01.11.2011

Die letzten Schüler von Robben Island

Die Bewohner der ehemaligen Gefängnisinsel. Sie kämpfen gegen die Schließung ihrer Grundschule – und die Kommerzialisierung der südafrikanischen Geschichte

Siya Moyi fällt nicht groß auf im Heer der Touristen. Es ist nicht einmal acht Uhr, sein Wecker im Kapstädter Armenviertel Langa klingelte schon vor zwei Stunden. Müde sitzt der 14-Jährige auf einem Fensterplatz der Sikhululekile-Fähre, die Hand stützt den Kopf. Seine Ärmel sind zu kurz, längst ist er aus der blau-weißen Schuluniform ge-wachsen. Auf Flachbildschirmen flimmern Schwarz-Weiß-Bilder über die Geschichte von Robben Island – jene wohl berühmteste Gefängnisinsel überhaupt, auf der Nelson Mande-la 18 seiner 27 Jahre in Gefangenschaft verbringen musste. Moyi schaut nicht hin. Für ihn ist die 30-minütige Schifffahrt kein touristischer Ausflug zum Schauplatz von Apartheid-Verbrechen. Es ist der Schulweg. Noch ein paar Wochen.

Denn auf Südafrikas Museumsinsel wird derzeit ein erbitterter Kampf zwischen Kultur und Kommerz ausgetragen, in dessen Zentrum die Schließung der Schule steht. Rund 150 Menschen leben auf Robben Island, zwölf Kilometer vor der Küste von Kapstadt. Ihre Existenz gerät immer mehr zur Randerscheinung im Trubel der bis zu 1800 Touristen, die täglich mit der riesigen Fähre übersetzen. Im Eilverfahren werden sie durch das dunkelste Kapitel der südafrikanischen Geschichte gefahren, kaufen danach Robben-Island-Kühlschrank-Magneten und bezahlen bei ihrer Rückkehr Fotos, die auf der Insel Schnapp-schussfotografen von ihnen gemacht haben. Gerade werden mehrere Häuser renoviert, damit ab dem kommenden Jahr Dutzende Besucher auf Robben Island übernachten kön-nen. Eine Insel ist eine Marke, mit der sich glänzend Geld verdienen lässt.

Eine öffentliche Schule scheint da nicht so recht ins Konzept zu passen. Die Fähre legt an, Siya Moyi steigt über den Steg auf die Insel. Links, etwas abseits der beiden Touri-stenbusse, steht ein kleineres Fahrzeug, das ihn und ein Dutzend anderer Kinder in die Robben Island Grundschule bringt. „In ein paar Wochen verliere ich meine Freunde auf der Insel, das macht mich sehr traurig“, sagt Moyi. Seine Eltern haben ihn vor drei Jahren hierhergeschickt, auch wenn der Schulweg knapp drei Stunden dauert. Auf Robben Island gebe es weniger Schüler und weniger Kriminalität als in Langa, sagen sie. Siya hat seit-dem kaum einen Tag verpasst.

Auf einer Bank vorne im Bus sitzt Theta Sithole, der Leiter der Robben Island Primary School. Lange war er der einzige Lehrer, inzwischen kümmert sich noch eine Kollegin mit ihm um die 19 Kinder, von denen nur vier zu den Bewohnern der Insel gehören. Nach-denklich wirkt er, erschöpft. Er hat alles probiert, die Schule zu retten, es gab Unterstüt-zung von Umweltorganisationen und Firmen. Vergeblich, die Entscheidung steht. Seine Schule schließt am 31. Dezember ihre Pforten. „Das Hauptproblem ist der Kommerz“, sagt er, „das Management will die Schule, die Post und die Klinik der Insel schließen und ver-gisst dabei, dass Robben Island nur mit all seinen Aspekten den Status eines Weltkultur-erbes bekommen hat.“

Während der Apartheid lernten hier die Kinder der Gefängniswärter, seit 1994 sind es vor allem die Kinder von Mitarbeitern des Museums und der Verwaltung, die in dem über 100 Jahre alten Gebäude das Alphabet lernen. Sogar ehemalige politische Gefangene schickten ihre Kinder schon hierher. Die Schließung ist zum Symbol eines tiefer schwe-lenden Konflikts geworden: Wie viel Kommerz kann die Würde dieses Ortes verkraften? „Die Schule gehört untrennbar zu Robben Island, man kann nicht einfach Geschichte aus-löschen“, antwortet John Links, der für die Instandhaltung der Gebäude auf der Insel zu-ständig ist und an diesem Morgen einige Fenster reparieren soll. Früher gingen seine bei-den Kinder hier in den Unterricht, erst als sie die Grundschule beendet hatten, zog er aufs Festland. „Für die Museumsleitung ist es nur ein Geschäft. Da ist kein Gefühl, keine Liebe – nichts.“

Schulleiter Sithole ist sich sicher, dass die Museumsleitung beim Bildungsministerium darauf gedrängt hat, die Schule zu schließen. „Ich weiß, dass es so war.“ Man wolle das Geld für die tägliche Überfahrt der Kinder sparen, außerdem gebe es Pläne, das auf einer kleinen Anhöhe gelegene Haus künftig als Restaurant zu nutzen.

Museumsdirektor Sibongiseni Mkhize widerspricht entschieden. „Wir haben noch keine Pläne für die künftige Nutzung“, sagte er der WELT, „unter meiner Führung wird es hier keine kommerzielle Nutzung geben, die mit den Statuten eines Weltkulturerbes unverein-bar sind. Wahrscheinlich ist eine Nutzung als Bildungsstätte allgemeiner Art.“ Das kleine Krankenhaus werde „definitiv“ weiter existieren, die Zukunft der Post werde derzeit disku-tiert. Und überhaupt: Die Schließung der Schule sei „alleine die Entscheidung des Ministe-riums“ gewesen.

Das bestätigt der Sprecher des Westkap-Bildungsministeriums, Paddy Attwell: „Der Hauptgrund ist, dass es zu wenige Schüler gibt. Wenn 15 Schüler über sieben Schuljahre verteilt sind, müssten zwei Lehrer theoretisch jeweils 14 Stunden am Tag geben, um den Lehrplan einzuhalten. Und es gab oft Unterrichtsausfall, wenn es zu stürmisch war, um auf die Insel zu fahren.“

Zudem sei Robben Island kein Einzelfall. Die Provinz versucht nach und nach, alle Schulen mit weniger als 30 Schülern zu schließen. In diesem Jahr seien es insgesamt neun, „aber dafür eröffnen wir auch elf neue“. Südafrika hat fraglos dringenden Bedarf an einem effektiveren Bildungssystem. Das Land gibt beinahe sieben Prozent seines Brutto-inlandsprodukts für Bildung aus, mehr als jedes andere Land Afrikas – die Schulleistungen des wirtschaftsstärksten Landes des Kontinents aber sind nicht einmal durchschnittlich.

Handlungsbedarf entsteht vor allem durch die Landflucht. Schon jetzt wohnt jeder drit-te Afrikaner in einer Stadt, nach Angaben der UN-Agentur Habitat wird sich dieser Anteil innerhalb der nächsten zwanzig Jahre auf 50 Prozent erhöhen. Und so liegen auch in Südafrika die meisten betroffenen Schulen auf dem Land, was die Infrastruktur für die ver-bliebenen Bewohner weiter verschlechtert.

Die Schließung der Robben Island Grundschule erregt die Gemüter jedoch besonders. Es gab Bürgerversammlungen mit wütenden Diskussionen, Umweltorganisationen prote-stierten, schließlich hat die Schule den Status einer „Eco-School“, wo besonderen Wert auf die Lehre von Biologie und Umweltschutz gelegt wird. Selbst Unternehmen wie der deutsche Softwarehersteller SAP spendeten zuletzt für den Erhalt der Schule – verge-bens.

Es sei nachvollziehbar, dass die Robben Island Grundschule besondere Emotionen wecke, gibt Ministeriumssprecher Attwell zu. „Aber unser Hauptaugenmerk gilt der Qualität der Ausbildung.“ Diesen indirekten Vorwurf lässt Schulleiter Sithole nicht auf sich sitzen: „Wir haben viele Absolventen, die inzwischen studiert haben. Die Basis dafür wurde hier gelegt.“ Und auch John Links lobt die Qualität der Schule: „Meine Kinder bringen auf der Highschool (Gesamtschule, d.Red.) hervorragende Leistungen. Das wäre ohne diese Schule doch gar nicht möglich.“

Sie seien stolz gewesen, auf der Insel gelernt zu haben. Und das ist auch Siya Moyi; „Ich finde es unfair, dass die Schule schließt. Wir fühlen uns hier sehr wohl.“ Es gibt keine Schulklingel, diese Funktion übernimmt der Bus, der täglich um Punkt 14.30 Uhr vorfährt und die Kinder zur Fähre bringt. Siya läuft hinunter und fährt die 1000 Meter zu dem Steg zurück. Erst wenn alle Touristen an Bord sind, darf er einsteigen. Er setzt sich an seinen Fensterplatz ganz vorne, da sitzt er immer.

Auf dem Bildschirm flimmern wieder Bilder von Nelson Mandela. Der erste demokra-tisch gewählte Präsident des Landes, hatte bei einem Besuch vor ein paar Jahren gesagt, diese Schule dürfe niemals geschlossen werden. Sein Wort ist normalerweise stärker als jedes Gesetz in Südafrika. Diesmal nicht.

 

Erschienen in Die Welt, 31. Oktober 2011