12.01.2012

Nostalgie zum Geburtstag

Der ANC wird 100 Jahre alt und erinnert an glanzvollere Jahre seiner Geschichte

Um kurz vor Mitternacht tritt Ruth Mompati langsam an das Mikrofon. Kronleuchter tauchen den Saal vor ihr in warmes Licht, an 194 Tischen sitzen einige der mächtigsten Politiker Afrikas. Vor Mompati, diese erhabene Vertreterin des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC), haben bereits die Staatsoberhäupter aus Mosambik, Namibia und Uganda geredet, sie lobten die Verdienste der Partei im Kampf gegen die Apartheid überschwänglich. Der ANC feiert in Bloemfontein in seinen 100. Geburtstag hinein, in jener Stadt, wo im Jahr 1912 traditionelle Führer und Intellektuelle die Organisation grün-deten. Es ist ein Abend der freundlichen Worte für die älteste Befreiungsbewegung des Kontinents.

Südafrikas Präsident Jacob Zuma sitzt in der ersten Reihe, er hat bislang lächelnd zugehört. Mompati war in den fünfziger Jahren Sekretärin im Anwaltsbüro von Nelson Mandela, später wurde sie eine der wichtigsten Frauenrechtlerinnen Afrikas. 86 Jahre ist sie alt, die Schritte sind etwas schwächer geworden – nicht aber die Stimme.

„100 Jahre, das ist nicht wichtig“, sagt sie, nein, es ist fast ein Rufen, „viel wichtiger ist, dass wir endlich aus unserem Schlaf aufwachen.“ Sie denke an die Zeit zurück, als die Menschen miteinander marschiert seien, sich für einander eingesetzt hätten, den selbstlosen Einsatz für Demokratie als selbstverständlich erachtet hätten. „Wir sind ins Gefängnis gegangen und haben gelitten. Na und? Es war unsere Pflicht. Für unser Land, für unsere Kinder.“

Stille im Saal. Eine Hundertschaft Kellner will gerade die Hauptspeise servieren – langsam gekochter Ochseneintopf auf pürierten Kartoffeln –, bleibt aber lieber am Ein-gang stehen. Zuma lächelt nicht mehr. Die Parteispitze hatte sich bis dahin wohlig einge-nistet in der ruhmreichen Vergangenheit, als der Name ANC weltweit Synonym für Kampf um Gerechtigkeit war. Architekten der „Regenbogennation“, wo sich die Utopie eines friedlich versöhnten und prosperierenden Landes tatsächlich in eine Realität ent-wickeln könnte.

Mompati aber ermahnt die Partei, die in den vergangenen Jahren vor allem für Gra-benkämpfe, Korruptionsskandale und Eingriffe in die Unabhängigkeit von Justiz und Me-dien stand: „Wir müssen erkennen, dass der Kampf erst beginnt. Lasst uns die Hände reichen und nach vorne blicken.“ Die Gäste, darunter 14 aktuelle und fünf ehemalige Präsidenten aus Afrika, applaudieren – dabei hatte Mompati die Identität der Partei in Frage gestellt, die den Kampf gegen den Kolonialismus in so vielen Ländern inspiriert hat.

83 Jahre lang war der ANC eine Befreiungsbewegung, erst seit 17 Jahren ist er an der Macht. Noch immer bezeichnen hochrangige Parteimitglieder das Luthuli-Haus in Johannesburg als „Revolutionshaus“. Nicht als Parteizentrale. Südafrika aber, das betont sogar der ANC selbst, benötigt eine Partei mit modernen Strukturen und vorwärtsgerich-teten Perspektiven dringender denn je.

Der kleine Mittelstand des Landes steht unter immer stärkerer Belastung, die Privat-verschuldung ist in vielen Haushalten immens. Zudem hat die Wirtschaftskrise eine Milli-on Arbeitsplätze vernichtet und die Massenarbeitslosigkeit weiter verstärkt. Zuma hatte vor drei Jahren im Wahlkampf noch versprochen, er werde eine Million neue Jobs schaf-fen. Die sozialen Unterschiede, die in Südafrika so groß sind wie in kaum einem anderen Land – sorgen für Konfliktpotenzial, weit mehr als Rassismus.

Nur sechs Kilometer sind es von der Universität, wo das ANC-Galadinner stattfindet, zum Rocklands-Township von Bloemfontein. Hier wohnen diejenigen, an denen der wirt-schaftliche Aufschwung Südafrikas weithin vorbei gegangen ist. Über 70 Prozent der Ju-gendlichen sind arbeitslos, immer wieder demonstrieren die Bewohner gegen die ANC-Verwaltung, weil es zu wenige Krankenhäuser und Schulen gibt.

Und doch wählen hier rund 90 Prozent den ANC. Die Partei organisierte zu Zeiten der Apartheid das gesellschaftliche Leben in den Townships und Dörfern. Öffentliche Ver-sammlungen waren, von Gottesdiensten abgesehen, verboten – die Widerstandsbewe-gung veranstaltete trotzdem Konzerte und Gemeindefeste. Für viele hat sich durch die Politik des ANC nur wenig verändert, aber er ist trotzdem Teil ihrer Identität.

George Kiakel lebt Zeit seines Lebens mit diesem Konflikt. Der 38-Jährige ist mit einer verkrüppelten Hand geboren worden. Einen regulären Job hat er nie gehabt, zuerst ver-kaufte er Bier, seit ein paar Jahren Fotos. Kein Großereignis ohne ihn: Mit klapprigen Bussen des öffentlichen Verkehrssystems reist er durch das Land, manchmal drei Tage am Stück ohne Schlaf. Bei Fußballspielen und Konzerten fotografiert er Besucher, bietet danach das Foto zum Verkauf an. 20 Rand gibt es dafür, immerhin, knapp zwei Euro.

Im Rucksack liegt ein kleiner Drucker. Um den Hals baumelt eine alte Kamera. „Die ist nur Attrappe, funktioniert nicht“, grinst er. Sie sei einfach besser zum Anlocken von Kun-den geeignet als die kleine Digitalkamera an seinem Gürtel. Er hat sich lange Dreadlocks wachsen lassen, seine Mütze und Kleidung lassen ihn wie einen Anhänger der Rastafari-Religion aussehen. Der Schein trügt, der Südafrikaner mag nicht einmal Reggae-Musik: „Die Leute sollen mich leicht finden, wenn sie Fotos haben wollen. Da müssen sie nur fragen – wo ist der lange Rasta-Typ.“ Eigenmarketing in Vollendung, trotz gerade einmal drei Jahren Schulbildung. Ein Überlebenskünstler eben, wie so viele Millionen seiner Landsleute.

Er habe in seinem Leben nie wirklich auf die Politik vertraut, sagt Kiakel. „Ich muss meine eigenen Wege finden. Das war früher so, so ist es heute und so wird es in Zukunft sein.“ Trotzdem unterstützt er den Afrikanischen Nationalkongress weiterhin. „Für uns war der ANC wie eine Familie, er gehörte zu unserem Leben, unserem Alltag.“ Und an diesem Tag sorgt er für viele kleine Scheine, die er in die Vordertasche seines Ruck-sacks steckt.

Der Fotograf läuft über einen Sportplatz des Townships, wo der ANC ein Konzert or-ganisiert hat. Heiß ist es, über 36 Grad im Schatten, einige Ältere müssen von Ärzten behandelt werden. Über der Bühne fliegen immer wieder Düsenjets, Tausende Polizisten und Soldaten sind mit dem Schutz der Veranstaltung beauftragt. „Viva ANC, viva“, schreit der Sänger einer Tanzgruppe. „Viva“, schallt es von Tausenden zurück. Es lebe der ANC. „Amandla!“ „Awethu.“ Die Macht dem Volke. Es sind die alten Rufe, die seit Gene-rationen erklingen.

Beim Galadinner verabschiedet sich Jacob Zuma eine halbe Stunde vor Mitternacht von den Präsidenten Ruandas und Mosambiks, Paul Kagame und Armando Guebuza. Zunächst hatte Zuma alleine gesessen – zwei Stühle links und vier rechts neben ihm wa-ren frei geblieben. Das Protokoll hatte Gäste vorgesehen, die aber dann doch erst am Sonntag anreisten. Ein etwas trauriges Bild in dem gefüllten Saal. Fast eine Stunde ver-ging, bis Kagame und Guebuza unauffällig ihre Platzkarten umstellten und sich zu ihrem Gastgeber setzten.

Zuma steigt in seinen Mercedes und lässt sich, von sechs Fahrzeugen begleitet, zur Waaihoek Kirche fahren. Das unscheinbare Gotteshaus bietet kaum mehr als 100 Gläu-bigen Platz und wirkt im Schatten der riesigen Türme eines Kraftwerkes ein wenig falsch platziert – dabei ist es so etwas wie der Kreißsaal der Partei. Hier wurde sie vor hundert Jahren gegründet.

Am Samstagmorgen hatte Zuma auf dem Grundstück bereits einem Reinigungsritual beigewohnt, bei dem zu Ehren der Vorfahren eine vom Nachbarland Lesotho gespendete Kuh geschlachtet wurde. Nun schreitet er gemeinsam mit Thabo Mbeki in die Kirche. Die beiden gelten als unwiderruflich zerstritten, seit Zuma seinen Vorgänger Mbeki nach ei-nem schmutzigen Machtkampf vor vier Jahren als ANC-Präsident ablöste. Mbeki lächelt, als Zuma eine Fackel anzündet, die das ganze Jahr über bei weiteren Feiern in den neun Provinzen brennen soll. Die Fotografen versenden die Bilder der Rivalen in alle Welt. Die Botschaft der Szene: diese Partei ist nicht zerstritten.

Als Zuma gestern Nachmittag im Stadion von Bloemfontein seine Rede beginnen will, fangen 50.000 Menschen an zu singen. Alte Hymnen der Befreiungsbewegung, aus vol-lem Herzen, in tiefer Verbundenheit. Man hält inne und realisiert, welch gewaltige Kraft diese Partei hat. Welches Potenzial sie hätte, das rohstoffreiche Land und seine Bürger zu führen, die nicht nur politischen Freiheit, sondern auch wirtschaftlichen Aufschwung für die Massen bedeuten würde.

„Der ANC hat sich einst ein Südafrika zum Ziel gesetzt, das allen gehört“, sagte Zuma vor über 40 Staatsoberhäuptern, „wir sind seitdem gegen jegliche Form der Unterdrüc-kung eingestanden, egal welche Hautfarbe oder Geschlecht es betraf.“ Der ANC habe schon 1923 eine Menschenrechtserklärung verabschiedet, lange vor den Vereinten Na-tionen. Für diese Grundrechte müsse die Nation weiter kämpfen: „Die wirtschaftliche Freiheit ist noch nicht erreicht.“

Fotograf George Kiakel steht nur ein paar Meter von Zuma entfernt auf der Tribüne. Doch er hört kaum zu, rastlos wandert der Blick in die andere Richtung, über die Ränge. Die Leute könnten ein Foto von ihm kaufen wollen.

 

Erschienen in DIE WELT, 9. Januar 2012