16.07.2015

Der Söldner

Simon Mann ist käuflich: Den Diktator von Äquatorialguinea wollte der britische Söldner einst zu Fall bringen, heute berät er ihn

Simon Mann genießt Tage wie diese. Ohne Waffen, ohne Risiko. Am Morgen war Englands berühmtester Söldner joggen, 10 Kilometer. Später schaute der 63-Jährige ein Kricket-Spiel seines Sohnes in London an. Doch nun, am Telefon, kribbelt es wieder. „Wenn mir jemand ein Angebot für eine Angelegenheit macht, die ich für unterstützenswert halte, dann würde ich wohl wieder losziehen.“ Ein kurzes Schweigen. „Aber ich würde die Fakten besser prüfen.“

Besser als vor elf Jahren, bei der Operation „Wonga-Coup“. Damals endete Manns lukrative Karriere als Spezialist für gewaltsame Probleme aller Art abrupt. Niemand arbeitete bis dahin bei heiklen Missionen in Afrika effizienter als der ehemalige britische Elite-Soldat, der die Söldnerfirmen „Sandline“ und „Executive Outcomes“ gründete. Im Auftrag der Regierung von Angola half er bei der Verteidigung von Erdölanlagen. In Sierra Leone stand er im Verdacht, Milizen im Bürgerkrieg beliefert zu haben.

So etwas spricht sich rum. Und als der im spanischen Exil lebende Oppositionspolitiker Severo Moto im Jahr 2004 den Umsturz des Diktators von Äquatorialguinea, Teodoro Obiang, plante, da bekam Mann den Zuschlag für den schmutzigen Job. Obiang regiert Äquatorialguinea seit dem Jahr 1979. Das winzige Land, in dem nicht einmal 800.000 Menschen leben, ist der siebtgrößte Ölproduzent in Subsahara-Afrika. Der Diktator finanziert mit den Einnahmen, die unter anderem verlässlich aus den USA fließen, einen Sicherheitsapparat, der ihm die Herrschaft auf Lebenszeit ermöglichen soll. Widerstand von Innen ist zwecklos.

Nicht aber von Außen, glaubte Mann. Er ließ sich mehrere Millionen Euro und eine Beteiligung an den zukünftigen Regierungseinnahmen zusichern. Von Südafrika aus stellte er ein Team mit 68 Söldnern zusammen. Es ist eine Profession, in der Scheitern nicht vorgesehen ist. Schon der Gedanke ist unter Söldnern verboten, sagt Mann, die psychologische Last wäre zu schwer. Ein Fehlschlag, so die Regel, ist das Ende. Sein Ende stand unmittelbar bevor.

Bei einer Zwischenlandung in Simbabwes Hauptstadt Harare sollten Waffen im Wert von 150.000 Euro geladen werden. Doch er war verraten worden, der südafrikanische Geheimdienst erfuhr von den Plänen und verständigte die Regierungen von Äquatorialguinea. Bei der Übergabe am Flughafen wurden Mann und seine Söldner verhaftet. Geheimpolizisten fuhren ihn zu einem Fluss, drohten ihn an Krokodile zu verfüttern. Keiner würde je wieder von ihm hören, riefen sie. Tatsächlich musste sich der Brite am Ufer niederknien. Ein Mann hielt eine Pistole an seinen Kopf, drückte ab. Klick. Sie war nicht geladen.

Dem Tod entging er, dem Gefängnis nicht. Seine Ausrede, die Waffen seien für den Schutz von Minen im Kongo bestimmt gewesen, wirkte wenig glaubwürdig, als zeitgleich in Äquatorialguinea 15 Komplizen verhaftet wurden. Fast vier Jahre verbrachte der Söldner inhaftiert in Simbabwe. „Es war wie ein Worst-Case-Szenario für mich“, sagt Mann über die Zeit im Reich von Diktator Robert Mugabe, „aber ich hatte mich geirrt.“

Es ging noch schlimmer. Äquatorialguinea erwirkte im Jahr 2008 seine Auslieferung. Ihm drohte die Todesstrafe. Doch nach einem aufsehenserregenden Prozess wurde er zu 34 Jahren Haft in dem für seine Folterknechte berüchtigten Black Beach Gefängnis der Hauptstadt Malabo verurteilt.

Mann kooperierte ganz offensichtlich. Er behauptete vor Gericht die Version des Regimes, die eine Beteiligung des spanischen Geheimdienstes verkündete. Und er sei angesichts der guten Entwicklung von Äquatorialguinea froh, dass der Putsch-Versuch gescheitert sei, schleimte Mann. Außerdem belastete der Söldner den Sohn der ehemaligen britischen Premierministerin Margaret Thatcher, Mark Thatcher. Er habe zu den wichtigsten Geldgebern des geplanten Umsturzes gezählt habe. Mark Thatcher wurde in Südafrika verhaftet, entkam aber einer Auslieferung. Er gestand seine Beteiligung, und wurde lediglich zu einer Geldstrafe in Höhe von 380.000 Euro verurteilt.

Wirklich nachvollziehbar ist dennoch bis heute nicht, warum Mann schon nach einem Jahr „aus humanitären Gründen“ sowie seines „Verhaltens während der Ermittlungen“ aus der Haft entlassen wurde und nach England zurückkehren konnte. Der Söldner solle „regelmäßige medizinische Behandlung bekommen und Zeit mit seiner Familie verbringen können“, teilte die Regierung Äquatorialguineas im Jahr 2009 mit. Wirklich krank war Mann nicht. Er war angesichts der täglichen Diät aus getrocknetem Fisch in Salzwasser abgemagert, aber er trainierte täglich in seiner Zelle. Selbst seine Nieren waren nach seiner Rückkehr nach England in bestem Zustand, Mann hatte offenbar sauberes Wasser bekommen.

Auffällig ist, dass Mann auch im Gespräch mit der WELT überraschend positiv über den Politiker spricht, den er einst stürzen wollte. „Es verändert sich eine Menge in dem Land zum Guten“, lobt der Söldner Obiangs Herrschaft inzwischen, auch die Bedingungen in dem Gefängnis seien „akzeptabel“ gewesen. Einst hatte Mann es als ein hehres Ziel dargestellt, die Menschen von „dieser Tyrannei“ zu befreien. Alleine hätten sie es nie geschafft. Davon ist keine Rede mehr.

Fünfmal ist er auf Einladung des Diktators zurück nach Äquatorialguinea gereist, um ihm beim Schutz der Ölförderungsanlagen zu beraten, sein aktuelles Spezialgebiet. „Meine Freunde haben gesagt, dass ich im Sarg zurückkehren würde“, sagt Mann, „aber ich wollte mich persönlich für meine Begnadigung bedanken. Ich bin womöglich ein bisschen verrückt.“

Mit Millionengehältern alleine ist seine Karriere nicht zu erklären. Mann stammt aus der britischen Oberschicht, er besuchte die renommierte Eton-Schule und die Militärakademie Sandhurst und wurde schnell Offizier. Dann beschloss er, seine eigene Privat-Armee aufzubauen. Er habe oft an einen gewissen guten Zweck seiner Aufträge geglaubt, sagt Mann. Und auch der Faktor des Unberechenbaren in Afrika habe ihn angezogen. Und das Geld? „Ich war damals wohlhabender als ich es heute bin. Einige Fehler würde ich gerne zurücknehmen, aber ich bedauere meinen Weg nicht.“

Mann gibt einen seltenen Einblick in die Welt seines schmutzigen Handwerks. Nur selten werde bar bezahlt. Die meisten Söldner hätten Firmen in Steuerparadiesen wie den Cayman Islands in der Karibik registriert, wohin die Gehälter überwiesen würden. Gängig seien Monatszahlungen von 6000 bis 15.000 Euro, angesichts der Lebensgefahr ein überraschend niedriges Honorar. „Das wirklich große Geld machen nur die Leute, die diese Verträge vermitteln“, sagt Mann.

Es sei nicht leicht, in den Kreis der käuflichen Legionäre zu kommen, sagt Mann, auch wenn es „wirklich sehr viele“ gebe, die Interesse signalisieren würden. „Gefragt sind verlässliche, ruhige Kräfte mit militärischer Erfahrung.“ Adrenalin-Junkies seien in der Szene nicht gefragt, man wolle schließlich „keine Wahnsinnigen im Kampf neben sich haben“, sagt Mann. Viele Söldner seien „umgängliche Leute mit Familie“.

Den schlechten Ruf seiner Branche kann er nicht nachvollziehen. In Nigeria halfen in den vergangenen Monaten rund Hundert südafrikanische Söldner bei der Zurückdrängung der Terrororganisation Boko Haram (bitte Link einfügen: www.welt.de/politik/ausland/article140541093/Wie-Suedafrikas-Soeldner-Boko-Haram-besiegen.html). Südafrikas Regierung drohte mit ihrer Verhaftung bei der Rückkehr wegen der Verletzung von Gesetzen, die Söldnertum verbieten – wie es in den meisten Ländern der Fall ist. „Die USA und England setzen für ihre militärischen Einsätze auch private Firmen ein, da beschwert sich keiner“, sagt Mann. „warum ist es dann beim Kampf gegen Terroristen in Nigeria ein Problem?“

Außerdem habe der Einsatz die Wende gebracht. „Das war sehr effektive Arbeit, vor allem auf der strategischen Ebene“, sagt Mann, „das sind teilweise Leute, die erfolgreich in Angola in den achtziger Jahren gekämpft haben. Die Bedingungen waren ähnlich wie jetzt in Nigeria.“ Schon Hundert hoch motivierte und bestens ausgebildete Söldner könnten den Unterschied machen. Der Vertrag sei allerdings seinen Informationen zufolge noch von dem ehemaligen Präsidenten Goodluck Jonathan abgeschlossen worden. Sein im Mai vereidigter Nachfolger Muhammadu Buhari habe ihn nicht verlängert.

Selbst einen Sieg gegen die Terrororganisation Islamischer Staat hält er mit der Hilfe von Söldnern für möglich. „Wenn man mir die Mittel gäbe, eine 2000 Mann starke Streitkraft aufzubauen, könnte ich womöglich was erreichen“, sagt Mann. Es komme letztlich auf die Ausbildung der Soldaten an, und die Leute, zu denen er Zugang habe, seien besser ausgebildet als die Terroristen. Allein auf die Armeen der betroffenen Länder zu setzen sei angesichts mangelnder Ausbildung, Ausstattung und Zahlung wenig erfolgsversprechend.

Seit seiner Freilassung hat Mann nicht mehr als Söldner gearbeitet. An Nummer eins steht inzwischen seine Familie, die während seiner fünf Jahre im Gefängnis ohne ihn auskommen musste. Seine Firmen, unter deren Dach einst einige der berüchtigsten Söldner weltweit vereint waren, sind längst aufgelöst.

Doch so ganz hat er mit seiner alten Karriere noch nicht abgeschlossen. Er berät gelegentlich in Krisenländern wie Libyen und Somalia Rohstoffunternehmen. Und insgeheim wartet er auf einen Anruf, wie damals aus Angola oder Sierra Leone. Der nächste Auftrag in heikler Mission. Er habe nie etwas anderes machen wollen. Einmal Soldat, immer Soldat, sagt Mann. Da sei schon was dran.