11.03.2013

Verbrannte Kirche, verbrannte Hoffnung

In der Kirche von Kiambaa verbrannten 35 Menschen, sie ist zum Synonym für die ethnisch motivierte Gewalt in Kenia nach den Wahlen 2007 geworden. Am Montag tritt das Volk wieder an die Urnen. Die Kandidaten rufen zum Frieden auf, doch in Kiambaa können sie daran nicht recht glauben.

Die Bilder toben im Kopf als wäre die Erinnerung nicht fünf Jahre sondern nur wenige Stunden alt. Die brennenden Matratzen vor den beiden verbarrikadierten Kirchentüren. Das einstürzende Dach. Ihre drei Nichten, die in Todesangst schreien. Sterbende Frauen zwischen Kirchenbänken, einige in Flammen.

Grace Mukami, 34, steht vor der Wiese, auf der sich einmal ihre Kirche befand. Ihre Gesichtszüge sind wie eingefroren, während sie erzählt. Am Neujahrstag 2008 griffen Mitglieder des Kalenjin-Stamms das von Kikuyus bewohnte Dorf Kiambaa an. Sie zerstörten Dutzende Grundstücke und verschonten selbst die Kirche nicht, in der sich die Frauen und Kinder versteckt hielten.

Das abgebrannte Gebäude „Kenya Assemblies of God“-Gemeinde ist zum Synonym geworden für die ethnisch motivierte Gewalt in Kenia nach den Wahlen im Dezember 2007. Innerhalb weniger Wochen starben über 1100 Menschen, eine halbe Million wurde aus ihren Wohnorten vertrieben wurden. Mukami konnte aus der in Brand gesteckten Kirche entkommen. Doch anstelle des Gebäudes aus Lehm stehen hier nun 35 Kreuze im wuchernden Gras. Unter einem liegt ihr Cousin begraben. Weiter rechts ihre Nichte.

Die Frau kommt jeden Tag an den Gräbern vorbei, sie befinden sich am Rande des staubigen Weges von ihrer Hütte zu dem Maisfeld, auf dem sie für 200 Kenia-Schilling am Tag (2.20 Franken) arbeitet. Die Erinnerung ist ihr ständiger Begleiter und in diesen Tagen von besonderer Intensität. Denn am Montag wählt Kenia den Nachfolger des scheidenden Präsidenten Mwai Kibaki. Und die Furcht vor erneuten Konflikten zwischen den 42 Stämmen in Kenia ist groß. Allein in der Region Tana River im Norden des Landes wurden in den vergangenen Monaten 200 Menschen in politisch motivierten Auseinandersetzungen getötet.

Zwar haben sich mit Uhuru Kenyatta, einem Kikuyu, und dem Kalenjin William Ruto die politischen Führer der Stämme verbündet, zwischen denen es bei den vergangenen Wahlen nicht nur in Kiambaa besonders viele Kämpfe gegeben hatte. Doch Beobachter fürchten, dass es letztlich vor allem die gemeinsame Anklage am Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag war, die beide zusammengeführt hat.

Das Gericht wirft ihnen Befehle vor, die „zum Mord Hunderter und Vertreibungen Tausender“ geführt hätten, auch die Kikuyu sind für grausame Vergeltungsanschläge verantwortlich. Trotz „substantieller Beweise“ verschob der IStGH den Prozess erst vor wenigen Tagen von April auf August, wohl auch aus Sorge vor neuen Unruhen im Umfeld der Wahlen, vermuten Analysten.

Das Land kann seit einigen Jahren mit beachtlichem Wirtschaftswachstum und dem Aufbau wettbewerbsfähiger Firmen im verarbeitenden Gewerbe und IT-Sektor aufwarten. Gewählt wird aber besonders auf dem Land, wo die Mehrheit der Kenianer lebt, noch immer gemäß ethnischer Zugehörigkeit. Nur hauchdünn führte Premierminister Raila Odinga, ein Luo, zuletzt in Meinungsumfragen vor Kenyatta. Die beiden Männer führen den Kampf ihrer Väter fort. Jomo Kenyatta war Kenias erster Präsident, Odinga Vater der Vize-Präsident, die Zusammenarbeit war von einer tiefen Feindschaft geprägt.

In den vergangenen Jahren dominierten die Kikuyu die Regierung, andere Stämme werfen ihnen vor, die Ressourcen auf ihre Gebiete zu konzentrieren. Ein umstrittener Sieg egal auf welcher Seite könnte zu einer neuen Gewaltspirale führen. Für beide Lager ist der Einsatz hoch. Odinga ist 68 Jahre alt, er tritt zum dritten und wohl letzten Mal an. Verliert der Multimillionär Kenyatta, 51, verschlechtert sich ohne politische Macht seine Position vor dem IStGH.

In Kenia wird zudem noch immer über Landbesitz gestritten, besonders in der größten Provinz Rift Valley, wo sich auch Kiambaa befindet. Die geschäftstüchtigen Kikuyu hatten dort vor Jahrzehnten Agrarfläche von weißen Farmern gekauft. Sie siedelten sich gegen den Widerstand der Kalenjin-Bauern in der Gegend an, die dem Stamm Neokolonialismus vorwarfen. Interaktion findet kaum statt, auf der Landstraße nach Kiambaa gibt es Siedlungen, in denen die eine Straßenseite ausschließlich von Kikuyus und die andere von Kalenjins bewohnt werden.

Die Lage ist längst nicht so angespannt wie vor fünf Jahren, sagt Grace Mukami, „aber wenn man einmal von einer Schlange gebissen wurde, erschrickt man bei jedem Rascheln.“ Zwei Jahre hatte sie sich nicht zurück nach Kiambaa getraut, wo sie geboren wurde und beinahe gestorben wäre. Aus der Meute der Kalenjin-Angreifer wurden nur vier verhaftet, aber aus Mangel an Beweisen freigelassen, eine Versöhnungskommission blieb nur wenige Tage in der Gegend.

Das Vertrauen in die Politiker – sie gehören zu den höchstbezahlten der Welt – hat Mukami verloren. Bei der Beerdigung der Ermordeten waren auch Odinga und Kibaki vor Ort. Sie versprachen den Dorfbewohnern asphaltierte Straßen, Agrarsubventionen und eine neue Kirche. Nichts davon geschah. Hinter dem Friedhof steht ein Lehmhaus mit der Größe einer Garage. Es sollte eigentlich das neue Pfarrhaus werden, doch weil das Geld für eine neue Kirche noch immer fehlt, hält Pfarrer Paul Karanja seine Gottesdienste nun hier ab. „Das ist doch kein Zustand“, sagt er. Nur 30 Menschen passen in den kleinen Raum, an Sonntagen stellt er zusätzliche Bänke vor das Haus. Die Gläubigen sehen ihn durch ein glasloses Fenster.

Der Pfarrer glaubt nicht, dass die Gewaltdimension der letzten Wahlen erreicht werden wird. „Gewalt kennt keine Gewinner, die Leute sind bereit zu vergeben“, sagt er, „Kenia will nach vorne schauen.“ Die acht Präsidentschaftskandidaten beteten gemeinsam für Frieden, traten in zwei TV-Debatten zusammen auf. Schon ein solcher gemeinsamer Auftritt wäre im Jahr 2007 undenkbar gewesen.

Ein neues Wahlsystem zwingt die Kandidaten zudem, Allianzen mit mehreren anderen Parteien und damit ethnischen Gruppen einzugehen, um die erforderliche Mehrheit erreichen zu können. Zudem wird es neue Regierungen in 47 Landkreisen geben, wo fortan mehr Entscheidungen getroffen werden. Mit der Dezentralisierung soll auch die Marginalisierung einzelner ethnischer Gruppen verhindert werden.

Damit das Wahlergebnis möglichst flächendeckend akzeptiert wird, werben die Präsidentschaftskandidaten für eine hohe Wahlbeteiligung. In vielen Dörfern werden am Montag Freiwillige um 4.30 Uhr mit Trillerpfeifen durch die Straßen ziehen, um die Bürger zu einer möglichst frühzeitigen Stimmabgabe zu bewegen. Das soll die Auszählung erleichtern. Fahrdienste bringen Alte und Kranke zu den Wahlstationen. Als das Land im Jahr 2010 über eine neue Verfassung abstimmte, verweigerten in einigen Gemeinden Bars und Kirchen Nicht-Wählern den Einlass.

Sowohl Odinga als auch Kenyetta haben angekündigt, auch eine knappe Wahlniederlage zu akzeptieren. In Kiambaa aber fürchten die Menschen nicht Politiker, sondern Nachbarn. 200 Meter neben der Kirche baut der Bauer Joseph Kairori Mwangi auf einem Feld mit der Größe eines Fußballplatzes Mais an. Er verteidigte die Kirche damals, in ihr war seine Frau Mary. Noch immer kann er den rechten Unterarm, mit dem er eine Maschete abwehrte, kaum bewegen. Sein Leben blieb ihm, die kleine Farm nicht, sie wurde völlig zerstört. Das Geld für eine Operation spart er lieber für die Universitätsgebühren des Sohns, mit denen ist er fast ein Jahr in Verzug.

Das Ehepaar sitzt in einer kleinen Lehmhütte, über dem alten Sofa liegt fein säuberlich eine Decke mit Blumenmuster. Er kenne den Mann, der ihn angegriffen habe, sagt Mwangi, er verkaufe noch immer Milch in der Gegend. „Ich habe in Gemeindeversammlungen auch vor Kalenjin gesagt, dass ich ihm vergeben würde. Aber hier hat keine der betroffenen Familien eine Entschuldigung gehört.“ Viele Kalenjin beanspruchen noch immer das Land, sie haben verhindert, dass auf dem Grundstück der Kirche ein Mahnmal errichtet wird. Einige fürchten aber auch, eine Entschuldigung könne vor Gericht als Schuldeingeständnis gewertet werden.

Er habe Angst, sagt er, um sein Leben und um das Wenige, das er wieder aufgebaut hat. Die Hoffnung auf friedliche Nachbarschaft aber gibt der 56 Jahre alte Mann nicht ganz auf. Vier Rinder hatte er vor den Angriffen, sie wurden damals gestohlen. Nach einigen Tagen aber rief ein Kalenjin an. Er habe eines der Tiere mitgenommen. Wann er denn vorbeikommen könne. Er wolle es gerne zurückbringen.

 

 

Video unter: www.welt.de/kenia