11.07.2014

ANC triumphiert - nur nicht in Marikana

Jacob Zuma bleibt trotz weitere fünf Jahre an der Macht - trotz Marikana. Ein Besuch in einem Ort, an dem die Wunden nicht verheilt sind

Ein Handyfoto ist alles, was Martha Masilo von John geblieben ist. Ihr verwaister Neffe, um den sie sich gekümmert hatte, als sei er ein eigener Sohn, posiert darauf stolz im Rugby-Trikot der WM 2011 – nur ein paar Monate bevor er von der Polizei erschossen wurde. Er war einer der 34 streikenden Bergarbeiter, die vor knapp zwei Jahren bei dem "Massaker von Marikana" starben, benannt nach dem Standort des von dem Streik betroffenen Lonmin-Bergwerks. Die Fernsehbilder der Polizeischüsse und der sterbenden Männer gingen um die Welt.

Masilo, 53, sitzt auf einer klapprigen Bank ihres Hauses in der Armensiedlung Wonderkop, wenige Kilometer von Marikana entfernt. Die meisten Opfer hatten hier gelebt. Sie verschränkt die Arme. "Die Regierung hätte schlichten müssen, bevor der Streik eskalierte", sagt sie. "Wenn meine Kinder streiten, muss ich als Mutter eingreifen." Die gleiche Rolle hätte der regierende Afrikanische Nationalkongress (ANC) in dem Konflikt zwischen den Streikenden und der Polizei einnehmen müssen. John, den alle nur "Papi" nannten, würde dann noch leben, glaubt sie.

Wohl an wenigen Orten war die Wut auf den ANC vor den Parlamentswahlen am vergangenen Mittwoch so offensichtlich. Eine neue Gewerkschaft mobilisierte gegen die Partei, weil diese einer Konkurrenzgewerkschaft nahe steht. Zudem war der heutige ANC-Vizepräsident Cyril Ramaphosa damals im Aufsichtsrat der Lonmin-Mine. Ende April wurde dann das örtliche ANC-Büro niedergebrannt. Die Parteiführung empfahl ihren Mitgliedern daraufhin, vor den Wahlen auf das Tragen von Kleidung mit dem Logo der Partei zu verzichten. "Das wäre lebensgefährlich", sagt Masilo, deren Familie noch immer vergeblich auf eine Entschädigung wartet. Sie selbst hat zum ersten Mal nicht gewählt: "Ich habe genug von der Politik. Nichts bringt mir Papi zurück."

Wonderkop mit seinen 40.000 Einwohnern gehört zu den wenigen Orten, an dem sich die landesweit immer wieder geäußerte Unzufriedenheit mit dem ANC auch deutlich im Wahlverhalten zeigte. In vielen Wahllokalen stimmte nicht einmal jeder Zweite für den ANC, im Jahr 2009 hatte die Partei noch mit fast 90 Prozent dominiert. Die deutliche Mehrheit in Südafrika unterstützt aber weiter die einstige Befreiungsbewegung. Nach Auszählung von 97 Prozent der Stimmen kam der ANC am Freitag auf 62,2 Prozent der Stimmen. Dieses Ergebnis bedeutet auch die Bestätigung von Präsident Jacob Zuma im Amt für weitere fünf Jahre. In Südafrika bestimmt das Parlament den Präsidenten, seine Wahl ist angesichts der deutlichen Mehrheit gesichert. Die Wahlbeteiligung lag bei ordentlichen 73 Prozent.

Zwar verlor die Regierungspartei rund drei Prozentpunkte. Angesichts zahlreicher Skandale, einer weiterhin hohen Arbeitslosenquote von offiziell 25 Prozent und niedrigem Wirtschaftswachstum muss das Ergebnis jedoch zumindest als Teilerfolg für den ANC gelten, zumal die sonst für ihre Mobilisierung bekannte Jugendliga derzeit kaum funktionsfähig ist. Die Democratic Alliance (DA) legte als führende Kraft der Opposition mit 22 Prozent um sechs Prozentpunkte zu. Doch gemessen an den Lokalwahlen im Jahr 2011 gelangen keine größeren Stimmgewinne. Der Partei gelingt es in der schwarzen Bevölkerung nur langsam, sich von dem Image zu befreien, vor allem für die Interessen der Weißen einzustehen.

Zwar konnte die Democratic Alliance problemlos das Westkap verteidigen. Das große Ziel der Vorsitzenden Helen Zille, dem ANC mit Gauteng eine weitere der neun Provinzen zu entreißen, scheiterte dagegen. Immerhin legte die Partei in dieser Region, in der ein Großteil der südafrikanischen Wirtschaftskraft generiert wird, von 22 auf 35 Prozent zu, der ANC musste Federn lassen. Doch es bleibt dabei: Bis auf das Westkap werden alle Provinzen vom ANC regiert. Veränderungsimpulse für das Land können auch künftig in erster Linie von dieser Partei kommen.

Auch für Julius Malema, der seit Jahren mit Parolen gegen die weiße Minderheit im Land auffällt, lief die Wahl eher enttäuschend. Seine neu formierten Economic Freedom Fighters (EFF) generierten ein beachtliches Medieninteresse im Vorfeld. Jedoch holten sie nur in Marikana in vielen Wahllokalen mehr Stimmen als die Partei Mandelas, der ANC.

 

Erschienen in DIE WELT, 10.5.2014