10.06.2012

Arena der Hoffnung

Ein Selbstmordanschlag zerstörte das neu eröffnete somalische Nationaltheater - doch die Künstler wollen nicht aufgeben

Jabril Abdulle im somalischen Nationaltheater, wenige Tage bevor ein Anschlag das Gebäude teilweise zerstörte

Jabril Abdulle hatte seinen Platz in der Mitte des Somalischen Nationaltheaters. Er saß in der Ehrenloge, genau vor der Bühne. Wo auch sonst, der 42-Jährige hatte schließlich fast ein halbes Jahr für Momente wie diese gearbeitet. Über 100.000 Dollar an Spenden gesammelt. Musikern, Malern und Schauspielern die Angst genommen, um das seit 21 Jahren leerstehende Theater von Mogadischu wiederzubeleben.

Die Kultur war dem Bürgerkrieg in Somalia als erstes zum Opfer gefallen. Musik war verboten, bis die Terrororganisation al-Schabab vor neun Monaten Mogadischu aus ihrem erbarmungslosen Griff entließ.

Dieses Theater diente vor kurzem noch als Waffenlager, nun sollte es zum Symbol der längsten Friedensperiode seit Kriegsbeginn im Jahr 1991 werden. Das zerbombte Dach ist noch nicht repariert, der Strom kommt von einem Generator und staubig ist es selbst auf den Ehrenplätzen. Aber immerhin, wo Kultur ist, da ist Leben. Da ist Freiheit.

Es war der 4. April, auf den Tag genau 28 Jahre, nachdem der somalische Staatssender sein Programm gestartet hatte. Der Premierminister Abdiweli Mohamed Ali war da, es sollte eine Erinnerung an friedliche Zeiten sein. Und ein Wegweiser in eine friedliche Zukunft.

Ein Minister trat auf die Tribüne. Abdulle, Direktor der Friedensorganisation Zentrum für Recherche und Dialog in Somalia (CRD), erhob sich. Höflich bot er dem Ehrengast seinen Platz an und rückte auf einen weiter von der Bühne entfernten Stuhl. Als die ersten Musiker bereits begonnen hatten, erschien ein Unternehmer. Wieder rückte Abdulle zur Seite. Immer weiter von seinem ursprünglichen Platz entfernt.

Er bemerkte die junge Frau in dem langen schwarzen Kleid nicht. Später würden sie Augenzeugen, inmitten der 2000 fröhlichen Menschen, als auffällig nervös beschreiben. Die meisten Besucher waren unter 30 Jahre alt, sie trugen bunte Kleidung, für viele war es das erste Konzert überhaupt. Die Frau in Schwarz aber stand von einer der hinteren Sitzreihen auf und ging in Richtung Ehrenloge. Als sie stehenblieb, explodierte die Bombe unter ihrem Kleid. Sie riss neun Menschen mit in den Tod. Dutzende Menschen wurden verletzt. Für eines der Opfer hatte Abdulle nur Minuten zuvor seinen Platz geräumt.

Wochen sind vergangen, aber das Trauma ist Abdulle am Telefon noch deutlich anzumerken. "Ich habe durch reines Glück überlebt", sagt er, "seit vielen Jahren lebe ich in Mogadischu, so nah bin ich dem Tod nie gekommen."

Al-Schabab bekannte sich zu der Tat, lange hat Abdulle gegrübelt, warum es ihn nicht getroffen hat. Er kannte vier der neun Opfer gut, darunter die Präsidenten des Fußballverband und des somalischen olympischen Komitees. Der Schmerz, einen guten Freund zu verlieren, schlägt mit der immer gleichen Wucht zu. Ob im Frieden oder im Krieg. In Mogadischu aber kommt er öfter als an den meisten anderen Orten dieser Erde. An ihn kann man sich nicht gewöhnen. Er zermürbt.

Somalia will sich nicht zermürben lassen. Im August des vergangenen Jahres haben die 10.000 Soldaten der Afrikanischen Union al-Schabab aus Mogadischu gedrängt. Die Terrororganisation kontrolliert weiterhin weite Teile im Zentrum und Süden des Landes, aber die Hauptstadt, das Herz Somalias, gehört wieder ihren Bürgern.

Als diese Zeitung vor 14 Monaten Mogadischu besuchte, bestimmten noch Gewehrschüsse den Takt des Alltags. Die Front zog sich vom Südosten bis zum Nordwesten quer durch die Stadt. Erstmals seit Jahren ist dieses Geräusch über Monate hinweg aus dem Alltag verschwunden.

300.000 Menschen sind im vergangenen Halbjahr in die Hauptstadt zurückgekehrt, im gleichen Zeitraum hat sich der Wert des Somalischen Schillings fast verdoppelt. Hilfsorganisationen senden Mitarbeiter, die Grundstückpreise haben sich vervielfacht. Der Flughafen ist wieder funktionsfähig, Turkish Airlines bietet nun zwei Flüge pro Woche von Istanbul nach Mogadischu an. Banken öffnen, auch die ersten Restaurants. Investitionen in den Glauben, dass der Krieg nicht nach Mogadischu zurückkehrt. Diesmal nicht.

Sicher ist das keineswegs, denn noch immer vergeht keine Woche ohne Anschläge von al-Schabab. Nur wenige Wochen vor dem Anschlag schlug ein Selbstmordattentäter vor dem Präsidentenpalast zu. Eine Rakete traf wenige Tage später ein Flüchtlingslager, sechs Menschen wurden getötet. Am Dienstag wurden bei einem Selbstmordattentat acht Menschen getötet, darunter zwei Parlamentsabgeordnete. Die Vereinten Nationen und die Afrikanische Union äußerten in einer gemeinsamen Erklärung "große Sorge" um den Friedensprozess in Somalia.

Jabulle aber sagt: "Wir dürfen jetzt nicht aufhören. Es gab in unserer Geschichte immer wieder kurze Abschnitte des Friedens, dann ist Somalia zurück ins Chaos versunken. Wir sind an einem kritischen Punkt angekommen, an dem sich entscheidet, ob wir diesmal einen anderen, nachhaltigeren Pfad einschlagen." In Mogadischu würden sich die Menschen noch immer fragen, ob der Nachbar Freund oder Feind ist, al-Schabab hat auch Sympathisanten in der Bevölkerung.

Alles entscheidend sei nun, dass al-Schabab auch außerhalb Mogadischus besiegt werde. Die Afrikanische Union wird ihr Kontingent in Mogadischu in den kommenden Monaten noch einmal um 7000 Soldaten aufstocken. Gleichzeitig müssten die Institutionen schnell funktionsfähig werden.

Der Aktivist hat in den vergangenen Wochen unzählige Anrufe und Emails bekommen. Künstler, Politiker und Bürger – sie alle ermutigten ihn, das Theater nicht wieder sterben zu lassen. Jabulle hätte diesen Mut nicht für möglich gehalten. 21 Jahre lang agierten Künstler im Untergrund. Nach dem Vorbild der Taliban-Herrschaft in Afghanistan während der 90-er Jahre verbot al-Schabab den Radiosendern in Mogadischu, Musik zu senden.

Für Frauen waren lediglich Arbeitsplätze vorgesehen, bei denen sie nicht mit Männern in Kontakt kommen. Diese wiederum bekamen den Kopf geschoren, wenn der Haarschnitt "nicht angemessen" war. Bei Handys waren musikalische Klingeltöne verboten, bei Hochzeiten durfte nicht getanzt werden.

"Die Kriegsfürsten haben Künstler als Bedrohung ihrer Macht gesehen", erzählt Abdulle, "für sie ist Kultur gefährlicher als Militär, da sie Ausdruck der Selbstbestimmung ist." Er hat im Nationaltheater eine Ausstellung von Bildern zur Situation Somalias organisiert. Und wenige Tage vor dem Anschlag wurde ein Theaterstück aufgeführt. Über die Liebe. Das Publikum war zu Tränen gerührt. Schaut her, ihr habt uns vieles genommen – nicht aber unser Herz.

Doch es bleiben Fragen. Wie war es möglich, dass die Attentäterin Sprengstoff in den Innenraum schmuggeln konnte? Trotz der angeblich so strengen Sicherheitskontrollen. Verantwortlich waren unter anderem die Soldaten der Übergangsregierung. Fünf Verhaftungen gab es nach dem Anschlag, dann erklärte die als hoffnungslos korrupt geltende Regierung den Fall für aufgeklärt. Trotzdem, am Ende waren sich alle einig: Wir öffnen das Theater wieder.

China, das schon 1967 den Bau des Nationaltheaters finanzierte, hat seine Hilfe angeboten. Auch Hilfsorganisationen aus den USA und die türkische Regierung wollen sich an einem Neubau beteiligen. Derzeit wird in dem halb zerbombten Gebäude ein TV-Studio eingerichtet.

Schon an diesem Wochenende soll eine Talentshow im Stil von "Deutschland sucht den Superstar" starten. "Wir hoffen, dass es klappt", sagt Abdulle, "es könnte sein, dass uns die Übergangsregierung noch einen Strich durch die Rechnung macht, das weiß man in Mogadischu nie." Bald soll es zudem eine neue Theater-Aufführung geben. "Am Tag des Anschlags waren 2000 Menschen im Theater. Wir werden bald ein neues Konzert veranstalten, diesmal sollen 4000 kommen", sagt Abdulle.

Er will eine starke Botschaft an al-Schabab senden: Jetzt erst recht! Über Leinwände sollen die Menschen die Musik auch vor dem Theater verfolgen, eine Live-Übertragung im Fernsehen sei geplant. Abdulle weiß um das Risiko. Aber sich zu verstecken käme einer Kapitulation gleich. "Glaub mir", sagt er, "unser Wille ist nicht gebrochen. Das vermag kein Mensch. Keine Waffe."

 

erschienen in DIE WELT, 5. Mai 2012