23.08.2013

„Der ANC ist die größte Bedrohung für unsere Zukunft“

Bürgerrechtlerin Mamphela Ramphele über die Gründung ihrer neuen Partei Agang SA

Eine prägende Aktivistin der politischen Bewegung Black Consciousness Movement, Mamphela Ramphele, will bei den Wahlen in Südafrika im kommenden Jahr die Vormachtstellung des regierenden African National Congress (ANC) beenden. Am Samstag gründet sie die Partei „Agang South Africa“, was auf Sotho so viel wie „aufbauen“ bedeutet. Im WELT-Interview spricht die 65 Jahre alte Medizinerin über ihren späten Einstieg in die Politik, Kritik an Nelson Mandela und Südafrikas Angst vor Veränderung.

 

WELT: Sie sind während der vergangenen 5 Monate fast durchweg gereist, um für ihre Partei zu mobilisieren. Was haben Sie dabei über Ihr Land gelernt?

 

Mamphela Ramphele: Mich haben die schrecklichen und würdelosen Umstände überrascht, in denen viele Menschen leben müssen. Natürlich war mir das Armutsproblem bekannt, aber nicht sein Ausmaß. In vielen Städten scheitern die Behörden an der Entsorgung von Müll, oft fehlt es an sanitären Anlagen. In den Townships werden bei starken Regenfällen tausende Häuser überschwemmt, weil das Abwassersystem defekt ist.

 

WELT: Sie sind neu in der Politik. Wird dies die schwierigste Aufgabe Ihrer Karriere?

 

Ramphele: Ja, weil ich mich auf unbekanntem Terrain befinde. Aber ich muss das machen, wenn wir den Weg in Richtung Ruin verlassen wollen. Ich habe erkannt, dass sich meine Beratung für die Regierung nicht ausgezahlt hat. Ich habe schon Nelson Mandela unterstützt, als er erster Präsident dieses Landes wurde. Trotz unzähliger Stunden, in denen ich ihn zu überzeugen versuchte, schlug er einen falschen Weg für die Bildungspolitik ein. In den neunziger Jahren wurden im großen Stil weiße Lehrer ersetzt. Wir haben so einige unserer besten Lehrer verloren und starrköpfige Lehrpläne durchgesetzt.

 

WELT: Wie haben Sie damals versucht Einfluss zu nehmen?

 

Ramphele: Nelson Mandela und ich stehen uns sehr nah, wir hatten jede Woche Treffen. Als ich hörte, dass viele der Lehrerstellen abgebaut werden sollen, habe ich zu ihm gesagt: Damit vervollständigst du den Job von Hendrik Verwoerd (der ehemalige Premierminister Südafrikas gilt als ideologischer Begründer der Apartheid, d.Red.). Traurigerweise ist genau das passiert. Das heutige Bildungssystem ist für 80 Prozent der Bevölkerung schlechter als für die schwarze Bevölkerung während der Apartheid. Es ist eine grausame Ironie, aber die Leistungen in den Naturwissenschaften gehören heute zu den schlechtesten der Welt.

 

WELT: Man hört selten derart deutliche Kritik an Mandelas Politik der neunziger Jahre.

 

Ramphele: Verstehen Sie mich nicht falsch. Niemand konnte die Menschen so gut von dem Glauben an eine Zukunft überzeugen, die in der Gegenwart noch unmöglich erscheint. Von dieser Qualität kann man viel lernen. Darauf wird es bei Agang ankommen, denn die Menschen in Südafrika haben viel Selbstvertrauen verloren. Wir haben unsere Erwartungen in allen Bereichen gesenkt.

 

WELT: Zu Ihrem Team gehören viele junge Menschen aus Wissenschaft und Wirtschaft. Ist deren Unbekanntheit ein Problem?

 

Ramphele: Die Idee, mit jungen Menschen aus anderen Bereichen anstelle von etablierten Politikern zu arbeiten irritiert viele. Das ist ja gerade, was unser Land zurückhält. Zu viele junge, intelligente Menschen werden ausgebremst. Schauen Sie nach Estland: Dort gibt es junge Politiker, die ihr Land radikal modernisiert haben, etwa auch den Armen Internetzugang verschafft haben. Diese Offenheit fehlt in Südafrika. Alles wird daran gemessen, was die Tradition vorgibt. Ich sehe meine Funktion als eine Brücke zwischen meiner Generation, die für Freiheit gekämpft hat, und der neuen Generation. Sie wäre bereit zu führen, wird aber zurückgehalten.

 

WELT: Der ANC hält vor allem dank seiner dominierenden Rolle im Befreiungskampf beinahe Zweidrittel der Parlamentssitze. Haben Sie gegen die Kraft dieser historischen Rolle eine Chance?

 

Ramphele: Die Behauptung, dass der ANC verantwortlich für unsere Freiheit ist, stimmt nicht. Er hat eine Rolle gespielt, ja, aber zusammen mit anderen. Er war damals nicht alleine. Es ist auch falsch, dass die Partei die einzige ist, die unsere Zukunft sichern kann. Im Gegenteil, die Bilanz des ANC zeigt, dass er die größte Bedrohung für unsere Zukunft ist.

 

WELT: Sie haben sich mit Sorge über mögliche Wahlbeeinflussungen geäußert.

 

Ramphele: Wähler wurden aufgefordert, mit ihrem Handy Fotos des Wahlzettels zu machen. Bei Vorlage des Fotos mit der „richtigen“ Stimmabgabe bekommen sie dann eine Belohnung. Anderen wurde gesagt, dass man sehen könne, wem sie ihre Stimme geben. Wenn sie das Kreuz an der falschen Stelle machen würden, werde ihnen die Sozialhilfe gestrichen. Die Wahlkommission muss ihre Unabhängigkeit beweisen und derartige Versuche unterbinden.

 

WELT: Es gab in den vergangenen Jahren zunehmend gewaltsame Proteste an Südafrikas Minen. Was wollen Sie dagegen tun?

 

Ramphele: Wir nutzen noch immer das gleiche Modell wie im 19. Jahrhundert, und das ist schockierend. Deshalb sind wir nicht wettbewerbsfähig, trotz unseres Rohstoffreichtums. Wir müssen mehr Technologie nutzen. Unsere Unfähigkeit, unsere Stärke zu nutzen, ist wirklich bemerkenswert. Am Ostkap gibt es einige der fruchtbarsten Gegenden des Landes. Doch es gibt dort kaum Landwirtschaft, stattdessen exportieren wir die jungen Männer von dort noch immer zu den 1000 Kilometer entfernten Minen. Das macht keinen Sinn.

 

WELT: Was schlagen sie vor?

 

Ramphele: Wir sollten dafür sorgen, dass die Menschen ins Ostkap zurückkehren und die Region zum Brotkorb des Landes machen. Wir denken nicht kreativ genug, wie wir neue Industrien aufbauen können. Unsere Wirtschaft nähert sich der Stagnation und bremst damit auch das enorme Wachstum in Subsahara-Afrika.

 

WELT: Die Bereitschaft junger Südafrikaner, eigene Unternehmen aufzubauen, ist im internationalen Vergleich gering. Woran liegt das?

 

Ramphele: Korruption hat Zuschussprogramme für Unternehmensgründungen zerstört. Aber auch die patriarchalischen Strukturen unserer Gesellschaft sind schuld. Öffentliche Aufträge werden eher auf der Basis von altbewährten Netzwerken als nach dem Leistungsprinzip vergeben. Die Bereitschaft junger Leute ist da, was fehlt ist die Unterstützung des Staats. Als wir das Apartheid-Regime zu Fall brachten, haben wir zu Recht ausführliche Gesetze eingeführt, mit denen die Ausbeutung der Arbeiter durch große Firmen unterbunden wurde. Aber wir haben die gleichen Regeln auf die gesamte Wirtschaft übertragen, was es heute sehr schwer macht, kleine Firmen zu gründen. Wir müssen diese Bürokratiehürden beseitigen. Unternehmer in diesem Land setzen sich entweder trotz enormer Hindernisse durch – oder sie verlassen das Land. Wir müssen ein Klima schaffen, das sie zurückkommen lässt.

 

WELT: Im Jahr 2009 trat die ANC-Splitterpartei Cope mit ähnlich hohen Erwartungen an wie Agang. Die Partei holte zwar sieben Prozent der Stimmen, blieb aber auch wegen interner Streitigkeiten hinter den Erwartungen zurück. Warum sollte Agang erfolgreicher abschneiden?

 

Ramphele: Wir bestehen nicht aus unzufriedenen Mitgliedern einer Splitterpartei. Wir konzentrieren uns auf die Zukunft, nicht die Vergangenheit. Unsere Unterstützung kommt von allen Bevölkerungsbereichen, über 10.000 Menschen engagieren sich für uns, viele haben dafür lukrative Jobs verlassen. Wir werden einen deutlich höheren Stimmenanteil als Cope holen, zumal die Zahl der desillusionierten Menschen höher ist als noch im Jahr 2009. Und schon da haben 41 Prozent der Wahlberechtigten nicht gewählt – für uns ist diese Gruppe eine große Chance.

 

 

 

 

 

 

 

Vita Mamphela Ramphele

 

Nur wenige Menschen geniessen ein vergleichbar hohes Ansehen in allen Schichten der südafrikanischen Gesellschaft wie die 65 Jahre alte Mamphela Ramphele. Die Medizinerin gehörte im Kampf gegen die Apartheid zu den prägenden Figuren des Black Consciousness Movement. Während der siebziger Jahre führte sie eine Beziehung mit dem Studentenführer Steve Biko. Sie hatten zwei Kinder, mit dem zweiten war sie schwanger, als Biko 1977 von Polizisten ermordet wurde. Nach dem Ende der Apartheid war Ramphele Managerin der Weltbank, Bürgerrechtlerin und Unternehmerin im Bergbausektor. Anfang des Jahres startete sie „Agang South Africa“ als ein Forum, aus der nun die gleichnamige Partei entsteht.