16.07.2015

Das Leid der Ebola-Waisen

Tausende Kinder wurden wegen der Ebola-Epidemie zu Waisen - sie kämpfen ums Überleben

Es ist nach 21 Uhr im Rotlichtbezirk Paynesville City von Liberias Haupt-stadt Monrovia. Die 17-jährige Florence Gaye trägt ein pinkfarbenes Kleid, der rote Lippenstift ist auch in der Dunkelheit zu erkennen. Nur die abgenutz-ten Sandalen passen nicht zu ihrer aufreizenden Erscheinung. Ein Freier tritt heran, nach ein paar Minuten verschwindet Florence mit ihm hinter einem Container. 150 liberianische Dollar berechnet sie für eine halbe Stunde, ge-rade mal 1,50 Euro - die Hälfte geht an die Zuhälter, die angeblich für ihre Sicherheit sorgen.

Das Ebola-Virus hat sie auf die Straße getrieben, nachdem die Krankheit ihr im vergangenen Juli die Eltern genommen hatte. Zunächst erkrankte der Vater, der in einem Geschäft für Spitalzubehör arbeitete. Er hatte einen ver-meintlich unter Malaria leidenden Nachbarn besucht. Als er sich ansteckte, kümmerte sich seine Frau um ihn. Beide starben, wie 4806 Personen alleine in Liberia und mehr als 11.000 insgesamt in Westafrika. Den Verwandten fehlte das Geld, um die überlebende Tochter zu unterstützen. Am Ende wählte das hübsche Mädchen, das bis dahin eine Privatschule besucht hatte, den Strich. In einem anderen Stadtteil, wo sie nicht erkannt wird.

Im Mai, als das Land offiziell für Ebola-frei erklärt wurde, rief die Regie-rung die Bevölkerung dazu auf, weiße Kleidung zu tragen, als Zeichen des Triumphs über das Virus. 42 Tage war die Nation ohne neue Ebola-Infektion geblieben, die doppelte Inkubationszeit, das westafrikanische Land ist damit nach den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation offiziell Ebola-frei.

Florence zog sich nicht weiß an. Waisen wie ihr ist nicht nach Feiern zumute. Nach Angaben der britischen Hilfsorganisation „Street Child“ hat Ebola 12 023 Minderjährige zu Waisen gemacht, die Mehrheit von ihnen lebt in ländlichen Gegenden. Besonders dramatisch ist die Situation für jene 17 Prozent der Kinder, die in Haushalten mit mindestens fünf weiteren Waisen leben. Und auch junge Frauen seien besonders betroffen.

„Ihre Situation ist dramatisch“, sagt John Pryor von Street Child. „Die meisten erzählen von Traumatisierung, Missbrauch, sexueller Ausbeutung und ständiger Angst vor der Zukunft.“ Die Organisation berichtet von einer ganzen Reihe von Mädchen mit dem gleichen Schicksal wie jenem von Florence. Einige seien durch den bezahlten Sex sogar schwanger ge-worden.

Die Regierung ist sich des Problems bewusst und verspricht Hilfe: „Es gibt eine enorme Anzahl von Kindern, die wegen Ebola zu Waisen geworden sind“, sagt Julia Duncan-Cassell, die Ministerin für Frauen, „viele werden von Familienmitgliedern aufgenommen, aber dafür braucht es Geld.“ Das Ministerium versuche, entsprechende Leistungen zu verbessern. Bislang passiert kaum etwas. Mehrfach in den vergangenen Wochen demonstrierten Hunderte Waisenkinder vor Regierungshäusern und forderten mehr Unterstützung.

Besonders hart ist die Belastung für Familien, in denen Ebola-Überlebende Waisen aufgenommen habe. Beiden Gruppen hängt noch im-mer ein Stigma an. Trotz öffentlicher Kampagnen von Regierung und Hilfsorganisationen werden sie gemieden, obwohl kein Ansteckungsrisiko besteht. Überlebende berichteten, dass ihre Firmen die Rückkehr zum Ar-beitsplatz verweigerten. Auch viele der rund 20.000 Arbeiter und Freiwilligen, die während des einjährigen Kampfes gegen Ebola ihr Leben riskierten, haben Mühe, neue Arbeitsplätze zu finden. Zum einen, weil die Wirtschaft am Boden liegt. Zum anderen wegen des Stigmas.

Selbst die vielen infizierten Krankenschwestern erwartete, falls sie überlebten, der nächste Kampf. Das Virus schwächt den Körper noch Monate nach der Heilung und macht eine Rückkehr zur Arbeit oft unmöglich. In den meisten Fällen zahlte die Regierung das Gehalt aber lediglich für drei Monate.

In den anderen betroffenen Ländern Guinea und Sierra Leone läuft der Kampf gegen Ebola derweil weiter. Sierra Leone vermeldete Anfang Juni die höchsten Infektionszahlen seit drei Monaten und verhängte eine Ausgehsperre in den betroffenen Gegenden. Es wurden 15 Fälle gemeldet, in Guinea sogar 16. „Vor einem Monat hatte ich gedacht, dass wir es bald geschafft haben“, sagt Jerome Mouton, der Chef der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) in Guinea, „nun bin ich weit weniger optimistisch.“ Es herrsche eine ähnliche Kultur der Ableugnung des Virus wie vor einem Jahr, als es sich plötzlich rasant verbreitete. Mouton hält eine Wiederholung dieses Horrorszenarios für möglich: „Es gibt das Potenzial für eine erneute große Epidemie.“

In Guinea ist die Entwicklung besonders besorgniserregend, weil sich das Virus in Gegenden verbreitet, in denen es bislang keine Infektionen gab und die Behörden entsprechend schlechter vorbereitet sind. Zudem gab es vermehr Fälle nahe der Grenze zu Guinea-Bissau. Eine Ausbreitung in ein neues, womöglich nur mäßig vorbereitetes Land, würde die Gefahr einer erneuten Epidemie erheblich erhöhen.

Es werden zudem oft Fälle registriert, in denen die Infektionsquelle unklar ist – das macht die Eindämmung besonders problematisch. Zwar erscheint die Situation weit entspannter als im vergangenen Herbst, als wöchentlich Hunderte Fälle gemeldet wurden. Doch Hilfsorganisationen sehen es kritisch, dass die Vereinten Nationen trotz der jüngst steigenden Zahlen noch im Juni ihr Koordinationsbüro für die Ebola-Krise in Ghana schließen werden.

Dabei sind die strukturellen Bedingungen für das Verhindern eines erneuten Ausbruchs längst noch nicht geschaffen. „Die Wahrheit ist, dass wir bei einem Ausbruch der Dimension vom vergangenen August und September kaum besser reagieren könnten als damals“, warnte die MSF-Präsidenten Joanne Liu in der vergangenen Woche in Dakar.

Die Weltgesundheitsorganisation hatte Ebola lange heruntergespielt und gezögert, bis sie die Epidemie Ende August 2014 endlich als einen „internationalen Gesundheitsnotfall“ einstufte. Für Tausende kam das zu spät. Liu ist auch von den großen Industriestaaten enttäuscht. Sie würden viel versprechen, aber wenig Konkretes in die Wege leiten. Die Zusagen über Hilfsleistungen seien längst nicht erfüllt worden.

Das Virus wird auch ohne eine erneute Epidemie indirekt auf unabsehbare Zeit präsent sein. Die Wirtschaft der betroffenen Länder ist in eine Rezession abgerutscht, daran können auch zwei aktuelle Wirtschaftsmeldungen wenig ändern: Die kanadische Bergbaufirma Aureus Mining hat pünktlich zum Ende der Ebola-Krise mit der Goldproduktion begonnen, eine Sparte, die nach den Bürgerkriegen in Liberia weitgehend brachlag. Und vor der Küste von Liberia und Sierra Leone wurden neue Erdölvorkommen entdeckt.

Bis von den Einnahmen jedoch etwas bei der Bevölkerung ankommt, werden wohl Jahre vergehen. Viele Erwerbstätige sind gestorben, unzählige Unternehmen gingen Bankrott, und Felder wurden nicht bestellt. Schon vor dem Ebola-Ausbruch lagen die jährlichen Gesundheitsausgaben pro Einwohner bei gerade einmal 40 Euro, für die vier Millionen Einwohner gab es gerade einmal 51 Ärzte. Es folgte der Kollaps des Gesundheitssystems unter der Last des Virus. Beinahe realitätsfremd klang die Mitteilung des afrikanischen Fußballverbands Ende Mai, derzufolge das Land wieder Länderspiele austragen darf. Liberia beschäftigt anderes: “Es wird eine Generation dauern, bis der Schmerz heilt”, sagte Präsidentin Johnson Sirleaf.

Für Kinder wie die 12-jährige Josephine Teah wird der Schmerz wohl im-mer bleiben. Auch sie verlor ihre Eltern, auch sie erhält keine Hilfe von der Regierung. Verwandten haben sich abgewandt, noch immer haftet das Stig-ma des Virus vielen Waisen an. Doch auf den Strich gehen oder betteln muss sie nicht. Jestina Doe, eine Freundin ihrer verstorbenen Mutter, hat sie und ihre beiden jüngeren Schwestern aufgenommen.

Seitdem reicht das Geld für den Transport der Kinder zu der vor einigen Monaten wiedereröffneten Schule nicht mehr. “Wir leben von der Hand in den Mund”, sagt Doe, die Ersatzmutter. Der Markt, auf dem sie arbeitete, musste wegen der Ebola-Gefahr schließen. Täglich muss sie Familienmit-glieder um Essen für die eigenen und fremden Kinder bitten.

Oft verbringt Josephine den Tag unter einem Baum. Der Tod der Eltern ist acht Monate her, doch die Trauer überdeckt noch immer alles. “Ich vermisse beide so sehr”, sagt das Mädchen, “ich denke jede Minute an sie.” Derzeit hat sie einen Wunsch. Sie will wieder zur Schule gehen, so bald wie möglich. Wenigstens etwas soll wieder so sein wie früher.

 

 

von Stephen Kollie, Monrovia

und Christian Putsch, Kapstadt

 

Foto: Stephen Kollie