Di, 16.03.2010

Starre Barrieren

Die Wirtschaftskooperation afrikanischer Länder kommt nur langsam in Fahrt

Es war wenig überraschend die Regierung Simbabwes, die an den 125. Jahrestag der Berliner Konferenz bereits vor elf Tagen erinnerte. Das Treffen von Ministern der Europäischen Union, bei dem die Sanktionen gegen das Land wegen anhaltender Menschenrechtsverletzungen um ein Jahr verlängert wurden, sei „ein Rückschritt ins Jahr 1885“ gewesen, hieß es in dem Staatsorgan „Herald“. Schließlich habe Simbabwe wie damals der Kontinent „nicht die Chance zugesprochen bekommen, seinen Fall darzulegen“.

 

Noch immer wird der 26. Februar 1885 zur Erklärung unwillkommener Ereignisse herangezogen – jener Abschlusstag der Berliner Konferenz, bei der die Kolonialmächte einer Einladung von Reichskanzler Bismarck nach Berlin folgten und deren Vereinbarungen eine elementare Grundlage für die Aufteilung Afrikas in Kolonien bildete. Weit über 1000 kulturell verschiedene Völker wurden durch die willkürlich gezogenen Grenzen getrennt oder – weit wichtiger – zu künstlichen Staatsgebilden zusammengefasst.

 

Es entstand ein System, „das damit fortfährt, Afrika zu töten“, schreibt das pan-afrikanische Magazin „The African“ in seiner aktuellen Titelgeschichte, und weit nicht zu unrecht auf die angolanische Exklave Cabinda hin, die vom Kongo umschlossen wird. Ein Anschlag auf Togos Fußballteam in der um Unabhängigkeit strebenden Provinz, deren Bewohner von ihrer ethnischen Abstammung mit Angola wenig zu tun hat, machte den Konflikt im Januar deutlich.

 

Man dürfe die Folgen der Kolonialisierung und auch des Neokolonialismus von Ländern und Unternehmen der Ersten Welt nicht kleinreden, sagt Andreas Eckert, Professor für die Geschichte Afrikas an der Humboldt Universität Berlin, „aber die damals gezogenen Grenzen gehören nicht zu den hervorstechendsten Problemen des heutigen Afrikas“. Zumal sie nach dem Ende der Kolonialzeit zumeist stabil blieben und heute vor allem auf wirtschaftlicher Ebene verteidigt werden: „Der Kontinent vergibt mit seinem hoch reglementierten innerafrikanischen Handel eine große Chance auf ökonomischen Fortschritt.“

 

Laut Studien der Weltbank beläuft sich das Handelsvolumen afrikanischer Staaten innerhalb des Kontinents auf nicht einmal zehn Prozent. Dabei gibt es rund ein Dutzend Wirtschaftsgemeinschaften, teilweise seit Jahrzehnten schon – sei es der gemeinsame Markt des östlichen und südlichen Afrikas COMESA, die Entwicklungsgemeinschaft SADC im Süden Afrikas oder die ostafrikanische Gemeinschaft EAC.

 

Doch die Zölle, für viele Staaten eine der wichtigsten Einnahmequelle, sind die teuersten der Welt und die logistischen Kosten immens: ein Container von Mosambik nach Uganda kann genauso viel wie nach Asien kosten, verbunden mit teilweise tagelangen Wartezeiten an den Grenzen. Die viel kritisierten Handelsbarrieren in Industrienationen, die Afrika wichtige Marktanteile kosteten, gelten auch vor der Haustüre.

 

„Viele der Zusammenschlüsse verhandeln außerhalb von Afrika vehement über Freihandelsabkommen Vereinbarungen mit den unmittelbaren Nachbarn aber bleiben Lippenbekenntnisse“, sagt Thembinkosi Dlamini vom südafrikanischen Demokratie-Institut Idasa. Denn die Intensivierung des innerkontinentalen Handels wird in schöner Regelmäßigkeit vermeldet. Die EAC ist eine Zollunion, die SADC ist formal eine Freihandelszone. Vor 15 Monaten vereinbarte der Block sogar mit EAC und COMESA, auf eine gemeinsame Freihandelszone hinzuarbeiten. Sie würde über die Hälfte des Kontinents abdecken.

 

„Sie einigen sich feierlich auf einen Abbau der Handelsschranken und vergessen dann die Umsetzung“, sagt Dlamini, „die Probleme innerhalb der Blöcke sind so groß, dass darauf die Konzentration liegen muss, bevor der Kontinent zusammenrücken kann.“ Manchmal hapere es an der Umsetzung, manchmal aber auch neben komplizierten Quotensystemen an ganz profanen Problemen: „An den Grenzen zu Mosambik gibt es die meisten Zollformulare nur auf Portugiesisch, die Beamten sprechen keine andere Sprache“, so der Analyst.

 

Das jetzige restriktive System fördert anstelle von Staatseinnahmen Korruption, die bis in hohe Verwaltungsebenen reiche: „Bei derart hohen Bestimmungen sucht sich der informelle Handel seinen Weg.“ Nach einer Studie der US-Behörde für internationale Entwicklung kostet eine LKW-Fahrt von Ghanas Hafenstadt Tema in Malis Hauptstadt Bamako (1800 Kilometer) durchschnittlich 155 US-Dollar Bestechungsgeld und Wartezeit von insgesamt sieben Stunden an Kontrollepunkten.

 

Immer wieder bremst auch die Aussicht auf Profit den Elan der Akteure, so dass sich manche die Frage nach der Lukrativität der Nachbarnationen stellen. „Viele Märkte sind neben dem hohen Aufwands und des Transportrisikos nicht lukrativ genug“, sagt Dlamini. „nehmen sie Malawi: Dort gibt es eine Stromversorgung für 20 Prozent der Bevölkerung, die wenigsten können sich importierte Waren leisten. Es gibt einfach nicht genug Kaufkraft, damit die Unternehmen dort investieren.“

 

Die Exportwirtschaft der meisten Länder südlich der Sahara ist auf einen hochprofitablen Rohstoff konzentriert, das vor allem für Industrienationen bestimmt ist. Die Industrie ist nicht ausreichend diversifiziert, auch das oft mangelnde Straßennetz verkompliziert den Handel.

 

Und in manchem Fall lässt die Kooperation die Mitgliedsländer schlicht verwirrt zurück. Sambia ist Teil eines der 15 Mitgliedsländer des SADC-Bündnis südlicher Länder, aber auch des südostafrikanischen Zusammenschluss COMESA. Laut SADC-Vorschriften darf kein Zoll auf südafrikanische Produkte erhoben werden. Die COMESA aber sieht genau das vor.

 

Erschienen in Die Welt, 26. Februar 2010


LKWs an einem Grenzposten in Kenia