18.05.2017

Nordkorea kommen die afrikanischen Verbündeten abhanden

Zögerlich kappen afrikanische Staaten die während des Kalten Krieges gewachsenen Ver-bindungen zu Nordkorea

Es ist nicht leicht, Nordkoreaner in Namibias Hauptstadt Windhuk zu finden. Über die staat-liche Firma „Mansudae Overseas Projects“ (MOP), die hier seit rund 20 Jahren aktiv ist, findet man keine Einträge im Firmenregister der Stadt. Eine diplomatische Repräsentanz Nordkoreas gibt es nicht, auch Namibias Regierung lässt eine Anfrage unbeantwortet.

Schließlich gelingt es doch. Ein Informant hat einen Hinweis auf eine weiße Villa hinter der chinesischen Botschaft gegeben. Es handele sich um den MOP-Firmensitz, in dem namibi-sche Politiker ein und ausgehen würden. Kein Firmenschild, nur eine Klingel. Ein Mann im Polo-Hemd kommt heraus, gefolgt von einem Bodyguard. „Gehören Sie zu MOP?“ „Wir sprechen mit niemandem“, antwortet er. Und dann: „Wir sind eine chinesische Firma.“ Ein Blick auf das Handy, das verfügbare Wireless-Netzwerk des Gebäudes wird anzeigt. Es lautet „MOP“, kurz für „Mansudae Overseas Projects“.

Die Verschwiegenheit hat gute Gründe, schließlich sind Geschäftsbeziehungen mit dem sanktionierten Nordkorea in Verruf geraten. Mit Namibia droht der Diktatur derzeit einer der wichtigsten Verbündeten in Afrika abhanden zu kommen – und damit eine lukrative Devi-senquelle, die als Gegenleistung für den Bau von Denkmälern und Militärinstallationen ein Vermögen in die klammen Staatskassen von Kim Yong Un spülte.

Das funktionierte über Jahrzehnte glänzend. In Europa waren die Verdienstmöglichkeiten im Jahr 2006 versiegt, als der UN-Sicherheitsrat wegen der nordkoreanischen Nukleartests Resolution 1718 beschloss, die jede militärische Kooperation mit dem Land untersagt.

Darunter litten auch die Wirtschaftsbeziehungen. In Deutschland war noch kurz zuvor, im Jahr 2004, eine Auftragsakquise gelungen. Damals rekonstruierte MOP sechs Bronzesta-tuen für den Frankfurter Märchenbrunnen. Nach Angaben der Stadt habe man in Deutsch-land kein künstlerisch und preislich gleichwertiges Angebot gefunden.

In Afrika profitierte Nordkorea dagegen noch bis zuletzt von systematisch aufgebauten Lo-yalitäten. Schon seit den 1950er Jahren half es mit militärischer Unterstützung. Wie schwer den afrikanischen Ländern der Abschied von Nordkorea fällt, zeigt das Beispiel Namibia. Hier spulten die Asiaten die komplette Bandbreite ihrer Afrika-Politik ab. Zunächst die Un-terstützung im Befreiungskampf gegen die südafrikanischen Besatzer des Apartheid-Regimes, dann die Denkmaldiplomatie. Das südafrikanische Land gehört zu den 16 Nationen, in die MOP anti-kolonialistische Denkmäler exportierte – konzipiert von 4000 Arbeitern in Pjöngjang.

In Namibia wurden einige der hässlichsten Bauwerke des Landes – wie etwa das an einen Kaffee-Vollautomaten erinnernde Unabhängigkeits-Gedenkmuseum – von MOP errichtet. Zudem ließ sich Namibias Gründervater Sam Nujoma bei elf Staatsbesuchen feiern, bei denen das Regime fahnenschwenkende Bürger an den Straßen platzierte. Nujoma wurde gar eine koreanische Übersetzung seiner Autobiographie überreicht.

Im Gegenzug enthielt sich Namibia wiederholt bei UN-Abstimmungen, in denen über die Verurteilung von nordkoreanischen Menschenrechtsverletzungen entschieden wurde. Und Nordkorea kam an Devisen. So stellte Nujoma sicher, dass Nordkorea am 300 Millionen Dollar schweren Auftrag für den neuen Amtssitz des Präsidenten gehörig mitverdiente.

Damit befindet sich Namibia, immerhin der größte Empfänger von Entwicklungshilfe aus Deutschland (800 Millionen Euro seit 1990), in zweifelhafter Gesellschaft von afrikanischen Nationen, die besonders freundschaftliche Beziehungen zu dem exportfreudigen Waffen-produzenten Nordkorea pflegen. Äquatorial-Guinea zum Beispiel. Und Angola, das nicht-ständiges Mitglied des UN-Sicherheitsrats ist. Das Land erwarb im Jahr 2011 mehrere Ma-rine-Boote von Nordkorea, trotz der Sanktionen, auf die es fortan im Sicherheitsrat Einfluss nehmen kann.

Auch der Kongo kaufte im Jahr 2014 Kleinwaffen und rekrutierte 30 nordkoreanische In-struktoren zum Training der Polizei . Das inzwischen ebenfalls sanktionierte Burundi erwarb im Jahr 2011 Dutzende Maschinengewehre. Kein guter Kauf – sie waren defekt.

Selbst Namibia schreckte nach Einschätzung von Phil Ya Nangoloh, dem Vorsitzenden der Menschenrechtsorganisation „Namrights“, nicht vor einer Verletzung der UN-Sanktionen gegen Nordkorea zurück. „Es besteht kein Zweifel, dass die Militärkooperation ungeachtet der Sanktionen nach 2006 fortgeführt wurde“, sagt er.

Die namibische Vize-Premierministerin Netumbo Nandi-Ndaitwah gab zu, dass MOP und die nordkoreanische Waffenfirma „Korea Mining Development Trading Corporation“ (KOMID) an der Oamites-Militärbasis in der Nähe von Windhuk eine Munitionsfabrik errichtet hatten.

Die Bauarbeiten seien aber bis zum Jahr 2006 abgeschlossen worden. Ein UN-Expertengremium stellte dagegen mit Hilfe von Satellitenfotos fest, dass die Bauarbeiten auch in den folgenden Jahren fortgesetzt wurden – und prüft, ob dabei die nordkoreani-schen Firmen beteiligt waren.

Darauf deutet einiges hin. Ein namibischer Transportunternehmer erzählt, dass er im Jahr 2012 Dutzende Tankbehälter vom Hafen in Walvis Bay nach Oamites geliefert habe. „Vor Ort lief die Kommunikation ausschließlich über Nordkoreaner“, sagt er, „sie hatten rund um die Uhr einen Dolmetscher zur Verfügung.“ Nach Übergabe der Fracht habe man sich noch über den Alltag in Nordkorea unterhalten, zum Beispiel über Probleme bei der Beschaffung von Alkohol. „Die schmuggeln Reisschnaps aus China ein.“

Auch am Militärhauptquartier in Windhuk bauten die Nordkoreaner mit, ohne auf große Ge-heimhaltung zu achten. Anfang des Jahres 2016 brachten die Bauarbeiter ein Plakat mit dem Konterfei von Präsident Kim Jong Un an einer Fassade an.

Doch seit dem vergangenen Jahr übt Südkorea massiven diplomatischen Druck in Afrika aus. Der Abbruch der langjährigen militärischen Beziehungen zu Nordkorea wurde mit Ent-wicklungshilfe schmackhaft gemacht.

Mit Erfolg. Im Mai 2016 gab Ugandas Präsident Yoweri Museveni bekannt, seine Militärko-operation mit Nordkorea zu beenden – für Nordkorea ein herber Rückschlag. Zuletzt hatte das Land bei der Ausbildung von 400 Polizisten geholfen. Wenig später wandte sich auch der Sudan ab.

Im Juli 2016 überraschte schließlich auch die namibische Regierung mit der Mitteilung, die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit MOP und KOMID aufgrund der UN-Sanktionen zu be-enden. MOP wurde dennoch die Fertigstellung einiger öffentlicher Bauprojekte gewährt. Nun hat es den Anschein, als bereite sich die Firma tatsächlich auf einen Abschied vor. Im Januar wurden 25 örtliche Mitarbeiter entlassen.

„Ich glaube nicht, dass die Verbindungen komplett gekappt werden“, sagt Menschenrechts-aktivist Ya Nangoloh, „es gibt keinerlei unabhängige Kontrollen. Es ist ein Leichtes, im Ver-borgenen weiter zu machen.“ Von Seiten der Bevölkerung gebe es kaum Druck. „Dieses Thema scheint nur Aktivisten und Politiker zu bewegen.“

Die Regierung ließ in mehreren Stellungnahmen keinen Zweifel daran, dass zumindest die freundschaftlichen diplomatischen Beziehungen mit Nordkorea fortgesetzt werden sollen. Und am 9. Januar gewährte die namibische Staatszeitung „New Era“ Nordkorea eine ganze Seite, um dem „respektierten obersten Anführer Kim Yong Un“ zu huldigen. Es bedürfe eines „landesweiten Kampfes, um den Interventionsbemühungen der USA und anderer Außenseiter ein Ende zu setzen“, hieß es dort.