13.05.2016

Was vom Goldrausch übrig bleibt

In Johannesburg stehen 6000 Schächte leer. Der Regen schwemmt giftige Schwermetalle an die Oberfläche

Die Fluten des Klip-Rivers rauschen bedrohlich, das Taufritual ist gefährlich. Doch Pfarrer Morris Mankosi ist von kräftiger Statur, und jetzt zurück zu weichen würde seine Autorität untergraben. Die neuen Mitglieder seiner Pfingstkirche „True-Jesus-Church“ sollen wie jeden Samstag im Klip-River von Soweto getauft werden.

Am Ufer singen Frauen zum Rhythmus der Trommeln, Pfarrer Mankosi steigt im weißen Gewand ins kalte Wasser. Zögerlich folgt ihm ein junger Mann. Ein kurzes Gebet mit erhobenen Armen, dann drückt er den Täufling unter Wasser. Acht Männer und Frauen folgen ihm heute in den reißenden Strom des Flusses - nicht irgendeines Flusses. In dem tobenden Wasser des Klip-Rivers könne er am besten mit den Vorfahren Kontakt aufnehmen, erklärt Pfarrer Mankosi. Dieses Wasser habe besondere spirituelle Kraft. „Es reinigt die Seelen.“ Wovon er nicht spricht: Das Wasser zerstört auch den Körper der Menschen, die hier leben. Und der Klip-River nahe Johannesburg ist nicht das einzige Gewässer, dessen Wasser mit Bakterien und anorganische Chemikalien sowie radioaktive Isotopen verseucht ist – winzige, aber tödliche Hinterlassenschaften von 130 Jahren Bergbau. Farblos fließt das Gift, in einem der dreckigsten Flüsse Südafrikas.

Von den 41.000 Tonnen Gold, die in dem Land aus dem Boden geholt wurden, rund 40 Prozent des weltweit geförderten Goldes, lagerten viele Tonnen auch unter Johannesburg. Die Stadt taumelte über Jahrzehnte hinweg in einem Goldrausch, Lizenzen wurden ohne Rücksicht auf Schäden für Umwelt und Menschen erteilt. Heute bekommen die gefährlichen Folgen des Rauschs die Bewohner von Johannesburg zu spüren – Verantwortlich sein will niemand für diese tickende Zeitbombe. Seit den 1970er-Jahren sinkt die Goldfördermenge. Heute stehen 6000 Schächte ohne Eigentümer leer und füllen sich mit dem sogenannten saurem Grubenwasser – Regen, der hunderte Meter die Hohlräume füllt und giftige Metall-Ionen in Richtung Oberfläche spült. In manchen Minen ist das saure Grubenwasser nur noch 200 Meter von der Oberfläche entfernt, ab einer Tiefe von weniger als 150 Metern droht es sich mit dem Grundwasser vermischen – an einigen Stellen tritt es schon Zutage.

Eine zusätzliche Gefahr sind Hunderte oft unzureichend gesicherte Abraumhalden, auf denen unter anderem 600.000 Tonnen Uran lagern – Giftstoffe sickern hier in den Boden, radioaktive Partikel werden in die umliegenden Gemeinden geweht und gelangen auch in Seen und Flüsse. Aktivisten arbeiten daran, die Folgen für die Gesundheit der Menschen zu beweisen – dann droht der Regierung und den Bergwerkunternehmen eine Klagewelle auf Schadensersatz. Der Druck auf Regierung und Bergwerkkonzerne, im großen Stil in die Wiederaufbereitung des Wassers zu investieren, steigt kontinuierlich. Die Kosten für die Beseitigung der Folgen des Bergbaus gehen in die Milliarden.

Bisher gibt es aber kaum mehr als gute Vorsätze, die Symptome zu bekämpfen: Die Stadt will zukünftig das saure Grubenwasser auf eine Tiefe von 1000 Meter zurückdrängen oder reinigen. Das soll Johannesburg unabhängiger machen – zwei Drittel des Trinkwassers der Stadt kommen zurzeit kostspielig aus den Bergen des 300 Kilometer entfernten Lesothos. In Betrieb sind bereits zumindest zwei Unterwassermotorpumpen, die das saure Grubenwasser von den Fundamenten der Johannesburger Innenstadt fernhalten sollen – denn die könnten dadurch zersetzt werden.

Die radioaktiven Abraumhalden werden teilweise abgeräumt, aber in erster Linie, weil mit neuen Fördermethoden Goldrückstände gewonnen werden können. Der Schutt mit dem nicht profitablen Uran wird dagegen lediglich auf andere Halden außerhalb der Stadt umgeschichtet. Und die Regierung reinigt und sichert nur zehn statt der geplanten 50 leerstehende Minen pro Jahr. Auch die Vorgabe, dass Bergbauunternehmen nach Schließung für eine Aufbereitung des Grubenwassers sorgen müssen, setzt die Regierung nicht konsequent durch – aus Angst, dass Investoren abspringen, weil sie für die Schäden der Vorgängerbetreiber haften müssen. Leerstehende Minen sind noch gefährlicher für die Umwelt als bewirtschaftete.

Die Menschen in der informellen Siedlung Tudorshaft, rund 40 Kilometer nordwestlich von Johannesburg, spüren schon die Folgen all dieser Versäumnisse. Hier trat der Giftcocktail bereits Zutage. 1995 teilte die Regierung Obdachlosen den Ort neben einer stillgelegten Mine zu. Die Stauseen in der Nähe, in denen immer noch regelmäßig Menschen baden, sind radioaktiv verseucht. Drei öffentliche Wasserhähne gibt es für die rund 1800 Bewohner von Tudorshaft. Nachdem in der Gegend schon im Jahr 2002 saures Grubenwasser an die Oberfläche gestiegen war, wurde in dem Ort mit den notdürftigen Blechhütten radioaktive Strahlung gemessen, die 15 Mal höher als der zulässige Grenzwert war.

Langsam geht Anna Pato über einen der schlammigen Wege des Armenviertels, in eine Decke hat sie ihre Enkeltochter gehüllt. Ein paar Meter weiter spielen Kleinkinder in einer Pfütze, ätzender Geruch liegt in der Luft. Pato war eine der ersten Bewohner von Tudorshaft. Ursprünglich sollte sie nur für ein paar Monate bleiben, hatte die zuständige Verwaltung versprochen. Inzwischen fürchtet sie, dass sie hier sterben wird. „Ich habe andauernd Hautausschlag“, sagt die 56-Jährige, „viele meiner Freunde sind an Krebs gestorben.“ Die Bergwerke hätten der Gemeinde keine Arbeit gebracht. Krankheiten dafür umso mehr.

Menschen wie Anna Pato will die Aktivistin Mariette Lieferink helfen. Sie kämpft schon lange dafür, dass die Anwohner umgesiedelt werden. Vor fünf Jahren hat die Verwaltung zugestimmt. Passiert ist bislang nichts. Die Regierung habe eine Expertenkommission eingesetzt, das Problem sei im Parlament diskutiert worden. „Letztlich aber tut sich viel zu wenig“, sagt Liefferink, die die Umweltschutzorganisation „Federation for a Sustainable Environment“ (FSE) leitet. Die Juristin mit den roten Gummistiefeln hebt einen Klumpen Erde vom Boden auf. „Wir haben das testen lassen, da ist neben Uran auch in erheblichem Maße Kupfer, Kobalt und Quecksilber drin“, sagt sie. Die Bewohner würden an die heilende Kraft dieser Erde glauben und sie auf die Haut auftragen oder als „Schlammkuchen“ gar essen, sagt Lieferink. Die Folge sind erhebliche Nierenschäden und Krebs, bei Schwangeren drohen Fehlbildungen des Embryos.

1,6 Millionen Menschen leben in Südafrika entweder auf ehemaligem Bergbau-Gelände oder näher an den Abraumhalden als es der gesetzlich vorgeschriebene Sicherheitsabstand von 500 Metern erlaubt. Davon sind besonders viele Bewohner des bekannten Johannesburger Townships Soweto betroffen, eine halbe Stunde Autofahrt von Krugersdorp entfernt. Jeffrey Hughes zum Beispiel. Er ist eine feste Größe hier. Das Gemüse aus seinem Garten kostet nur die Hälfte des Supermarktpreises, und der 54-Jährige zeigt den Kindern, wie sie ihre eigenen Pflanzen säen können. Doch wenn der Wind den Sand aus der gigantischen Abraumhalde hinter seinem Haus hinüberweht, geht seine Ernte manchmal binnen weniger Tage ein. „Unter diesem Gift überlebt nichts“, sagt Hughes und hustet.

Der Staub bestimmt sein Leben: Das Gift in der Luft habe schon seine Eltern getötet, die in den 1970er Jahren wie so viele Scharze in der Nähe der Halden angesiedelt worden waren. Auch drei Geschwister und eine Nichte seien erst an Husten erkrankt und bald darauf gestorben. Hughes kennt die Argumentation der Behörden angesichts möglicher anderer Ursachen: „Nein, keiner von ihnen hatte HIV oder Tuberkulose“, sagt er, „sie sind darauf getestet worden.“ Neben ihm sitzt sein Bruder Tyrone, der so schwer an Asthma erkrankt ist, dass er mehrere Stunden täglich ein Sauerstoffgerät braucht.

Auch in anderen Bergbau-Regionen des Landes wird von dem häufigen Auftreten bestimmter Krankheiten berichtet: In einem Bergbaugebiet im Norden Südafrikas wurden auffällig viele Leukämie-Fälle festgestellt. In den Nieren von verendeten Rindern wurde eine hohe Urankonzentration vorgefunden. Hinweise gibt es viele, an gerichtsfesten Beweisen zum Nachweis des bisweilen tödlichen Effekts der Verschmutzung durch den Bergbau mangelt es jedoch. Das könnte sich bald ändern.

Die südafrikanische North-West-Universität arbeitet derzeit im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation an einer Studie, bei der 1500 Haarproben aus Bergbaustädten wie Krugersdorp auf Uranrückstände untersucht werden. Liefferink organisiert das Einsammeln der Haarproben mit Hilfe einiger Friseursalons – nicht nur in Armenvierteln. Seit 1963 gibt es „Bennies Barber“ in Krugersdorp, ein unscheinbarer Laden in einer Mittelklasse-Gegend. An der Wand hängen Bilder von Rennmotorrädern aus den 1980er-Jahren, die Besitzerin grüßt Liefferink mit einer Umarmung. In versiegelten Tüten übergibt sie Dutzende Haarproben. „Der Staub der Bergwerke ist überall“, sagt sie. Kaum habe sie ihren Laden gereinigt, könne sie von vorne anfangen. Sollte sich der Verdacht der erhöhten Urankonzentration in den Haaren bestätigen, drohen der Regierung und Bergwerkkonzerne eine Klagewelle.

 

 

DAS HIER FEHLTE:

 

Erst vor einigen Jahren erlaubte das Verfassungsgericht, dass Bergleute, die Asbest, Quecksilber und Blei ausgesetzt waren, bei Folgekrankheiten wie Silikose oder Tuberkulose Schadensersatz fordern können. Ähnlich könnten Anwohner argumentieren. Der Druck auf Regierung und Bergwerkkonzerne, im großen Stil in die Wiederaufbereitung des Wassers zu investieren, steigt kontinuierlich.

Und es gibt auch schon Pläne: Dazu gehört der Bau von Entsalzungsanlagen. Die Kosten würden bei mindestens 700 Millionen Euro liegen. Dabei sollen verschiedene Methoden getestet werden, mit denen das verseuchte Wasser sogar zu in Johannesburg so knapp gewordene Trinkwasser umgewandelt werden kann. Zurzeit wird ein Drittel des Trinkwasserbedarfs teuer aus den Bergen des 300 Kilometer entfernten Lesothos in den Großraums Johannesburg gepumpt. Die Strategie lautet bislang Symptombekämpfung. Inmitten der Johannesburger Innenstadt wurden 2014 sogar zwei Unterwassermotorpumpen installiert, die das saure Grubenwasser von den Fundamenten der Stadt fernhalten sollen – denn die könnten dadurch zersetzt werden.

Die Kosten für die Beseitigung der Folgen des Bergbaus gehen in die Milliarden. Die Halden werden teilweise abgeräumt, aber in erster Linie, weil mit neuen Fördermethoden Goldrückstände gewonnen werden können. Der Schutt mit dem nicht profitablen Uran wird dagegen lediglich auf andere Halden außerhalb der Stadt umgeschichtet. Und die Regierung reinigt und sichert lediglich zehn leerstehende Minen pro Jahr anstelle der geplanten 50. Zwar sind die verbliebenen Bergbauunternehmen inzwischen dazu verpflichtet, auch nach Schließung für eine Aufbereitung des Grubenwassers zu sorgen. Doch die Regierung zögert, sie mit letzter Konsequenz zur Verantwortung zu ziehen. Geringe Gewinnmargen, Arbeitnehmerproteste und anhaltende Debatten um eine Verstaatlichung des Bergbaus schreckten zuletzt bereits Investoren ab. Die Verpflichtung, womöglich für Schäden von Vorgängerbetreibern haften zu müssen, würde diese Entwicklung angesichts der hohen Kosten wohl verstärken – und leerstehende Minen sind gefährlicher für die Umwelt als bewirtschaftete.

In seinem winzigen Haus in Soweto glaubt Kleingärtner Jeffrey Hughes nicht mehr daran, dass er eine Beseitigung der Folgen des Bergbaus erleben wird. „Ich bin damit aufgewachsen, und ich werde damit sterben“, sagt er. Dann blickt er auf die Kinder, die auf der Straße spielen. „Es geht darum, dass nicht noch eine Generation in diesem Dreck leben muss.“