16.07.2015

Die heimlichen Herrscher Südafrikas

Der Einfluss der traditionellen Anführer bleibt in Südafrika ungebrochen. Ein Besuch

Die Stammesführerin trägt Lederjacke und sitzt hinter einem nagelneuen Laptop. Es ist Gerichtstag in Izigodi, einer Ansammlung abgelegener Dörfer 300 Kilometer nördlich von Südafrikas Küstenmetropole Durban. Queen Precious Thabisile Zulu, 40, wird später über die Angeklagten zweier Viehdiebstähle und eines Handydiebstahls richten. Danach soll sie noch rasch über einen Bauantrag am Rande eines Dorfes entscheiden.

Zunächst aber gewährt sie eine seltene Audienz. Queen Thabisile kühler Blick weicht einem Lächeln, als sie die korrekte Begrüßung hört. „Ndabezitha, Queen Thabisile“, ihre königliche Hoheit registriert erfreut die Einhaltung des Protokolls. Damit hatte ihre Entourage zuvor schon das Prozedere vor dem an einem Waldrand gelegenen Backsteinhaus begründet. Blickkontakt war unerwünscht, als die Königin in ihrem Toyota-Kleinwagen vorfuhr und direkt neben dem Auto der Besucher parkte. Nachdem sie in das Gebäude gegangen war, mussten die Besucher noch 15 Minuten warten, bis sie aussteigen durften. Es gehe um Respekt, erklärte eine ihrer Mitarbeiterinnen.

Die Königin verteidigt. Ihre Position, die in Südafrika so sehr in die Kritik geraten ist. Ihre Ansichten. Ihren Status. In den vergangenen Wochen erlebte Südafrika eine erschreckende Welle fremdenfeindlicher Gewalt. In Durban und Johannesburg machten Mobs Jagd auf afrikanische Immigranten. Mindestens acht starben, in Durban mussten Flüchtlingslager eingerichtet werden, Malawi unterstützte Hunderte Landsleute bei der Rückkehr. Vorangegangen war eine aufhetzende Rede von König Goodwill Zwelithini, der obersten Instanz von rund 10 Millionen Zulus. Ausländer sollten das Land verlassen, teilte er unter dem Jubel Hunderter Anhänger mit. Die „Läuse“ müssten entfernt werden.

Queen Thabisile ist einige Hierarchieebenen unter Zwelithini angesiedelt. Sie folgt der inzwischen offiziellen Sprachregelung im Königshaus, der zufolge Zwelithini falsch zitiert worden sei. Er habe lediglich illegale und kriminelle Immigranten gemeint. Eine Lüge, wie Tonaufnahmen beweisen. Doch immerhin gibt sie zu, dass seine Äußerungen zu den Vertreibungen und Plünderungen geführt haben. „Sein Wort hat Gewicht“, sagt Thabisile, „es liegt an den Medien, wenn es nicht richtig transportiert wird.“

Der König hatte, ob gewollt oder nicht, seine Macht so deutlich wie seit dem Ende der Apartheid nicht mehr demonstriert. Zwelithini verfügte damals in den semi-autonomen und ausschließlich für die Schwarzen vorgesehenen „Homelands“ über erhebliche Macht in der einwohnerstärksten Provinz KwaZulu-Natal. Unterstützt wurde er dabei vom Regime, das ihn zum Komplizen für die Politik der Rassentrennung machte und mit seiner Hilfe den Zulauf zur Befreiungsbewegung des African National Congress (ANC) einschränkte. Zwelithini fürchtete nach Mandelas Freilassung um seine Privilegien und drohte, die ersten demokratischen Wahlen im Jahr 1994 zum Scheitern zu bringen.

Damals gab es massive Unruhen in seinem Gebiet, Tausende starben. Erst als Anführern wie ihm lebenslange Zahlungen bis zum Lebensende garantiert wurden – Zwelithini kassiert jährlich umgerechnet über fünf Millionen Euro – und die traditionelle Gesetzgebung zumindest vage formuliert in der Verfassung anerkannt wurde, gab er seinen Widerstand im letzten Moment auf. So konnte der ANC über die Jahre zur stärksten Partei in der bevölkerungsreichsten Provinz des Landes werden, gab dem allzu opportunistischen Königshaus aber entgegen der Überzeugung Mandelas neue Legitimität.

Bis heute klammern sich die zehn Könige, 800 traditionellen Führer und 5300 Chiefs an ihre Macht. Sie entscheiden, wer Land bekommt, halten Gericht und wachen über die Bewahrung der Tradition. Beinahe jeder zweite der 53 Millionen Südafrikaner untersteht neben der staatlichen auch einer traditionellen Autorität. An dem Einfluss hat sich unter dem aktuellen Präsidenten Jacob Zuma wenig geändert. Er kam mit Unterstützung der Chiefs an die Macht und präsentiert sich regelmäßig in traditioneller Montur.

„Der ANC muss mit dem König zusammenarbeiten, wenn er die Provinz kontrollieren will – ob es ihm passt oder nicht“, sagt Velaphi Mkhize, ein Zulu-Experte an der KZN-Universität in Durban, „die Partei weiß, dass die Stimme des Königs am meisten zählt.“ Zwelithini wurde für seine Volksverhetzung von Regierungsseite kaum kritisiert, dafür wurde die Armee in die Townships geschickt. Ein wenig für den Schutz von Ausländern, viel mehr jedoch für die Jagd auf illegale Immigranten. Vor einigen Tagen wurden 400 Mosambikaner ausgewiesen. Ganz im Sinne des Monarchen.

König Zwelithini stand für ein Interview nicht zur Verfügung, dafür stimmte sein Bruder einem Besuch zu. Das Grundstück von Prinz Bhekizizwe Zeblon Zulu ist von Hütten ohne Strom umgeben, sein mit den Zulu-Insignien Speer und Schild verziertes Tor öffnet sich elektrisch. Das elegante Landshaus hat zwei Garagen, daneben steht eine Empfangshalle mit einem lebensgroßen Ölgemälde des Prinzen.

Der 70-Jährige hat anders als Queen Thabisile nicht die Befugnisse eines Chiefs, sondern rein repräsentative Aufgaben. Während Mandelas Amtszeit von 1994 bis 1999 saß er dank der ANC-Parteiliste im Parlament, nun schreibt er Bücher über die stolze Geschichte der Zulus und hadert mit dem Lauf der Dinge. „Als Prinz William neulich Vater geworden ist, war ganz England stolz“, sagt er, „in Südafrika wird nur über die negativen Seiten gesprochen.“

Nun könnte man anmerken, dass die Nation angesichts der offiziell 27 Kinder von Zwelithini ein wenig routinierter auf königlichen Nachwuchs reagiert. Prinz Bhekizizwe aber sieht das Unheil der Nation im schwindenden Einfluss traditioneller Strukturen begründet. Der Staat biete zwar mehr Bildungsmöglichkeiten an – aber, so fragt der Prinz, „wo sind die Arbeitsplätze nach der Schule?“ Zweidrittel der jungen Erwachsenen in der Gegend sind arbeitslos. Viele würden stehlen, weil kaum Polizei in der Gegend sei. „Auch ich muss alles verriegeln, wenn ich das Haus verlasse.“

Der 70-Jährige hat lange für die Rückkehr alter Befugnisse gekämpft. Derzeit bereitet der „Congress of Traditional Leaders“, der vor einigen Jahren den das Grundrecht auf freie sexuelle Orientierung aus der Verfassung streichen lassen wollte, einmal mehr an einem Gesetzentwurf zur Stärkung traditioneller Institutionen. Vor drei Jahren wurde das „Traditional Courts Bill“ noch abgelehnt – es hätte 14 Millionen Südafrikanern die Möglichkeit genommen, sich an ein staatliches Gericht zu wenden. Die Entscheidungen der juristisch oft ungeschulten Chiefs wären juristisch kaum noch anfechtbar gewesen. Eine Horrorvorstellung. In einigen Gemeinden berechnen Chiefs Strafgebühren, wer einen Partner von außerhalb der Gemeinde heiraten will – oder, weit teurer, unverheiratet schwanger wird.

„Die Stadträte haben viel mehr Macht als wir“, sagt der Prinz, dabei könnten Autoritäten wie er doch Recht und Ordnung wiederherstellen. Überhaupt seien die traditionellen Gerichte weit demokratischer, da die gesamte Gemeinde an der Vernehmung und Urteilsfindung beteiligt sei und nicht nur ein einzelner Richter. Es sei doch symptomatisch, dass es auf dem Land keine Übergriffe gegen Ausländer gegeben habe, sondern lediglich in Ballungszentren, in denen traditionelle Anführer wenig Einfluss hätten. „Wenn man alle Blätter von einem Baum entfernt, trocknet am Ende der Stamm aus“, warnt er.

In seinem Weltbild ist für Frauen mit Macht kein Platz, an die selbstbewusste Queen Thabisile aus dem Nachbarbezirk hat er sich nie gewöhnen können. Sie ist eine von nur vier traditionellen Anführerinnen in der Provinz. Sie gibt sich als Modernistin, die sich für die Bildung von Frauen einsetzt und von der Gründung eines Konzerns träumt, in dem nur Frauen arbeiten, vor allem im Vorstand. Dabei ist ihr bewusst, dass ihre Berufung ein Zufall war. Als ihr Mann vor elf Jahren bei einem Autounfall starb, war der Erstgeborene erst sechs Jahre alt. Die studierte Lehrerin übernahm die Position stellvertretend für ihn. Maximal noch vier Jahre lang, bis zum 21. Geburtstag des Sohnes.

Ihre Ansichten sind erzkonservativ. Frauen mit Scheidungsabsicht schickt sie nach Hause, „das muss in der Familie geklärt werden“. Gerade einmal zwei Prozent der privaten Grundstücke sind auf Frauen registriert. Auch sie teilt alleinstehenden Frauen keine Grundstücke zu, „weil Ehemänner Frauen ein Haus bauen sollen“. Die Tradition der oft mehrere Tausend Euro teuren „Lobola“-Zahlung an die Familie der Braut, die heiratswillige Männer in die Verschuldung treibt, sei „ein Muss“. Schließlich sorge sie für Bindung zwischen den Familien. Und die Polygamie von Männern wie Zuma oder Zwelithini, die mit mehren Frauen verheiratet sind? „Keiner zwingt diese Frauen“, sagt Queen Thabisile.

Eine Sache würde sie dann aber doch ändern. Beim Tod des Ehemanns ordnen viele Zulu-Chiefs noch immer an, dass ein Bruder des Verstorbenen an seine Stelle tritt. Als ihr Mann starb, wehrte sich Queen Thabisile gegen diese Tradition. Mit Erfolg.