16.01.2015

Shell zahlt 70 Millionen Euro an Nigerias Fischer

Nnimmo Bassey, Träger des alternativen Nobelpreises, geht die Entschädigung nicht weit genug

Der Ölkonzern Shell entschädigt mehr als 15.000 Fischer und Bauern für die Folgen einer Umweltkatastrophe im Nigerdelta. Nnimmo Bassey, Träger des alternativen Nobelpreises, geht das nicht weit genug.

Die Welt: Jeder betroffene Fischer bekommt rund 2800 Euro von Shell. Ist das eine angemessene Entschädigung?

Nnimmo Bassey: Nein, das reicht nicht einmal für den Kauf eines funktionstüchtigen Fischerbootes. Und eine Existenz als Fischer ist für die meisten ohnehin unmöglich geworden, es würde 25 Jahre dauern, das gesamte Nigerdelta zu säubern. Die Kosten würden 100 Milliarden Dollar betragen. Wir brauchen einen Fonds in Höhe von einer Milliarde, um wenigstens anfangen zu können. Nur das würde wirkliche Hoffnung bringen.

Die Welt: 70 Millionen Euro wirken gering im Vergleich zu den Milliardengewinnen, die im Nigerdelta erwirtschaftet wurden.

Bassey: Absolut richtig, das ist ein Tropfen auf den heißen Stein, ein Pyrrhussieg. Die Verluste wiegen weit schwerer als diese Entschädigung, und sie illustriert in keiner Weise, wie sich Shell auf Kosten von Anwohnern und Umwelt bereichert hat.

Die Welt: Wie hilfreich ist diese Einigung dann überhaupt?

Bassey: Es ist immerhin ein Anfang, die Fischer können damit zum Beispiel ein kleines Geschäft eröffnen. Nachhaltig ist das natürlich nicht, allzu viele Möglichkeiten gibt es in der Gegend nicht. Aber das wichtigste ist, dass Shell endlich formell seine Haftung anerkennt. Bisher wurden Zahlungen in erster Linie als Wohltätigkeitsspenden dargestellt.

Die Welt: Shell ist nicht der einzige Konzern, dem Verschmutzungen im Süden Nigerias vorgeworfen werden. Ist das der Beginn einer Klagewelle?

Bassey: Ja, wir haben jetzt einen guten Präzedenzfall. Klagen gegen ExxonMobil, Agip und Chevron werden derzeit vorbereitet. Deren Strategie war bislang immer gleich: die Blockade von lokalen Gerichtsanordnungen durch endlose Berufungsverfahren - da sind gute Anwälte am Werk. Diesmal aber haben wir erstmals ein explizites Schuldeingeständnis und den Willen zu zahlen.

Die Welt: Shell betont aber trotzdem, dass der Großteil der Umweltschäden auf Diebstähle und Anschläge zurückzuführen ist.

Bassey: Das behaupteten sie anfangs in diesem Fall auch. Dann mussten sie einsehen, dass die Beweislage eindeutig gegen sie spricht. Aber diese Aussage stimmt auch allgemein nicht. Wir sehen zum Beispiel zunehmend Schäden an veralteten und nicht gewarteten Pipelines fernab der Küste. Dafür kann die Bevölkerung nicht verantwortlich gemacht werden, sie kommt dort gar nicht hin.

Die Welt: Doch in den Sümpfen floriert der illegale Handel und die Raffination von Öl. Ist das nicht die Verantwortung der Regierung?

Bassey: Natürlich ist dafür die Regierung verantwortlich. Da ist eine ganze Mafia am Werk, 80 Prozent des gestohlenen Öls werden nicht in den Buschraffinerien verarbeitet, sondern gehen an externe Märkte. Das Problem ist da, aber die Konzerne dürfen sich damit nicht länger die dreckigen Hände reinwaschen. Sie haben versäumt, die Pipelines vorschriftsmäßig zu sichern. Zudem ist es sehr wahrscheinlich, dass auch Mitarbeiter von Ölkonzernen an Diebstählen beteiligt sind. Das Öl fließt unter hohem Druck durch die Leitungen. Versuchen Sie einmal, da etwas abzupumpen, das wäre ein Desaster. Es kann nur gestohlen werden, wenn währenddessen der Druck reduziert wird. Und dafür benötigt man Helfer an den Schalthebeln.

Die Welt: Im Februar wird in Nigeria gewählt. Das Nigerdelta spielt im Wahlkampf keine Rolle. Warum?

Bassey: Der Fokus liegt auf dem Kampf gegen Boko Haram. Das ist auch ein schlimmer Aspekt dieser Terrororganisation: Sie schiebt wichtige Probleme wie ökologischen Missbrauch in den Hintergrund. Wir versuchen das Thema wieder auf die politische Agenda zu bringen. Aber bislang gab es nicht eine einzige Partei, die das volle Ausmaß der Herausforderungen versteht. Das ist sehr bedauerlich.