18.09.2014

Mehr als ein Krisenkontinent

Ebola, Terrorismus, Bürgerkriege: In diesen Tagen kommen wieder vermehrt Negativmeldungen aus Afrika. Dabei gibt es auch Länder, die sich nachhaltig positiv entwickeln

John Kerry fand beim USA-Afrika-Gipfel Anfang August freundliche Worte. Die Gespräche seien „gänzlich andere“ als noch vor zehn bis 15 Jahren, schmeichelte der US-Außenminister. Damals hätten die Krisen des Kontinents weit mehr im Fokus gestanden als heute. Das renommierte Magazin „The Economist“ brandmarkte Afrika seinerzeit als den „hoffnungslosen Kontinent“. Die Region war Ende der neunziger Jahre von einer neuen Wirtschaftskrise erfasst worden. Kerry selbst hatte sich, damals noch als Senator von Massachusetts, massiv für die Bereitstellung von antiretroviralen Medikamenten im Kampf gegen die HIV-Epidemie stark gemacht. Die Krankheit stand um die Jahrtausendwende symbolhaft für Afrika.

Gewiss, auch diesmal war von einem Virus die Rede. Der Westen Afrikas ist auf Hilfe angewiesen im Kampf gegen Ebola, das binnen weniger Monate mehr als 1000 Menschen das Leben gekostet hat. Die Politiker diskutierten zudem die anhaltende Bedrohung durch Terrororganisationen wie Boko Haram in Nigeria oder Al Schabab in Somalia. In erster Linie aber sollte eine Botschaft verbreitet werden: Afrika steht mehr denn je für wirtschaftlichen Aufschwung. Die USA wollen dabei mit Investitionen und Krediten in einem Umfang von mit 30 Milliarden Euro verloren gegangenen Boden auf China gut machen.

Die Bilanz Afrikas während des vergangenen Jahrzehnts liest sich imposant: Das Wirtschaftswachstum betrug durchschnittlich fünf Prozent, was die längste Wachstumsperiode seit den 1960er Jahren bedeutet. Der inflationsbereinigte Lohn stieg um mehr als 30 Prozent, nachdem er in den vorangegangenen beiden Jahrzehnten um fast zehn Prozent gesunken war.

Doch der Optimismus sollte auf einzelne Länder begrenzt werden. Oft schönt der Rohstoffboom die Bilanzen, das Gros der Bevölkerung profitiert selten. Auch die Zahl der Kriege auf dem „Kontinent der Chancen“ (Zitat der Unternehmensberatung McKinsey) muss erwähnt werden: Elf der derzeit weltweit 20 Kriege werden in Afrika ausgetragen. Dort gibt es auch über 80 Prozent der Toten in bewaffneten Konflikten zu verzeichnen. (Dass diese nur rund zehn Prozent der Medienberichte zu Kriegen ausmachen, ist erschreckend. Aber nur einmal so: Wäre der Anteil angemessen, würde der Vorwurf des Afropessimismus wohl noch häufiger geäußert werden.)

Die Investoren und Volkswirte haben längst gelernt, sorgfältig zu differenzieren – anders übrigens als der US-Vize-Präsident Joe Biden, der die Chancen der „Nation Afrika“ pries. Im nachhaltigen Sinne positiv fallen unter den 54 afrikanischen Ländern eher wenige Nationen auf. Doch es gibt sie, die Musterstaaten, wenn auch oft mit Einschränkungen. Botsuana zum Beispiel. Als die Briten ihr Protektorat im Jahr 1966 aufgaben, hatte das Land ganze zwölf Kilometer geteerte Straßen und 22 Universitätsabsolventen. Auf einer Fläche so groß wie Frankreich gab es nur zwei weiterführende Schulen. Das Land, ohnehin durch den fehlenden Meerzugang geschwächt, startete mit denkbar schlechten Voraussetzungen in die Unabhängigkeit.

Inzwischen gilt Botsuana vor allem dank seiner Diamanten als Wirtschaftswunder. 15 Millionen Karat werden jährlich gewonnen, damit kommt jeder dritte Diamant in der Welt aus Botsuana. Als Erklärung für bisweilen zweistellige Wachstumsraten und Erfolge bei fast allen sozio-ökonomischen Kennziffern taugt das aber nur bedingt, denn reich an Rohstoffen sind auch Krisenländer wie der Kongo oder Sudan. In dem südafrikanischen Land wird mit diesem Segen aber verantwortungsvoll umgegangen. Schon seit den siebziger Jahren, als Bergbaufirmen in Afrika zumeist lächerlich niedrige Abgaben verhandelten, gingen über die Hälfte der Gewinne an den Staat.

Das Investitionsklima ist aufgrund des wirtschaftsfreundlichen Kurses der Regierung gut, zudem ist die Korruption so gering wie in kaum einem anderen afrikanischen Land. Botswana ist für seine restriktive Fiskalpolitik bekannt, die Inflation stieg fast nie über zehn Prozent und lag zuletzt unter fünf Prozent. Es mag banal klingen, aber die Institutionen sind stabil, und das ist entscheidend. Historiker führen das auch auf das geringe Maß an Kolonialisierung zurück, durch die sich traditionelle Einrichtungen der Mitbestimmung weiterentwickeln konnten. Schon vor Jahrhunderten gab es demnach in der Kultur der Tswana mehr Mitbestimmung des Volkes als in jedem anderen Bantu-Stamm.

Über 50 Jahre werden die Diamantenvorkommen noch reichen. Vielleicht auch länger. Präsident Ian Khama aber arbeitet hart daran, die Wirtschaft zu diversifizieren und so auch aktuell von der Rohstoffnachfrage in den Schwellenländern etwas unabhängiger zu machen. Die Bürokratie für Importe und Exporte wurde zuletzt deutlich abgebaut, das Land bemüht sich auch um neue Infrastruktur in der Verarbeitenden Industrie und im Dienstleistungssektor.

Diese Vielfalt hat Ruanda, das ohnehin nie zu den klassischen Rohstoffländern gehörte, längst geschaffen. Dort betrug das Wirtschaftswachstum im vergangenen Jahrzehnt durchschnittlich acht Prozent. Die Kindersterblichkeit hat sich in diesem Zeitraum halbiert, die Zahl der Grundschüler verdreifacht. Im April 2013 verkaufte Staatsanleihen haben seit Anfang des Jahres über neun Prozent erzielt, in Finanzhäusern nennen sie Ruanda respektvoll das „Singapur von Afrika“. Die Entwicklungshilfe, die im Jahr 2012 nach der Unterstützung von Präsident Paul Kagame für die M23-Rebellen im Ostkongo eingefroren worden war, fließt wieder. In wenigen Ländern, so der gute Ruf, wird sie mit vergleichbar hoher Effektivität verwendet.

Mit Ausnahme von Mauritius gibt es kein Land in Afrika, in dem Geschäfte effektiver vonstatten gehen. Seit dem Jahr 2006 wurden die Hürden für Existenzgründer massiv abgebaut, was zur Entstehung eines bemerkenswerten Dienstleistungssektors besonders im Tourismus geführt hat. Die Produktivität im Agrarsektor ist gestiegen. Gleichzeitig geht Kagame konsequent gegen Korruption und andere Verbrechen vor. Zwar nimmt die Kritik wegen Menschenrechtsverletzungen zu, doch die Entwicklung der Nation nur 20 Jahre nach einem der schlimmsten Völkermorde der Menschheitsgeschichte bleibt beeindruckend.

Nun könnte man argumentieren, dass Botsuana und Ruanda von ihrer kleinen Bevölkerungszahl profitieren. Der Blick auf Staaten wie der Kongo, Sudan oder Nigeria suggeriert, dass es vor allem bevölkerungsreiche Länder sind, die zu dauerhaften Krisen neigen. Doch derzeit bemüht sich auch Äthiopien, das mit 94 Millionen Einwohnern nach Nigeria einwohnerstärkste Land in Subsahara-Afrika, diese These zu widerlegen. Die Nation zählt nicht nur zu den ältesten Zivilisationen der Welt, sondern auch zu den zehn am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt. Über zehn Prozent waren es im vergangenen Jahrzehnt, das Doppelte des kontinentalen Durchschnitts.

Wie Ruanda zählt die ostafrikanische Nation nicht zu den klassischen Rohstoffländern. Zu verdanken ist die positive Entwicklung vor allem der gestiegenen Produktivität in der Landwirtschaft, politischen Reformen und dem Abbau von Bürokratie. Das Pro-Kopf-Einkommen ist mit rund 500 Dollar im Jahr deutlich niedriger als im regionalen Durchschnitt. Die Regierung nutzt die auch im regionalen Vergleich geringen Lohnkosten dabei gezielt als Argument im Werben um Investoren. In der Hauptstadt Addis Abeba werben vermehrt Risikokapitalgeber um eine neue Gruppe von Unternehmensgründern.

Binnen weniger Jahre könnte Äthiopien von einer der ärmsten Nationen der Welt in die Gruppe der „Länder mit mittlerem Einkommen“ aufsteigen, wie die UN Länder mit einem Pro-Kopf-Einkommen von mindestens 1026 Dollar nennt. Äthiopien ist Schauplatz von einigen der ambitioniertesten Projekten des Kontinents: Das größte Wasserkraftwerk Afrikas etwa, oder ein knapp 5000 langes Eisenbahnsystem, um die Industrialisierung des Landes voranzutreiben. Die Regierung wurde zuletzt wegen Unregelmäßigkeiten bei Wahlen und der Unterdrückung der Opposition kritisiert, doch sie investierte massiv in den Bildungs- und Gesundheitssektor. Der Prozentsatz der in extremer Armut lebenden Äthiopier reduziert sich derzeit jährlich um zwei Prozent.

Allerdings wirkt die Entwicklung dieser Länder auch deshalb so spektakulär, weil sie von einem niedrigen Ausgangsniveau erfolgt. Alle afrikanischen Länder zusammengenommen erwirtschaften gerade einmal einen Anteil von drei Prozent am weltweiten Bruttosozialprodukt. Afrika braucht also dringend mehr Musterländer. Bevor die Schlagzeilen des Krisenkontinents die Erfolgsmeldungen gänzlich verdrängen.