04.06.2018

Das Martyrium der Kinderbraut Noura Hussein

Noura Hussein wurde wie Hunderttausende Mädchen im Sudan als Kind verheiratet. Bei der zweiten Vergewaltigung ihres Mannes stach die 19-Jährige zu – und wurde wegen Mordes zum Tode verurteilt

Die Männer – ein Bruder, ein Onkel und ein Cousin ihres Ehemanns – fragten, ob sie ihre Tage habe. Als Noura Hussein verneinte, drückten sie das 18 Jahre alte Mädchen auf das Bett, hielten die Sudanesin fest, bis ihr Mann mit der Vergewaltigung fertig war.

Es war der achte Tag, nachdem ihre Familie sie gezwungen hatte, bei ihm einzuziehen. Zur Heirat mit dem entfernten Cousin war sie schon drei Jahre zuvor gezwungen worden, da war sie gerade einmal 15. Nun, nach dem Ende ihrer Schulzeit, bestand er auf seine vermeintlichen Rechte.

Am neunten Tag versuchte es der Mann wieder. Diesmal war er alleine, und diesmal trug Hussein ein Messer bei sich. Sie drückte ihn von sich. Als er nicht von ihr abließ, stieß sie zu. Einmal. Noch einmal. Dann rannte sie zu ihrer Familie.

Ein Jahr ist vergangen, und Hussein wartet in einem Gefängnis der sudanesischen Großstadt Omdurman auf den Vollzug der Todesstrafe. Sie wurde Anfang Mai verhängt. Der Ehemann war an seinen Verletzungen gestorben, das Urteil des zuständigen Richters lautete Mord ersten Grades, laut sudanesischem Recht Mord in einem besonders schwerwiegenden Fall. Am Freitag haben ihre elf Anwälte beantragt, den Prozess vor einem höheren Gericht neu aufzurollen.

Der Fall verdeutlicht die katastrophale Menschenrechtslage im Sudan mit seinen 40 Millionen Einwohnern. Besonders für Frauen. Sie dürfen bereits ab dem zehnten Lebensjahr verheiratet werden. Davon wird allzu oft Gebrauch gemacht, jedes dritte Mädchen wird vor ihrem 18. Geburtstag zur Braut.

Offiziell muss dafür, wie es islamisches Recht vorsieht, das Einverständnis des Mädchens vorliegen. In der Praxis aber achtet der zuständige Imam nur darauf, dass die Unterschrift des Vaters vorliegt. Der Sudan gehört zu den ärmsten Ländern der Welt, auch Husseins Familie stammt aus einfachen Verhältnissen. Sie kassierte eine Brautablöse und musste nicht mehr für den Lebensunterhalt der Tochter aufkommen. Durchschnittlich haben Frauen in dem nordostafrikanischen Land 4,4 Kinder, was weltweit eine enorm hohe Zahl bedeutet, laut Weltbank auf dem Kontinent aber nur einen mittleren Wert darstellt.

Bis zur Urteilsverkündung blieb Husseins Schicksal weitgehend verborgen. Im Sudan gibt es keine freie Presse, was angesichts der Vita von Präsident Umar al-Baschir wenig überrascht: Gegen ihn liegt ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs wegen Völkermordes und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor. Erst nach dem Urteil drang die Nachricht in den vergangenen Wochen durch.

Sie sei „schockiert“, teilte die Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe, Bärbel Kofler (SPD), mit. Sie forderte den Sudan auf, „die Praxis der Zwangsheiraten zu beenden und die, die diesem Risiko ausgesetzt sind, zu schützen“.

Die Vereinten Nationen bilanzierte, der Fall bringe „Diskriminierung und Gewalt, darunter sexuelle Gewalt, gegen Frauen und Mädchen im Sudan in den Fokus“. Die Stellungnahme der Europäischen Union (EU) kommt in unangemessen diplomatischer Zahmheit daher: Die Delegation im Sudan betonte „ihre konsequente Ablehnung der Todesstrafe“, die eine „ernste Verletzung der Menschenrechte“ darstelle. Zu diesen Menschenrechten würde auch das Einverständnis beider Partner bei der Eheschließung zählen.

Der Staatenbund muss sich nicht nur in diesem Fall fragen lassen, ob es dem Sudan angesichts seiner strategischen Bedeutung bei der Eindämmung der Flüchtlingsströme zu zahnlos begegnet. Seit dem Jahr 2015 flossen nach Angaben des von den UN mitfinanzierten Informationsdienstes IRIN 170 Millionen Euro EU-Direktzahlungen an die Regierung des Sudans, überwiegend für die Regulierung der Migration.

Seit den ersten Zahlungen setzt al-Baschir dem Bericht zufolge ehemalige Mitglieder der berüchtigten Dschandschawid-Miliz ein, um Flüchtlinge und Migranten aus ostafrikanischen Ländern wie Äthiopien oder Eritrea zu verhaften und an die Polizei zu übergeben. Auch das ist einer der Gründe, warum die Flüchtlingszahlen aus Afrika weit geringer sind als noch vor zwei Jahren.

Noura Hussein verdankt es vor allem Aktivisten, dass ihr Fall international bekannt wurde und Sudans Regierung unter Druck steht. Zum Beispiel Hala Ibrahim. Auch sie stammt aus dem Sudan, auch sie ist 19 Jahre alt. Doch vor zehn Jahren zogen ihre Eltern in das liberale Kenia. Sie arbeitet bereits als kommerzielle Pilotin, erzählt sie am Telefon, und ein Ehemann ist noch nicht in Sicht: „Ich werde ihn mir eines Tages selbst aussuchen.“

Von Nairobi aus hilft sie Hussein, die von ihrer Familie verstoßen wurde. Ibrahim organisierte eine Demonstration in einem Park und ist eine der Erfinderinnen des Hashtags #JusticeforNoura, der auf Twitter Tausendfach geteilt wurde – unter anderem von dem britischen Model Naomi Campbell. Angst hat sie keine: „Wenn ich eine Ungerechtigkeit erlebe, dann kann ich nicht still danebenstehen.“

Am Mittwoch traf sich Ibrahim mit einem Menschenrechtsanwalt, der Hussein im Gefängnis besuchen durfte. „Sie glaubt wieder daran, dass sie leben wird“, sagt Ibrahim, „sie bekommt die internationale Unterstützung mit, das gibt ihr Hoffnung.“

Hussein sei nach ihrer Verhaftung zu einem Geständnis gezwungen worden, berichtet die Aktivistin. Wenn sie nicht aussage, dass sie den Mann im Schlaf erstochen habe, werde man sie nackt über die Straße führen, hätten die Polizisten gedroht. Darauf habe das Urteil basiert. Nach sudanesischem Recht hätte die Familie des Getöteten die Todesstrafe in eine Geldstrafe in Höhe von umgerechnet rund 1500 Euro umwandeln können. Sie lehnte ab.

„Wir hoffen, dass sich die Familie des Ehemannes umstimmen lässt. Sonst muss Noura von Präsident al-Baschir begnadigt werden. Er hat keine andere Wahl, alle Welt schaut auf den Sudan“, sagt Ibrahim, „wir sagen nicht, dass sie bedingungslos freigelassen wird, schließlich ist ein Mensch getötet worden. Aber das Urteil muss unter Berücksichtigung der Umstände getroffen werden.“ Sie glaube, dass das Jahr in Haft Strafe genug war – eine Einschätzung, die viele ihrer Generation teilen würden.

Zurückkehren in ihre Heimat Sudan möchte die junge Pilotin nicht, zu sehr genießt sie die Freiheit in Kenia. „Der Sudan bewegt sich nach hinten. Mädchen werden wie Eigentum behandelt, die Väter haben zu viel Macht“, sagt sie. Ihr sei in den vergangenen Wochen bewusstgeworden, welch großes Glück sie hat.