23.08.2013

Melodys vergeblicher Kampf

Autokrat Mugabe wird Simbabwe weiter regieren - für eine siebenfache Mutter wiederholt sich damit Geschichte tragisch

Das Bild ihres Mannes hängt noch gerahmt an der Wand. Zu sehen ist das junge Paar mit den Kindern im Sonntagsdress, aufgenommen nach einer Familienfeier. Viel mehr Erinnerungen an ihn sind Melody nicht geblieben, das Feuer hat mit ihrem Haus die meisten persönlichen Gegenstände zerstört.

 

Im Oktober ist der Tod an Donald 5 Jahre her. Das Paar hatte in seinem Heimatdorf Mutoko, 150 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Harare, offen die damalige Oppositionspartei Movement for Democratic Change (MDC) unterstützt. Heimlich hatten sich deren Anhänger in ihrem Haus getroffen. Bei den Wahlen kontrollierten Donald und Melody schliesslich, dass die Regierungspartei Zanu-PF des Autokraten Robert Mugabe die Stimmzettel nicht manipulieren kann. Vergeblich. Mugabe verlor die Wahl, zwang den MDC aber mit Hilfe von Polizei und Armee in eine gemeinsame Regierung mit ihm an der Spitze.

 

Für den Mut bezahlte Donald mit dem Leben. Er wehrte sich, als Jugendbanden der in ländlichen Gegenden dominierenden Zanu-PF sein Haus niederbrannten. Der 51-Jährige wurde entführt und gefoltert, nach Monaten im Krankenhaus erlag er seinen Verletzungen. Melody musste aus dem Dorf in ein Armenviertel in der Nähe von Harare flüchten, wo sie mit ihren 7 Kindern nun auf 20 Quadratmetern wohnt. Sie verlor alles. Nur ihren Mut nicht.

 

Am Mittwoch meldete sie sich wieder freiwillig als Wahlbeobachterin ihrer Partei. „Mugabe muss gehen, es ist genug“, hatte sie gesagt, „er regiert das Land seit 33 Jahren, seitdem ist alles schlechter geworden. Gesundheit, Bildung, die Wirtschaft. Alles.“ Erneut hoffte sie vergeblich. Das offizielle Ergebnis der Präsidentschaftswahlen war bei Redaktionsschluss noch nicht veröffentlicht.

 

Doch ein Sieg von Mugabe galt als sicher. Denn die Parlamentswahlen gewann die Zanu-PF mit klar Mehrheit, es könnte sogar zu einer Zweidrittelmehrheit reichen, mit der die gerade erst mühsam verhandelte Verfassung geändert werden könnte. Sollte keiner der fünf Präsidentschaftskandidaten eine absolute Mehrheit erzielen, gibt es am 11. September eine Stichwahl.

 

Melody blieb nach diesen Wahlen bislang von Repressionen verschont. Doch MDC-Präsident Morgan Tsvangirai bezeichnete den Urnengang als „Betrug“, das Ergebnis sei ungültig. „Die Unrechtmässigkeit des Ergebnisses wird dieses Land in eine schwere Krise führen“, sagte Tsvangirai. Am Samstag waren zwei Treffen der Parteiführung angesetzt. Nach zimbabwischen Recht kann nach Bekanntgabe des Ergebnisses binnen 7 Tagen vor Gericht Einspruch eingelegt werden, danach bleiben 2 Tage bis zu einem Urteil. Zimbabwe droht wie schon nach den Wahlen im Jahr 2008 eine schwere politische Krise.

 

In einer am Donnerstag veröffentlichten Liste der MDC zu Unregelmässigkeiten werden 10 Punkte aufgeführt. Die Vorwürfe reichen von einer Fälschung der Wählerlisten bis zu Einschüchterungen der Opposition. Nach einem Bericht der nationalen Nichtregierungsorganisation ZESN, die 7000 Beobachter geschickt hatte, waren eine Millionen Stadtbewohner vom Register verschwunden und seien so ihrer Stimme beraubt worden.

 

Die Afrikanische Union (AU) sowie die Staatengemeinschaft SADC, die insgesamt 500 Wahlbeobachter im Land hatten, äusserten sich dagegen vorsichtig positiv über die Wahlen. Die Wahlen seien „fair und frei“ gewesen, sagte der Leiter der AU-Mission, Olusegun Obasanjo, allerdings habe es Vorfälle gegeben, „die am Rande von Gesetzesverstössen waren“. Die SADC sprach von einem „freien und friedlichen“ Ablauf, es sei aber zu früh für ein abschliessendes Urteil. Die Zanu-PF bezeichnete die Wahlen wenig überraschend als „fair und frei“.

 

Kritik kam dagegen vom Zimbabwe Election Support Network (ZESN), in dem 7000 zimbabwische Wahlbeobachter organisiert waren. Die Legitimität des Ergebnisses sei angesichts von einer Million Menschen, die an ihrer Stimmabgabe gehindert worden seien, „ernsthaft gefährdet“. Es ist im Einzelnen schwer nachzuvollziehen, ob die Unregelmässigkeiten auf Manipulationen oder die Überforderung der lange Zeit unterfinanzierten Wahlkommission zurückzuführen ist, der für die Organisation nur wenige Wochen blieben. Der einstige Befreiungskämpfer Mugabe hat auf dem Land, wo die Mehrheit der Zimbabwer leben, mehr Unterstützung, als im Westen angenommen wird. Einen derart hohen Sieg, wie er sich aber derzeit abzeichnet, halten die meisten Analysten jedoch für ausgeschlossen.

 

Für Melody bleibt nur eine Hoffnung, sie versucht sich ihren Mut auch diesmal zu bewahren. Die Mutter von 7 Kindern arbeitet als Strassenreinigerin für 157 Dollar im Monat. Die Miete für die spärliche Unterkunft kostet 150 Dollar, die Kinder müssen Gemüse verkaufen gehen. Melody hat Sorge, dass sie ihre Ausbildung nicht zu Ende bringen. Es ist doch ihre einzige Chance für die Zukunft, die beiden ältesten Töchter haben schon die Schule abgebrochen. Sie müsse ganz einfach stark bleiben, hatte sie vor den Wahlen gesagt. Für ihre Familie. Und für ihren Mann. Sie sei es ihm schuldig.