Mo, 01.02.2010

Afrikanischer Weltmeister? Möglich

Ghanas Nationaltrainer Milovan Rajevac über WM-Gegner Deutschland und Fußball in Afrika

Mal fehlten auf dem Trainingsplatz die Tore, mal waren die Plätze doppelt belegt: Der Afrika-Cup in Angola bedeutete harte Arbeit für den Nationaltrainer von Ghana, Milovan Rajevac. Es ist seine erste Aufgabe in Afrika, zuvor trainierte der Serbe in China und dem Ölscheichtum Katar. Ghana führte er mit defensivem Fußball erstmals seit 1992 wieder ins Endspiel des Afrika-Cups. Das Halbfinale wurde gegen Nigeria mit 1:0 gewonnen, im Finale wartete gestern Ägypten (nach Redaktionsschluss). Im Interview spricht der 56-Jährige über WM-Gegner Deutschland und den afrikanischen Fußballaufschwung.

 

WELT am SONNTAG: In knapp fünf Monaten beginnt die WM in Südafrika. Wie wichtig ist für Sie vor diesem Hintergrund der Afrika-Cup?

 

Milovan Rajevac: In Ghana ist jedes Spiel wichtig, auch wenn dieser Kader mit der WM wenig zu tun hat. Uns fehlen wegen Verletzungen zehn etablierte Spieler, darunter so wichtige Stammspieler wie Stephen Appiah, der in Bologna spielt, und Michael Essien vom FC Chelsea. Aber Ghana hat die letzte U-20-WM in Ägypten gewonnen, wir haben viele talentierte Spieler. Für uns war das Turnier eine Chance, sie etwas besser kennenzulernen.

 

WELT am SONNTAG: Was erwarten Sie von den afrikanischen Teams bei der WM?

 

Rajevac: Es wird eine große Rolle spielen, dass dieses Turnier auf afrikanischem Boden stattfindet, das ist ein großer Vorteil. Und mit jedem großen Turnier wird auch der Anteil der Spieler in europäischen Top-Vereinen größer. Diese Spieler bringen wiederum ein hohes Level an Professionalität in die Nationalmannschaften und diesen unbedingten Willen, sich durchzusetzen. Zu zeigen, dass sie mit den Besten mithalten können. Bei dieser WM ist alles möglich - auch ein afrikanischer Weltmeister.

 

WELT am SONNTAG: Sie haben auch einige Jahre in China gearbeitet. Welchem Kontinent prognostizieren Sie die größere Zukunft im Fußball - Asien oder Afrika?

 

Rajevac: Es ist ganz interessant zu sehen, wie viel Geld in Asien in die Strukturen des Fußballs investiert wird. In den dortigen Akademien wird das Training, die Ernährung perfektioniert, besonders in Japan und Südkorea. In Afrika passiert das längst nicht in diesem Maße, auch wenn wir in Ghana inzwischen zwei ordentliche Fußballschulen haben. Doch dort ist die körperliche Veranlagung einfach besser, die Spieler haben mehr Tempo als in Asien. Ein afrikanischer Weltmeister ist deutlich wahrscheinlicher als ein asiatischer, auch wenn der Fußball dort unterschätzt wird.

 

WELT am SONNTAG: In Ländern wie Ghana oder Südafrika haben die englischen Vereine mit ihrer Vermarktungsmaschinerie mehr Fans als die heimischen Klubs. Hemmt das nicht die Entwicklung des örtlichen Fußballs?

 

Rajevac: Das sind völlig unterschiedliche Welten. In einem Land wie Ghana ist es in absehbarer Zeit unmöglich, eine Infrastruktur in ausreichend Vereinen aufzubauen, die für die Entstehung einer großen Liga nötig ist. Im Gegenteil: Die großen europäischen Ligen sind für Ghanas Fußballnachwuchs gut. Jeder von ihnen möchte so spielen wie Michael Essien oder Samuel Eto'o aus Kamerun, die es bei Top-Vereinen geschafft haben. Sie sind in Afrika Helden.

 

WELT am SONNTAG: Es fällt auf, dass bei diesem Turnier kein deutscher Trainer dabei war. Haben die im afrikanischen Fußball an Stellenwert verloren?

 

Rajevac: Nein, das ist nur eine Momentaufnahme. Sie haben eine exzellente Reputation. Im letzten Jahr erst hatte ich mit Ernst Middendorp zu tun, er hat in Ghana einen Verein trainiert. Auch Siegfried Bahner, der mit Teams in Nigeria gearbeitet hat, kenne ich. Der deutsche Fußball ist in Afrika nicht zuletzt wegen Puma im Gespräch, das die meisten der großen Teams sponsert.

 

WELT am SONNTAG: Sie treffen bei der Weltmeisterschaft mit Ghana auf Deutschland. In der Champions League sind deutsche Spieler in den letzten Runden eher selten zu sehen - wie groß ist der Respekt in Ghana?

 

Rajevac: Wenn man in der Fußballbranche Deutschland sagt, ist der Respekt immer groß. Sie haben immer zu den besten Teams gehört, und gegen Deutschland ist es noch immer schwer zu spielen. Aber andere Teams schaffen es inzwischen besser, eine große Stärke des Teams zu übernehmen: Sie bekommen es traditionell gut hin, Niederlagen wegzustecken. Dafür haben andere Nationen immer länger gebraucht.

 

WELT am SONNTAG: Wie groß nehmen Sie den kulturellen Unterschied zwischen Afrika und Europa wahr?

 

Rajevac: Der ist schon sehr groß. Ich rede viel mit den Menschen und habe großen Respekt vor ihnen. Ich bekomme allerdings nicht so viel mit, da ich viel von Serbien aus arbeite. Und wenn ich in Ghana bin, werden wir manchmal zu sehr abgeschirmt, um viel mitzubekommen. Die Sicherheitsvorkehrungen um das Team sind hoch.

 

WELT am SONNTAG: Spielt der Glaube an Juju, an Hexenkraft, im Team eine Rolle, wie es in manchen Ländern der Fall ist?

 

Rajevac: Ich habe das zumindest nicht mitbekommen, in anderen afrikanischen Ländern hat der Glaube daran eine große psychologische Bedeutung. Aber gebetet wird innerhalb des Teams viel, vor und nach jedem Spiel, jedem Training. Das Christentum ist in der Mannschaft sehr präsent.

 

Erschienen am 31. Januar 2010


Ghanas Trainer Rajevac mit seinen Spielern beim Gebet