Der WM-Beat Sowetos
Nirgends pulsiert das größte aller Fußballturniere so sehr wie in Soweto
Er hat die Fahne auf der Potchefstroom Road gekauft, von einem der unzähligen Straßenhändler Sowetos. 40 Rand kostete sie, etwas mehr als vier Euro. Nicht ganz billig – zumindest wenn man bedenkt, dass es sich um eine fremde Landesfahne handelt.
Doch nun sitzt der Südafrikaner Richard Mazibuko vor der riesigen Leinwand und hält die rot-gold-grüne Flagge Ghanas mit dem Stern in der Mitte hoch. Mazibuko, der schlaksige Mann mit dem Zehntagebart, war noch nie in diesem Land, er kennt auch niemanden aus Ghana. Schließlich liegen 4800 Kilometer zwischen den beiden Nationen. Zuviel für ihn.
Doch Mazibuko reckt die Fahne der Gäste in die Höhe, immer mindestens auf Schulterhöhe, das gebietet der Respekt. Das Spiel gegen die Serben, das da flimmert, ist nicht sonderlich aufregend – aber welchen Unterschied macht das schon. „Natürlich müssen wir zu den afrikanischen Mannschaften halten“, sagt er, „das ist eine afrikanische Weltmeisterschaft.“
Rund 800 Leute sind in den offiziellen Fan-Park im Rockville-Township von Soweto gekommen. Die gigantische Gegend südwestlich von Johannesburg ist mit über zwei Millionen Menschen der größte Township Südafrikas. Einige Gegenden sind soziale Brennpunkte, ohne Frage. Doch die Nachbarschaft des Fan-Parks gehört zu jenen Vierteln, die längst nicht mehr so recht dem Klischee des Armenviertels entsprechen. Früher, zu Zeiten der Apartheid, wurden die Menschen gezwungen hier zu leben. Ums Überleben zu kämpfen. Nun entscheiden sich viele, in Soweto zu bleiben. Zu wohnen.
Nur ein paar Kilometer von dem Fan-Park entfernt steht seit vier Jahren die Maponya-Einkaufsmeile mit ihren schicken Boutiquen und Restaurants – eine Investition in Höhe von umgerechnet 50 Millionen Euro. Monument der gestiegenen Kaufkraft, der hochmoderne Komplex würde selbst in New York nicht auffallen. Und so wirken die gigantischen Aufbauten des Fußball-Weltverbands Fifa, die überdimensionale Leinwand, nicht mehr ganz so sehr wie ein Fremdkörper inmitten der vielen kleinen Steinhäuser.
Friedlich umhüllt die Nachmittagssonne Mazibuko und 800 weitere Fans. Beinahe warm begleitet der südafrikanische Winter den Auftritt der Ghanaer gegen die leicht favorisierten Serben. Der Geruch von gegrilltem Fleisch zieht durch die Reihen. Ein paar haben ihre Vuvuzela-Trompete mitgebracht, doch vor allem liegt Stimmengewirr in der Luft: Die Aufregung angesichts der ersten Weltmeisterschaft auf afrikanischem Boden hat sich auch nach den ersten Turniertagen nicht gelegt.
Das gilt vor allem für Soweto, dem Herzen der WM. Schon vor dem Turnier entstand diese Euphorie der gebrochenen Grenzen, als das Rugby-Team Blue Bulls zwei Spiele nach Soweto verlegte. Zehntausende Weiße fuhren zum ersten Mal überhaupt in einen Township, viele mit einem mulmigen Gefühl – doch die Leute winkten ihren Bussen zu, feierten danach zusammen mit ihnen den Sieg des Teams aus Pretoria. Und den Abbau von Vorurteilen.
Im Soccer City Stadion, das an den Township grenzt, fand das Eröffnungsspiel statt, am 11. Juli ist hier auch das Finale. Die beiden größten Vereine, die Orlando Pirates und Kaizer Chiefs haben hier ihre Wurzeln, Tausende Autos und Minibusse sind mit ihren Aufklebern zugeklebt. Nicht zufällig vergab der Weltverband Fifa auch ein riesiges Konzert zum WM-Auftakt ins Orlando-Stadion von Soweto. „Wer unseren Fußball, unser Land verstehen will, der muss nach Soweto kommen“, sagt Mazibuko.
Der Fan sitzt auf dem verdörrten Rasen und schwenkt seine Ghana-Fahne. 0:0, nur noch ein paar Minuten. „Wohl wieder kein Sieg“, sagt der 46-Jährige, „ich kann das nicht glauben.“ Ein Team müsse einfach durchkommen, wenigstens ins Viertelfinale. Südafrika hatte ein Unentschieden gegen Mexiko erreicht, aber Nigeria und Algerien waren mit Niederlagen gestartet. Mazibuko bangt. Mit „Bafana Bafana“, natürlich, der eigenen Mannschaft. Und mit Afrika.
Vor der Leinwand toben ein paar Kinder, sie rennen auf und ab. Es fühlt sich an wie ein lieblicher Herbsttag im Park. Langsam geht die Sonne unter, und dann, so eine Grundregel, mit der zumindest weiße Südafrikaner aufwachsen, sollte man doch eigentlich die Townships spätestens verlassen.
Doch hier in Rockville gab es bislang keine Zwischenfälle. Weder am Tage noch in der Nacht. Am Eingang werden die Besucher gleich zweimal auf Waffen abgesucht – „falls einem was entgeht“, entschuldigt sich der Ordner, „nur zur Sicherheit.“ Die Stadt hat sogar eine fünf Meter hohe Überwachungskamera auf das Gelände gekarrt. Sie steht auf einem Anhänger, der Motor des Stromgenerators tuckert vor sich hin.
Mazibuko, Ghanas Leih-Fan mit der Südafrika-Mütze, schaut verächtlich auf das Gerät. „Hier wird nichts passieren, ob mit oder ohne Kamera. Dafür verbürge ich mich“, sagt der Besitzer eines kleinen Restaurants im Kliptown-Abschnitt von Soweto, während er auf das Mittelfeldgeschiebe starrt, dort oben auf der Leinwand. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr wir uns in Soweto über die Gäste freuen. Gastfreundschaft ist einer der wichtigsten Bestandteile unseres Lebens.“
Doch dann schweigt er wieder. Die letzten Minuten sind angebrochen, und Ghana ist als Finalist des vergangenen Afrika-Cups neben der Elfenbeinküste die größte Turnierhoffnung des Kontinents. Mazibuko umklammert den dürren Plastikstab der Fahne mit beiden Händen. Man könne sich so ein Spiel nicht zu Hause am Fernseher anschauen, hatte er vorher gesagt. Ohne Leute, die mitleiden. Mitjubeln. Südafrika spielt erst am Mittwochabend wieder. Doch das Land, in dem unzählige Autos mit Fahnen geschmückt sind, befindet sich unabhängig von den eigenen Auftritten im Ausnahmezustand. Vier Wochen lang, ohne Pause.
Neben Mazibuko sitzt Thammy Dilata. Er kommt aus dem Pimville-Abschnitt Sowetos. „Ich bin auch hier, weil ich Sorge hatte, dass bei mir der Strom ausfällt“, sagt der 38-Jährige. Beim Eröffnungsspiel brach plötzlich in einigen Teilen Sowetos das Netz zusammen, wie so oft: Tausende zapfen die Leitungen illegal an. Und wenn der Bedarf so groß wie bei einer WM ist, kollabiert das System.
Er hätte zu einem der inoffiziellen Public Viewings gehen können. Oder in eine der unzähligen Shebeens, wie die Kneipen in Soweto genannt werden. Er hat sich trotzdem für den Fan-Park entschieden. Hier gelten zwar Fifa-Preise. 1,60 Euro für eine Cola, das Doppelte der normalen Preise. Aber er hat ein großes Plus: ein eigenes Stromaggregat.
Mazibuko verfolgt die letzten Angriffe auf dem Bildschirm. Doch Dilata, der die südafrikanische Fahne um den Hals trägt, hat genug gesehen, um die Lage zu analysieren. „Ghana hat das stärkste Team Afrikas, sie sind technisch stark und jung. Und wahnsinnig schnell.“ Er rückt die Brille zurecht, die in den Nationalfarben des WM-Gastgebers bepinselt ist, bevor er seine Prognose wagt: „Sie werden von allen afrikanischen Teams am weitesten kommen. Egal was heute passiert.“
Plötzlich ein kollektiver Aufschrei. „Hand“, schallt es durch Soweto, „das war doch Hand.“ Ein Serbe hat den Ball im Fallen tatsächlich regelwidrig berührt. Elfmeter, sieben Minuten vor dem Ende. Dilata nickt wissend, und Mazibuko springt mit seiner Fahne auf und ab, als seien es die Südafrikaner, die vor dem Sieg stünden. Oder als sei wenigstens der Elfmeter schon verwandelt. Dabei läuft Asamoah Gyan erst jetzt an, schießt hoch, in die Mitte – ins Tor. Hunderte jubeln, hüpfen auf und ab. Die Vuvuzelas dröhnen wieder ihr montones Konzert durch die Straßen. Vor dem Bildschirm fällt Mazibuko gleich fünf Unbekannten nacheinander in die Arme.
Kurz darauf ist Schluss. Ghana hat gewonnen, und mit dem Team irgendwie auch ganz Afrika. Und Soweto. Und Mazibuko.
Erschienen in Die Welt, 15. Juni 2010

