Raum gegen das Verbrechen
Südafrika setzt im Kampf gegen Kriminalität auf Überwachungskameras
Ein junger Fußballfan verlässt mit einer blutenden Platzwunde das Stadion. Er steht ganz offenbar noch unter Schock, als die Fotografen ihre Fotos vor dem Tembisa-Township von Johannesburg machen – jene Bilder, die man der WM 2010 in Südafrika nicht gewünscht hätte.
Mindestens 16 Zuschauer wurden am späten Sonntagnachmittag bei einem Testspiel zwischen den WM-Teilnehmern Nigeria und Nordkorea (3:1) verletzt – darunter ein Kind. Hinzu kommt ein Polizist mit schweren Verletzungen. Fans hatten versucht, die vom Sicherheitspersonal bereits geschlossenen Tore des Stadions zu durchbrechen.
Der Unfallhergang lässt auf eine chaotische Organisation schließen. „Es wurden Gratistickets ausgegeben, und als die Menschen davon hörten, begann der tragische Ansturm auf die Tore“, sagt Colonel Opperman von der zuständigen Tembisa Polizei-Station. Lediglich 10.000 Zuschauer fasst das Stadion, es waren auch gefälschte Karten im Umlauf.
Der Weltverband Fifa als Veranstalter der WM 2010 bemüht sich, Verbindungen zu dem am Freitag beginnenden Turnier zu vermeiden. Man hoffe auf eine baldige Genesung der Verletzten, aber „darüber hinaus wollen Fifa und Organisationskomitee betonen, dass dieses Spiel nichts mit der Vorbereitung der WM 2010 zu tun hatte“. Zudem sei die Fifa nicht an der Ticketvergabe des Spiels beteiligt gewesen. Tatsächlich ist die Milliardeninszenierung vom Organisationslevel nicht mit dem afrikanischen Fußballalltag vergleichbar.
Offenbar hatten das Organisationskomitee (LOK) und die beiden Verbände aus Nigeria und Nordkorea das Freundschaftsspiel unterschätzt. Der englische Fußballverband FA reagiert gestern vor dem Freundschaftsspiel gegen den örtlichen Verein Platinum Stars (nach Redaktionsschluss) umgehend: „Nach dem Vorfall haben wir das LOK angerufen und die Notwendigkeit von Maßnahmen betont, damit sich ein solcher Ansturm nicht wiederholt“, so ein Sprecher der FA.
Der Vorfall ist bedauerlich, zumal er von den bemerkenswerten Anstrengungen Südafrikas ablenkt, ein sicheres Turnier zu gewährleisten. In der Verbrechensbekämpfung zum Beispiel, wie ein Besuch des CCTV-Kontrollzentrums von Johannesburg belegt.
Die Live-Bilder von 231 Kameras der Innenstadt kommen hier im dritten Stock des Penmor-Turms an. Stadtviertel wie Hillbrow, Joubert Park und Braamfontein tragen überproportional zu der Statistik von 18.000 Morden bei, die es jährlich in Südafrika gibt. Sie zählten lange zu den gefährlichsten Gegenden der Welt, zumindest außerhalb von Kriegsgebieten – und darüber hinaus zu den Hauptsorgen der Fifa. Denn mit dem Ellis Park grenzt eines der wichtigsten WM-Stadien direkt an die Problemgegenden.
Der Besuch in dem unscheinbaren Hochhaus direkt neben der N2-Autobahn beginnt wenig vertrauensvoll. Stromausfall, wie so oft in Johannesburg. „Kein Problem“, sagt Ermittler Herman Petzer, „die Kameras, Bildschirme und Elektronik werden über ein eigenes Stromaggregat versorgt.“ Wie die Stadien auch – in Südafrika ist das elementar.
Also über die Treppen in den dritten Stock. Zwei Türen mit Panzerglas versperren den Zugang zu dem Raum. Petzer hält den rechten Zeigefinger an ein Abdrucklesegerät, die erste Tür öffnet sich, und im Halbdunkeln stehen 17 Schreibtische.
Ganz vorne sitzt Tinashe Sibeko, er hat 15 Live-Bilder gleichzeitig auf seinem riesigen Bildschirm. Mit einem Schalthebel kann er die einzelnen Kameras ferngesteuert bewegen. „Heute ist es ruhig“, sagt er, „hektisch wird es am Wochenende und am 25. des Monats. Dann ist Zahltag und die Leute gehen feiern.“
Seit sechs Uhr sitzt er hier. Einer Stunde Überwachung folgen zwei Stunden Pause – die Arbeit erfordert ein ähnliches Konzentrationsvermögen wie von Fluglotsen. Man entwickele einen Instinkt für brenzlige Situationen, sagt Sibeke. Dann ruft er einen Beamten der Verkehrs- oder Kriminalpolizei, die jeweils einen Schreibtisch im gleichen Raum haben. Die alarmieren neben den normalen Streifenwagen unmittelbar 40 Beamten in Zivil, die pro Schicht zur Verfügung stehen. Drei Minuten dauert es im Schnitt, bis sie am Unfall- oder Tatort sind.
Im März 2000 begann die Stadt mit der Überwachung – einer Zeit, als der Kampf gegen das Verbrechen noch eher halbherzig geführt wurde. Rund 150 technisch mittelmäßige Kameras waren im Einsatz. Als der Vertrag mit der damals beauftragten Firma Cueincident fünf Jahre später auslief, vergingen zwei Jahre, bis der neue Auftrag vergeben wurde –die Ausrüstung gammelte vor sich hin, eine Kamera nach der anderen fiel aus.
Den Neun-Millionen-Euro-Zuschlag für die Jahre 2007 bis 2011 bekam schließlich die international operierende Firma Omega. „Seit drei Jahren haben wir die besten Kameras der Welt“, sagt Petzer, „sie zoomen drei Kilometer weit und erkennen sogar die Kennzeichen von gestohlenen Fahrzeugen.“
Über hunderttausend Autos werden jährlich in Südafrika gestohlen. Kaum ein Neuwagen wird ohne eingebauten Peilsender verkauft, die gestohlenen Fahrzeuge werden von privaten Sicherheitskräften per Hubschrauber geortet und mit Motorradkommandos gejagt. Ein paar Prozent der Hijacker, gewaltsam vorgehende Autodiebe, werden dank des CCTV-Raums gestellt.
Die Effektivität der Kameras aber ist umstritten. 260 Verhaftungen gelingen nach Polizeiangaben in der Innenstadt pro Tag – über den Anteil der Überwachungskamera werden keine genauen Statistiken veröffentlicht. Angeblich sei die Zahl der Verbrechen in den überwachten Gegenden um 80 Prozent gesunken, teilte die zunächst beauftragte Firma Cueincident vor vier Jahren mit – doch das war während der Ausschreibungsphase, als das Unternehmen die Wirksamkeit seiner Kameras pries. Verlässliche Statistiken gibt es keine.
„Die Zahl ist deutlich gesunken“, betont Ermittlerin Martha Letsoalo, „allerdings verlagert sich das Verbrechen oft nur innerhalb der Gebäude und in andere Stadtviertel.“ Innerhalb des Teams herrscht Unzufriedenheit, weil das System nicht wie gewünscht ausgebaut wurde. Ganz Schottland hat mit fünf Millionen nur etwas mehr Bewohner als Johannesburg – aber mit 2200 CCTV-Kameras die zehnfache Zahl an Überwachungseinrichtungen.
„Wir brauchen mehr Kameras in ganz Südafrika“, sagt Letsoalo. Einige Statistiken haben sich seit dem Jahr 2003 deutlich gebessert, die Zahl der Straßenüberfälle und versuchten Morde etwa sank um ein Drittel. Die der tatsächlich vollzogenen Morde und Vergewaltigungen aber ist konstant hoch – trotz erweiterter Rechte der Polizei für den Waffengebrauch.
Immerhin: Bei der WM-Planung, für die 40.000 zusätzliche Polizisten ausgebildet wurden, spielen die Kameras eine große Rolle – Überwachungsräume gibt es auch an anderen großen Spielorten wie Kapstadt, Durban und Port Elizabeth. Mit besonderer Konzentration auf die Straßen im Stadion-Umkreis.
Übertriebene Hoffnung macht der Besuch im Penmor-Tower allerdings nicht. Am Mittag ist der Strom wieder da. Dafür stürzen die Computer ab, alle Bildschirme bleiben schwarz. Bis sie wieder hochgefahren sind, dauert es 20 Minuten.
Erschienen in Die Welt, 8. Juni 2010

