Mo, 17.05.2010

Gefallene Könige

Die 16 bekanntesten Fans Südafrikas reisen zusammen - und glauben weiter an ihre Chance

Pretoria – Als sich der Bus in den Stau der Enttäuschten einreiht, der traurige Pop von Brenda Fassie aus den Boxen dröhnt, spricht plötzlich Thomas „Rasta“ Mokhari. „Es sind noch 90 Minuten“, sagt der bekannteste Fan der Moroka Swallows könnte als Bob-Marley-Double durchgehen, „wir haben noch immer eine Chance.“ Ganz hinten links sitzt „Master“, der im Stadion immer einen riesigen mexikanischen Sombrero trägt. Beim Santos FC in Kapstadt erkennen ihn alle an dem Hut. „Yebo“, sagt der 35-Jährige, richtig so. Aber man hört ihn kaum.

 

Wer mag jetzt noch das Erreichen des Achtelfinales glauben. Gerade hat Südafrika sein zweites Vorrundenspiel gegen Uruguay verloren. 0:3 in Pretoria, ein Tor von Alvaro Pereira, zwei von Diego Forlan, der mit über 20 Millionen Euro beinahe einen höheren Marktwert als alle südafrikanische Spieler von Südafrika zusammen. Dazu die Rote Karte für einen der besten, den Torhüter Itumeleng Khune.

 

Für Südafrika, den Weltranglisten-83., verbuchten die Statistiker am Ende dagegen keinen einzigen gefährlicheb Torschuss. Nur ein Punkt, 1:4 Tore nach zwei Spielen. Das erste Vorrunden-Aus eines Gastgebers in der WM-Geschichte scheint festzustehen. „Eish, Bafana“, titelte gestern der „Citizen“, und selten war jenes Wort, mit dem sich die Südafrikaner von kolossal Schiefgelaufenem befreien, angemessener: Eish.

 

Aber aufgeben? Ausgeschlossen. Nicht die Könige der Fans. Ein Bier-Sponsor finanziert ihnen in zwei kleinen Bussen die Fahrt zu den Spielen von „Bafana Bafana“, 16 Fans, von jedem Erstligisten der berühmteste. Zu den Ligaspielen kommen im Schnitt nur 10.000 Zuschauer, doch die Fanszene mit ihren bunten Makarapa-Hüten, überdimensionalen Brillen und wilden Kostümen ist so kreativ wie kaum eine andere.

 

Gemeinsam waren sie angetreten, um Südafrika in die zweite Runde zu treiben. Vorne, auf dem Beifahrersitz, sitzt Mzion Mofokeng. Natürlich sitzt er vorne, der rundliche Kultfan der Orlando Pirates gehört zu den bekanntesten Gesichtern. Wenn er in seinem weiten Fangewand erhaben durch die Straßen schreitet, die Leute um gemeinsame Fotos bitten, dann wirkt es schlicht königlich. Der Gemüseverkäufer hat etwas von Napoleon.

 

Im anderen Bus sitzt Wilson Mtshebe von den Kaizer Chiefs, man erkennt ihn an einem weißen Ziegenbärtchen. Wie Mofokeng ist er jenseits der 50, beide können sich noch gut an die achtziger Jahre erinnern, als es wilde Schlägereien zwischen den Fanlagern der Soweto-Rivalen gab. „Es ist ruhiger geworden“, sagt Mofokeng, „und in diesen Wochen haben wir alle das gleiche Ziel: Bafana muss in die zweite Runde.“

 

Das scheint nun fern wie nie. Trainer Carlos Alberto Parreira schob die Schuld auf denSchiedsrichter. Dabei waren es seine ballverliebten Spieler, die vor 42.658 Entsetzten keinen einzigen gefährlichen Schuss zustande gebracht hatten. In den Sekunden nach den drei Toren Uruguays blieben die Vuvuzela-Tröten stumm. Sogar die der Superfans, wie sie sich nennen.

 

Sie standen ganz vorne, wie immer, Dutzende Fotografen richteten ihre Objektive auf sie. Jubelbilder vor dem Anpfiff, fassungslose Gesichter danach. Tausende Zuschauer gingen schon vor dem Abpfiff – Forlan hatte mit einem abgefälschten Distanzschuss (24.) und per Elfmeter (80.) getroffen. Die Superfans aber blieben, ertrugen auch noch das 0:3 durch Alvaro Pereira in der Nachspielzeit.

 

Erst dann verließen sie die Tribüne, friedlich, beinahe gefasst, wie die meisten. Bafana Bafana ist Gastgeber, aber nun einmal doch einer der größten Außenseiter des Turniers. Unten sprach Mittelfeldstar Steven Pienaar Durchhalteparolen in die Kameras: „Wir haben nun ein Finale gegen Frankreich, die Spieler wollen diese Sache wieder gerade rücken“, sagte er.  Den vorherrschenden Eindruck der Mannschaft aber brachte Verteidiger Bongani Khumalo auf den Punkt: „Es war schrecklich, wirklich schlimm.“

 

Hoffnungsvoll hatte die Nation darauf spekuliert, dass der 16. Juni, der Tag der Jugend, künftig nicht mehr allein mit dem Beginn des Soweto-Aufstands vor 34 Jahren verbunden würde. Von der aktuellen Mannschaft war damals noch niemand geboren, als mindestens 200 Menschen im Protest gegen die Politik der Apartheid starben. So erlebt Südafrika einen ersten Moment der Trauer, verstärkt durch die gestrige Beerdigung von Nelson Mandelas Urenkelin Zenani, die einen Tag vor der WM bei einem Autounfall getötet wurde. Der 91-Jährige, der deshalb der Eröffnungsfeier ferngeblieben war, nahm am Morgen an der Trauerzeremonie teil.

 

Ein Funken Hoffnung aber bleibt der Nation. Am Dienstag werden die Superfans wieder in ihren Bus steigen, 400 Kilometer sind es nach Bloemfontein zum Spiel gegen die Franzosen. Mofokeng, der Pirates-Mann auf dem Beifahrersitz, dreht sich um: „Glaub’ mir“, sagt er heiser, „es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist.“

 

Erschienen am 18. Juni 2010