23.08.2018

Die Blutschwestern

Die Südafrikanerin Eileen de Jager, 34, hat mir ihrer Schwester über 2000 Tatorte gereinigt - angeblich auch das Haus von Oscar Pistorius.

Eileen de Jager (re.) mit ihrer Schwester Roeleen Schotte

Die Tasse irritiert. Auf das Porzellan ist rote Farbe gedruckt, so dass es aussieht wie Blut, das langsam in Richtung des Firmen-Logos von „Crime Scene Clean Up“ zu fließen scheint, der größten Firma für die Reinigung von Tatorten in Südafrika. Eileen de Jager brauche noch etwas, hatte die Sekretärin gesagt, die Chefin müsse noch einen Termin mit einer Mitarbeiterin in Durban absprechen. „Einen Kaffee in der Zwischenzeit?“

 

Ach die Tassen, sagt de Jager als sie schließlich den Besucherraum betritt. Ein Mitarbeiter habe sie anfertigen lassen und ihr geschenkt, das sei natürlich kein Werbegeschenk oder so. „Wir verwenden sie nur hier im Hauptquartier“, sagt die 34 Jahre alte Südafrikanerin, „das ist unsere Art, mit dem Stress umzugehen.“ 2013 Tatorte hat sie in den vergangenen 14 Jahren gereinigt, so viele wie niemand in Südafrika. An diese Zahl reicht lediglich ihre Schwester Roelien Schotte, 33, heran, mit der sie die Firma einst gegründet hat.

 

Wohl nur wenige Menschen erleben die dramatische Kriminalitätsproblematik des Landes so intensiv wie de Jager. Ihre Firma, so berichtete die südafrikanische Zeitung „Pretoria News“, war auch mit der Reinigung von Oscar Pistorius’ Haus beauftragt, nachdem dieser vor einem halben Jahr seine Freundin Reeva Steenkamp erschossen hatte.

 

Am Montag wird sich das Magistratsgericht in Pretoria damit beschäftigen, ob die Schüsse am Valentinstag in die Mordstatistik des Landes eingehen werden, oder ob es sich, wie von Pistorius behauptet, um ein tragisches Versehen handelte. Es ist die dritte gerichtliche Anhörung in dem Fall, voraussichtlich wird der Beginn des Prozesses festgelegt.

 

Entsprechende Informationen hat zumindest einer von Pistorius’ Anwälten, Kenny Oldwage, verbreitet. Der Prozess werde Anfang März nächsten Jahres beginnen und binnen weniger Wochen beendet werden, sagte er. Die Ermittlungen sind abgeschlossen, der beinamputierte Leichtathletik-Star wird sich womöglich nicht nur wegen vorsätzlichen Mordes und dem illegalen Besitz von Munition verantworten müssen, sondern auch wegen zwei Fällen von fahrlässig abgegebenen Schüssen.

 

Der südafrikanische Fernsehsender „Eyewitness News“ berichtete, die Staatsanwaltschaft wolle Pistorius wegen eines Schusses belangen, den er einige Wochen vor dem Tod von Steenkamp in einem Restaurant abgegeben habe. Damals wurde niemand verletzt. Der Vorfall ist schon länger bekannt, neu ist allerdings die angebliche Zeugenaussage von Pistorius Ex-Freundin Samantha Taylor. Sie hat offenbar eine eidesstattliche Erklärung abgegeben, der zufolge Pistorius einen Schuss durch das Schiebedach ihres Autos abgefeuert habe, während sie gefahren sei. Der 26-jährige Paralympics-Star ist derzeit gegen eine Kaution von 84.000 Euro auf freiem Fuß.

 

Kurz vor der letzten Anhörung im Juni hatten Fotos des blutverschmierten Tatorts, die der TV-Sender „Sky News“ veröffentlicht hatte, die Nation verstört. Für Eileen de Jager sind sie Alltag. Es gab Wochen, da hat sie sechs oder sieben Tatorte pro Woche gereinigt. Ihr Büro liegt unscheinbar in einem Industriegebiet von Pretoria, sie teilt sich das Gelände mit Firmen für Schaltanlagen und Geflügelzuchtmaschinen. Eine Firma, die man nur findet, wenn man sie braucht. Auf Werbung verzichtet de Jager, seit es nach einem Fernsehspot Beschwerden gegeben hat.

 

„Bloedsusters“ steht auf dem Fenster neben der Eingangstür. Das ist Afrikaans, übersetzt bedeutet es: „Blutschwestern“. Drinnen ist es penibel sauber. Hinten ist ein großes Bürozimmer und ein Trainingsraum, in dem de Jager Schulungen organisiert. An der Wand hängt eine Auszeichnung der Berufsvereinigung, daneben gerahmte Fotos der Schwestern in Schutzkleidung.

 

Sie lächeln auf dem Foto. „Wir machen diesen Job mit Leidenschaft“, sagt de Jager, eine kräftige Mutter von zwei Kindern, die rasant zwischen Ernsthaftigkeit und erstaunlicher Fröhlichkeit wechseln kann, „die Tat, sei es Mord, Selbstmord, Einbruch, Totschlag, verursacht allein schon so viel Trauma. Wir ersparen ihnen wenigstens die Reinigung. Die Dankbarkeit, die wir dafür bekommen, ist unglaublich.“ Zudem sei der Job zu anspruchsvoll für Laien. Jedes Team hat einen Auto-Anhänger mit Spezialausrüstung wie zum Beispiel zehn verschiedene Chemikalien, um mögliche Infektionsgefahren auszuschließen.

 

In England, wo sie 1990 zur Finanzierung ihres Studiums die ersten Tatorte reinigte, garantiert der Staat für die Reinigung. In Südafrika müssen das viele Familien selbst organisieren. Die Polizei kümmert sich nicht darum, und nur wenige wissen, dass es spezialisierte Firmen gibt. Die beiden Schwestern sahen nach ihrer Rückkehr den Mangel und gründeten die Firma – zum Entsetzen des Vaters, einem Arzt, dem die Töchter ihren Studienjob über Jahre hinweg verschwiegen hatten.

 

Die Bilder des ersten Auftrags wird de Jager nie aus ihrem Kopf bekommen. Eine Freundin hatte erzählt, man könne deutlich mehr als in der Fabrik verdienen. Ein paar Tage später wurde de Jager eingearbeitet, eine Mutter hatte Selbstmord begangen, indem sie sich die Pulsadern aufgeschnitten hatte. „Es war surreal, das viele Adrenalin in meinem Körper hat alles unwirklich wirken lassen“, sagt de Jager, „ich weiß nicht, warum ich danach weiter gemacht habe. Es ist wohl eine Berufung.“

 

Dabei hat der ungewöhnliche Job in den ersten Jahren schlimme Auswirkungen auf ihr Leben gehabt. „Man wird paranoid, komplett paranoid“, erzählt sie, „ich habe meinen Kindern nicht mehr erlaubt, aus dem Haus zu gehen, weil ich es für zu gefährlich hielt. Ich habe sie nicht alleine gelassen, weder bei unserer Haushaltshilfe, noch bei Freunden. Meine Schwester wurde ein Hygienefreak, wusch sich die Hände zwanghaft immer wieder.“ Es ist diese Paranoia in Südafrika, auf der Pistorius’ Verteidigung aufbaut. Er hat ausgesagt, Steenkamp irrtümlich für einen Einbrecher gehalten zu haben.

 

Einmal reinigten die Schwestern eine Farm in der Nähe von Pretoria, auf der drei Menschen getötet worden waren. Das Haus war verwüstet, die Bewohner hatten erheblichen Widerstand geleistet – in vielen Zimmern gab es Blutflecken. Die Schwestern putzten 41 Stunden lang am Stück. Man sei in einem Tunnel, sagt de Jager, man könne erst aufhören, wenn die Aufgabe erledigt sei.

 

Sie hat ihre eigenen Mechanismen gefunden, um derartige Situationen zu verarbeiten. „Die Grundregel ist, über alles, nur nicht den Ort selbst zu sprechen“, sagt de Jager, „wir reden über unsere Kinder, die Haustiere, Urlaub. Alles, nur nicht über das, was man sieht.“ Die Schwestern haben gelernt, Familienbilder an der Wand zu ignorieren. Sobald das Verbrechen ein Gesicht bekommt, brennt es sich ins Gedächtnis ein.

 

Inzwischen hat sich ihr Leben etwas normalisiert. Sie wohnt sicherer als die meisten Südafrikaner, in einer Siedlung mit Eingangskontrolle für Besucher, elektrischem Zaun auf hohen Mauern, Sicherheitsdienst und zwei Hunden, die beißen können, wenn es sein muss. „Aber es ist kein Gefängnis“, betont de Jager eilig. Sie lasse den Kindern nun mehr Freiraum, genieße das Leben wieder mehr. Sie liebe Südafrika, sagt de Jager, „die Sonne, die Menschen, die Natur, ich könnte nirgendwo anders leben“.

 

Doch es ist ein täglicher Kampf gegen die Erschöpfung, die Versuchung, einfach aufzugeben, etwas anderes zu machen. Besonders wenn sie die Wut überkommt angesichts der oft schlampigen Polizeiarbeit. Und wenn sie geschönte Statistiken liest. De Jager glaubt nicht daran, dass die Zahl der Morde beständig fällt, wie es die Regierung seit Jahren schon vermeldet.

 

Vor kurzem war sie bei einer Konferenz zum Thema Farmmorde. Dort hieß es, es seien laut offizieller Statistik im Vorjahr 72 Morde auf südafrikanischen Farmen verübt worden. De Jager meldete sich zu Wort: „Wir haben allein im Großraum Johannesburg 88 gereinigt.“