Mi, 14.04.2010

Enter the Ninja

Die Band „Die Antwoord“ ist eines der ersten Erfolgsbeispiele viralen Marketings in Afrika

Ein paar SMS hatten die Besitzer des Johannesburger Clubs Tokyo Star verschickt: „Die Antwoord“ habe sich spontan zu einem Auftritt entschieden, bevor sie am nächsten Abend das erste mal vor 2000 Leuten auftreten werde. Kein Marketing, nichts, es spricht sich schon rum. Stimmt. Der Club ist mit 300 Gästen überfüllt.

 

Der White-Trash-Auftritt in Reinkultur, diese südafrikanische Antwort auf Eminem, hat einen der rasantesten Starts in der Musikgeschichte des Landes hingelegt. Im vergangenen Jahr startete der Method-Acting-Künstler Waddy Jones sein Projekt, zusammen mit der zierlichen Künstlerin Yo-Landi Vi$$er und ihrer Helium-Stimme sowie einem dagegen vergleichsweise unauffälligen DJ namens Hi-Tek. 

 

Jones selbst nennt sich seit der Gründung von Die Antwoord nur noch Ninja und die Musik „Zef Rap“ (Rap der weißen Unterschicht). Harter Rap-Rave-Punk mit provokativen Texten über das neue Südafrika, gesungen auf Englisch und Afrikaans. Letzteres ist bemerkenswert: In der Sprache der eher konservativen burischstämmigen Südafrikaner wurden bislang eher Liedermacher berühmt, die über Rosen sangen – eher als „I am the richest bitch with the nicest ass“, wie sich Yo-Landi wenig blumig ausdrückt.

 

Über die in Südafrika derzeit rasant zunehmende Internetverbreitung erlangte die Band  im Februar schlagartig Berühmtheit. Das erste Album „$0$“ war ohnehin frei über ihre Homepage abrufbar, der Hype um die in Südafrikas Kunstszene bestens verknüpfte Band aber begann mit den am 2. Februar im Internet veröffentlichten Videos.

 

Mal inszeniert sich das Trio glaubwürdig als perspektivlose Straßengang in einer südafrikanischen Kleinstadt („Zef Side“), dann huldigt Die Antwoord wiederum Samurais („Enter the Ninja“) – mit unzähligen von Jones kindlich gezeichneten Gesichtern, die im Hintergrund flackern.

 

Innerhalb von einer Woche übersprangen die Videos bei Youtube die Millionenmarke, die internationale Musikblog-Szene entdeckte Die Antwoord und während der ersten vier Februar-Tagen wurde die Homepage drei Millionen Mal angeklickt. „Unser Server ist am ersten Tag des Ansturms zusammengebrochen“, sagt Jones, Hauptdarsteller des vielleicht bislang größten viralen Marketingphänomens in Südafrika. Im vergangenen Monat verzeichnete die Seite 20 Millionen Zugriffe.

 

Jones erinnert auf der Bühne mit dem schwarzen Muskel-Shirt über dem hageren Oberkörper und den bunten Schlabbershorts ein wenig an die vergessenen Achtziger-Jahre-Helden von Vanilla Ice, hin und wieder baut er auch Passagen von Werbespots aus deren Zeit oder Sätze aus dem Kultfilm „Ghostbusters“ ein.

 

Die eigentliche Faszination aber entsteht durch den eindringlichen HipHop der Antwoord – und dem Spiel mit der Identität. „Um es zusammenzufassen“, leitet er mit finsterem Blick den ersten Song ein, „in Südafrika gibt es viele verschiedene Dinge: Weiße, Farbige, Englisch- und Afrikaans-Leute, Xhosas, Zulus. Ich bin all’ diese verschiedenen Menschen – vereint in einer Person.“

 

Jones und Yo-Landi sind weiß. Ihr „Zef-Rap“ steht allerdings vor allem für den Stil der „Coloureds“, die ihre Ursprünge in Verbindungen zwischen weißen Siedlern, Dunkelhäutigen und asiatischen Sklaven haben. Eine Minderheit in Südafrika, die lange weder von der weißen, noch der schwarzen Bevölkerung vollständig akzeptiert wurde. Die höchste Bevölkerungsdichte hat sie in Teilen von Kapstadt, einige der Siedlungen gelten als soziale Brennpunkte mit Drogenproblemen und hoher HIV-Verbreitung, aber auch starkem Familienzusammenhalt.

 

Ninja hat die Namen einiger Straßengangs auf seinen Körper eintätowieren lassen, auf zwei Zähnen haften Goldkronen. Was für ein Kontrast zu seiner Erscheinung noch vor einigen Jahren. Unter dem Namen Max Normal.TV hatte er als Kopf der gleichen Formation eine eher intellektuelle Erscheinung gewählt und auch schon mal im schlecht sitzenden Anzug gerappt. Oder er entwarf von japanischen Comics inspirierte Zeichnungen – durchaus erfolgreich, in Kapstadt gab es mehrere Ausstellungen.

 

So eindrucksvoll wie diesmal aber traf er den Zeitgeist nie. Viele junge Südafrikaner sind auf der einen Seite der Debatten um Hautfarbe überdrüssig, von der die politische Kommunikation geprägt ist. Auf der anderen Seite erleben sie soziale Unterschiede, die zu den extremsten der Welt gehören. Noch immer leben Millionen in Armut und ohne Zugang zu Wasser oder Strom – während nur ein paar Kilometer weiter pompöse Anwesen stehen. Erste und Dritte Welt direkt nebeneinander. Südafrika hat 50.000 Dollar-Millionäre, aber keine Mittelschicht.

 

Es erscheint so auch kaum als Zufall, dass wohl Neill Blomkamp beim nächsten Musikvideo der kreative Kopf sein wird. Der Regisseur landete mit dem Oscarnominierten Science-Fiction-Film „District 9“ einen der Überraschungserfolge des vergangenen Jahres, in dem das Spannungsfeld vieler afrikanischer Länder aufgezeigt wird: Industriewelten entstehen direkt neben strukturschwachen Gegenden. Die ethnischen Gruppen des Landes sind dabei höchst unterschiedlich verteilt.

 

In wenigen Gegenden entlädt sich die angestaute Energie dieses Kontrastes so sehr wie in den Cape Flats. Die Weißen, so die Wahrnehmung vieler Coloureds hier, dominieren die Wirtschaft, die Schwarzen der Politik. Der „Zef-Rap“ habe die Stimmung dieser endlosen Siedlungen aus einstöckigen Häusern aufgenommen, sagt Jones, der sich inzwischen auch privat ausschließlich mit Ninja anreden lässt.

 

In den nächsten Wochen sind Tourneen durch die USA und Europa geplant, das Album soll kommenden Monaten als CD unter anderem auch in Deutschland erscheinen. Und mit dem amerikanischen Record-Label Interscope (u.a. Eminem, Black Eyed Peas) werde nach Angaben des Antwoord-Managements „intensiv verhandelt“.

 

Dem Boingboing-Blog hatte Ninja den Deal bereits als vollzogen bestätigt. Die Einigung sei durchaus stilecht zustande gekommen. Er habe Jimmy Iovine, den Interscope-Chef, zu sich herangezogen und ihm im einen Kuss auf die linke und rechte Wange gegeben, als sei er ein sizilianischer Pate: „Wir haben schließlich einen Deal gemacht, wie man ihn mit der Mafia macht. Die Antwoord macht jetzt Geschäfte mit Interscope.“

 

Erschienen im Stylemag