie mit einer weitaus besser ausgebauten Infrastruktur stattfinden. Den Vorfall mit der WM 2010 zu verknüpfen sei in etwa so, als bringe man in Europa die Situation in Tschetschenien mit Großbritannien in Verbindung, sagte WM-Kommunikationschef Rich Mkhondo: „Fans und Spieler werden bei uns sicher sein.“ </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Selbst der Afrika-Cup hatte in den vergangenen Jahren der Sportkommerzialisierung mit Ghana Ghana (2008), Ägypten (2006) und Tunesien (2004) in weit entwickelten afrikanischen Ländern stattgefunden – ein Gastgeberland Angola, wo der Bürgerkrieg erst seit dem Jahr 2002 beendet ist, kann getrost als unzeitgemäßes Wagnis bezeichnet werden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch der Gedanke an die WM 2010 erfasst in diesen Tagen viele deutsche Nationalspieler. „Das ist doch alles krank“, sagte Torwart Rene Adler der „Bild am Sonntag“, „ich frage mich, wie die das mit der Sicherheit bei der WM handhaben wollen.“ Der DFB-Tross steigt mit 20 eigenen Sicherheitsmitarbeitern in einem Luxushotel kurz vor Pretoria an, das rund um die Uhr bewacht werden wird. Adler sorgt sich auch eher um die woanders untergebrachten Familienangehörigen. Und auch sein Leverkusener Vereinskollege Simon Rolfes denkt „besorgt daran, dass in vier, fünf Monaten in Afrika die WM stattfindet.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Nach wie vor wird mit an westlicher Arroganz der gesamte Kontinent in Sippenhaftgenommen, wann immer schwere Verbrechen oder Kriege passieren. Als Sepp Blatter zu diesem Thema gestern beruhigende Worte suchte, wählte er unbewusst die gleiche Rhetorik. „Ich habe nach wie vor vollstes Vertrauen in Afrika und bin sicher, dass der Kontinent in der Lage ist, eine Fußball-WM zu organisieren“, sagte der Präsident des Fußball-Weltverbands. Letztlich ist Südafrika, das zwar unter massiver Kriminalität, aber keinen Bürgerkriegsnachwirkungen leidet, für die Organisation verantwortlich – so wie es bei der WM 2006 Deutschland war. Und nicht ganz Europa.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Rund 190.000 Sicherheitskräfte werden bei der WM im Einsatz sein, über 40.000 werde derzeit allein für das Turnier ausgebildet. Die Behörden kooperieren eng mit den Sicherheitsexperten der Teilnehmerländer, aus denen 450.000 Touristen erwartet werden. Jakkie Cilliers von der nationalen Sicherheitsbehörde betont, dass im Vorfeld alles getan wurde, um die WM sicher über die Bühne zu bringen: „Ich sehe keinen Grund, warum es nach diesem Anschlag ein größeres Risiko für die Fußball-Fans während der WM geben sollte.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch der ehemalige Kapitän der Nationalmannschaft Ghanas, Stephen Appiah, könnte mit seinen Worten nicht richtiger liegen: „Was in Angola geschehen ist, ist ein harter Imageschlag für Afrika. Das ist schade, weil dies für Afrika eine sehr wichtige Phase ist.“ Dem Kontinent geht es im WM-Jahr 2010 darum, ein anderes Bild als Hunger, Kriege und Korruption zu zeigen. Die gibt es, wie am Freitag bewiesen, fraglos noch immer. Aber eben auch Beispiele von Wirtschaftswachstum, verbesserter Bildung und Infrastruktur.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>In Angola selbst, wo während des Bürgerkriegs 1,5 Millionen Menschen umgebracht wurden,&nbsp; ist der Anschlag derweil kaum ein Thema – die Zeitungen berichteten am Wochenende nur marginal darüber. Selbst die Spieler Togos sprachen sich fast einstimmig für eine Teilnahme aus. „Wir können die Toten und Verletzten nicht zurücklassen und davonlaufen wie Feiglinge“, sagte einer der Spieler Alaixys Romao, der französischen Zeitung „L’Equipe“. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch in Togos Fußball hat in der Regel die Politik das letzte Wort, der Premierminister Gilbert Fossoun Houngbo orderte gestern die Heimreise an: Togo wird heute im Chimandela-Stadion von Cabinda nicht gegen Ghana antreten. Torjubel würde wohl auch nicht recht passen zur Stimmung in der Heimat passen: Dort hat eine dreitägige Staatstrauer begonnen. </p>
<p>Mitarbeit: Christian Henkel&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>erschienen in Die Welt, 11. Januar 2010</p>]]></content:encoded>
			<category>WM 2010</category>
			
			
			<pubDate>Wed, 11 Nov 2009 21:27:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Präsidialer Pragmatismus</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/politik/detailansicht/article/praesidialer-pragmatismus//cHash/f35c258101/</link>
			<description>Botsuanas Präsident Ian Khama legt sich mit Simbabwes Diktator Robert Mugabe an</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es sind die kleinen Geschichten, an denen die Politik Ian Khamas deutlich wird. Map Ives kann davon erzählen. Der 54-Jährige Biologe mit dem langen Vollbart ist für den Nashorn-Bestand Botsuanas verantwortlich. „Kaum war er als Präsident vereidigt, klingelte mein Telefon: Hier spricht Ian Khama, meldete sich eine Stimme. Wie ist die Entwicklung in den vergangenen Monaten, wollte er wissen.“ Seitdem vergehe kein Tag, an dem er nicht die aktuellen Zahlen auf dem Tisch habe.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Khama, der einst bei der Armee eine Sondereinheit gegen Wilderei aufbaute, hat sich in seinen bisherigen 18 Monaten als botsuanischer Präsident einen ungewöhnlich pragmatischen Ruf erworben. Seine persönlichen Recherchen an der Basis sind gefürchtet: Einmal tauchte er alleine an einem Grenzposten auf, der anstelle von 21 Uhr regelmäßig schon um 20 Uhr Feierabend machte und stauchte das Personal zusammen. Oder er ließ sich in einem Krankenhaus behandeln, das für seine schlechte Dienstleistung bekannt war. Die Oberschwester schlief, das Management war katastrophal – als der 56-Jährige kurz darauf das Gebäude verließ, waren bereits mehrere Angestellte entlassen worden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Khama hat seine Politik wenn schon nicht immer Popularität (er erhöhte die Alkoholsteuer um 30 Prozent), so doch Respekt eingebracht. Ohnehin gilt seine Bestätigung im Amt nach den heutigen Parlamentswahlen in Botswana als sicher. Seit der Unabhängigkeit von Großbritannien im Jahr 1966 regiert die Botswana Democratic Party (BDP), als deren Kandidat er antritt, unangefochten. Das Land mit seinen zwei Millionen Bürgern hat ein Mehrparteiensystem, doch der Einfluss der einzigen nennenswerten Oppositionsparteien Botswana National Front (BNF) und Botswana Congress Party (BCP) ist trotz bemerkenswerter Grabenkämpfe in der Regierungspartei marginal.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Das klingt nicht nach einer lebhaften Demokratie, zumal Khama im April 2008 nach dem Rücktritt seines Vorgängers Festus Mogae als Vize-Präsident automatisch&nbsp; an die Staatsspitze aufrückte. Zu allem Überfluss ist er auch noch ein Sohn des legendären ersten Präsidenten des demorkatischen Botsuanas, Seretse Khama – und somit eine Art „Thronfolger“, bemängeln Kritiker.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Tatsächlich beinhaltet sein Amt so viel Macht, dass selbst Khama im Gespräch mit der „dpa“ Zweifel an den ausgeprägten Rechten kamen: „Man kann den Eindruck gewinnen, dass der Präsident sich beinahe alles erlauben kann ohne sich dafür verantworten zu müssen.“ Er habe, so fügte er fast entschuldigend hinzu, die Verfassung nicht gemacht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch trotz dieser Machtfülle für das Staatsoberhaupt gehört die Bilanz Botsuanas zu den eindrucksvollsten des Kontinents. Als eines der ärmsten Länder der Welt mit einem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen von 80 US-Dollarn in die Unabhängigkeit gestartet, steigerte Botswana diesen Wert auf aktuell 6000 US-Dollar – unterstützt von gigantischen Diamanten-Erlösen, die nicht allein&nbsp; internationalen Konzernen, sondern auch Bevölkerung und Infrastruktur zugute kamen. Dieses Gleichgewicht gelang weit besser als in rohstoffreichen Ländern wie Angola, wo der durchschnittliche Bürger auf gerade einmal 2500 US-Dollar im Jahr zurückgreifen kann. Auch die Unabhängigkeit der Justiz gilt als gegeben, so dass internationale Unternehmen in Botsuana investieren.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Sportfanatiker Khama ist sich der Vorbildfunktion seines Landes durchaus bewusst und agiert entsprechend selbstbewusst. In den 18 Monaten an der Macht hat er wie kein anderer Regierungschef des südlichen Afrikas Position gegen Simbabwes Präsidenten Robert Mugabe bezogen: Aus Protest an dessen Teilnahme an einem Treffen der Südafrikanischen Entwicklungsgemeinschaft (SADC) boykottierte er die Veranstaltung. Auch nachdem sich der Wahlverlierer Mugabe an die Macht klammerte, aber im Februar schließlich die Opposition an der Regierung beteiligte, lehnte er die Führung des Nachbarstaats unverhohlen ab. Konstellationen wie diese würden dazu führen, zweifelhafte Parteien an der Macht zu halten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ob Khamas Repertoir der einfachen Antworten in anderen großen Problemfeldern funktioniert, muss sich erst noch zeigen. Wegen der Weltwirtschaftskrise halbierten die Diamantenbergwerke ihre Förderung zeitweise. Ein Desaster, denn diese Industrie ist für ein Drittel des Bruttoinlandprodukts verantwortlich. Prompt verschärfte sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt, wo ohnehin schon jeder Vierte sucht – neben der hohen HIV-Infektionsrate (37 Prozent) das größte Problem des Landes. Hinzu kommt die wachsende Kritik an der Todesstrafe, die in Botsuana durchschnittlich einmal jährlich vollstreckt wird.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Khama feierte immerhin auf kleinerer Ebene Erfolge. Wer durch das Land fährt, muss damit rechnen, auch ohne Verstöße gegen die Verkehrsordnung von der Polizei angehalten zu werden. Nicht wegen Bestechungsversuchen, Botsuana steht im Antikorruptionsindex von Transparency International als bestes afrikanisches Land auf dem 36. Platz – und damit deutlich vor einem EU-Staat wie Italien (55.).</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Nein, die Beamten erklären die Verkehrsregeln. Botsuana zählt zu den Ländern mit den proportional meisten Toten im Straßenverkehr – Khama reagierte mit einer Vervielfachung der Geldbußen. Hier funktioniert Khamas Logik: Die Statistik sank innerhalb weniger Wochen um 30 Prozent.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erschienen in Die Welt, 16. Oktober 2010</p>]]></content:encoded>
			<category>Politik</category>
			
			
			<pubDate>Mon, 02 Nov 2009 21:07:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Schießen um zu töten</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/politik/detailansicht/article/schiessen-um-zu-toeten//cHash/0de9b9a27b/</link>
			<description>In Südafrika reagiert die Politik auf steigende Kriminalität mit schärferen Gesetzen</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Jacob Zuma formte Zeigefinger und Daumen zu einer Pistole. Die Polizei werde, wenn es bei Aufeinandertreffen mit bewaffneten Kriminellen nötig sei, „schießen, um zu töten“. Vor dem südafrikanischen Präsidenten saßen in einem Saal der Hauptstadt Pretoria 1000 Polizisten, einige nickten zustimmend. Grimmig, wie vor einem Kampf.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Sie hätten die Kriminalitätsstatistiken für das Finanzjahr 2008/09 nicht benötigt, die vor einer Woche veröffentlich wurden. Den Ernst der Lage erleben sie täglich: Die Zahl der Geschäfts- und Hausüberfälle stiegen um 41 beziehungsweise 27 Prozent. Zwar sank die Zahl der Morde um drei Prozent, aber weit geringer als erhofft. 18.148 Tote bedeuten weiterhin beinahe 50 Morde am Tag, eine der höchsten Quoten weltweit außerhalb von Kriegsgebieten. Zum Vergleich: Deutschland verzeichnet bei fast doppelter Einwohnerzahl sechs Tote täglich durch Gewaltverbrechen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Angesichts von nicht einmal mehr 250 Tagen bis zur WM mit ihren 450.000 erwarteten Fans hat die Thematik eine internationale Dimension. Und so will Zuma die Gesetze verschärfen. „Wir haben ein abartiges Kriminalitätsproblem und müssen deshalb außergewöhnliche Maßnahmen anwenden“, sagte er.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Künftig sollen Polizisten auf Kriminelle schießen dürfen, wenn sie eine Waffe am Tatort tragen, die Situation der Notwehr wird damit erweitert. Auch eine Freilassung auf Kaution soll deutlich erschwert werden. Die Gesetzesänderungen stehen kurz vor der Verabschiedung. Und doch: Als Bekämpfung der Symptome würden sie wohl von Mediziner bezeichnet werden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Ursachen sind bis zur WM dagegen nicht zu beseitigen. Südafrika ist das Land mit den weltweit höchsten sozialen Unterschieden. Nirgendwo wird das deutlicher als in Johannesburg, wo sowohl Eröffnungs- und Endspiel stattfinden werden.&nbsp; Während die Straßen des Wirtschaftsviertel Sandton oft von Luxuskarosserien verstopft sind, befindet sich nur wenige Kilometer weiter der überlaufene Township von Alexandra. Derartige Kontraste sorgen für sozialen Zündstoff.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch auch die Polizei ist mit den rund zwei Millionen Schwerverbrechen jährlich überfordert. Nicht selten werden Ermittlungen wegen&nbsp; mangelnder Ressourcen eingestellt. Die Labore sind mit 20.000 forensischen Proben im Rückstand, und auch das Personal ist nicht immer das beste. Es gebe in der Bevölkerung das Bild des Polizisten „als Versagers“, räumt selbst Polizeichef Bheki Cele ein, es gebe ein Nachwuchsproblem. „Wir brauchen mehr Studierte, mehr Mathematiker, mehr Technologie-Freaks.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die WM-Organisatoren üben sich derweil in Gelassenheit. Tatsächlich darf man sich Südafrika nicht als Land im Kriegszustand vorstellen. Man werde trotzdem ein „Weltklasseturnier“ ausrichten, teilte ein Sprecher mit. Trotz der Kriminalität ist der Kapstaat mit acht Millionen Touristen jährlich einer der am stärksten wachsenden Reisemärkte, in dem seit Ende der Apartheid vor 15 Jahren rund 100&nbsp; internationale Großveranstaltungen stattgefunden haben.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Bei der Kricket-WM 2003 berichteten allerdings drei Prozent der Besucher, mit Kriminalität in Kontakt gekommen zu sein. Doch nur jeder 20. der Betroffenen gab an, nicht wiederkommen zu wollen. Beim Confed Cup in diesem Sommer, dessen Spiele rund 600.000 Zuschauer sahen, wurden sogar nur 39 Straftaten gemeldet, darunter ein Fall von Körperverletzung.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Als wirklicher Maßstab können die bisherigen Veranstaltungen allerdings nicht gelten. Die Dimension der Fußball-WM wird nur von Olympischen Spielen erreicht und ist schwer zu kontrollieren. Und so versuchen die WM-Organisatoren, ihre Gäste von jenen spontanen Reisen abzubringen, die noch die WM in Deutschland geprägt haben. Das Sicherheitskonzept in Südafrika konzentriert sich auf die Stadien, Hotels und Zufahrtswege sowie die populärsten Gegenden für Touristen. „Wenn ich weiß, wo du übernachtest und isst, kann ich deine Sicherheit garantieren“, sagt Südafrikas WM-Organisationschef Danny Jordaan.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Für die WM werden 41.000 zusätzliche Polizisten ausgebildet, das Material für 70 Millionen Euro erneuert. Auch das Militär soll für Notfalleinsätze bereit stehen, die Zusammenarbeit mit der Polizei von teilnehmenden Ländern hat längst begonnen. Es ist ein Aufrüsten auf beiden Seiten: Denn Verbrecher in Südafrika organiseren sich immer besser. Wenn ein Auto auf der Straße gestoppt wird und mit gezogener Waffe die Übergabe erzwungen wird (Hijacking), dann geschieht das nicht zufällig, sondern weil vorher exakt dieses Automodell und die Farbe bestellt wurde.</p>
<p>Doch der jungen Demokratie bleibt gar keine andere Wahl, als den Kampf gegen die Kriminalität zu gewinnen. Zumindest für den Zeitraum der WM. In Verbindung mit dem Turnier laufen milliardenschwere Investitionsprogramme in die Infrastruktur, es geht darum, sich der weltweiten Industrie als geeigneter Standort für neue Projekte zu präsentieren.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Stiftung „Weltwirtschaftsforum“ stuft Südafrika auf seiner Wettbewerbsfähigkeitsskala derzeit an Position 45 unter 133 analysierten Ländern ein, stagnierend im Vergleich zum Vorjahr. In dem Bericht heißt es aber, dass die Maßnahmen im Zusammenhang mit der WM 2010 einen Aufwärtstrend für das kommende Jahr versprechen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Das Turnier ist damit auch eine Imagekampagne: Weitere Schlagzeilen wie bei der Auslosung der WM-Qualifikationsgruppen in Durban vor zwei Jahren kann sich der WM-Gastgeber nicht erlauben. Damals wurde ein österreichischer Ex-Profi auf einem Golfplatz ermordet. Er hatte mit der Auslosung nichts zu tun, sein Tod dominierte die Berichterstattung dennoch.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Zuma ist sich der Wirkung solcher Verbrechen bewusst. Und er weiß, dass selbst das Präsidentenamt nicht davor schützt, Kriminalitätsopfer zu werden. Sein Vorgänger Thabo Mbeki staunte vor einem Jahr nicht schlecht, als er auf sein Dach schaute, wo kurz zuvor&nbsp; Aluminiumkabel als Schutz vor Blitzen montiert worden waren. Diebe hatten sie sauber wieder abgeschraubt.</p>
<p>Erschienen in Die Welt, 1. Oktober 2009</p>]]></content:encoded>
			<category>Politik</category>
			
			
			<pubDate>Fri, 02 Oct 2009 18:39:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Der Welttorhüter</title>
			<link>http://www.christianputsch.de/artikel/land-und-leute/detailansicht/article/der-welttorhueter//cHash/e479f98d2d/</link>
			<description>Der Torwart Lutz Pfannenstiel hat auf allen sechs Kontinenten gespielt. Seine Biografie</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Lutz Pfannenstiel hat vermutlich eine der verrücktesten Karrieren, die man als Fußballprofi erleben kann. Als einziger Spieler stand der 36-jährige Torwart aus Zwiesel im Bayerischen Wald auf allen sechs Fifa-Kontinenten unter Vertrag. Während seiner Reise durch 13 Länder und zu über 20 Vereinen wurde er verhaftet, wiederbelebt gefeiert und mit Steinen beworfen. Auf WELT ONLINE veröffentlicht er exklusiv Auszüge aus seiner Autobiografie „Unhaltbar“, die am 1. Oktober im Rowohlt-Verlag erscheint.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Von Lutz Pfannenstiel</p>
<p>Wo anfangen? Vielleicht bei dem Moment, in dem ich die „konservative“ Fußballkarriere abgebrochen habe. Anfang der neunziger Jahre hatte ich als junger Spieler ein Angebot für die Amateure des FC Bayern vorliegen. Ich lehnte ab – und ging nach Malaysia, wo ich bei einem Club namens Penang landete. Mitten in der Halbzeit:</p>
<p>Als ich gerade den Klettverschluss um den zweiten Torwarthandschuh gemacht hatte, hörte ich das vertraute Trippeln von Fußballschuhe mit ihren Stollen auf Betonboden. Es hörte sich an wie Schnee-Hagel, der auf ein Dachfenster trifft. Die Spieler von Penang traten in ihren gelb-blauen Trikots herein. Sie schauten mich überrascht an, nickten kurz herüber, dann schnell auf die Bank. Man hatte ihnen gesagt, dass ich heute anreisen würde; ein wenig seltsam kam es ihnen offenbar dennoch vor, einen Fremden in ihrer Kabine anzutreffen. Ein Malaie um die 50 mit Glatze trat als letzter in die Kabine. Es war der Trainer. Strahlend lief er auf mich zu: „Mister Pfannenstiel, Mister Pfannenstiel, es ist mir eine große Freude“, sagte er auf Englisch und schüttelte mir mit festem Druck die Hand. „Wir hatten gehofft, dass sie es noch schaffen würden. Es ist großartig, dass sie uns in diesem Spiel verstärken.“</p>
<p>Er drehte sich zur Mannschaft um und fuhr auf Malaii fort zu sprechen, strich hektisch ein paar Namen an der Tafel durch und malte neue Namen und Pfeile in alle mögliche Richtungen auf. Alles was ich verstand war, dass es 0:1 stand. Und dass auf der Tafel nun auf der Position des Torwarts ein wenig verhunzt „Panenstil“ geschrieben stand. „Was mache ich hier eigentlich?“, schoss es mir durch den Kopf. Und bräuchte der Verein nicht eigentlich meinen Spielerpass für einen Einsatz? Dann musste ich grinsen. Jetzt war sowieso alles egal. </p>
<p>Ein Orkan des Schalls, als ich auf das Feld lief. Sie hielten mich tatsächlich für einen Bundesliga-Star. Dass ich kein einziges Spiel dort gemacht hatte, erschien mir in diesem Moment nebensächlich. Im Kopf war ich noch immer ein Mann des 1. FC Kötzting, hinaus geschwemmt in die Welt, plötzlich von der Kraft des Zufalls gelenkt. Etwas ungeübt winkte ich in die Menge und lief ins Tor. Immer mehr Adrenalin schoss durch meine Venen. Ich war nun hellwach, und das war dringend nötig.</p>
<p>Keine drei Minuten waren nötig, um zu merken, dass die Abwehrspieler aus Penang keinen Deut besser waren als jene Amateure, die 10.000 Kilometer weiter westlich im Bayerischen Wald mein Tor verteidigt hatten. Gleich zweimal kamen Spieler aus Hongkong frei zum Schuss, irgendwie lenkte ich den Ball noch zur Ecke. Wir glichen aus. Ich sehnte mir das Spiel-Ende herbei, mein Kreislauf drohte, der schwülen Hitze Malaysias zu unterliegen. Endlich pfiff der Schiedsrichter ab, und wir hatten kein Tor mehr kassiert, 1:1. Alles andere zählte für mich nicht.</p>
<p>Erschöpft ging ich in die Kabine. Ein paar klopften grinsend plaudernd auf meine Schulter, voller Anerkennung. Ich lachte zurück, aber eigentlich fehlte schon dafür die Kraft. Meine Konzentration schwand. Und so hatte ich bereits fast zu Ende geduscht, bis ich merkte, dass ich der einzige war, der sich vollständig entkleidet hatte. Meine Mitspieler hatten Badehosen an und versuchten, nicht allzu irritiert zu wirken. Den verkrampften Umgang mit Nacktheit erlebte ich noch oft bei Spielen mit asiatischen Mannschaften.</p>
<p>Der Dato holte mich in der Kabine ab. „Der Sultan würde sie gerne zum Essen einladen“, sagte er höflich und fuhr Hans und mich zehn Minuten lang über die Insel zu einem edlen Restaurant, einer Welt des Luxus. Im warmen Halbdunkel standen ausladende, schwarze Ledersessel vor kleinen Tischen. Riesige Aquarien und verspiegelte Wände trennten die einzelnen Sitzgruppen voneinander. Umher liefen Bedienstete, gehüllt in traditionellen Kleidern und kräftigen Farben. Der Dato führte mich zum Sultan, einem hoch gewachsenen Mann, der aufstand und mich mit einem herzlichen Lächeln empfing: „Eine großartige Vorstellung, Lutz.“</p>
<p>In Asiens Fußballszene kannte den Mann jeder. Er führte eine Tradition fort, die Malaysia schon seit seiner Unabhängigkeit von Großbritannien im Jahr 1957 pflegte. Damals wurde Tunku Abdul Rahman der erste Premierminister des Landes – exakt sechs Jahre, nachdem er bereits Präsident des Fußballverbandes geworden war. Rahman behielt das Amt. Standesgemäß rief Rahman die Unabhängigkeit im Merdeka Stadium aus und neben der Politik bekam auch der bis dahin völlig strukturlose Sport in Malaysia Konturen. Dem Land gelang es, sich im Fußball für die Olympischen Spiele 1972 zu qualifizieren, auch dank der großzügigen Unterstützung der Regierung. Nachdem Rahman das Amt des Premierministers 1974 abgab, übernahm sein Nachfolger auf dem Regierungsposten, Tun Abdul Razak, den Posten als oberster Fußballfunktionär gleich mit.</p>
<p>In den achtziger Jahren hatte schließlich der Sultan eines der höchsten Fußball-Ämter übernommen und aus einer reinen Amateurliga eine Profiliga aufgebaut. „Wir brauchen Leute wie dich in der Liga“, sagte er. Ich hörte ihn wie in einem Traum. Gerade hatte mir eine wunderschöne Bedienstete Haifischflossensuppe als Vorspeise serviert, ich hatte die neuen Eindrücke noch immer nicht verarbeitet. Saß ich nicht gerade einmal einen Tag zuvor voller Wut an einer Bushaltestelle? Nun handelte ich meinen ersten Vertrag bei Champagner aus. Überraschende Wendungen in meinem Leben können mich heute nicht mehr schocken. Ich habe gelernt, dass sie der treue Begleiter aller Reisenden sind. Damals konnte ich die Wendung der vorangegangenen 24 Stunden kaum fassen. Am nächsten Morgen unterschrieb ich: 6000 Dollar monatlich plus Prämien für jeden Sieg. Meinem Torwarttrainer Hans zahlte der Sultan knapp die Hälfte. Dazu ein Auto, ein Apartment im besten Strandhotel, und, wie es der Sultan ausdrückte, „natürlich Jetskies“. Ein Profivertrag. Und ein schönes Leben dazu.</p>
<p>Das begann allerdings um sieben Uhr morgens. Der Trainer bat wegen der Hitze schon in den frühen Morgenstunden zum Training auf einen Platz mit perfektem Rasen. Das war keineswegs ein Zeichen von übertriebener Härte. Penang hatte die Finalrunde schon vor meiner Ankunft so gut wie verpasst, die letzten vier Ligaspiele waren quasi bedeutungslos. Nicht selten befand der Trainer eine Arbeitszeit von 90 Minuten für einen Tag als ausreichend.</p>
<p>Einmal pro Woche flogen wir nach Kuala Lumpur und legten im Nachtclub „The Jump“ als DJs mit auf. Es war die Zeit des Technos. Dieses Wort traut sich heute kaum einer mehr zu sagen, doch Mitte der neunziger Jahre sprach ganz Europa von der Love Parade in Berlin. Einige deutsche Interpreten wie Marusha oder Culture Beat hatten es auch in die asiatischen Clubs geschafft und auch ich hatte meistens die aktuellsten CDs im Gepäck. Damit war ich den meisten malaysischen DJs voraus, die Titel setzten sich erst mit monatelanger Verspätung in Kuala Lumpur.</p>
<p>So verhalfen mir einige Marusha-Songs in meinem Reisegepäck zu drei gut bezahlten Auftritten in einem der angesagtesten Läden der Stadt. Wir flogen abends los, nahmen morgens den ersten Flug zurück nach Penang und fuhren ohne Schlaf zum Training. Mir gefiel dieses Doppelleben. Doch dann erfuhr der Trainer von meiner zweiten Karriere und drohte, die erste als Fußballprofi zu beenden. „Wenn ich das noch einmal höre, werfe ich dich aus der Mannschaft.“ Damals war ich wütend. Inzwischen sehe ich den Mann als einen Bewahrer der Musikkultur: Er verschonte Kuala Lumpur von den Schrei-Attacken des leider immer noch nicht ganz vergessenen Techno-Veteranen Scooter, dem ewig Wasserstoffblonden.</p>
<p>Malaysia wirkte auch ohne diese Nächte in Kuala Lumpur wie eine Droge, leicht, voller Kraft, entkräftend. Ich hätte für immer in diesem Land spielen können, und die Zeit wäre mir wohl so unbemerkt durch die Finger geronnen wie mein Gehalt, das ich zu hundert Prozent in die Gegenwart investierte. Wahrscheinlich wäre es auch so gekommen, wenn sich nicht ein paar Wochen später Norwich City die Insel als Standort für ein Trainingslager ausgewählt hätte. Norwich spielte damals eine kleinere Rolle in der zweiten englischen Liga und war doch ein prominenter Gast, schließlich stellte England die stärksten Vereinsmannschaften weltweit. Kurzfristig arrangierte der Dato ein Testspiel in Kuala Lumpur. Ich kam mir wie ein Handballtorwart vor. Beinahe im Minutentakt flogen die Bälle auf mich zu. Wir verloren mit 1:2, aber ich konnte gar nicht anders, als auf mich aufmerksam zu machen.</p>
<p>Nach dem Spiel fing mich ein Mann ab, als ich das Stadion verlassen wollte. Er schaute sich im Auftrag einiger englischen Erstligisten in Asien nach neuen Spielern um. „Gute Arbeit“, sagte er, „aber was machst du hier?“ „Na, Fußball spielen halt“, antwortete ich mit einer Schlichtheit, für die Jahre später Lukas Podolski bekannt werden sollte. „Verschwende hier nicht deine Zeit, du bist noch jung“, fuhr der Scout fort, „ich bringe dich bei Wimbledon AFC unter. Die brauchen dringend einen Torhüter“. Ich traute meinen Ohren nicht. Wimbledon spielte in der millionenschweren Premier League. Ihr niederländischer Torwart Johannes „Hans“ Segers war einige Wochen zuvor der Spielmanipulation angeklagt worden – angeblich hatte er mit zwei Liverpooler Spielern ein Ergebnis abgesprochen, die Ermittlungen hatten kurz vor der Saisonvorbereitung begonnen und eine Sperre hätte für Wimbledon ein massives Torhüterproblem bedeutet.</p>
<p>Irritiert blieb ich mit der Visitenkarte des Scouts zurück. Dieser Mensch versuchte gerade, mich aus einem Paradies zu locken, in das mich das Schicksal gerade erst gelotst hatte. Und doch sah ich mich in Gedanken bereits mit Wimbledon beim Auswärtsspiel an der legendären Anfield Road im Einsatz gegen den FC Liverpool. Wenige Völker lebten und litten Fußball wie die Engländer. Ratko Svilar, das Idol meiner Jugend, hat dort nie gespielt. Aber ich bin mir sicher, dass er seine ganze Karriere lang gehofft hatte, dort eines Tages zu spielen. Jeder Profi hoffte das. Für mich war es bisher mehr eine Utopie. Niemand hat das Lebensgefühl der Engländer besser auf den Punkt gebracht als der Bill Shankly, der in den sechziger Jahren den FC Liverpool trainierte. „Einige Leute halten Fußball für einen Kampf um Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich versichere Ihnen, dass es viel ernster ist.“ Diese drei Sätze waren so etwas wie die Beschreibung meines bisherigen Lebens. In dieser Liga zu spielen war meine eigentliche Vorstellung vom Paradies. Ich hatte es nur fast vergessen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Lutz Pfannenstiels Autobiografie „Unhaltbar – Meine Abenteuer als Welttorhüter“ erscheint am 1. Oktober im Rowohlt Verlag. Sie kostet 8.95 Euro und ist zum Beispiel über Amazon.com bestellbar. Pfannenstiel hat das Buch zusammen mit Christian Putsch, Mitarbeiter der WELT-Gruppe in Südafrika, geschrieben.</p>
<p>Lesen Sie morgen, wie Pfannenstiel nach Gastspielen in England und Finnland schließlich in Singapur verhaftet wird.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Aus dem Leben eines Welttorhüters: Die Odyssee des Lutz Pfannenstiels</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Folge 2: Singapur &nbsp;&nbsp;</p>
<p>Lutz Pfannenstiel hat vermutlich eine der verrücktesten Karrieren, die man als Fußballprofi erleben kann. Als einziger Spieler stand der 36-jährige Torwart aus Zwiesel im Bayerischen Wald auf allen sechs Fifa-Kontinenten unter Vertrag. Während seiner Reise durch 13 Länder und zu über 20 Vereinen wurde er verhaftet, wiederbelebt gefeiert und mit Steinen beworfen. Auf WELT ONLINE veröffentlicht er exklusiv Auszüge aus seiner Autobiografie „Unhaltbar“, die am 1. Oktober im Rowohlt-Verlag erscheint.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Von Lutz Pfannenstiel</p>
<p>Mein Wechsel nach England wurde zum Beginn einer Odyssee. Ich geriet zum bezahlten Notnagel, wurde ständig für ein paar Wochen ausgeliehen: Finnland, Südafrika, Malta, andere englische Vereine – je nachdem, wo es gerade auf der Torwartposition Verletzungssorgen gab. Irgendwann hatte ich genug und wechselte nach Singapur. Mein größter Fehler: Die Liga hatte ein Problem mit Spielmanipulationen. Der Staat sorgte sich um sein Saubermann-Image und brauchte Erfolge. Ich wurde in einem völlig lächerlichen Prozess zu einer Haftstrafe verurteilt – für Spiele, in denen ich fehlerfrei gehalten hatte. Wie dem auch sei: Im Jahr 2001 betrat ich eines der berüchtigtsten Gefängnisse überhaupt: Dem Queenstown Remand Prison.</p>
<p>Wärter in Singapur nutzen die erste Nacht von Neuankömmlingen dazu, ihnen ordentlich Respekt einzuflößen. Sie sperrten mich mit einem geisteskranken zweifachen Mörder in eine Zelle. Er bekam starke Tabletten, die ihn in einem permanenten Halbschlaf versetzten. Wenn die Dosis nachließ, beschimpfte er mich laut. Er wollte mich schlagen, doch seine Bewegungen waren durch die Medizin so stark verlangsamt, dass ich ihn locker in eine Ecke der Zelle schubsen konnte. Dort blieb er, dennoch machte ich kein Auge zu.</p>
<p>Immerhin teilte ich mir die Zelle nach ein paar Tagen mit Mickey. Sowie mit zehn Drogenschmugglern, Mördern und Vergewaltigern. Die klebrige Körperlichkeit der schwülen Luft, der Geruch verfaulender Rindfleischreste auf den Essenstabletten war mir vom ersten Moment an unerträglich. Nachts hörte ich das Schwirren Dutzender Moskitos. Ich hasse diese Tiere, Tausende Male habe ich in meinem Leben nachts Jagd auf diese Aggressoren gemacht. Ich habe es nie verstanden, dass sich diese Insekten trotz des milliardenfachen Todes ihrer Vorfahren immer wieder in Schlafzimmer von Menschen begaben, wo sie in einer Mischung aus sadistischen und suiciden Antrieb einen letzten, viele Stunden langen Todesflug antraten. Hier flogen sie ungestört. Die meisten Häftlinge konnten ohnehin nicht schlafen.</p>
<p>Die Mitarbeiter der deutschen Botschaft hatten uns den Tipp gegeben, uns aus Kämpfen völlig rauszuhalten – mit guter Führung und ihrem Druck könnten sie so nach drei Monaten vorzeitige Haftentlassung erwirken. Doch von ihnen hatte keiner das Queenstown Remand Prison von innen gesehen. Hier herrschten eigene Regeln, vor allem wenn Menschen involviert sind, die zum Tode verurteilt wurden und nichts mehr zu verlieren haben. In der Zelle wurden die Portionen auf Tabletten ausgegeben. Immer Reis, oft schlechtes Gemüse mit reichlich Curry und Chili, selten Fleisch. In den ersten Tagen nahmen Mithäftlinge kommentarlos zwei der drei Schüsselchen von meinem Tablett. Ich unternahm nichts dagegen.</p>
<p>Irgendwann kam während des Ausgangs auf dem Gefängnishof ein muskulöser Mann auf Mickey und mich zu. Joga war ein ehemaliger Boxer, der wegen Totschlags einsaß. Wir hatten ihn oft gesehen, wie er meistens alleine an einer Mauer lehnte – er hatte eine unnahbare Ausstrahlung mit seinen ausdrucksvollen Gesichtszügen und den großen, lebhaften Augen, die immer aufmerksam musterten, was um ihn herum passierte. Die kleinen Verbrecher trauten sich nicht ihn anzusprechen und die schweren Jungs spürten, dass sie ihn lieber in Ruhe ließen. </p>
<p>Joga war der Schweiger des Gefängnisses, doch jetzt sprach er uns mit seiner tiefen Stimme an. „Jungs, passt ein bisschen auf. Ihr müsst euch wehren, sonst habt ihr bald richtig Schwierigkeiten.“ Es habe sich rumgesprochen, dass wir uns das Essen abnehmen lassen. Dort draußen gebe es Gesetze und Anwälte, „und vielleicht hilft euch auch ab und zu die Botschaft. Aber hier gibt es nichts davon.“ Egal ob jemand wegen unbezahlter Parktickets oder Massenmord einsaß: Wer sich keinen Respekt verschaffte, begab sich in Lebensgefahr. „Die sind wie Tiere“, fuhr Joga fort, „sie testen, wer das schwächste ist und schlagen dann zu.“ Dass es darüber hinaus im Gefängnis immer wieder zu Vergewaltigungen kam, brauchte er mir nicht zu sagen. Das bekamen alle mit. Ein alter schwächlicher Häftling musste nach einer dieser Nächte behandelt werden, weil ihm die Gedärme aus dem Gesäß hingen.</p>
<p>Tausende Male hatte ich mich in Strafräumen ins Getümmel geworfen, hatte mir dabei mehrmals die Arme und das Nasenbein gebrochen. Doch auf diese Situation hatte mich das Leben nicht im Geringsten vorbereitet. Diesen Job übernahm Joga. Wenn es Probleme gebe, dann sollten wir neben den Schlägen auch auf die Knie treten, „sie gehören zu den empfindlichsten Körperstellen“.</p>
<p>Als das nächste Mal ein Chinese, der wegen Drogenschmuggels einsaß, nach meinem Tablett griff, gab ich ihm zwei Schläge auf die Nase und einen heftigen Tritt gegen das Knie. Am Ende lagen er und das Tablett auf dem Boden. Fünf bis sechsmal habe ich mir eine blutige Nase geholt, aber anderen Nasen deutlich schlimmer zugesetzt. Nach ein paar Tagen überstand ich in der Dusche einen Vergewaltigungsversuch mehrerer Chinesen. Als sie merkten, dass ich ohne Hemmungen zuschlug, ließen sie von mir ab. Danach war Frieden.</p>
<p>Mit der Zeit freundete ich mich ein wenig mit Joga an, soweit das möglich war. Er erzählte wenig aus seinem Leben aber immerhin den Grund seiner Haft. Bei einer Kneipenprügelei hatte er einen Mann, der ihn mit einem Messer angegriffen hatte, in Notwehr erschlagen und dafür dennoch zwölf Jahre Freiheitsstrafe und 24 Hiebe bekommen.</p>
<p>Mickey und ich haben diese Form der Bestrafung einige Male miterlebt. Den Gefangenen wird mit einem Rattanstock auf das nackte Gesäß geschlagen. In drei Kerben, immer abwechselnd, immer tiefer. Die Schreie hallten jeden Freitag über das Gelände, man konnte es in jeder Zelle hören, und ich habe sie noch immer nachts im Ohr, wenn ich einmal mehr schlaflos wach liege. Mit jedem Schlag bohrte sich das Holz rund einen Zentimeter tief ins Fleisch. Die meisten wurden spätestens nach sechs oder sieben Hieben ohnmächtig. Dann brach der Beamte ab, die Wunden heilten ein paar Monate aus und die Strafe wurde fortgesetzt.</p>
<p>Als es an die Vollstreckung von Jogas Hieben ging, lehnte er diese Aufteilung der Strafe ab. „Ich möchte alle Hiebe mit einem Mal haben“, sagte er. Ohne einen Mucks hielt er die 24 Hiebe durch, die Wunden gingen bis auf den Knochen, doch Joga ertrug es wie so vieles in seinem Leben: schweigend. Er bestand darauf, ohne Hilfe zurück in seine Zelle zu gehen. Drei Wochen konnte er nur auf dem Bauch liegen. Wir haben keinen Ton des Schmerzes von ihm gehört. Joga war schon vorher einer der respektiertesten Häftlinge, nun umgab ihn endgültig die Aura des Unnahbaren.</p>
<p>Jeder Tag fühlte sich wie zwei Wochen an. „Don’t think too much“, sagt man im Gefängnis, denk’ ja nicht zu viel nach. Mir ist das nie gelungen. Ein paar Zellen weiter haben sie einmal einen Häftling in einem Müllsack hinausgetragen. In einer Ritze im Boden sickerte ein schmaler Faden Blut. Er war nachts mit seinem Kopf immer wieder gegen die Wand gelaufen, bis er tot war. Hätte ich in dieser Zeit Mickey nicht um mich gehabt, wäre ich wohl auch verrückt geworden. Er hatte mit seiner falschen Aussage unsere Verurteilung zwar erst möglich gemacht, aber das hatte ich ihm längst vergeben. Eine so schwere Zeit schweißt zusammen. Wenn er jemals irgendetwas von mir brauchen sollte, egal ob morgen oder mit 80 Jahren: Ich würde alles tun, um ihm zu helfen.</p>
<p>Anita war in dieser Zeit neben Mickey mein zweiter großer Halt. 101 Tage war ich in Haft, und ich habe genau 101 Briefe von ihr bekommen. Immer handgeschrieben, immer auf zwei bis vier DIN-A-4-Seiten. Die Umschläge hatten immer andere Farben, mal rot, blau, gelb – schon von außen hatte sie manchmal Herzchen drauf gemalt. Diese Zeilen waren meine persönliche Droge, mein Lebenselixier, all meine Kraft. Wenn die Wärter einmal vier Tage keine Post auslieferten, was durchaus öfters vorkam, bin ich halb verrückt geworden. Mich plagte die Angst, dass sie dem Druck des Vaters nachgeben würde, der täglich auf sie einredete, die Beziehung zu beenden.</p>
<p>Alle vier Wochen durfte Anita mich besuchen. 15 Minuten in einem kleinen Raum, zwischen uns zehn Zentimeter dickes Panzerglas, direkt neben uns sprachen fünf andere Häftlinge mit ihren Angehörigen wild durcheinander. Wir mussten schreien, um uns zu verstehen. Anita hat viel gelacht in diesen wenigen Minuten und versucht, trotz ihrer tiefen Augenringe glücklich zu wirken, mich aufzumuntern. Später hat sie mir erzählt, dass sie immer erst draußen zu weinen begonnen hat. </p>
<p>Mein Anblick war für sie jedes Mal ein Schock: Sie hat mich mit langen Haaren und schicken Anzügen gekannt, nun sah sie mich abgemagert und in Sträflingskleidung. An diesen Anblick konnte sie sich nie gewöhnen. Zwei Tage war ich nach diesen Treffen immer im absoluten Tief, weil unser nächstes Treffen nun wieder in unendlicher Ferne zu liegen schien und mir ein Blick genügte, um ihre Qualen zu erkennen. Sie war die einzige vertraute Person neben meinem Anwalt und einem Pfarrer, die ich sehen durfte – das Besuchsrecht war nicht auf meinen Vater oder meine Mutter übertragbar.</p>
<p>Sieben Tage vor mir wurde Mickey entlassen. „Wenn ich noch mit dir drin bleiben könnte, würde ich die sieben Tage auch noch aushalten“, sagte er zum Abschied. „Spinnst Du?“ antwortete ich, „fahr nach Hause zu deiner Familie.“ Doch als einen Tag später mein zweiter Vertrauter Joga überraschend in ein anderes Gefängnis verlegt wurde, verbrachte ich die restlichen Tage in panischer Angst. Wer im Gefängnis über keine Allianzen verfügt, kann sich seiner Haut nicht sicher sein.</p>
<p>Mir passierte nichts. Der Tag meiner Freilassung war auch der Tag, an dem ich Singapur verließ. Doch vorher führte mich mein erster Gang in Freiheit zu dem Ort, der jedem Ernährungsberater eines Bundesligisten in Schockstarre versetzt hätte und der so gar nicht meinen Prinzipien von gesunder Ernährung entsprach: Kentucky Fried Chicken. Acht Chickenburger stopfte ich in mich hinein, dazu drei riesige Cola.</p>
<p>Zum ersten Mal seit dreieinhalb Monaten war mein Magen voll, dennoch blieb das Gefühl, auf der Flucht zu sein. Ich fuhr zu einem Friseur, wo sich eine junge Frau bemühte, meinen Militärschnitt nicht länger wie einen Militärschnitt aussehen zu lassen. Während sie schnitt organisierte ich über das Telefon bereits meine Abreise. Wir fuhren zur Wohnung und packten eilig meine Sachen zusammen.</p>
<p>Am Flughafen musste ich wegen meines Eintagesvisums zu einem speziellen Abfertigungsschalter. Der Passkontrolleur musterte mich schon von Weitem. „Ah, ich habe schon auf sie gewartet“, sagte er. Ich bekam einen Schreck. Sollte es jetzt wirklich noch Probleme mit der Ausreise geben? Mich trieb seit Tagen nur noch der eine Gedanke: Nichts wie weg. Doch der Beamte lächelte.&nbsp; „Meine Tochter ist großer Geylang-Fan“, sagte er, „können sie mir bitte ein Autogramm geben?“ Ich gab ihm eins. Und musste lachen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Lutz Pfannenstiels Autobiografie „Unhaltbar – Meine Abenteuer als Welttorhüter“ erscheint am 1. Oktober im Rowohlt Verlag. Sie kostet 8.95 Euro und ist zum Beispiel über Amazon.com bestellbar. Pfannenstiel hat das Buch zusammen mit Christian Putsch, Mitarbeiter der WELT-Gruppe in Südafrika, geschrieben.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Lesen Sie morgen, wie Pfannenstiel bei einem Spiel in England wiederbelebt werden musste.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Aus dem Leben eines Welttorhüters: Die Odyssee des Lutz Pfannenstiels</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Folge 3: England &nbsp; &nbsp;&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Lutz Pfannenstiel hat vermutlich eine der verrücktesten Karrieren, die man als Fußballprofi erleben kann. Als einziger Spieler stand der 36-jährige Torwart aus Zwiesel im Bayerischen Wald auf allen sechs Fifa-Kontinenten unter Vertrag. Während seiner Reise durch 13 Länder und zu über 20 Vereinen wurde er verhaftet, wiederbelebt gefeiert und mit Steinen beworfen. Auf WELT ONLINE veröffentlicht er exklusiv Auszüge aus seiner Autobiografie „Unhaltbar“, die am 1. Oktober im Rowohlt-Verlag erscheint.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Von Lutz Pfannenstiel</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Nach meiner schwierigen Zeit in Singapur fasste ich wieder Fuß, spielte in der norwegischen und neuseeländischen Liga. Aber am Zweiten Weihnachtstag des Jahres 2003 aber, dem Boxing Day, wäre meine Reise bei einem Gastspiel im englischen Profifußball beinahe abrupt beendet worden – vom Knie eines Gegenspielers. Ich musste drei Mal wiederbelebt werden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Boxing Day kann alles ändern. Ich lief auf das Spielfeld, mein Puls stieg mit jedem Schritt. Schon nach dem Warmmachen war ich völlig durchnässt, der raue Wind arbeitete sich durch meine Kleidung. Ich habe den Regen immer gemocht. Er erfrischt die Seele und erinnert jede Körperfaser daran, dass sie lebendig ist. Fußballspiele befreit er von taktischen Zwängen, macht den Boden so unberechenbar, dass beiden Mannschaften keine andere Wahl bleibt, als den Kampf als alles entscheidenden Faktor zu akzeptieren. Wenig Gerüche sind sinnlicher als ein zerschundener Fußballplatz, der neunzig Minuten von Regen und Fußballstollen bearbeitet wurde.</p>
<p>Das Spiel begann stürmisch, ein prestigeträchtiges Nachbarschaftsduell. Es war eine dieser Partien ohne Mittelfeld, mit hohem Risiko versuchten wir von der Abwehr ohne Umwege in den Angriff zu kommen. Hohe weite Bälle und alle laufen hinterher, in England nennen sie das „Kick and Rush“. Der Begriff ist eigentlich antiquiert, schließlich wird in der Premier League inzwischen der technisch feinste Fußball weltweit gespielt. Doch in den Ligen darunter lebt dieser Stil weiter. Fast immer, wenn nach einem dieser Bälle der Abwehr ein Fehler unterlief, resultierte daraus eine Großchance für Harrogate Town: Im Minutentakt flogen die Bälle auf mich zu, ich bekam schon in den ersten Minuten zwei Ellenbogen ins Gesicht. Es war eines jener Spiele, die ich liebte.</p>
<p>Wir waren überlegen. Schon nach einer Minute führten wir durch den alternden Ex-Profi Simon Collins mit 1:0, Robbie Painter erhöhte wenige Minuten später auf 2:0. Doch dann begann die 29. Minute. Aus dem Mittelfeld passte Harrogate in die Spitze, wo sich keiner für Clayton Donaldson zuständig fühlte. Der Stürmer mit karibischen Wurzeln und Rasta-Locken hatte zu einem seiner Sprints angesetzt, die ihn später in die Premier League bringen würden. Plötzlich war er alleine vor mir. Der Ball rollte genau zwischen uns, zehn Meter trennten uns beide von ihm. Ich grätschte an der Strafraumgrenze in den Ball, doch da war Donaldson schon da. Er schoss den Ball aus vollem Lauf gegen mich, dann traf er mit dem Knie im Fallen meinen Brustkorb. Es war, als würden Dutzende Blitze auf einmal einschlage. Mir blieb die Luft weg.</p>
<p>Ich stand auf und wollte den Schiedsrichter anschreien, schließlich war Donaldson hart in den Zweikampf gegangen. Dann plötzlich Schwärze. Ich fiel um. Sank zusammen, ohne jede Reaktion. Wie von einem Blitzschlag getroffen, landete ich in dem aufgeweichten Rasen. Es war, als sei von einem Moment auf den anderen jede Spannung aus meinem Körper entwichen.</p>
<p>Was in den nächsten Sekunden passierte, weiß ich nicht mehr, meine Mitspieler haben es mir später erzählt. Der Schiedsrichter ließ das Spiel weiter laufen, Verteidiger Paul Sykes schoss den abgeprallten Ball zum Anschlusstreffer in mein leeres Tor. Das Gebrodel auf der Tribüne nahm diesen entsetzten Ton an, der immer einsetzt, wenn die Heimmannschaft einen Gegentreffer kassiert. Der Schiedsrichter zeigte zum Mittelkreis – nur noch 2:1.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Unser Physiotherapeut Ray Killick begriff die Situation als erster. Er rannte mit seinem kleinen Medizinkoffer auf den Platz, einmal stolperte er, so dass er fast gefallen wäre. Die Spieler riefen nun wild durcheinander, winkten hektisch zur Auswechselbank, wo auch der Mannschaftsarzt von Harrogate loslief. Langsam setzte besorgtes Gemurmel auf der Tribüne ein. Ich lag regungslos vor meinem Strafraum, als Ray mich erreichte, aus meinem Mund floss weißgelbe Flüssigkeit. </p>
<p>Ray fühlte meinen Puls und fing an zu fluchen. „Nichts.“ Mein Atem hatte ausgesetzt. „He is fucking dead“, schrie er panisch. „He is fucking dead.“ Ray gab für den englischen Fußball-Verband Kurse in Erster Hilfe. Auf dem Feld war er aber noch nie in die Situation gekommen, tatsächlich Mund-Zu-Mund-Beatmung zu leisten. Nun war es so weit, und er zögerte nicht, überstreckte meinen Hals und blies mir Luft in den Mund. Es war auch für den letzten im Stadion das Signal, wie ernst die Lage war. Unserem Trainer Trevor Storton flossen die Tränen über das Gesicht. Co-Trainer Ian Thompson, als Spieler früher ein absolut unerschütterliches Raubein, kauerte hinter der Ersatzbank. Er konnte nicht auf das Feld sehen, erzählte er mir später, „ich konnte es einfach nicht“. </p>
<p>Nach ein paar Minuten kam ein Betreuer auf die Tribüne zu Anita und ihrer Mutter Margaret. Sie sollten mit auf das Feld kommen, es könne sein, dass sie den Vater ihres Kindes zum letzten Mal lebend sehe. Die Sekunden vergingen wie Stunden. „Ich habe ihn wieder“, rief Ray nach einer gefühlten Ewigkeit. Mein Atem hatte wieder eingesetzt. Weinend stand Anita daneben, Margaret hatte sie in den Arm genommen. „Bleib wach, bleib wach“, rief sie mir zu.</p>
<p>Meine Augen waren auf, doch sie rollten nach oben. „Bist du sicher, dass er lebt?“, schrie sie Ray an, „bist du ganz sicher?“ Nein. Nach ein paar Sekunden stoppte mein Atem wieder. Ray setzte erneut zur Mund-zu-Mund-Beatmung an. Ich atmete wieder, doch nur für ein paar Sekunden. Es war mein Glück, dass Ray seine erste Wiederbelebung gleich drei Mal gelang, und auch der Krankenwagen wenige Minuten später auf das Feld fuhr. Das Spiel war da längst abgebrochen worden – ein Ereignis, das in England ungefähr so oft wie ein gewonnenes Elfmeterschießen der Nationalmannschaft vorkommt.</p>
<p>Wenn mein Leben an diesem Tag im Alter von 29 Jahren geendet hätte, wäre das eine Katastrophe gewesen. Ich hatte gerade die schwerste Phase meines Lebens in Singapur überwunden, zwei Monate später sollte meine Tochter geboren werden. Und doch: Diese Dinge passieren im Fußball, es gab mehrere prominente Fußballprofis wie den kamerunischen Nationalspieler Marc Vivien Foe oder den Ungarn Miklos Feher, die an Herzstillständen auf dem Feld starben. Wenn mir irgendwer im Alter von zwanzig Jahren gesagt hätte, dass mein Leben eines Tages auf dem Fußballplatz enden würde, hätte ich das akzeptiert. So pathetisch das auch klingen mag: Ich lebe für den Fußball, und ich wäre auch für ihn gestorben. Diese Vorstellung gefällt mir besser, als qualvoll und gebrechlich in einem Krankenhaus meine letzten Atemzüge zu machen.</p>
<p>Doch ich wachte auf. Ich sah wie auf einem kleinen, verschwommenen Bildschirm das Gesicht einer jungen Frau. Der Bildschirm wurde wieder schwarz. Kurz darauf erschien die Frau erneut, nun etwas klarer. „Er wird wach“, hörte ich sie dumpf sagen. Eine zweite Frau erschien auf dem Bildschirm, der nun langsam etwas breiter wurde. Ich kam schlagartig zu mir. Noch immer lag ich auf der Trage, mit dem man mich vom Rasen in den Krankenwagen gehievt hatte.&nbsp; Mein geliebtes Torwarttrikot war aufgeschnitten, ich wusste nicht, dass das für die Wiederbelebungsversuche nötig gewesen war. Ich versuchte Arme und Beine zu bewegen. Es ging nicht. War ich gelähmt? Ich erschrak. Erst jetzt erkannte ich, dass ich an Armen, Beinen und sogar dem Kopf mit Fixierungsgurten an die Trage befestigt war. </p>
<p>Wo war ich? Ich kannte den Raum nicht – aber die Katakomben des Stadions waren groß, du kannst nicht jeden Winkel kennen, dachte ich. Ein enges weißes Arztzimmer mit ein paar Schränken, an einem davon standen zwei Krankenschwestern in grünen Kitteln, die mir den Rücken zuwandten. Sie sehen aus wie Außerirdische, ging es mir durch den benommenen Kopf. Dann erinnerte ich mich: Ich muss ausgewechselt worden sein. Am Boxing Day, unmöglich. Das letzte, woran ich mich erinnern konnte, war der Zusammenprall mit Donaldson.</p>
<p>„Was zum Teufel ist hier los“, fuhr ich eine der Krankenschwestern an. Sie drehte sich um, in der Hand hielt sie eine Beruhigungsspritze. Den stechenden Schmerz in meiner Brust ignorierte ich. „Warum habt ihr mich ausgewechselt?“ Ich zerrte an den Gurten, mit denen meine Beine und Arme fixiert worden waren. „Macht mich sofort los, ich muss zurück aufs Feld.“ Die Frau lächelte. „Sie sind im Royal Krankenhaus von Bradford. Und das Spiel ist vor über einer Stunde abgebrochen worden. Seien sie lieber froh, dass sie noch leben.“ Ich glaubte ihr kein Wort.</p>
<p>Ein junger Arzt kam zur Tür hinein. „Wir machen sie nun los“, erklärte er. „Wir mussten erst eine Kernspintomographie machen, um sicher zu stellen, dass ihre Wirbelsäule nicht verletzt ist.“ Noch immer verstand ich nicht, was passiert war. </p>
<p>Anita und der Manager von Bradford betraten das Zimmer. Anita hatte von Tränen gerötete Augen, doch nun freute sie sich einfach nur, mich zu sehen. Langsam richtete ich mich auf und umarmte sie vorsichtig. Sie erzählte mir von dem Zusammenprall und den drei Wiederbelebungen. „Du hast einen gewaltigen Schlag auf den Solar Plexus bekommen. Mehrere Organe haben ausgesetzt. Wir haben unglaubliches Glück, dass du noch lebst.“ Durch den Schlag waren die Gefäße im Bauchraum erweitert worden, so dass der Blutdruck zum Herz reduziert worden war und nicht mehr ausreichend Blut zur Versorgung der Organe zur Verfügung gestanden hatte. Meine Lungenflügel waren komplett eingefallen, ohne Rays Wiederbelebung hätte ich keine Chance gehabt.&nbsp; </p>
<p>Ich hörte ihnen zu. Doch wäre der stechende Schmerz in meinem Brustkorb nicht gewesen, hätte ich schwören können, sie erzählten von jemand anderem. Am Boxing Day hatte ich noch nie ein Spiel verpasst.</p>
<p>Lutz Pfannenstiels Autobiografie „Unhaltbar – Meine Abenteuer als Welttorhüter“ erscheint am 1. Oktober im Rowohlt Verlag. Sie kostet 8.95 Euro und ist zum Beispiel über Amazon.com bestellbar. Pfannenstiel hat das Buch zusammen mit Christian Putsch, Mitarbeiter der WELT-Gruppe in Südafrika, geschrieben.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Lesen Sie morgen, wie Pfannenstiel in Brasilien einen besonderen Weltrekord aufstellt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Aus dem Leben eines Welttorhüters: Die Odyssee des Lutz Pfannenstiels</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Folge 4: Brasilien &nbsp; &nbsp;&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Lutz Pfannenstiel hat vermutlich eine der verrücktesten Karrieren, die man als Fußballprofi erleben kann. Als einziger Spieler stand der 36-jährige Torwart aus Zwiesel im Bayerischen Wald auf allen sechs Fifa-Kontinenten unter Vertrag. Während seiner Reise durch 13 Länder und zu über 20 Vereinen wurde er verhaftet, wiederbelebt gefeiert und mit Steinen beworfen. Auf WELT ONLINE veröffentlicht er exklusiv Auszüge aus seiner Autobiografie „Unhaltbar“, die am 1. Oktober im Rowohlt-Verlag erscheint.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Von Lutz Pfannenstiel</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Im Jahr 2008 war es schließlich so weit. Ich bekam einen Vertrag in Brasilien. Seitdem gelte ich als der einzige Profi, der auf allen sechs Kontinenten gespielt hat.</p>
<p>Zwei Wochen war ich nun bei Ibirama. Langsam lernte ich die anderen Spieler kennen. Bis dahin hatte ich mein Leben als nicht immer einfach erlebt, doch im Vergleich zu den Leben dieser Jungs war es das wirklich nicht. Sie alle waren in den Favelas aufgewachsen, sechs aus Rio de Janeiro, vier aus Sao Paolo. In Ibirama selbst war niemand aufgewachsen. „Ohne den Fußball wäre ich tot“, sagte mir ein Spieler namens Douglas einmal. Während seiner Jugend in Rio hatte er genau zwei Dinge gemacht: Fußball gespielt und Drogen verkauft. Für Schule blieb kein Platz mehr. </p>
<p>Inzwischen hatte ihn der Fußball zu einem gut verdienenden Mann gemacht, nur in&nbsp; der Umkleide waren die Narben dieser Zeit noch zu sehen. Er hatte in seiner Jugend während einer Schießerei mehrere Kugeln in den Bauch abbekommen. Er sprach nicht viel darüber, aber jeder wusste, dass er zu den Drogenbossen in Rio noch immer einen guten Draht hatte. Längst hätte er seinen Eltern ein großes Haus in einem edlen Stadtviertel von Rio finanzieren können. „Sie wollen nicht weg“, erzählte er, „warum sollten sie auch, wenn es ihnen gefällt?“ Viele Familien leben seit Jahrzehnten in den gleichen Vierteln und selbst wenn einer der Söhne zu Wohlstand kommt, bleiben sie dort wohnen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ich hatte in meiner Karriere vor jedem Spiel immer die gleichen Rituale, die mir die Nervosität nahmen. Vor dem Anpfiff betrat ich den Rasen zuerst mit dem linken Fuß, genauso wie ich zuerst den linken Schienenbein anlegte. Zweimal bete ich das Vaterunser vor dem Anpfiff, das hilft. Doch diesmal war ich nervös wie lange nicht mehr. Wir waren mit dem Bus zum Auswärtsspiel nach Jaraguá do Sul gereist. 20.000 Brasilianer sorgten für jene chaotische Lebensfreude, die den Fußball in diesem Land ausmacht. Sie tanzten in der Schwüle dieses Sonntagnachmittages auf der Tribüne und brannten Dutzende Feuerwerkskörper ab. Die wenigsten von ihnen wussten von meinem Weltrekord, aber ich redete mir ein, dass sie sich mit mir freuten.</p>
<p>Der Torwarttrainer schoss ein paar Bälle auf mein Tor, während die Feldspieler sich vor mir warmmachten. Tausende Male hatte ich das schon erlebt, es war mein Alltag. Doch diese Momente brannten sich in meinen Kopf ein. Ich war in meinem Leben mehrere Millionen Kilometer gereist für den Fußball, 15 lange Jahre lang. In diesem Moment hatte ich das Gefühl anzukommen. Mir schossen Bilder meiner Kindheit durch den Kopf, die Nachmittage, an denen ich mit meinem Kumpel Tobias Probst geschworen habe, eines Tages in Brasilien zu spielen. Ein Vierteljahrhundert Jahre später war es nun tatsächlich so weit.</p>
<p>Das Spiel begann, und ich spürte einen großen Stolz in mir. Mich hatte es nie interessiert, was andere über mich sagen oder meine Karriere beurteilten. In diesem Moment aber war ich zufrieden mit dem, was der Fußball mir gegeben hatte, trotz allem Schmerz und aller Entbehrungen. Und ich bildete mir ein, dass ich mit meiner wechselhaften Karriere auch diesem Sport, der das Leben so zu spiegeln vermag, einen Teil zurückgegeben hatte. </p>
<p>Viel Zeit für solche Gedanken blieb mir während der neunzig Minuten allerdings nicht. Während die Nationalmannschaft längst taktisch modernen Fußball praktiziert, stimmt in der brasilianischen Regionalmeisterschaft das Klischee noch, nachdem in Südamerika wenig Wert auf Abwehrarbeit gelegt wird. Angriff auf Angriff rollte auf mich zu. Ich musste hoch konzentriert bleiben, in dieser Partie durfte ich mir keinen Patzer erlauben. Das gelang mir, auch wenn wir mit 0:1 verloren. Der übertragende TV-Sender kürte mich zum Spieler des Tages.</p>
<p>Normalerweise bin ich nach Niederlagen mindestens zwei Tage lang schlecht drauf, so war es seit meiner Jugend. Diesmal war es anders, schon Minuten nach dem Abpfiff. Die Zufriedenheit wollte einfach nicht weichen. Meine Mitspieler spürten, dass dieser Sonntag ein besonderer Tag für mich war. Auf dem Rückweg nach Ibirama holte einer eine Kühltruhe mit Bierflaschen hervor. Zwei hatten Trommeln dabei und sie begannen zu singen. Andere hatten Sand und Steinchen in leere Plastikflaschen gefüllt und begleiten die Musik. Ein paar standen von ihren Sitzen auf und tanzten im Gang des Busses. Sie sangen eigentlich immer, in der Kabine, vor und nach dem Training, im Bus. Ich habe davon noch heute Videobilder auf meinem Handy, sie sind meine beste Waffe gegen schlechte Stimmung. Bisher war ich meistens damit davon gekommen, dass man mir eine Trommel in die Hand gedrückt hatte und ich das ganze begleitete. Nun musste auch ich mitsingen. „Alemao, Alemao“, riefen sie immer wieder, bis ich endlich einstimmte und mittanzte. Ich hatte ein paar Brocken Portugiesisch gelernt, man hat keine andere Wahl in diesem Land – und es reichte für diese brasilianischen Volkslieder. Wir tanzten und sangen die komplette Fahrt hindurch.</p>
<p>Gäbe es doch im Leben eine Möglichkeit einen Moment einzufrieren, ihn in der Endlosschleife bis zum Tod immer wieder zu wiederholen. Ich hätte mich für diese beiden Stunden in einem klapprigen Bus entschieden. Auch wenn ich singe wie ich lebe: Auf meine Weise.</p>
<p>Lutz Pfannenstiels Autobiografie „Unhaltbar – Meine Abenteuer als Welttorhüter“ erscheint am 1. Oktober im Rowohlt Verlag. Sie kostet 8.95 Euro und ist zum Beispiel über Amazon.com bestellbar. Pfannenstiel hat das Buch zusammen mit Christian Putsch, Mitarbeiter der WELT-Gruppe in Südafrika, geschrieben. Er spielt derzeit übrigens in Namibia. Bis 40 will er weitermachen. Mindestens.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Vorabdruck, Welt Online 27.-30. September 2009</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>]]></content:encoded>
			<category>Land und Leute</category>
			
			
			<pubDate>Thu, 01 Oct 2009 18:14:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
	</channel>
</rss>