02.01.2011

Wie ein Voodoo-System

Umweltschützer Nnimmo Bassey über die Öl-Verschmutzung im Nigerdelta

Nnimmo Bassey in Nigerias Hauptstadt Abuja

Das Time Magazin zählte ihn zu den „Helden der Umwelt 2009“. Nnimmo Bassey (51) kämpft als Vorsitzender der Organisation „Friends of the Earth International“ seit über 20 Jahren gegen die Ursachen der Öl-Verschmutzung im Nigerdelta an. Für seine Arbeit bekommt er heute in Stockholm den „Right Livelihood Award“ verliehen, besser bekannt als der Alternative Nobelpreis. Im Interview fordert Bassey, der Öl-Förderung in Nigeria Einhalt zu gebieten.

???:  Sie fordern als Reaktion auf die verursachten Schäden, das Öl fortan im Boden zu lassen. Nigeria ist neben Angola der größte Ölförderer Afrikas – ist das nicht eine naive Forderung?

Nnimmo Bassey: Diese Position ist nicht sonderlich radikal. Sie bezieht sich nur auf neue Förder-Projekte, und bedeutet deshalb keine Verluste für die Regierung. Im Moment wird enorm viel Öl gestohlen – einige Politiker behaupten, es handele sich um eine ähnliche Größenordnung wie die offizielle Exportmenge. Wenn man auf neue Ölförderung verzichtet und diese Kräfte stattdessen auf einen Stopp des Diebstahls konzentriert, ließe sich die Produktion also verdoppeln.

???: Wenn die Regierung den Diebstahl stoppen könnte, hätte sie das doch längst getan.

Bassey: Wenn es einen klaren Willen geben würde, könnten sie es stoppen. Es ist das gleiche wie mit den Militanten. Sie wussten genau, wo die Camps sind und haben trotzdem nichts unternommen. Erst als die Einnahmen vor einigen Jahren wegen der Anschläge signifikant sanken, haben sie begonnen zu reagieren Wenn sie es wollen, können sie auch die Diebstähle leicht stoppen, die Kapazität dafür ist vorhanden Das Problem der Ölindustrie ist massive Korruption, spätestens seit dem Beginn der siebziger Jahre, als sich Öl zum Milliardengeschäft entwickelte, wurde den Unternehmen erlaubt, jenseits des Gesetzes zu operieren. An den Diebstählen verdienen auch Angehörige der Behörden, die dem Problem äußerst lax gegenüber stand.

???: Also fordern Sie ein härteres Vorgehen der Sicherheitskräfte?

Bassey: Wenn eine militante Organisation Forderungen stellt, dann muss die Regierung verhandeln. Rein kommerziell motivierten Taten aber gilt es kompromisslos zu unterbinden. Es muss dabei natürlich eine Balance herrschen. Die Regierung hat Ölfirmen immer in Auseinandersetzungen gegen die örtliche, unbewaffnete Bevölkerung unterstützt. Sie ist das größte Opfer der vergangenen Jahrzehnte. Wenn  Ölkatastrophen passieren, behaupten die Firmen reflexartig, dass es sich um Sabotage handelt, um Reparationszahlungen zu vermeiden. Meist kommen sie damit durch.

???: Die Ölfirmen verweisen auf Angaben  des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP). Demzufolge sind 90 Prozent der durch Öl verursachten Umweltschäden auf Sabotage oder Diebstahl zurückzuführen.

Bassey: Es handelte sich um ein Zitat eines UNEP-Mitarbeiters, der sich auf das Ogoniland bezog – einen sehr kleinen Teil des Niger Deltas. Kurz darauf entschuldigte sich die Organisation, eine solche Behauptung ging über ihren Auftrag hinaus. Es ging um eine Einschätzung der Verunreinigung, nicht um die Verantwortung. Zudem basierten die Aussagen auf Statistiken der Ölindustrie – und denen ist nicht zu trauen. Firmen wie Shell wollen ihre Hände reinwaschen.

???: Aber es steht außer Frage, dass ein großer Anteil der Verschmutzung auch auf Rebellen und illegale Ölraffinerien zurückzuführen ist.

Bassey: Nein, das ist absolut nicht eindeutig.  Der Diebstahl von Öl findet nicht mit gewöhnlichen Dorfbewohnern statt, die Öl in Flaschen abzapfen. Dieses Geschäft wird von gut ausgebildeten Leuten gemacht, die Insider-Informationen und Können haben müssen.

???: Wie groß schätzen Sie denn den Anteil der Ölfirmen ein?

Bassey: Ich kann nicht leugnen, dass Leute Pipelines sprengen. Wir ergreifen in dieser Angelegenheit keine Partei, unsere Sorge gilt der Umwelt. Wir wollen die Verschmutzungen behoben sehen, egal wer sie verursacht hat. Aber ein großer Anteil entsteht durch Ausrüstungsversagen. Rostige Pipelines laufen teilweise mitten durch die Dörfer, die Menschen laufen auf ihnen. Sie sind absolut nicht sicher, und natürlich müssen dafür Reparationszahlungen gezahlt werden.

???: Wie soll das Problem nun angegangen werden?

Bassey: Das Niger Delta braucht eine Prüfung der entstandenen Schäden und eine anschließende Reinigung. Ich bezweifle, dass die Umwelt je wieder hergestellt werden kann, es würde beinahe eine Investition in Höhe der bereits erwirtschafteten Erträge erfordern. Aber dies muss zu einem beachtlichen Teil gelingen, damit die Menschen wieder ihrer ursprünglichen Tätigkeit nachgehen können, wie Fischerei und Landwirtschaft.

???: Wenn Sie von Ölfirmen reden, schließen Sie die Regierung mit ein? Die meisten Förderer im Niger Delta sind Joint Ventures.

Bassey: Ja, wir halten beide für verantwortlich. Regierung und Firmen sind Geschäftspartner. Wir haben das in vielen Kampagnen versucht deutlich zu machen und internationale Protestnoten an den Präsidenten übergeben. Wir sehen deutlich, dass die Regierung nicht zu Veränderung willig ist. Wir brauchen aber eine ernst zu nehmende Regulierung dieser Industrie. Wir brauchen ein Ende der Protektion der Akteure. Wir müssen den Menschen im Niger Delta eine Chance geben, ihr Leben zu führen. 52 Jahre des Leids sind genug.

???: Goodluck Jonathan ist als Präsident seit rund einem halben Jahr an der Macht. Er kommt aus der Region – gibt Ihnen das Hoffnung?

Bassey: Ich sehe noch keine Unterschiede zur Politik seines Vorgängers (der verstorbene Präsident Umaru Yar’Adua, d.Red.). Aber wir sind hoffnungsvoll. Er kennt die Probleme, seine eigene Heimatgemeinde ist verschmutzt. Und er war lange Teil der Zivilgesellschaft. Wir hoffen, dass mit ihm die Situation endlich richtig eingeschätzt wird.

???: Jonathan steht im Wahlkampf (Im April wird gewählt) als Christ aus dem Süden auch unter Druck aus dem muslimisch geprägten Norden. Könnte es eine Gefahr sein, dass er zu große Hoffnungen weckt?

Bassey: Wir erwarten von jedem gewählten Führer, auf die Bedürfnisse der Menschen einzugehen. Die nigerianische Wirtschaft muss sich vom Öl lösen. Dieser Fokus hat nicht nur Einfluss auf das Niger Delta, er hat die Infrastruktur im ganzen Land zerstört, Armut ist heute überall tief verwurzelt. Bevor Öl zur Schlüsselindustrie wurde, bestand Nigeria aus vier Regionen, die jeweils ihre eigene landwirtschaftliche Ausrichtung hatten. Es gab einen gesunden Konkurrenzkampf, bei dem ein großer Teil der Steuereinnahmen zur Entwicklung der jeweils notwendigen Infrastruktur aufgewendet wurde. Doch seit den frühen siebziger Jahren ist das System weit mehr zentralisiert.

???: Aber der Einnahmeschlüssel sieht immerhin jeweils ein Viertel der Steuereinnahmen für Kommunen und Provinz vor.

Bassey: Von dieser Formel halte ich nicht viel. Sie ermutigt auch die Provinzregierungen, infrastrukturell nichts zu tun, da das Geld automatisch einfließt. Öl ist wie ein Voodoo-System. Man sieht das Öl nicht, es sei denn man ist in Gegenden, wo die Verschmutzung offensichtlich ist. Es fließt durch Rohre in Schiffe, wird dann ins Ausland geschifft. Selbst die Investitionen passieren außerhalb unseres Landes. Gerade hat Nigeria die Eröffnung einer weiteren Installation gefeiert. Aber alle Anlagen werden in Südkorea gefertigt. Sie produzieren im Ausland, schiffen die Ausrüstung vor unsere Küste und exportieren das Öl. Die Nigerianer haben davon nichts. Die Regionen müssen wieder ermutigt werden, Wirtschaftszweige zu fördern, die ihren Bürgern nützen. Und diese Einnahmen müssen dann überwiegend auf lokaler Ebene bleiben.

???: Sehen Sie einen Weg, mit dem die Öl-Industrie in Nigeria einen nachhaltigen Fortschritt für die Bevölkerung bieten kann?

Bassey: Nein, dieser brutale Sektor war bisher nirgends in der Südlichen Hemisphäre nachhaltig. Die Erfahrung zeigt, dass diese Firmen so viel Profit wie möglich aus einem Land ziehen wollen, schnell die Koffer packen und dann weiterziehen – ohne sich groß um die Folgen zu kümmern. Sie haben das in anderen Ländern wie Ekuador gemacht, und sie sind auch willens, so in Nigeria vorzugehen. Nigeria profitiert am meisten, wenn der Bau neuer Ölanlagen gestoppt wird.