Eine Nummer kleiner, bitte
Ein Jahr nach der WM sucht Südafrika nach Nutzungsmöglichkeiten für seine Prachtstadien

Im Besucherraum des Mbombela Stadions von Nelspruit hängen zwei gerahmte Bilder. Das eine zeigt eine Kollage von Fotos: Jubelnde Fans, daneben Fifa-Präsident Sepp Blatter und Südafrikas Ikone Nelson Mandela. Auf dem anderen ist das Stadion selbst zu sehen. Dahinter die Blitze eines gewaltigen Sommergewitters. Und drinnen? Da ist es leer.
Stadionmanager Roelf Kotze sitzt in seinem winzigen Büro, das aus kaum mehr als einem Schreibtisch, zwei Stühlen und unzähligen Aktenordnern besteht. Er lacht, wenn er auf das Foto angesprochen wird. „Das hat keine symbolische Botschaft“, sagt er, „wir arbeiten hart daran, es so gut es geht zu füllen.“ 22 Spiele haben seit dem Ende der WM 2010 hier stattgefunden. Nicht schlecht für ein Stadion, das als einer der sichersten Kandidaten galt, als „Weißer Elefant“ zu enden.
Ursprünglich wurden diese einmal von asiatischen Königen zum Zeichen ihrer gerechten und friedlichen Herrschaft gehalten. Natürlich ungeachtet der immensen Kosten ihrer Haltung, die das Volk tragen musste. Und so hat die Bezeichnung die meisten Monarchien bis in die Neuzeit überlebt, als Beschreibung für ausgediente, aus Imagegründen errichtete Sportarenen.
Fünf Stadien auf Weltklasseniveau hat das Schwellenland Südafrika für die WM neu gebaut, fünf weitere wurden renoviert und ausgebaut, teilweise von Grund auf renoviert. Bühne für die teuerste Marketingkampagne der Welt: Bafana Bafana kämpfte, es tat in den Ohren weh, Müller jubelte, Maradona nicht, eine Krake namens Paul hatte einmal zu oft Recht. Am Ende stemmte der kleine Iniesta eine große Trophäe in die Höhe. Und die Fußballwelt zog weiter.
In Südafrika aber stellten sie sich die Frage: Was bleibt? Genau ein Jahr ist der Anpfiff der Weltmeisterschaft her. Die offizielle Party in Johannesburg wurde aus Respekt vor der kürzlich verstorbenen Anti-Apartheid-Aktivistin Albertina Sisulu verschoben. Doch im Fernsehen läuft das Pendant zum Wortmann-Film „Deutschland. Ein Sommermärchen“, genannt „2010. Einmalig im Leben.“ Auch wenn das Turnier mit finanziellen Erwartungen überfrachtet war – die große Mehrheit der Südafrikaner erinnert sich an das Turnier ähnlich begeistert wie die Deutschen an die WM 2006.
Doch angesichts des drohenden Images einer Nation, die anstelle in Armutsbekämpfung in die größtmögliche Party präsentierte, bemühen sich Südafrikas Behörden mehr denn je um eine sinnvolle Nutzung seiner neuen Stadien. „Wir konnten die Betreibungskosten in diesem Jahr noch nicht decken“, sagt Kotze, der mit 1,4 Millionen Euro kalkulieren muss, „das dauert wohl noch ein oder zwei Jahre.“ Immerhin: Demnächst sollen die Namensrechte vergeben werden. Es gibt angesichts eines Zuschauerschnitts von beachtlichen 17.000 nun Interessenten, nachdem die Skepsis direkt nach der WM so gewaltig war, dass man die Rechte erst gar nicht ausschrieb.
Nelspruit hat weder namhafte Rugby- noch Fußballteams in der Nähe. Doch Roelf Kotze zieht alle Register und profitiert davon, dass Profiteams in Südafrika ihre Heimspiele in alle Ecken des Landes verlegen können. Die Kaizer Chiefs aus Soweto reisten 400 Kilometer an, im Juli werden es ihnen die Orlando Pirates gleichtun, um gegen die Tottenham Hotspurs anzutreten. „Die Nachfrage in der Region ist da“, sagt Kotze, „wir teilen dann den Profit mit den Teams.“
Er lockte auch drei Mal das Rugby-Team „The Pumas“ aus dem 250 Kilometer entfernten Witbank. Damit ist er seinen Kollegen in den jeweils über 300 Millionen Euro teuren Stadien von Durban und Kapstadt weit voraus, die noch immer verzweifelt versuchen, die Rugby-Mannschaften der Städte zum Umzug in die neuen Häuser zu bewegen. „Ein für alle Mal, wir wollen nicht, das ist einfach zu teuer“, sagt Brian van Zyl, der Vorstandsvorsitzende des Kultteams „Sharks“ aus Durban. Ihr altmodisches Stadion steht direkt neben dem, in dem Deutschland das Halbfinale verlor. „Wir haben einen Pachtvertrag bis 2056 und so lange bleiben wir hier. Für uns ist das deutlich billiger.“
Durban aber steht unter Druck, nachdem gerade wie auch in Kapstadt alle Pläne für die Ausrichtung der Olympischen Spiele 2020 aus Kostengründen begraben wurden. „Die Stadt spielt einige Tricks aus“, sagt van Zyl, „gerade kam der Brief, nach dem uns die Gebühren für das Stadion in diesem Jahr um 250 Prozent erhöht werden soll.“ Es gebe derzeit „mehrere Vorfälle dieser Art“, er wolle sie derzeit aber nicht näher öffentlich erläutern.
„Hätte es nicht eine Nummer kleiner sein können?“ fragt van Zyl und spricht damit vielen Südafrikanern aus der Seele. Seine Architekten hatten im Jahr 2005 die Pläne für den preiswerten Ausbau ihres Stadions auf WM-Maße bereits ausgefertigt, bis nach langen Gesprächen die Absage eines Tages schlicht per Fax eintrudelte. Die gleiche Frage stellen sich die Menschen in Kapstadt, wo die Kosten mit 440 Millionen Euro auf das Doppelte explodierten, weil Fifa-Chef Sepp Blatter einzig die prestigeträchtige Fläche vor dem Tafelberg akzeptieren wollte.
Für Kapstadt, das bereits 40 Millionen Euro für die zusätzlichen Kosten zahlte, fiel die Rechnung noch bitterer aus, als ein südafrikanisch-französisches Firmenbündnis kurzfristig einen bereits ausgefertigten Betreibervertrag zurückzog. Seitdem sitzt die Gemeinde auf den Kosten von knapp sechs Millionen Euro jährlich. Ein ausverkauftes Länderspiel, ein ausverkauftes U2-Konzert, viel mehr steht nicht auf der Einnahmeseite. Im Oktober soll ein Wirtschaftsprüfer ein Geschäftsmodel für die Arena vorlegen. Doch selbst Pieter Cronje, Kapstadts PR-Mann für die WM, ahnt: „Es wird eine ganze Weile dauern, bis wir da etwas etabliert haben.“
Erschienen in DIE WELT, 11. Juni 2011