Soldaten des Friedens
Ein Imam und ein Pastor kämpfen gegen den Hass von Christen und Muslimen in Nigeria




Das erste Treffen war eher unterkühlt. Wie hätte es auch anders sein können bei Erzfeinden, die sich gegenseitig den Tod wünschten: Pastor James Wuye verlor einst den rechten Unterarm und fast das Leben, als er eine Kirche vor aufgebrachten muslimischen Jugendlichen zu schützen versuchte. Und Imam Muhammad Aschafa trug zwei Cousins zu Grabe, die von Christen ermordet worden waren. Er versprach Rache.
Über Jahre hatten sie in Zeitungen gegeneinander aufgehetzt, zu der Gewalt zwischen Christen und Muslimen im Herzen Nigerias beigetragen. Ein Treffen? Ausgeschlossen. Doch nun standen sie im Flur eines nigerianischen Hotels. Das Kinderhilfswerk UNICEF hatte um Hilfe geben, nachdem Politiker und Stammesführer zum Boykott der Impfung gegen Kinderlähmung aufgerufen hatten, mit dem Argument, das sei nichts als Gift. Ein lebensgefährlicher Unsinn, der Kinder beider Religionen gleichermaßen bedrohte. Sowohl Wuye als auch Aschafa kamen zu der Konferenz im Frühjahr 1995.
„Wie geht’s“, grüßte Wuye während der Tagungspause wortkarg. „Ganz gut. Und selbst?“ antwortete Aschafa. Ein paar Worte zur Impfung, dann gab es nichts mehr zu reden. Doch Wuye fragte: „Können wir uns noch einmal treffen.“ Eine Falle, schoss es Aschafa durch den Kopf. Er nickte, ohne an eine ernsthafte Annäherung zu glauben. Zu viel Blut war geflossen, zu vieles gesagt – beide verbreiten ihre religiösen Botschaften über eigene Fernsehsendungen. Ein Krieg über die Bildschirme.
Doch knapp 16 Jahre später sitzen die beiden Geistlichen auf einer Bank im Schatten eines Baumes. Friedlich, mit der Vertrautheit von weit gereisten Weggefährten. Rechts der hoch gewachsene Muslim mit seinem gewaltiigen ergrauten Vollbart, links der zwei Köpfe kleinere Christ, der Besucher mit der linken Hand begrüßt. Schließlich besteht die rechte aus einer Prothese. 51 Jahre alt sind Wuye und Aschafa inzwischen, längst kämpfen sie gemeinsam, für den Frieden, gegen den Hass Erst misstrauisch, schnell aber mit immer größerer Energie. „Wir hatten beide diesen großen Wunsch nach Vergeltung“, sagt Aschafa, der sich erst nach Monaten von einem Mitarbeiter des britischen Generalkonsulats zu einem weiteren Treffen überreden ließ, „aber wir wussten, dass die Gewalt aufhören musste.“
Zeitgleich zur Radikalisierung des Islamismus in vielen Teilen der Welt begannen die beiden für Frieden in ihrer Stadt einzutreten, die an der Schnittstelle zwischen dem muslimisch dominierten Norden und dem christlichen Süden liegt. Im Jahr 1996 gründeten sie das „Interfaith Mediation Centre“ (IMC), ein Friedenscenter zur Aussöhnung. Damals waren vermeintlich religiös motivierte Morde an der Tagesordnung, oft verübt von Jugendlichen, die von Politikern eingespannt wurden – im Namen der Gottes, meist aber nur im Namen der eigenen Interessen.
In Kaduna verloren im Jahr 2000 über 1000 Menschen bei einem Massaker ihr Leben. Seitdem hat sich die Lage auch mit Hilfe des IMC Schritt für Schritt entspannt. Doch der Konflikt zwischen den großen Religionen brodelt in Nigeria, nach wie vor. Im drei Stunden Autofahrt entfernten Jos, Schauplatz der schlimmsten Übergriffe der vergangenen Jahre, wurden am Dienstag 18 überwiegend christliche Menschen mit Macheten getötet. An Weihnachten und Silvester hatte es hier mehrere Anschläge mit 80 Toten gegeben, die radikale islamistische Gruppe Boko Haram bekannte sich zu den Morden.
Ihr gehörte früher auch Imam Aschafa an. Heute steht er für Frieden, ein Ziel, das auch auf der Agenda von Nigerias Präsidenten Goodluck Jonathan ganz oben steht. Am Donnerstag wählte ihn die Regierungspartei People’s Democratic Party (PDP) in internen Vorwahlen zum Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen im April. Ein Bruch mit dem Rotationsprinzip der Partei: Jonathan übernahm das Amt im vergangenen Mai lediglich, weil sein Vorgänger Umaru Yar’Adua starb. Parteiregeln zufolge hätte der Norden einen Kandidaten für eine zweite Amtszeit stellen, erst dann sollte einem Christen die Position zustehen.
Nach der Festlegung von Jonathan als Spitzenkandidaten machen sich muslimisch geprägte Oppositionsparteien verstärkt Hoffnung, Stimmen im Norden zu gewinnen. Wuye und Aschafa verfolgen die aktuelle politische Entwicklung aufmerksam. Die Arbeit ihres Friedenscenters, deren neun fest angestellte Mitarbeiter unter anderem von der Deutschen Gesellschaft für Technik und Zusammenarbeit (GTZ) finanziert werden, bleibt aber unabhängig vom Ausgang der Wahlen im April wichtig. Zu sehr heizt sich die Stimmung auf, immer wieder.
Ein paar Kilometer entfernt steht ein Denkmal in Form einer Blume für die Massaker des Jahres 2000. Jeweils elf muslimische und christliche Führer haben dort eine Friedenserklärung unterschrieben. Doch noch immer bezichtigen sich viele von ihnen gegenseitig der damaligen Aggressorrolle. Und behaupten, die andere Seite habe besseren Zugang zu Ressourcen und Bildung. Muslime werfen dem christlichen Süden der Stadt ohnehin Prostitution und Alkoholmissbrauch vor, während sich Christen Horrorgeschichten über die Scharia erzählen, die in Teilen der Stadt gilt. Beide Darstellungen sind meist weit übertrieben, oft leben Christen und Muslime in sogar guter Nachbarschaft Tür an Tür.
„Es geht nur mit Kommunikation, der Vergebung des Feindes“, sagt Aschafa, der einst in Tränen ausbrach, als er diese Botschaft erstmals seiner Gemeinde verkündete. Ungezählte Gespräche haben er und Wuye organisiert – immer mit dem Versuch, die Probleme der Menschen zu lösen, so dass sie nicht auf die Religion des anderen projiziert werden können. Dass beide noch immer ihre Religion zu verbreiten versuchen, selbst bei Angehörigen der anderen Glaubensrichtung, sei gegenseitig akzeptiert: „Wir werben für unsere Religion“, sagt Wuye, „aber jeder soll eine freie Entscheidung treffen, ohne Druck und Gewalt.“
Vor allem aber sind die „Soldaten des Friedens“, wie sie sich nennen, selbst zum Symbol der Aussöhnung und Hoffnung geworden. Die Mittagssonne wird immer heißer, und Wuye schaut nervös auf die Uhr. Gleich müssen sie nach Abuja fahren. Am Abend geht der Flug nach Singapur, wo sie ihr „afrikanisches Model“ vorstellen. In den vergangenen Jahren versuchten sie bei Konflikten in Somalia, Kenia und Indonesien zu vermitteln, sie wollen in aller Welt Zentren wie das in Kaduna aufbauen. Längst werden in aller Welt Dokumentationen über das IMC gezeigt.
Langsam stehen sie auf, entschuldigen sich höflich. Aschafa hat den Wagen besorgt, Wuye war für den Flug verantwortlich. „Hast du die Tickets?“ Der Pastor nickt. „Na dann los“, sagt der Imam.
Erschienen in Die Welt, 20. Januar 2011