„Die Menschen lassen sich nicht länger vertrösten“
Der Johannesburger Gelehrte Moeletsi Mbeki über Revolutionen im Süden Afrikas

Moeletsi Mbeki lebt von unbequemen Wahrheiten. Der 65-Jährige ist einer der bekanntesten politischen Analysten Südafrikas. Im Exklusiv-Interview mit der WELT spricht der Bruder des ehemaligen südafrikanischen Präsidenten Thabo Mbeki über sich abzeichnende Revolutionen, die Verantwortung der afrikanischen Elite an den Problemen des Kontinents und den globalen Wettlauf, in dem Afrika den Anschluss zu verlieren droht.
DIE WELT: Sie haben in ihrem ersten Buch die Position des Anklägers für Afrikas Politiker übernommen. Nun bietet ihr Bestseller „Advocates for Change“ (Anwälte des Wandels), dessen Umsetzung von der Hanns-Seidel-Stiftung unterstützt wurde, konkrete Lösungsansätze. Welche Rolle war die wichtigere?
Moeletsi Mbeki: Die beiden Bücher ergänzen sich. Viele Afrikaner waren regelrecht darauf versessen, die Ursache ihrer Probleme im Kolonialismus zu suchen. Es war sehr wichtig, den Menschen deutlich zu machen, dass Kolonialismus der Vergangenheit angehört. Unsere politische Elite hatte genug Zeit, die Situation zu ändern – wenn sie das gewollt hätten.
DIE WELT: Sie unterstellen Absicht?
Mbeki: Einige afrikanische Machthaber haben Angst vor zu viel Bildung, denn damit werden sie automatisch zunehmend hinterfragt. Aber ich meine eher Unvermögen. Südkorea etwa war bis zum Zweiten Weltkrieg japanische Kolonie. Anfang der sechziger Jahren hat sich das Land intensiv darum bemüht, seine Situation zu verändern. Vor zwei Jahren war ich dort – ich habe kaum ein Auto gesehen, das nicht in Südkorea gebaut worden ist. Das einzige ausländische Fahrzeug war ein Mercedes Benz, den der südafrikanische Botschafter gefahren ist (lacht.). Der Staat hat systematisch in eine wettbewerbsfähige Wirtschaft investiert – anders als die meisten afrikanischen Länder.
DIE WELT: Aber ist das überhaupt vergleichbar? Die meisten asiatischen Länder sind ethnisch homogener und haben geringere soziale Unterschiede.
Mbeki: Jedes Land hat seine eigene Geschichte. Unsere Gesellschaft ist multiethnisch – so ist es nun einmal, wir müssen einen Weg finden, die Ungleichgewichte der Vergangenheit zu beseitigen. Und das funktioniert nicht, ohne die Bildung der benachteiligten Gemeinschaften anzuheben. Sie müssen motiviert werden, ihre Fähigkeiten, Arbeitsethik und Produktivität zu verbessern. Wenn das passiert, können sie das gleiche Maß an Wohlstand erreichen. Aber wenn man ihnen wie derzeit in Südafrika erzählt, den Kuchen des anderen zu nehmen, werden am Ende alle arm sein.
DIE WELT: Sie spielen auf die Landreform in Simbabwe an.
Mbeki: Ja, dort hielt es Mugabe für die beste Lösung, den Besitz der weißen Farmer zu nehmen. Die Konsequenz war die Zerstörung der Wirtschaft.
DIE WELT: Südafrika gibt als größte afrikanische Volkswirtschaft über sechs Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für Bildung aus. Das ist im kontinentalen Vergleich der Spitzenwert – warum wirkt sich das nicht in Ergebnissen aus?
Mbeki: Weil der Afrikanische Nationalkongress (die Regierungspartei ANC, d.Red.) keine Management-Fähigkeiten hat. Jahrzehntelang galt der Fokus der Politik der Beendigung der Apartheid. Als dieses Unrechtregime beseitigt war, wurde die alte, von Weißen dominierte Administration entfernt und mit Mitarbeitern ersetzt, die nicht die entsprechenden Fähigkeiten und Erfahrungen hatten. Die Folge: Jedes Jahr beginnen 1,2 Millionen Kinder die Schule – und nur zehn Prozent schaffen am Ende die mittlere Reife. Das ist eine katastrophale Bilanz.
DIE WELT: Die rasche Reform der Verwaltung erscheint nach den Jahrzehnten der Unterdrückung emotional durchaus nachvollziehbar.
Mbeki: Aber aus entwicklungspolitischer Sicht war er Nonsens. Sie hätten die Beamten mit Fähigkeiten behalten sollen, damit diese die neuen Mitarbeiter entsprechend hätten ausbilden können. Nur so hätte das System weiter funktionieren können. Ich hätte den Weißen sogar mehr gezahlt und mehr Anreize gegeben, damit sie bleiben.
DIE WELT: Warum fehlt es in vielen afrikanischen Ländern an jungen Hoffnungsträgern in der Politik?
Mbeki: Weil es ein Job mit geringem Prestige geworden ist. Ein junger Absolvent eines Wirtschaftsstudienganges wird in Südafrika nicht in die Politik gehen, wo er Befehle von ungebildeten politischen Führern wie dem ANC-Jugendligachef Julius Malema ausführen muss.
DIE WELT: Umfragen unter jungen Afrikanern zeigen, dass die Politik noch immer als profitabelste Berufsoption gesehen wird.
Mbeki: Durch Korruption, ja. Aber warum sollten sich hoch qualifizierte Menschen auf dieses Risiko und Versteckspiel einlassen? In den wirtschaftlich stärksten Ländern haben wir einen großen privaten Sektor, entsprechend groß ist die Nachfrage nach den besten Leuten. Das sind die Jobs mit hohem Prestige. In Asien ist es übrigens anders, dort arbeiten herausragende Leute in den Regierungen. In China war es über viele Jahrhunderte eine der anspruchsvollsten Karrieren, ein hohes politisches Amt zu belegen. In Südafrika erlangt man hohe Positionen im Öffentlichen Dienst, weil man ein Freund von Präsident Jacob Zuma ist. Nicht wegen Fachwissen.
DIE WELT: Wie einflussreich sind Populisten wie Malema im ANC? Kann er Präsident werden?
Mbeki: Er hat zunächst einmal Einfluss auf die Minen-Industrie. Sie ist seit Jahren im Abwärtstrend, weil die Parolen der ANC-Gesangs-und-Tanz-Brigade ausländische Investoren abhalten. Aber ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass der ANC in zehn Jahren die Regierung Südafrikas stellen wird. Schon jetzt gab es interne Kämpfe. Kürzlich hat eine Zeitung Berichte über geheime Bankkonten von Malema gedruckt. Man muss sich doch fragen, wer diese Information weitergegeben haben könnte.
DIE WELT: Ihre Antwort?
Mbeki: Das wäre Spekulation. Aber es gibt so viele Probleme innerhalb der Partei, dass das oberste Interesse dem Erhalt des eigenen Jobs gilt.
DIE WELT: Es fehlt wie in vielen afrikanischen Ländern an einer zweiten starken Partei.
Mbeki: Es gibt immer eine Alternative. Und ich habe die Hoffnung, dass unsere Politik in einigen Jahren weit fortgeschrittener sein wird, in Form von wirklichen Mehrparteiensystemen. In Nordafrika bedurfte es keiner Politiker, um Mubarak aus dem Amt zu stoßen. Das waren die Bürger. In Südafrika lässt sich dieser Wille zum Wandel bereits auf Provinzebene beobachten. Die Menschen erheben sich gegen Korruption und mangelnde Regierungsleistungen. Der Staatsapparat reagiert mit Gewalt, was zu einer Eskalation führt.
DIE WELT: Sie vertreten eine interessante These: Die Revolutionen in Nordafrika wird sich spätestens im Jahr 2020 in Südafrika wiederholen werden, wenn mit dem Abschluss der aktuellen Industrialisierungsphase Asiens auch die Nachfrage nach Rohstoffen sinken wird.
Mbeki: Es könnte bereits eher passieren. Die Menschen sind zunehmend unzufrieden. Und die ANC-Regierung scheint die Polizei darauf vorzubereiten, die Bürger zu bekämpfen, anstatt das Problem zu lösen. Sie wandeln die Polizei in eine paramilitärische Kraft. Im April wurde in einer kleinen Stadt ein Demonstrant völlig unnötig von Polizisten zu Tode geprügelt. Diese Entwicklung könnte einen Flächenbrand auslösen.
DIE WELT: Haben die Proteste nach den Aufständen in Tunesien zugenommen?
Mbeki: Ja, aber nicht so sehr wegen Tunesien oder Ägypten. Eher wegen der Erkenntnis, dass der ANC nach 17 Jahren an der Macht seine Versprechen nicht eingelöst hat. Zuma ruft zur Geduld auf, aber er selbst wartet nicht und lässt sich ein riesiges Anwesen für seine Großfamilie (drei Frauen, 21 Kinder, d.Red.) bauen. Die Menschen in Afrika lassen sich nicht länger vertrösten.
DIE WELT: In Subsahara-Afrika gab es nur wenige Ansätze von Revolutionen, die mit denen im Norden vergleichbar gewesen wären. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Mbeki: Die Revolutionen finden derzeit vor allem in Ländern mit mittlerem Einkommen statt. Das heißt, der Anteil der Bevölkerung mit Zugang zu gehobener Bildung, politischem Interesse und Zugang zum Internet ist größer. In Subsahara-Afrika sind nur Südafrika und Mauritius Länder mittleren Einkommens. Alle anderen Länder haben nicht das Niveau sozialer Entwicklung und Zivilgesellschaft, das wir in Nordafrika sehen. Selbst auf Südafrika trifft diese Übereinstimmung nur statistisch zu, da die Gesellschaft überwiegend aus Menschen mit hohem und niedrigem Einkommen besteht, woraus sich der Eindruck eines Landes mittlerer Kaufkraft ergibt.
DIE WELT: Sie zeichnen ein recht düsteres Bild über den Zustand des Kontinents. Länder wie Ghana aber haben in den vergangenen Jahren ihre Schulden deutlich reduziert und das Bruttoinlandsprodukt erheblich gesteigert.
Mbeki: Nein, ich zeichne ein realistisches Bild. Die entscheidende Frage ist doch, wie viel Geld bei den Menschen ankommt. In Ghana explodiert das Bruttoinlandsprodukt förmlich, weil vor einigen Jahren Öl entdeckt wurde. Aber das sind fiktive Zahlen, weil sich das tatsächliche Pro-Kopf-Einkommen der breiten Masse kaum verändert.
DIE WELT: Es fällt auf, dass es vor allem kleinere Länder wie Botsuana, Ruanda und Mauritius sind, die sich in Afrika zuletzt positiv entwickelt haben. Woran liegt das?
Mbeki: In kleinen Ländern ist die Chance auf Rohstoffreichtum begrenzt. Ihre Führer müssen kreativer sein, während flächenmäßig Länder wie der Kongo, Südafrika oder Nigeria von ihren Bodenschätzen leben. Südafrika allein hat über 80 verschiedene Mineralien. Das garantiert zumindest für eine Minderheit Einkommen und somit auf Jahrzehnte hinaus einen für internationale Firmen attraktiven Konsummarkt. Aber für die Entwicklung der breiten Masse ist das verarbeitende Gewerbe entscheidend. Ein Beispiel: Die Autofirmen, die in Südafrika Werke haben, müssen zum Beispiel Stahl importieren, weil nicht in Stahlwerke investiert wurde. Dabei sind alle Bestandteile hier.
DIE WELT: Wie viel Zeit bleibt Afrika, um im globalisierten Wirtschaftswettbewerb nicht den Anschluss zu verlieren?
Mbeki: Nicht viel. Ich war vor drei Jahren bei einem Jahrestreffen der Afrikanischen Entwicklungsbank, das interessanterweise in Shanghai stattfand. Der Finanzminister Kenias beschwerte sich bitter bei dem Chef der chinesischen Zentralbank, dass Produkte aus Chinas den heimischen Markt zerstören würden. Der Banker hörte sich das eine Weile an. Eigentlich wollte er schweigen, dann antwortete er doch. Heute verlagert sich die chinesische Industrie von der Küste ins Landesinnere, weil die Lohnkosten sehr hoch geworden sind, erzählte er. Einige Industrien ziehen weiter nach Vietnam und Bangladesch, weil China ein zu teurer Standort geworden ist. Wenn ich Sie wäre, sagte er zu dem Politiker, würde ich mich auf den Tag vorbereiten, an dem diese Industrien in Kenia ankommen.