23.08.2013

Katholisch, afrikanisch, schwul

Ein katholischer Pfarrer hat in Johannesburg eine Schwulengruppe in seiner Gemeinde etabliert – und stößt auf Widerstand

Der Geistliche der Johannesburger Diözese passte einen ruhigen Moment ab, dann nahm er Pfarrer Russell Pollitt zur Seite. „Realisieren Sie eigentlich, dass es nicht gut für ihre Karriere ist, was Sie da tun?“ fragte er mit gedämpfter Stimme, und es war mehr als Aufforderung denn als Frage gemeint. Pollitt lächelte. „Wenn das so sein sollte, dann ist es mir egal“, entgegnete er, „dafür lebe ich nicht.“

Seine überschaubaren Aufstiegschancen in der katholischen Kirche bekommt Pollitt immer wieder vor Augen geführt. Vor ein paar Tagen hat ihm ein befreun-deter Theologe eine Email geschickt, nachdem er einen südafrikanischen Zei-tungsartikel über die Kirche gelesen hatte. Bewundernswert, schrieb er, und im PS: „Schade, dass ich Dich nie mit der Bischofs-Mitra sehen werde.“ Die Zeitung hatte darüber berichtet, dass Pollitt eine Gruppe für Schwule an seiner katholischen Kirchengemeinde eingerichtet hat.

Das grenzt in einer katholischen Kirche an einer Ungeheuerlichkeit, in Süd-afrika umso mehr. Vor einigen Wochen hat der höchstrangige Katholik des Lan-des, Kardinal Wilfrid Napier, mit schwulenfeindlichen Aussagen für Schlagzeilen gesorgt, als er die liberale Ehe-Rechtssprechung in Südafrika als Zugeständnis an den Westen kritisierte. „Mit der Homo-Ehe unterstützen wir eine Agenda von Außen“, sagte er, „das ist eine neue Form der Sklaverei.“ Später wehrte er sich mit ganz eigener Logik gegen den Vorwurf der Schwulenfeindlichkeit: „Ich kenne keine Schwulen, also kann ich auch nicht homophob sein.“

Aussagen wie diese zeigen, dass Südafrika womöglich doch nicht jene Insel der Toleranz darstellt, die seine Gesetze versprechen. Seit dem Jahr 2006 ist hier die Homo-Ehe legal, sie wird regelmäßig in einigen Kirchen vollzogen. „Der Kontrast zwischen Verfassung und der Realität ist gewaltig“, sagt Pollitt. Homo-sexualität gelte als „unafrikanisch“ und in vielen Gegenden nicht akzeptabel.

In 37 der 55 Länder auf dem Kontinent ist Homosexualität sogar von Staats wegen verboten. Bei den letzten Wahlen in Sambia, Simbabwe und Uganda setzten die regierenden Parteien das Thema im Wahlkampf ein und warfen der Opposition vor, gleichgeschlechtliche Liebe zu unterstützen. In Ländern wie Uganda und Malawi drohen mehrjährige Haftstrafen, auch wenn Malawis Präsi-dentin Joyce Banda zuletzt liberalere Gesetze in dieser Frage in Aussicht gestellt hat. Das geschah wohl nicht zuletzt wegen Drohungen aus England und den USA, Entwicklungshilfe als Druckmittel für die Dekriminalisierung einzusetzen.

Von außen erahnt man die gesellschaftliche Relevanz von Pfarrer Pollitts un-scheinbarem Kirchengebäude kaum. Die jesuitische „Holy Trinity Church“ liegt, von Hochhäusern umzingelt, in der Johannesburger Innenstadt. Kleinbusse drängeln sich an dem Kirchengebäude vorbei. Nur ein paar Blocks weiter ist Hill-brow, ein Stadtteil, der wegen der höchsten Kriminalitätsraten des Landes be-rüchtigt geworden ist. Hier geht es nicht ums Leben sondern Überleben.

Vor 120 Jahren bauten Priester das Gebäude, um verarmte Immigranten zu unterstützen, die der Goldrausch aufgezehrt hatte. Und noch immer ist die Kirche Zufluchtsort der Außenseiter, Wirtschaftsflüchtlinge aus allen Teilen Afrikas. Gold erwartet keiner von ihnen, sie kommen für Gelegenheitsjobs nach Johannesburg, als Anstreicher, Bauarbeiter, Parkwächter. Ein paar Kupfer-Pennys als Lohn, ähnlich umkämpft wie das Edelmetall, auf dem die Stadt einst errichtet wurde.

Pollitt hört von seinem Büro aus den Soundtrack der Großstadt, das Hupen und Motorbrüllen. Ein Kreuz hängt an der Wand, einfache Holzregale tragen Hunderte Bücher, der Schreibtisch einen Laptop und eine Videokamera, mit der er christliche Botschaften für die Homepage der Kirche aufnimmt. Zuletzt sogar eine, mit der er schwule Christen ausdrücklich ermutigt, Teil seiner Gemeinde zu werden.

Pollitt ist 39 Jahre alt, er trägt T-Shirt und Jeans. Bequemer als das Kollar, den weißen Römerkragen trägt er nur bei Gottesdiensten. Er zeigt auf die Bücher. Er habe sie alle gelesen, sagt der Jesuitenpater, „aber was passieren kann, ist, dass wir die Welt in Schwarz und Weiß einteilen. In der akademischen Welt passiert das schnell.“ Er hat mehr in diesem Büro gelernt. Hunderte saßen auf diesem Stuhl mit dem abgewetzten roten Stoff und erzählten Dinge, die nicht in Büchern stehen.

Von der Nacht im vergangenen Winter etwa, minus zwei Grad, als die Polizei Obdachlose zusammenschlug und ihre Decken verbrannte. Von Frauen, die ab-getrieben haben, manchmal nach Vergewaltigungen, manchmal aber auch aus Angst, das Stipendium für das Studium zu verlieren. Von dem nigerianischen Einwanderer, der zunächst bei Verwandten in Hillbrow wohnte, dann aber auf die Straße gesetzt wurde, als er ihnen seine Homosexualität offenbarte. „Ein Flücht-ling in Johannesburg zu sein macht einen verwundbar“, sagt Pollitt, „aber ein schwuler Flüchtling zu sein hat noch eine andere Dimension. Sie verlieren die Unterstützung ihrer Umgebung.“

Vor fünf Jahren startete er die Gruppe an seiner Kirche. Es klingt banal, ein Treffen pro Woche, in der Probleme wie Verheimlichung, HIV, aber auch alltägli-che Probleme wie fehlende Papiere oder Arbeit diskutiert werden. Er hatte den Erzbischof der Provinz um Erlaubnis gebeten. „Du musst tun, was du tun musst“, hatte der nur geantwortet. Pollitt wertete das als ein „Ja.“

Die Reaktionen in der Gemeinde waren, vorsichtig ausgedrückt, reserviert. Der Pfarrer bekam Briefe. „Warum starten sie nicht auch eine Gruppe für Verge-waltiger und Mörder?“ schrieb einer. Eine Frau, die wegen der Gruppe die Ge-meinde wechselte, schreibt noch immer jede Woche eine Email, in der sie Pollitt beschimpft. Auch andere Priester in der Gegend lästerten massiv. Andere emp-fahlen schwulen Gläubigen verstohlen, sich an die „Holy Trinity Church“ zu wen-den. In ihrer eigenen Kirche wollten sie sich derer Sorgen nicht annehmen.

Um 13.10 Uhr ist Gottesdienst, an jedem Wochentag. Nur eine halbe Stunde, viele kommen während der Mittagspause. In der dritten Bank sitzt Dumisani Du-be. Vor vier Jahren entfloh der 43-Jährige der Wirtschaftskrise in Simbabwe, in-zwischen arbeitet er als Angestellter in einem Johannesburger Büro. Ein zurück-haltender Mann, seine Worte formt er mit leiser Stimme aber gewaltigem Mut. Schon 1999 hat er einer simbabwischen Zeitung ein Interview über sein offen schwules Leben in einem Land gegeben, in dem der Präsident Robert Mugabe Schwule als „schlimmer als Schweine und Hunde“ diffamiert und Homosexualität als „Krankheit des weißen Mannes“ brandmarkt. Er habe das Recht, der Mensch zu sein, der er ist, sagt Dube. Damals wie heute.

Nach dem Gottesdienst sitzt Dube in einem Café und rührt nachdenklich in seiner Tasse. Über die Diskriminierungen, die er in Simbabwe erfahren hat, will der Aktivist nicht reden, er habe einiges mitgemacht, sagt er nur. Seit drei Jahren leitet er die schwule Kirchengruppe in Johannesburg. Rund 30 Gemeindemitglie-der gehören ihr an, sie treffen sich zu Gesprächen in einem Gemeinderaum, die meisten sind Flüchtlinge.

„Ich glaube, dass wir viele Menschenleben gerettet haben“, sagt er. Es habe Mitglieder gegeben, die Selbstmord begehen wollten, weil sie positiv auf den HIV-Virus getestet wurden. Oder einfach nur, weil Verwandte sich wegen ihrer sexuellen Orientierung abwandten. „Wir geben ihnen emotionale Unterstützung und bringen Menschen mit Problemen mit den richtigen Organisationen in Kon-takt.“

Auch zu solchen, die kostenlos Kondome ausgeben, sie in den Gemeinde-räumen selbst weiterzureichen würde auch Pfarrer Pollitt nicht zulassen. Doch die Kirche finanzierte für die Johannesburger Schwulenparade „Gay Pride“ T-Shirts mit dem Namen der Kirche und der Gruppe. Die Gläubigen trugen ein Kreuz, auf das sie Forderungen nach mehr Toleranz gegenüber Homosexuellen geschrieben hatten. Längst gehören sie in der Gemeinde zu den engagierten Mitgliedern, helfen beim Betrieb der Suppenküche und Spendensammlungen.

Dube rührt noch immer in seinem Kaffee. Er ist streng gläubiger Katholik, schon immer, für immer. Und er ist schwul, schon immer, er wird es immer sein. „Ich habe das als einen Kontrast in meinem Leben akzeptiert“, sagt er. Viele Gemeindemitglieder nicht. Seine Handynummer ist auf der Homepage der Kirche veröffentlicht für Interessenten, die Teil der Gruppe werden wollen. Stattdessen bekommt er oft aufgebrachte Anrufe. Er zeigt eine SMS: „Weißt Du nicht, was in der Bibel steht?“, fragt der anonyme Absender.

Einen Moment schweigt Dube. Jeder habe ein Recht auf eine eigene Mei-nung, sagt er. „Ich bleibe ruhig, egal was mir die Leute an den Kopf werfen. Dann biete ich an: Lass’ uns an einen Tisch setzen und darüber reden. Du stellst Fra-gen, ich stelle Fragen.“ Angenommen hat das Angebot bislang niemand.