10.07.2014

Die bedrückende Enge von Imizamo Yethu

Dem ANC ist bei der Wahl in Südafrika die absolute Mehrheit sicher. Doch in einem Township in Kapstadt kommen seine Wahlkämpfer in Erklärungsnot

Am Computerbildschirm von Man-o-man Mazele lehnt ein gerahmtes Foto von Jacob Zuma. Die beiden Männer eint die Parteizugehörigkeit zum African National Congress (ANC). Zuma lenkt als Präsident der Regierungspartei die Geschicke Südafrikas, Mazele vertritt die kleine ANC-Zweigstelle in Imizamo Yethu, einer Township im Kapstädter Vorort Hout Bay.

Mazele schaut skeptisch auf das Foto: "Oh ja, Zuma und Nkandla waren eine Bürde in den vergangenen Wochen." Er sei darauf immer wieder angesprochen worden: "Im Radio wird ja die ganze Zeit darüber berichtet." Kein Thema bestimmte den Wahlkampf mehr als der Skandal um den steuerfinanzierten Ausbau von Zumas Privatanwesen im Dorf Nkandla.

Es wurde für 246 Millionen Rand (16,87 Millionen Euro) Steuergelder renoviert. Der Grund seien Sicherheitsmaßnahmen gewesen, hieß es offiziell. Das neue Schwimmbecken etwa wird in den Bauplänen als Feuerpool deklariert.

Der Politiker selbst wählte im Wahlkampfendspurt vor dem Urnengang am Mittwoch eine erstaunlich persönliche Erklärung für den kostspieligen Ausbau. Erstmals sprach er öffentlich über die Vergewaltigung einer seiner vier Ehefrauen im Jahr 1999 durch zwei Einbrecher, die zu lebenslanger Haft verurteilt wurden. "Wer sagt, dass ich keine Sicherheit brauche, der ignoriert, dass wir es nicht mit einer normalen Situation zu tun haben", sagte er.

Analysten wie der renommierte Jurist Shadrack Gutto werteten die Aussage als "verzweifelten Versuch", die Aufmerksamkeit abzulenken. Der Missbrauch öffentlicher Gelder ist belegt, wenn auch Zumas Beteiligung unklar ist. Eine entsprechende parlamentarische Untersuchung wurde bis zur neuen Legislaturperiode verzögert.

Vor den Wahllokalen stehen am Wahltag die Menschen Schlange: Unter ihnen auch die Erstwählerin Nondumiso Thabede, 23, die im Joubert Park in Johannesburg ihre Stimme abgibt. Trotz des Skandals unterstützt die Verkäuferin Zuma: "Ich wähle, weil ich eines Tages Mutter sein werde und möchte, dass die Dinge dann für meine Kinder gut sind. Ich unterstütze den ANC, denn der hat uns mit seiner Leistung Strom, Wasser, Bildung und Arbeit gebracht. Ich glaube, für die Zukunft des Landes ist das die beste Partei", sagt sie.

Duduzile Nhlapo, die ebenfalls zum ersten Mal wählt, ist da anderer Meinung. "Es ist Zeit für Veränderungen", sagt die 20-jährige Finanzmanagementstudentin, die im Juni ihr Studium beendet, in fließendem Englisch. "Die Dinge haben sich zum Besseren gewendet, aber es hätte viel mehr erreicht werden müssen, besonders bei der Kriminalitätsbekämpfung und der Bildung gibt es riesige Versäumnisse."

In der Township von Imizamo Yethu sind die Versäumnisse der südafrikanischen Politik besonders offensichtlich. Sie entstand erst im Jahr 1993, als die Nation längst auf dem Weg zur Demokratie war.

Ursprünglich sollte in dem bislang fast ausschließlich von Weißen bewohnten Hout Bay eine Struktur für etwas mehr als 3000 dunkelhäutige Südafrikaner geschaffen werden. Inzwischen leben rund 21.000 Menschen auf einer Fläche von 18 Hektar, was gerade einmal einem Dutzend Fußballplätzen entspricht. Selbst ANC-Mann Mazele spricht von einem Scheitern dieses Projekts.

Wie Fäden eines Spinnennetzes wirken die unzähligen illegalen Stromleitungen, die über den Dächern des an einem Berghang gelegenen Armenviertels gespannt sind. Die Stadt hat mobile Toiletten aufgestellt, doch von dem Ziel von fünf Haushalten pro Toilette sind die Behörden weit entfernt. Der Fluss Disa, der durch Imizamo Yethu fließt, hat einen lebensgefährlich hohen Gehalt an E.coli-Bakterien.

Wie er den Menschen angesichts dieser Lebensbedingungen die verschwendeten Millionen von Nkandla erkläre? Mazele überlegt kurz. "Es gibt keine Hinweise, dass sich Zuma eines Verbrechens schuldig gemacht hat", sagt der Lokalpolitiker, "aber es muss eine Untersuchung geben, daran führt kein Weg vorbei."

Entscheidend sei aber, dass die Partei größer als eine einzelne Person sei. "Ich glaube immer noch, dass wir eine imposante Bilanz haben", sagt er. Die Leute würden bisweilen vergessen, dass sie sich nun kostenlos im Krankenhaus behandeln lassen und ihre Kinder ohne Gebühren zur Schule schicken können.

Bongani Noguba, 31, aber braucht vor allem Platz zum Leben. Seine Hütte befindet sich ganz oben am Hang. Auf fünf Quadratmetern hat er es geschafft, Sofa, Kühlschrank, Herd, Fernseher und eine Kommode zu platzieren. In der Mitte bleibt gerade genug Platz für die Füße. Er stammt aus dem Ostkap, wie viele hier kam er zum Arbeiten an das weit wohlhabendere Westkap, verdient umgerechnet rund 200 Euro im Monat bei einer Sicherheitsfirma. Die Familie ist fern, an der Wand hängt ein Foto seines grinsenden Sohnes in Schuluniform.

Wütend sei er vor allem auf die Democratic Alliance (DA), die zwar auf Landesebene Oppositionspartei ist, aber das Westkap regiert. Da sei ein neues Fußballfeld, aber sonst? "Nichts haben sie für uns getan", schimpft Noguba. Der Einfluss der DA auf die Entwicklung der Townships ist de facto limitiert, dennoch unterstützt Noguba den ANC. "Sie sollten noch eine Chance bekommen", sagt er.

Es gilt als sicher, dass der ANC die absolute Mehrheit verteidigen wird. Laut einer Umfrage der Zeitung "Sunday Times" wird er knapp 64 Prozent der Stimmen erhalten, die DA 23,7 Prozent (was ein deutliches Plus von sieben Prozentpunkten bedeuten würde), die Economic Freedom Fighters des Populisten Julius Malema knapp fünf Prozent.

Die Zahlen sind nicht sehr verlässlich, da ein Drittel der Wähler angab, dass keine der Parteien ihre Ansichten reflektiere. Doch es scheint festzustehen, dass Zuma die schier endlose Loyalität der Bevölkerung angesichts der Verdienste des ANC während des Anti-Apartheid-Kampfs rettet.

Unabhängig von der Partei steht die Politik in Armenvierteln wie Imizamo Yethu vor fast unlösbaren Herausforderungen. Rund 450 Familien haben hier Steinhäuser von der Regierung zugeteilt bekommen, auf über der Hälfte der Grundstücke wurden illegal Hütten errichtet, mit deren Vermietung sich angesichts der hohen Arbeitslosigkeit ein zusätzliches Einkommen gewinnen lässt.

Mehrfach wurde zudem an Stellen gebaut, die aus Brand- und Naturschutzgründen freibleiben müssen. Räumungen und Umsiedlungen durch die Polizei aber sind oft nur schwer durchsetzbar, weil sie bei der Bevölkerung Erinnerungen an die Apartheid wecken.

ANC-Mann Mazele moniert zudem, dass die Stadt mit zweierlei Maß vorgehe. Für Villen weißer Anwohner sei die Linie an dem Berg, ab der wegen Brandgefahr nicht mehr gebaut werden darf, mehrfach verschoben worden.

 

Erschienen in DIE WELT, 7.5.2014