23.08.2013

Mugabe jagt Simbabwes Edward Snowden

Whistleblower „Baba Jukwa“ warnte vor dem Mord an einem parteiinternen Mugabe-Kritiker. Ein Besuch bei der Witwe

Linda Chindori-Chininga, Witwe des getöteten Zanu-PF-Politikers Edward Chindori-Chininga

In einem Internet-Café in Simbabwes Hauptstadt Harare starren drei junge Männer auf einen Bildschirm. Sie haben die Facebook-Seite von Baba Jukwa geöffnet, einem Whistleblower, der von sich behauptet, ein ehemals hochrangiges Mitglied der Regierungspartei Zanu-PF zu sein. Analysten halten das angesichts der Brisanz seiner Informationen durchaus für realistisch.

 

Beinahe stündlich werden auf der Seite Interna aus der Partei und den Geheimdiensten veröffentlicht. Seine Enthüllungen reichen von Korruption, Einschüchterungen, Vergewaltigung bis hin zur Gesundheit des Präsidenten. Allein auf Facebook hat seine Seite 289.000 Abonnenten, was angesichts der geringen Internetverbreitung in dem südafrikanischen Land eine gewaltige Dimension bedeutet.

 

Das Internet-Café befindet sich in den Räumen einer ehemaligen Kirche, an der Wand steht in Buchstaben aus Kupfer noch eines der zehn Gebote geschrieben: „Du sollst neben mir keine anderen Götter haben.“ Nach diesem Motto kontrolliert auch der Autokrat Robert Mugabe sein Land seit 33 Jahren, am Mittwoch will er sich für weitere fünf Jahre im Amt bestätigen lassen. Die Vorbereitung der binnen weniger Wochen organisierten Wahlen läuft chaotisch. Sogar der südafrikanische Präsident Jacob Zuma, der nur selten mit Mugabe-Kritik auffällt, ließ verlautbaren, er habe ihn angerufen und seine Unzufriedenheit mitgeteilt.

 

Für Simbabwe steht viel auf dem Spiel. Mugabe, mit 89 Jahren der älteste Herrscher Afrikas, strebt trotz einer Krebserkrankung eine siebte Amtszeit an. Es ist kaum anzunehmen, dass er sie zu Ende bringen würde, innerhalb der Zanu-PF tobt ein Nachfolgestreit zwischen der gemäßigten Vize-Präsidentin Joice Mujuru und dem gefürchteten Verteidigungsminister Emmerson Mnangagwa, einem Hardliner. Doch der zunehmend geschwächte Mugabe scheint fest entschlossen, sein Amt auf Lebenszeit auszuüben. Der einstige Held des Befreiungskampfes übernahm die Macht 1980 zunächst mit beachtlichem Erfolg, fiel aber zunehmend mit Menschenrechtsverletzungen, rassistischen Parolen und katastrophaler Wirtschaftspolitik auf.

 

Simbabwes ewiger Präsident scheint Baba Jukwa derweil als ernsthafte Bedrohung zu sehen, Medienberichten zufolge hat er 300.000 Dollar für seine Ergreifung versprochen. Die Seite ist durchaus umstritten. Niemand weiß, ob er, wie von ihm selbst behauptet, alleine agiert – oder ob es sich um eine Gruppe handelt, die mit dem Movement for Democratic Change (MDC) verbunden ist. Die Partei will Mugabes Zanu-PF von der Macht ablösen. In einigen, inzwischen gelöschten Beiträgen rief Baba Jukwa zudem offen zur Gewalt gegen einen Zanu-PF Politiker auf: „Es ist die Zeit, Feuer mit Feuer zu bekämpfen.“

 

Einer der Männer im Internet-Café tippt eine Nummer in sein Telefon. Vor wenigen Minuten hat Baba Jukwa von einem Polizisten berichtet, der in einem Dorf Anhänger von Mugabes wichtigstem Gegenkandidaten Morgan Tsvangirai (MDC) gezwungen habe, Wahlplakate zu verbrennen. Dazu veröffentlichte er die Handynummer, das Telefon des Polizisten dürfte am Freitag ununterbrochen geklingelt haben.

 

Doch es sind die großen Skandale, die Baba Jukwa berühmt gemacht haben, in simbabwischen Medien wird er mit dem amerikanischen Whistleblower Edward Snowden verglichen. Im Frühjahr warnte er mehrfach vor der Ermordung des ehemaligen Zanu-PF-Ministers Edward Chindori-Chininga, der Geheimdienst bereite sie vor. Der Vorsitzende eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses hatte die mangelnde Transparenz der Diamantenerlöse kritisiert. In Simbabwe ist es ein offenes Geheimnis, dass Mugabe sich damit die Loyalität von Polizei und Militär erkauft. Und Baba Jukwas Prophezeiung scheint sich erfüllt zu haben. Vor sechs Wochen starb der 58 Jahre alte Politiker, angeblich bei einem Autounfall.

 

Nur langsam erhebt sich seine Witwe aus dem tiefen Sofa im Büro ihres verstorbenen Mannes am Rande von Harare. Die Trauer um den Vater ihrer drei Töchter (23, 17, 16) hat tiefe Spuren in ihr Gesicht gezeichnet. Linda Chindori-Chininga legt sich ihre Worte vorsichtig zurecht, die gebürtige Amerikanerin will ihre Töchter nicht in Gefahr bringen.

 

Vom Abend des 19. Juni ist ihr jede Minute präsent. Ihr Mann habe sie an jenem Tag, seinem letzten, um 18 Uhr noch nach einer Kundgebung in seinem Wahlkreis auf dem Land angerufen. Es war ein guter Tag mit guten Gesprächen sagte er, er war sicher, dass er wieder ins Parlament einziehen würde. Am nächsten Tag wollte er weitere Gespräche führen und erst dann zurückkommen. Doch eine Stunde später klingelte das Telefon erneut: Diesmal war ein Zanu-PF-Kollege am Telefon, ihr Mann habe einen Unfall gehabt. Näheres könne er nicht sagen. Noch ein Anruf, noch immer wisse man nichts Genaueres.

 

Dann kam ihre jüngste Tochter aus ihrem Zimmer: „Mama, was ist los? Ich bekomme SMS, meine Freunde sagen, Papa sei tot.“ Sein Jeep hatte eine Abbiegung verpasst und war mit voller Geschwindigkeit gegen einen Baum geprallt. Er sei sofort tot gewesen, sagten ihr Parteimitglieder.

 

Ein Mord? Die Witwe hat die 300 Kilometer von Harare entfernte Unfallstelle besucht, wollte sich selbst ein Bild machen. Die Kreuzung sei eigentlich übersichtlich gewesen, sagt sie, auch ein technischer Defekt sei am Autowrack nicht festzustellen gewesen. Sie schweigt ein paar Sekunden. Im vergangenen Jahr habe ihr Mann, dieser kräftige Hüne, einen weit schwereren Unfall überlebt, sagt sie: „Die Sanitäter waren sicher, dass er tot ist. Aber er war stark, nach zwei Wochen konnte er wieder gehen.“

 

Sie gehe von einem Unglück aus, aber natürlich wecken die Warnungen von Baba Jukwa Zweifel. Sie hat sie in den vergangenen Wochen immer wieder gelesen, und natürlich weiß sie, dass in Simbabwe mehrfach unliebsame Politiker auf ungeklärte Weise ums Leben gekommen sind. Mugabes Gegenkandidat Morgan Tsvangirai vom MDC überlebte vor einigen Jahren einen Autounfall nur knapp. Ein LKW hatte sein Auto gerammt, es gab keine Bremsspuren. Der Politiker überlebte, seine Frau starb.

 

Es kommt seltener vor, dass Zanu-PF-Politiker im Dreck der Partei wühlen. Chindori-Chininga wusste, dass er ein hohes Risiko einging. „Er hat immer gesagt, ich muss tun, was ich tun muss“, sagt Linda. Er habe nie Angst gezeigt, „sonst kann man doch gar kein normales Familienleben haben“. Die Familie hat einige Jahre in den USA gelebt, ihr Mann aber habe immer an eine Zukunft in Simbabwe geglaubt. Und dass diese Zukunft mit der einstigen Befreiungsorganisation Zanu-PF möglich sei.

 

„Mich quält der Gedanke, dass es etwas anderes als ein Unfall gewesen sein könnte. Ich versuche ihn zu verdrängen“, sagt sie. Es ändere ja nichts. Irgendwie rechne sie immer noch damit, dass er einfach zur Tür hereinkommt, oder kurz anruft, wie es ihr geht. Dass er für sie kocht, sein großes Hobby, von dem nur seine engsten Freunde wussten. In Simbabwe gilt es als unmännlich zu kochen. Der Schmerz ist zu groß, um ihn als Realität zu akzeptieren.

 

Ihr Mann sei sich der Warnungen des Whistleblowers Baba Jukwa sehr wohl bewusst gewesen, sagt die Witwe, aber er habe über die Gefahr seiner politischen Aufgabe nicht gesprochen, um das Familienleben nicht mit Sorgen zu belasten. „Bei der Trauerfeier haben die Menschen über so viele Gerüchte geredet“, sagt sie, „viele dachten sogar, er selbst sei Baba Jukwa gewesen, weil er nach zwei Ministerposten das Insider-Wissen hatte und besser mit dem Computer umgehen konnte als die meisten in der Partei.“ Diese These sei ja nun angesichts der anhaltenden Enthüllungen widerlegt.

 

Bis vor wenigen Wochen hatte Linda Chindori-Chininga die Meldungen von Baba Jukwa nur oberflächlich verfolgt. Nun liest sie seine Vorhersagen. Baba Jukwa hat einen deutlichen Sieg des MDC vorausgesagt, aber auch geschildert, welche Vorkehrungen die Zanu-PF trifft, um die Auszählung zu manipulieren. Baba Jukwa behauptet, er agiere alleine, doch viele bezweifeln das. Beinahe stündlich schildert er derzeit detailliert Übergriffe auf Wähler. Oft finden sie auf dem Land statt, wo die Zanu-PF den Großteil ihrer Wähler hat. Dort ereigneten sich vor fünf Jahren auch die meisten der über 200 Morde, nachdem Mugabe seine Wahlniederlage nicht akzeptiert hatte.

 

Edward Chindori-Chininga saß seit über 20 Jahren im Parlament. Er sei Politiker aus Überzeugung gewesen, aber er habe seine Töchter zu überzeugen versucht, nicht in die Politik zu gehen, sagt die Witwe. Auch sie lesen inzwischen die Mitteilungen von Baba Jukwa. Seit dem Todestag des Vaters.