19.10.2016

"Wir finden jede Woche Tote in der Wüste"

Niger ist der Schlüssel im Kampf gegen die Flüchtlingskrise. Die Chefin der nigrischen Anti-Flucht-Agentur warnt vor zu viel Optimismus

Gogé Maimouna Gazibo ist die Chefin der nigrischen Anti-Menschenschmuggel-Agentur (NAAHT). Sie koordiniert mit ihren zehn Mitarbeitern die Arbeit an 37 Dienststellen des Justizministerium im Land. Am Montag wird mit Angela Merkel erstmals eine deutsche Kanzlerin offiziell das Land besuchen. Unser Autor sprach schon zwei Tage vor dem Besuch mit Gazibo. Die 38-Jährige erläutert darin, wie der Niger den Kampf gegen Schlepper aufgenommen hat. Und warnt Europa davor, schnelle Erfolge zu erwarten, angesichts der Flucht-Industrie in dem Sahara-Staat.

???: Seit dem vergangenen Jahr gibt es ein Gesetz im Niger, das für den Schmuggel von Flüchtlingen Haftstrafen von bis zu 30 Jahren vorsieht. Wird es auch angewandt?

Gogé Maimouna Gazibo: Es hat ein wenig gedauert. Das Gesetz wurde seit dem Jahr 2013 vorbereitet und 2015 verabschiedet. Besonders in den vergangenen Monaten haben wir Erfolge zu verzeichnen, wir haben 62 Menschenschmuggler verhaftet, die meisten sitzen im Gefängnis.

???: Wie lange müssen sie dort bleiben?

Gazibo: Die höchste bislang ausgesprochene Haftstrafe beträgt immerhin sieben Jahre. Und wir können den Schmugglerringen auch endlich wirtschaftlichen Schaden zufügen. Vor dem Gesetz hatten wir keine Handhabe, ihre Fahrzeuge zu beschlagnahmen. Seit August haben wir 67 Trucks konfisziert.

???: Nimmt die Zahl der Migranten ab?

Gazibo: Die Zahlen schwanken. Wir hatten in der ersten Oktoberwoche 13.000 Migranten, die in Richtung Libyen und Algerien aufgebrochen sind.

???: Das ist deutlich mehr als im Wochenschnitt 2015. Mangelt es an Kapazitäten?

Gazibo: Allein die Region Agadez, von wo aus die meisten Flüchtlinge durch die Wüste nach Libyen und schließlich Europa aufbrechen, ist größer als Frankreich. Mit der Überwachung eines solch großen Gebietes hätte auch eine Industrienation Probleme - und unser Land zählt zu den ärmsten der Welt. Die wenigsten Migranten stammen ja aus dem Niger selbst, als Transitland stehen wir vor einer gewaltigen Aufgabe.

???: Wie reagieren die Schlepper auf Ihre Bemühungen?

Gazibo: Wir konzentrieren unsere Mittel derzeit auf die Gegend um die Stadt Agadez. Doch viele Schmuggler wählen seit kurzem den Umweg über eine andere Region, die nämlich Tchintabaraden, um der Polizei zu entgehen. Dort steigen die Zahlen aktuell. Glauben Sie mir, mit Polizei allein kann vielleicht einen kleinen Effekt haben. Aber mit ihr allein wird sich das Problem niemals vollständig lösen lassen.

???: Woran fehlt es?

Gazibo: Zunächst einmal fehlt in Europa das Bewusstsein, dass Migranten Opfer sind, Opfer von Armut. Diese Perspektivlosigkeit muss in den Herkunftsländern beseitigt werden. Und diese Leute haben, auch wenn wir ihre Reise stoppen, Würde verdient. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) hat Rückführungszentren für diejenigen eingerichtet, die ihre Flucht abbrechen und freiwillig in ihre Heimatländer zurückkehren wollen, aber das reicht längst nicht.

???: Was ist sonst noch nötig?

Gazibo: Wir brauchen Hilfe für diejenigen, die abgefangen werden, besonders für Kinder und Frauen. Und wir brauchen mehr Zentren, in denen Aufbrechende über die Risiken informiert werden. Einige wissen nichts über die Gefahren bei der Fahrt mit den Schleppern durch die Wüste. Jede Woche finden wir dort Tote ohne Dokumente - ganz offensichtlich Migranten.

???: Niger ist das wichtigste Transitland für Menschen aus West und Zentralafrika auf dem Weg nach Libyen. Warum können Sie die Migration nicht schon an der Landesgrenze stoppen?

Gazibo: Für die 15 Länder der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas gibt es freien Personenverkehr, wie in der Europäischen Union. Die Reise nach Niger ist nichts Illegales, wir können erst eingreifen, wenn der Konvoi in die Wüste aufbricht und damit die illegale Einreise nach Libyen offensichtlich ist.

???: In Agadez ist das Geschäft mit der Flucht inzwischen die wichtigste Einnahmequelle. Gibt es den politischen Willen, dieses Geschäft einzudämmen?

Gazibo: Ja, zweifelsfrei. Wir wissen, dass mit den Schleusern auch andere Kriminalität in den Niger kommt, Drogengeschäfte zum Beispiele. Und viele der aufgegriffenen Migranten haben keine Personaldokumente bei sich, aus Angst, nach Hause zu schicken. In unseren Nachbarländern Nigeria und Mali gibt es viel Terrorismus, wir müssen wissen, wer in unserem Land ist. Aber wir verstehen auch, dass viele Leute in Agadez von der Migration leben. Sie brauchen eine alternative Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sonst haben wir keine Chance.