05.09.2011

Im Dorf der vielen Mandelas

Nach über 80 Jahren ist Nelson Mandela in die Ruhe seines Heimatdorfes Qunu zurückgekehrt. Dabei bräuchte das Land Mandelas mahnende Worte wie selten zuvor

Nonkumbulo Mandela rüttelt an der Kirchentür. Sie sollte eigentlich offen stehen, doch die Klinke ist schon vor Jahren abgebrochen. „Eine Schande ist das doch, so kann man eine Kirche nicht verfallen lassen“, murmelt die Großnichte  Nelson Mandelas. Grimmig hebt sie ein Stöckchen vom Boden auf und dreht mit ihm das Schloss um. Sie öffnet die Tür und sagt ohne überhaupt hineinzublicken: „Da muss doch was passieren.“

Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg durch das löchrige Wellblechdach der Evangelisch-Methodistischen Kirche. Jeden Sonntag um elf findet der Gottesdienst in dem kleinen Haus auf dem Hügel von Qunu statt. Dann bringt Nonkumbulo ihren eigenen Plastikstuhl mit. In dem kleinen Saal stehen nur fünf Bänke und zwei davon sind nicht mehr als ein Holzgerippe. Die Sitzfläche ist herausgebrochen. Nonkumbulo begegnet dem Leben ohne überzogene Erwartungen, sie ist keine Frau großer Worte oder Gesten. Nun aber steigt Ärger auf in der Frau. Die Schulen seien in einem dürftigen Zustand, und ein Dorf brauche eine ordentliche Kirche, sagt sie. „Hier gibt es ja nicht einmal eine Toilette.“

Von dem Feldweg, der zu dem weißen Gotteshaus führt, hat man einen guten Überblick über das südafrikanische Dorf. Eine grüne Hügellandschaft erstreckt sich sanft bis zum Horizont, spärlich besiedelt von einigen kleinen Steinhäusern und runden Hütten, durchzogen nur von wenigen asphaltierten Straßen. In dieser Ruhe wuchs Nelson Mandela auf. Der Junge, der später zum wohl größten Staatsmann unserer Zeit werden sollte, hütete in den 1920er Jahren Schafe und spielte in den riesigen Feldern. Hierhin kehrte er im Juli zurück. Eigentlich nur zur Feier seines 93. Geburtstag, danach sollte er in sein Haus im Johannesburger Edelviertel Houghton zurückkehren. Doch das ist inzwischen über sechs Wochen her. Nelson Mandela, so hat es sich inzwischen in Südafrika rumgesprochen, wird in Qunu bleiben. In seiner Heimat.

Man sieht seinen Alterssitz in der Ferne – auf den ersten Blick eine Erinnerung an die westlich anmutende Welt der südafrikanischen Großstädte: Hohe Mauern und Überwachungskameras umgeben die Villa, Leibwächter und Ärzte betreuen ihn rund um die Uhr. Für Mandela ist das Grundstück aber auch der für Außenstehende kaum nachvollziehbare Erhalt einer Erinnerung: Bevor er das große Gebäude bauen ließ, errichtete er auf dem Grundstück eine Replik des Hauses, in dem er die letzten Jahre seiner fast drei Jahrzehnte Gefangenschaft verbracht hatte. Als die Zeichen in den achtziger Jahren auf Veränderung standen, hatte das Apartheid-Regime für beinahe komfortable Haftbedingungen gesorgt, in denen sich der absehbare Machtwechsel besser verhandeln ließ.

Nonkumbulo Mandela schaut zu dem Grundstück herüber. Ein Lächeln. „Wir verbringen Weihnachten zusammen“, erzählt sie, „Nelson erkundigt sich, wie die Kinder in der Schule abschneiden. Er weiß genau, was in Qunu passiert.“ Sie redet freundlich über den berühmten Verwandten, der für die Utopie der Regenbogennation steht. Aber auch ohne jenen Personenkult, der Mandela selbst oft unangenehm ist. Nonkumbulo wohnt nur 400 Meter von dem Alterssitz entfernt, aber sie hat kein einziges Bild von Nelson Mandela in ihrem Haus hängen. „Wir brauchen keine Fotos, wir können ihn doch besuchen“, sagt sie. Hier ist er der große Nelson, natürlich – aber eben auch einer von vielen. Die Mandela-Familie ist die größte von Qunu.

Zu ihr gehört Morris Mandela. Er sitzt auf einem alten Sessel in Haus Nummer 30143, die Nummer steht an der Wand des roten Backsteinhauses gepinselt. Eine genauere Adresse gibt es nicht, es liegt an einem zerklüfteten Feldweg: Morris Mandela, Nr. 30143, Qunu. Der Adoptivbruder von Nelson hat das traditionelle Leben gelebt, das der Ort vorgibt – anders als der um 14 Jahre ältere Mandela, der einst heimlich in Richtung Johannesburg aufbrach und das ländliche Ostkap hinter sich ließ.

Morris blieb so lange es ging. Dann  arbeitete er in einer Mine in Johannesburg, viele seiner 79 Jahre aber verbrachte er auf diesem Grundstück. Dünn sind die Arme, die Arbeit im Gemüsegarten fällt ihm immer schwerer. Mühsam war es schon immer in Qunu, wo es weder damals noch heute viel Arbeit gibt. Aber nun werden die Bewegungen langsamer, die Worte der anderen leiser. Auf einem Regal steht ein Pappkarton mit Martin Luther Kings Zitat: I have a dream, ich habe einen Traum. „Eine Enkeltochter hat es dort hingestellt“, erzählt Morris, „mir selbst war Politik immer fremd.“

Nelson Mandela hat das Haus vor 14 Jahren für seinen Bruder bauen lassen – auf dem Grundstück, auf dem beide aufwuchsen und wo er immer wieder seine Urlaube verbrachte. Ein solides, aber einfaches Heim mit alten Möbeln und einem flimmernden Fernseher. An der Wand hängt ein verblichenes  Bild von Nelson und seiner Frau Graca, er hat eines von Morris Kindern auf dem Arm. „Ich habe immer davon geträumt, dass sich Nelson nach seiner Freilassung in Qunu zur Ruhe lassen würde“, sagt Morris mit schwacher Stimme, „ein alter Mann sollte nach Hause kommen.“ Doch 21 Jahre vergingen. Nelson Mandela hatte eine Nation aufzubauen. Und die Welt beobachtete ihn dabei gebannt, voller Hoffnung.

Der aktuelle Präsident Jacob Zuma wird dafür kritisiert, dass sich sein Heimatort KwaNxamalala gerade in einem Tempo entwickelt, das um ein Vielfaches schneller ist als andere ländliche Gegenden des Landes. In Qunu wurden seit dem Ende der Apartheid einige neue Straßen und öffentliche Gebäude gebaut, auch ein Gemeindezentrum gibt es jetzt. Aber Mandela hat die Entwicklung seines Heimatortes nicht gegenüber der anderer bevorzugt.

Er ist müde, seine mahnenden Kommentare sind während der vergangenen Jahre immer seltener geworden. Die Familie behauptet, er habe sich von einer Schwächephase erholt, die ihn im Januar auf die Intensivstation und die Nation an den Rand einer Panik gebracht hat. Doch der 93-Jährige ist schwach, nur noch selten empfängt er für wenige Minuten offizielle Gäste wie zuletzt im Juni  die amerikanische First Lady Michelle Obama. Immer seltener ertönt seine unverwechselbare Stimme, das Gewissen der Nation.

Selten wäre sie nötiger gewesen als in diesen Tagen. Der Afrikanische Nationalkongress (ANC) präsentiert sich gleichermaßen uneffizient wie zerstritten und führungsschwach. Zusammen mit fünf anderen Jungpolitikern muss sich seit Dienstag der Jugendligachef der Partei (ANCYL), Julius Malema, vor einem Disziplinarausschuss verantworten. Er habe „dem Ansehen der Partei“ geschadet und „Zwiespalt gesät“ habe, so der Vorwurf. Eine sanfte Beschreibung für die Volksverhetzungen Malemas, der zuletzt offen zu einem Umsturz der „mit Imperialisten kooperierenden“ Regierung in Botsuana aufgerufen hatte – einem der afrikanischen Länder mit einer positiven Entwicklung.

Am Dienstag randalierten Hunderte ANCYL-Aktivisten vor der Parteizentrale „Luthuli House“ in Johannesburg gegen den drohenden Parteiausschluss des Populisten. Seit Anfang der neunziger Jahre, als die damaligen ANC-Feinde der Inkatha Freedom Party das Gebäude bedrängten, hat die Partei nicht mehr derartige Szenen erlebt. Journalisten wurden attackiert, das Großaufgebot der Polizei mit Steinen beworfen, T-Shirts mit dem aufgedruckten Gesicht von  ANC-Präsident Jacob Zuma verbrannt. Letzterer hat die Auseinandersetzung mit Malema über Jahre gescheut – und befindet sich auch jetzt im Ausland.

 Die Führungskrise Südafrikas offenbart sich auch in der Nominierung des unerfahrenen und wenig durchsetzungsfähigen Juristen Mogoeng Mogoeng als neuem Chef des Obersten Gerichtshofes. Die Opposition bangt um die unter der Präsidentschaft Mandelas eingerichtete Institution. Als Kontrollinstanz gehört sie angesichts der Stärke des ANC zu den wichtigsten Pfeilern der südafrikanischen Demokratie, gerade in Anbetracht einer Fülle von Korruptionsvergehen führender Politiker.

Es sind die großen Probleme der Nation, denen sich Mandela Zeit seines Lebens gewidmet hat. In Qunu hat er sich bei seinen Besuchen in seinem Alterssitz aber immer auch um die kleinen Probleme der Leute gekümmert. Die Menschen sind zu ihm gekommen. Und Mandela hat zugehört. Er hat oft gesagt, dass er sich zwischen dem westlich geprägten Stadtleben und dem auf afrikanischen Riten basierenden Alltag auf dem Land hin und her gezogen fühlt. In Qunu ist er ein wenig in der Rolle, die einst für ihn vorgesehen war: Lange bevor er in den fünfziger Jahren der erste dunkelhäutige Anwalt Johannesburgs wurde, sollte er „Chief“ werden – ein traditioneller Führer, der oft mehr als die staatliche Verwaltung zu sagen hat.

Eine solche Position hat Nokwanele Balizulu inne, seit 1996 ist sie eine der ersten Frauen an der Spitze eines südafrikanischen Dorfes. Ihr gehört der kleine offene Laden nur ein paar Hundert Meter von Mandelas Anwesen entfernt. Das Sortiment ist bunt gemischt, Tee und Reis, dazu Krawatten und Schirme. Und sie ist die Post: Vor der Hütte stehen 200 verschließbare Fächer.

Balizulu mag es nicht, wenn man allzu pessimistisch über Südafrika spricht. „Das Leben hat sich für uns alle verbessert“, sagt sie, „auch den ganz Armen wird geholfen, wir geben Decken und Essenspakete aus.“ Und sie habe Ideen für den Ort. „Wir werden die Landwirtschaft vorantreiben.“ Hier hat sie das Sagen, selbst Mandela brauchte das Einverständnis des „Chiefs“, als er sein Grundstück baute. Die bekam er natürlich, sein Wort zählt zu den obersten Instanzen des Landes.

Wenn er etwas sage, dann passiere es auch, hat Balizulu einmal bewundernd gesagt. Man wünschte, Mandela hätte in diesen Tagen die Kraft, seine Stimme zu erheben. Möglichst laut.

DIE WELT, 31. August 2011