18.05.2017

Ungesühnter Genozid

Deutsche Kolonialisten töteten in Namibia Tausende Herero. Nun tobt ein Streit um Entschädigungszahlungen

Er war sechs Jahre alt, als Vetaruhe Kandorozu zum ersten Mal vom Massenmord an seinen Vorfahren hörte. Seine Eltern erzählten ihm von Totenschädeln, an denen die Deutschen experimentierten, um zu beweisen, dass Schwarze der „weißen Herrenrasse“ unterlegen seien. Sie berichteten von Vergewaltigungen, erschossenen Kindern. Und von den blutigen Kämpfen, die sich nur einige Kilometer entfernt abgespielt haben, am Water-berg, diesem majestätischen Tafelberg im mittleren Norden Namibias.

Dieser Wall mit einer Zinne aus leuchtendem Sandstein ist Symbol seiner Jugend. Und Todesstätte seines Volkes. Kandorozu, 38, ein Hüne mit kräfti-gem Handschlag, schaut nachdenklich in Richtung des Massivs. Es ruht nicht weit von seinem Heimatort Okakarara, idyllisch, ein stummer Zeuge des ersten Völkermords des 20. Jahrhunderts. Im Jahr 1904 fand hier, rund 300 Kilometer nördlich von Windhoek, die entscheidende Schlacht zwischen den kaiserlichen Schutztruppen und den aufständischen Herero-Kriegern statt.

In den folgenden drei Jahren töteten die Soldaten einen Großteil des Stammes. Das Ansinnen des Völkermords formulierte der berüchtigte Gene-ralleutnant Lothar von Trotha in seinem Schießbefehl vom 2. Oktober 1904 unmissverständlich:

„Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Ge-wehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und keine Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auch auf sie schießen.“

Die Wissenschaft ist sich uneins, wie viele Opfer es damals gab. Während die 1749 deutschen Toten weitgehend genau dokumentiert sind, variieren die Schätzungen zu den getöteten Herero zwischen 15.000 und 80.000. Wahrscheinlich wurde über die Hälfte der Herero ermordet. Tausende ver-dursteten in der Wüste, deren Wasserlöcher von den Deutschen abgeriegelt worden waren.

Kandorozu hätte eigentlich genug mit der Gegenwart zu tun. Doch wie soll das gehen, wenn die Vergangenheit über allem hängt? Er ist der zuständige Stadtrat von Okakarara, einer der größten Siedlungen des Herero-Stammes. Die Slums am Ortsrand weiten sich immer mehr aus, die Hälfte der Einwohner hat weder Strom noch sanitäre Anlagen.

Einige hier haben dennoch gewaltige Pläne. So manch Angehöriger des Herero-Stammes hat Grundstücke und Farmausrüstung reserviert, seit Stammesführer Vekuii Rukoro bei seinen Kundgebungen jedem einzelnen eine Million Namibia-Dollar verspricht – umgerechnet knapp 70.000 Euro.

Der „Paramount Chief“ hat Anfang Januar vor einem US-Gericht in New York eine Sammelklage gegen Deutschland eingereicht. Er verlangt für sein Volk und die ebenfalls damals von den Deutschen bekämpften Nama eine fi-nanzielle Entschädigung für die Verbrechen, zu denen neben den Morden auch Enteignungen von Land und Viehdiebstahl zählten.

Über die Höhe ist noch nichts bekannt, aber im Jahr 2001 klagten die Herero bei einer abgewiesenen Klage in Washington DC auf zwei Milliarden US-Dollar. „Holocaustopfer wurden entschädigt, die Herero und Nama nicht“, sagt Rukoro, verschweigend, dass damals überlebende Juden berücksichtigt wurden. Im Fall der 110 Jahre zurückliegenden Verbrechen an den Herero werden sich keine Überlebende mehr finden lassen.

Dabei steht längst außer Frage, dass Deutschland zahlen wird – zusätz-lich zu den 800 Millionen Euro, die seit der Unabhängigkeit 1990 bereits ge-flossen sind und Namibia zum größten deutschen Entwicklungshilfeempfänger machen. Die Bundesregierung hat den Völkermord anerkannt, allerdings auf politisch-moralischer Ebene. Juristisch ist der Begriff erst seit dem Jahr 1948 im Völkerrecht verankert.

Die Frage ist nur, an wen das Geld fließen soll. Seit einem Jahr wird auf Regierungsebene unter Ausschluss der Herero-Stammesvertreter verhandelt, zuletzt mit Fortschritten. Deutschland wird vom CDU-Außenpolitiker Ruprecht Polenz vertreten. Er besteht auf eine Zahlung an die Regierung Namibias, damit Infrastrukturprojekte nachvollziehbar vorangetrieben werden können – auch, aber nicht ausschließlich in Gegenden der Herero. Die Herero und Nama fordern dagegen eine direkte Zahlung an ihre Stämme.

„Wenn das Geld an die Regierung gezahlt wird, kommt bei uns nichts an“, sagt Kandorozu. Die Regierung wird vom größten Stamm des Landes domi-niert, den Ovambo. Sie machen 50 Prozent der Bevölkerung aus, die stolzen Herero dagegen nur sieben. „Ohne den Genozid wären wir mit ihnen auf Au-genhöhe“, sagt der Stadtrat. Noch immer gebe es auf den Dörfern keine ge-teerten Straßen, die Reise bis zum nächsten Krankenhaus dauere für viele Herero mehrere Stunden.

Gerade erst wurden in seiner Stadt öffentliche Projekte in Höhe von zwei Millionen Namibia Dollar (139.000 Euro) gestrichen – Resultat der kriselnden Wirtschaft in Namibia, sie schrumpt seit zwei Quartalen. Der Staatshaushalt ist wegen der niedrigen Rohstoffpreise belastet und die Regierung muss we-gen der Dürre seit drei Jahren gewaltige Ausgaben für Lebensmittelhilfe im Nordwesten des Landes bewältigen.

Eine Kehrtwende ist nicht in Sicht. Seit einem Jahr beraten Kabinett und Parlament in Namibia über ein Gesetz, das – falls verabschiedet – für alle bestehenden und neuen Unternehmen vorsieht, die Hälfte der Führungsposi-tionen mit „historisch benachteiligten“ Namibiern zu besetzen. Zudem müsse an sie mindestens ein Viertel der Firmenanteile übergehen. De facto hat das einen Investitionsstopp zur Folge.

Für Kandorozu ist sein kleinerer Haushalt für das Jahr 2017 dagegen nur ein weiterer Beleg, dass die Regierung den Norden bevorzugt. Dort wohnen die meisten Ovambo, die Gegend hat sich in den vergangenen Jahren weit besser als die der Herero entwickelt. „Es wäre lächerlich, wenn sie jetzt auch noch unser Geld bekämen. Sie haben doch ohnehin nichts verloren, warum sollen sie entschädigt werden?“

Der Stadtrat geht die Straße entlang. Ein kurzes Gespräch mit Anwohnern eines Slums. „Großmütter haben keine Toiletten, sie müssen hinter den Busch gehen“, sagt er, „das ist doch würdelos.“ Wenn Rukoro den Prozess gewinne oder Deutschland freiwillig an den Stamm zahle, werde er den Leuten Farmland und seiner Stadt ein Ausbildungszentrum kaufen, verspricht Kandorozu.

Das ist keineswegs gesichert. Rukoro ließ sich zwar vor zwei Jahren als oberster Häuptling der Herero installieren, doch die Versammlung war um-stritten. Eine transparente Führungsstruktur der Herero gibt es nicht, genau so wenig wie stringente Pläne zu einer Verteilung eventueller Zahlungen. Sollte das Gericht in New York dem raffinierten Juristen tatsächlich die angestrebte Milliardenzahlung zusprechen, würde das die Machtverhältnisse Namibias durchrütteln. Manche Beobachter sprechen gar von einer möglichen Destabilisierung des Landes.

Dabei ist die eigentliche Funktion des Paramount-Chiefs von eher kulturell-repräsentativer Bedeutung, die Verfassung sieht vor, dass er kein politisches Amt bekleiden darf. Wie groß das Misstrauen in ihn ist, zeigt sich an der Tatsache, dass mit Ausnahme Rukoros fünf der sechs Herero-Königshäuser die Verhandlungen auf Regierungsebene unterstützen.

Die Wut der Herero von Okakarara richtet sich eher gegen die Regierung Namibias als gegen die Deutschstämmigen in der Gegend. Die Beziehungen seien gut, betont Kandorozu. Die Leute gehen bei einem deutschen Geschäft für Farmzubehör in Okakarara einkaufen. Man verstehe sich, sagt der Herero.

Doch eine halbe Stunde Autofahrt entfernt, gleich am Fuße des Water-bergs, macht sich der deutsche Farmer Harry Schneider-Waterberg so seine Gedanken. Seit drei Generationen bewirtschaftet die Familie das Gebiet, auf dem 1904 die deutsche Schutztruppe mit den Herero kämpfte – der Aus-gangspunkt des späteren Genozids.

Schneider-Waterberg betont, eine Entschädigung sei aus politisch-moralischer Sicht angemessen. Schon allein, weil damit womöglich auch ein Geschichtsinstitut in Windhoek finanziert werden könne, mit dem die damali-gen Ereignisse noch substanzieller als bisher aufgearbeitet werden könnten.

„Wichtig ist, dass die guten Beziehungen mit den Herero aufrecht gehalten werden“, sagt der Farmer. Seit Jahrzehnten setzt er sich für den Umwelt-schutz an dem Berg ein, den er im Namen trägt. Über ein Hilfsprojekt ist er eng mit der örtlichen Gemeinde verbunden. „Sollte Geld fließen und es sinnvoll für die Straßen und Infrastruktur der Herero verwendet wird, hat das für alle Vorteile.“

Doch Schneider-Waterberg weiß auch um die Kraft des Populismus und den Effekt von Rukoros überzogenen Geldversprechungen an seine Leute. „Wenn wir nicht aufpassen, dann können sich die Dinge verselbständigen.“ Zustände wie in Simbabwe, wo die Farmen der Weißen besetzt wurden, fürchtet er nicht. Aber er fragt sich, ob die Nation stabil genug bleibt, damit sein 23 Jahre alter Sohn die Farm eines Tages übernehmen kann. „Er wird sich dann fragen müssen: Wird das für die nächsten 40 Jahre funktionieren?“

In diesen Tagen fällt ihm eine klare Antwort schwer.