Der Welttorhüter
Der Torwart Lutz Pfannenstiel hat auf allen sechs Kontinenten gespielt. Seine Biografie
Lutz Pfannenstiel hat vermutlich eine der verrücktesten Karrieren, die man als Fußballprofi erleben kann. Als einziger Spieler stand der 36-jährige Torwart aus Zwiesel im Bayerischen Wald auf allen sechs Fifa-Kontinenten unter Vertrag. Während seiner Reise durch 13 Länder und zu über 20 Vereinen wurde er verhaftet, wiederbelebt gefeiert und mit Steinen beworfen. Auf WELT ONLINE veröffentlicht er exklusiv Auszüge aus seiner Autobiografie „Unhaltbar“, die am 1. Oktober im Rowohlt-Verlag erscheint.
Von Lutz Pfannenstiel
Wo anfangen? Vielleicht bei dem Moment, in dem ich die „konservative“ Fußballkarriere abgebrochen habe. Anfang der neunziger Jahre hatte ich als junger Spieler ein Angebot für die Amateure des FC Bayern vorliegen. Ich lehnte ab – und ging nach Malaysia, wo ich bei einem Club namens Penang landete. Mitten in der Halbzeit:
Als ich gerade den Klettverschluss um den zweiten Torwarthandschuh gemacht hatte, hörte ich das vertraute Trippeln von Fußballschuhe mit ihren Stollen auf Betonboden. Es hörte sich an wie Schnee-Hagel, der auf ein Dachfenster trifft. Die Spieler von Penang traten in ihren gelb-blauen Trikots herein. Sie schauten mich überrascht an, nickten kurz herüber, dann schnell auf die Bank. Man hatte ihnen gesagt, dass ich heute anreisen würde; ein wenig seltsam kam es ihnen offenbar dennoch vor, einen Fremden in ihrer Kabine anzutreffen. Ein Malaie um die 50 mit Glatze trat als letzter in die Kabine. Es war der Trainer. Strahlend lief er auf mich zu: „Mister Pfannenstiel, Mister Pfannenstiel, es ist mir eine große Freude“, sagte er auf Englisch und schüttelte mir mit festem Druck die Hand. „Wir hatten gehofft, dass sie es noch schaffen würden. Es ist großartig, dass sie uns in diesem Spiel verstärken.“
Er drehte sich zur Mannschaft um und fuhr auf Malaii fort zu sprechen, strich hektisch ein paar Namen an der Tafel durch und malte neue Namen und Pfeile in alle mögliche Richtungen auf. Alles was ich verstand war, dass es 0:1 stand. Und dass auf der Tafel nun auf der Position des Torwarts ein wenig verhunzt „Panenstil“ geschrieben stand. „Was mache ich hier eigentlich?“, schoss es mir durch den Kopf. Und bräuchte der Verein nicht eigentlich meinen Spielerpass für einen Einsatz? Dann musste ich grinsen. Jetzt war sowieso alles egal.
Ein Orkan des Schalls, als ich auf das Feld lief. Sie hielten mich tatsächlich für einen Bundesliga-Star. Dass ich kein einziges Spiel dort gemacht hatte, erschien mir in diesem Moment nebensächlich. Im Kopf war ich noch immer ein Mann des 1. FC Kötzting, hinaus geschwemmt in die Welt, plötzlich von der Kraft des Zufalls gelenkt. Etwas ungeübt winkte ich in die Menge und lief ins Tor. Immer mehr Adrenalin schoss durch meine Venen. Ich war nun hellwach, und das war dringend nötig.
Keine drei Minuten waren nötig, um zu merken, dass die Abwehrspieler aus Penang keinen Deut besser waren als jene Amateure, die 10.000 Kilometer weiter westlich im Bayerischen Wald mein Tor verteidigt hatten. Gleich zweimal kamen Spieler aus Hongkong frei zum Schuss, irgendwie lenkte ich den Ball noch zur Ecke. Wir glichen aus. Ich sehnte mir das Spiel-Ende herbei, mein Kreislauf drohte, der schwülen Hitze Malaysias zu unterliegen. Endlich pfiff der Schiedsrichter ab, und wir hatten kein Tor mehr kassiert, 1:1. Alles andere zählte für mich nicht.
Erschöpft ging ich in die Kabine. Ein paar klopften grinsend plaudernd auf meine Schulter, voller Anerkennung. Ich lachte zurück, aber eigentlich fehlte schon dafür die Kraft. Meine Konzentration schwand. Und so hatte ich bereits fast zu Ende geduscht, bis ich merkte, dass ich der einzige war, der sich vollständig entkleidet hatte. Meine Mitspieler hatten Badehosen an und versuchten, nicht allzu irritiert zu wirken. Den verkrampften Umgang mit Nacktheit erlebte ich noch oft bei Spielen mit asiatischen Mannschaften.
Der Dato holte mich in der Kabine ab. „Der Sultan würde sie gerne zum Essen einladen“, sagte er höflich und fuhr Hans und mich zehn Minuten lang über die Insel zu einem edlen Restaurant, einer Welt des Luxus. Im warmen Halbdunkel standen ausladende, schwarze Ledersessel vor kleinen Tischen. Riesige Aquarien und verspiegelte Wände trennten die einzelnen Sitzgruppen voneinander. Umher liefen Bedienstete, gehüllt in traditionellen Kleidern und kräftigen Farben. Der Dato führte mich zum Sultan, einem hoch gewachsenen Mann, der aufstand und mich mit einem herzlichen Lächeln empfing: „Eine großartige Vorstellung, Lutz.“
In Asiens Fußballszene kannte den Mann jeder. Er führte eine Tradition fort, die Malaysia schon seit seiner Unabhängigkeit von Großbritannien im Jahr 1957 pflegte. Damals wurde Tunku Abdul Rahman der erste Premierminister des Landes – exakt sechs Jahre, nachdem er bereits Präsident des Fußballverbandes geworden war. Rahman behielt das Amt. Standesgemäß rief Rahman die Unabhängigkeit im Merdeka Stadium aus und neben der Politik bekam auch der bis dahin völlig strukturlose Sport in Malaysia Konturen. Dem Land gelang es, sich im Fußball für die Olympischen Spiele 1972 zu qualifizieren, auch dank der großzügigen Unterstützung der Regierung. Nachdem Rahman das Amt des Premierministers 1974 abgab, übernahm sein Nachfolger auf dem Regierungsposten, Tun Abdul Razak, den Posten als oberster Fußballfunktionär gleich mit.
In den achtziger Jahren hatte schließlich der Sultan eines der höchsten Fußball-Ämter übernommen und aus einer reinen Amateurliga eine Profiliga aufgebaut. „Wir brauchen Leute wie dich in der Liga“, sagte er. Ich hörte ihn wie in einem Traum. Gerade hatte mir eine wunderschöne Bedienstete Haifischflossensuppe als Vorspeise serviert, ich hatte die neuen Eindrücke noch immer nicht verarbeitet. Saß ich nicht gerade einmal einen Tag zuvor voller Wut an einer Bushaltestelle? Nun handelte ich meinen ersten Vertrag bei Champagner aus. Überraschende Wendungen in meinem Leben können mich heute nicht mehr schocken. Ich habe gelernt, dass sie der treue Begleiter aller Reisenden sind. Damals konnte ich die Wendung der vorangegangenen 24 Stunden kaum fassen. Am nächsten Morgen unterschrieb ich: 6000 Dollar monatlich plus Prämien für jeden Sieg. Meinem Torwarttrainer Hans zahlte der Sultan knapp die Hälfte. Dazu ein Auto, ein Apartment im besten Strandhotel, und, wie es der Sultan ausdrückte, „natürlich Jetskies“. Ein Profivertrag. Und ein schönes Leben dazu.
Das begann allerdings um sieben Uhr morgens. Der Trainer bat wegen der Hitze schon in den frühen Morgenstunden zum Training auf einen Platz mit perfektem Rasen. Das war keineswegs ein Zeichen von übertriebener Härte. Penang hatte die Finalrunde schon vor meiner Ankunft so gut wie verpasst, die letzten vier Ligaspiele waren quasi bedeutungslos. Nicht selten befand der Trainer eine Arbeitszeit von 90 Minuten für einen Tag als ausreichend.
Einmal pro Woche flogen wir nach Kuala Lumpur und legten im Nachtclub „The Jump“ als DJs mit auf. Es war die Zeit des Technos. Dieses Wort traut sich heute kaum einer mehr zu sagen, doch Mitte der neunziger Jahre sprach ganz Europa von der Love Parade in Berlin. Einige deutsche Interpreten wie Marusha oder Culture Beat hatten es auch in die asiatischen Clubs geschafft und auch ich hatte meistens die aktuellsten CDs im Gepäck. Damit war ich den meisten malaysischen DJs voraus, die Titel setzten sich erst mit monatelanger Verspätung in Kuala Lumpur.
So verhalfen mir einige Marusha-Songs in meinem Reisegepäck zu drei gut bezahlten Auftritten in einem der angesagtesten Läden der Stadt. Wir flogen abends los, nahmen morgens den ersten Flug zurück nach Penang und fuhren ohne Schlaf zum Training. Mir gefiel dieses Doppelleben. Doch dann erfuhr der Trainer von meiner zweiten Karriere und drohte, die erste als Fußballprofi zu beenden. „Wenn ich das noch einmal höre, werfe ich dich aus der Mannschaft.“ Damals war ich wütend. Inzwischen sehe ich den Mann als einen Bewahrer der Musikkultur: Er verschonte Kuala Lumpur von den Schrei-Attacken des leider immer noch nicht ganz vergessenen Techno-Veteranen Scooter, dem ewig Wasserstoffblonden.
Malaysia wirkte auch ohne diese Nächte in Kuala Lumpur wie eine Droge, leicht, voller Kraft, entkräftend. Ich hätte für immer in diesem Land spielen können, und die Zeit wäre mir wohl so unbemerkt durch die Finger geronnen wie mein Gehalt, das ich zu hundert Prozent in die Gegenwart investierte. Wahrscheinlich wäre es auch so gekommen, wenn sich nicht ein paar Wochen später Norwich City die Insel als Standort für ein Trainingslager ausgewählt hätte. Norwich spielte damals eine kleinere Rolle in der zweiten englischen Liga und war doch ein prominenter Gast, schließlich stellte England die stärksten Vereinsmannschaften weltweit. Kurzfristig arrangierte der Dato ein Testspiel in Kuala Lumpur. Ich kam mir wie ein Handballtorwart vor. Beinahe im Minutentakt flogen die Bälle auf mich zu. Wir verloren mit 1:2, aber ich konnte gar nicht anders, als auf mich aufmerksam zu machen.
Nach dem Spiel fing mich ein Mann ab, als ich das Stadion verlassen wollte. Er schaute sich im Auftrag einiger englischen Erstligisten in Asien nach neuen Spielern um. „Gute Arbeit“, sagte er, „aber was machst du hier?“ „Na, Fußball spielen halt“, antwortete ich mit einer Schlichtheit, für die Jahre später Lukas Podolski bekannt werden sollte. „Verschwende hier nicht deine Zeit, du bist noch jung“, fuhr der Scout fort, „ich bringe dich bei Wimbledon AFC unter. Die brauchen dringend einen Torhüter“. Ich traute meinen Ohren nicht. Wimbledon spielte in der millionenschweren Premier League. Ihr niederländischer Torwart Johannes „Hans“ Segers war einige Wochen zuvor der Spielmanipulation angeklagt worden – angeblich hatte er mit zwei Liverpooler Spielern ein Ergebnis abgesprochen, die Ermittlungen hatten kurz vor der Saisonvorbereitung begonnen und eine Sperre hätte für Wimbledon ein massives Torhüterproblem bedeutet.
Irritiert blieb ich mit der Visitenkarte des Scouts zurück. Dieser Mensch versuchte gerade, mich aus einem Paradies zu locken, in das mich das Schicksal gerade erst gelotst hatte. Und doch sah ich mich in Gedanken bereits mit Wimbledon beim Auswärtsspiel an der legendären Anfield Road im Einsatz gegen den FC Liverpool. Wenige Völker lebten und litten Fußball wie die Engländer. Ratko Svilar, das Idol meiner Jugend, hat dort nie gespielt. Aber ich bin mir sicher, dass er seine ganze Karriere lang gehofft hatte, dort eines Tages zu spielen. Jeder Profi hoffte das. Für mich war es bisher mehr eine Utopie. Niemand hat das Lebensgefühl der Engländer besser auf den Punkt gebracht als der Bill Shankly, der in den sechziger Jahren den FC Liverpool trainierte. „Einige Leute halten Fußball für einen Kampf um Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich versichere Ihnen, dass es viel ernster ist.“ Diese drei Sätze waren so etwas wie die Beschreibung meines bisherigen Lebens. In dieser Liga zu spielen war meine eigentliche Vorstellung vom Paradies. Ich hatte es nur fast vergessen.
Lutz Pfannenstiels Autobiografie „Unhaltbar – Meine Abenteuer als Welttorhüter“ erscheint am 1. Oktober im Rowohlt Verlag. Sie kostet 8.95 Euro und ist zum Beispiel über Amazon.com bestellbar. Pfannenstiel hat das Buch zusammen mit Christian Putsch, Mitarbeiter der WELT-Gruppe in Südafrika, geschrieben.
Lesen Sie morgen, wie Pfannenstiel nach Gastspielen in England und Finnland schließlich in Singapur verhaftet wird.
Aus dem Leben eines Welttorhüters: Die Odyssee des Lutz Pfannenstiels
Folge 2: Singapur
Lutz Pfannenstiel hat vermutlich eine der verrücktesten Karrieren, die man als Fußballprofi erleben kann. Als einziger Spieler stand der 36-jährige Torwart aus Zwiesel im Bayerischen Wald auf allen sechs Fifa-Kontinenten unter Vertrag. Während seiner Reise durch 13 Länder und zu über 20 Vereinen wurde er verhaftet, wiederbelebt gefeiert und mit Steinen beworfen. Auf WELT ONLINE veröffentlicht er exklusiv Auszüge aus seiner Autobiografie „Unhaltbar“, die am 1. Oktober im Rowohlt-Verlag erscheint.
Von Lutz Pfannenstiel
Mein Wechsel nach England wurde zum Beginn einer Odyssee. Ich geriet zum bezahlten Notnagel, wurde ständig für ein paar Wochen ausgeliehen: Finnland, Südafrika, Malta, andere englische Vereine – je nachdem, wo es gerade auf der Torwartposition Verletzungssorgen gab. Irgendwann hatte ich genug und wechselte nach Singapur. Mein größter Fehler: Die Liga hatte ein Problem mit Spielmanipulationen. Der Staat sorgte sich um sein Saubermann-Image und brauchte Erfolge. Ich wurde in einem völlig lächerlichen Prozess zu einer Haftstrafe verurteilt – für Spiele, in denen ich fehlerfrei gehalten hatte. Wie dem auch sei: Im Jahr 2001 betrat ich eines der berüchtigtsten Gefängnisse überhaupt: Dem Queenstown Remand Prison.
Wärter in Singapur nutzen die erste Nacht von Neuankömmlingen dazu, ihnen ordentlich Respekt einzuflößen. Sie sperrten mich mit einem geisteskranken zweifachen Mörder in eine Zelle. Er bekam starke Tabletten, die ihn in einem permanenten Halbschlaf versetzten. Wenn die Dosis nachließ, beschimpfte er mich laut. Er wollte mich schlagen, doch seine Bewegungen waren durch die Medizin so stark verlangsamt, dass ich ihn locker in eine Ecke der Zelle schubsen konnte. Dort blieb er, dennoch machte ich kein Auge zu.
Immerhin teilte ich mir die Zelle nach ein paar Tagen mit Mickey. Sowie mit zehn Drogenschmugglern, Mördern und Vergewaltigern. Die klebrige Körperlichkeit der schwülen Luft, der Geruch verfaulender Rindfleischreste auf den Essenstabletten war mir vom ersten Moment an unerträglich. Nachts hörte ich das Schwirren Dutzender Moskitos. Ich hasse diese Tiere, Tausende Male habe ich in meinem Leben nachts Jagd auf diese Aggressoren gemacht. Ich habe es nie verstanden, dass sich diese Insekten trotz des milliardenfachen Todes ihrer Vorfahren immer wieder in Schlafzimmer von Menschen begaben, wo sie in einer Mischung aus sadistischen und suiciden Antrieb einen letzten, viele Stunden langen Todesflug antraten. Hier flogen sie ungestört. Die meisten Häftlinge konnten ohnehin nicht schlafen.
Die Mitarbeiter der deutschen Botschaft hatten uns den Tipp gegeben, uns aus Kämpfen völlig rauszuhalten – mit guter Führung und ihrem Druck könnten sie so nach drei Monaten vorzeitige Haftentlassung erwirken. Doch von ihnen hatte keiner das Queenstown Remand Prison von innen gesehen. Hier herrschten eigene Regeln, vor allem wenn Menschen involviert sind, die zum Tode verurteilt wurden und nichts mehr zu verlieren haben. In der Zelle wurden die Portionen auf Tabletten ausgegeben. Immer Reis, oft schlechtes Gemüse mit reichlich Curry und Chili, selten Fleisch. In den ersten Tagen nahmen Mithäftlinge kommentarlos zwei der drei Schüsselchen von meinem Tablett. Ich unternahm nichts dagegen.
Irgendwann kam während des Ausgangs auf dem Gefängnishof ein muskulöser Mann auf Mickey und mich zu. Joga war ein ehemaliger Boxer, der wegen Totschlags einsaß. Wir hatten ihn oft gesehen, wie er meistens alleine an einer Mauer lehnte – er hatte eine unnahbare Ausstrahlung mit seinen ausdrucksvollen Gesichtszügen und den großen, lebhaften Augen, die immer aufmerksam musterten, was um ihn herum passierte. Die kleinen Verbrecher trauten sich nicht ihn anzusprechen und die schweren Jungs spürten, dass sie ihn lieber in Ruhe ließen.
Joga war der Schweiger des Gefängnisses, doch jetzt sprach er uns mit seiner tiefen Stimme an. „Jungs, passt ein bisschen auf. Ihr müsst euch wehren, sonst habt ihr bald richtig Schwierigkeiten.“ Es habe sich rumgesprochen, dass wir uns das Essen abnehmen lassen. Dort draußen gebe es Gesetze und Anwälte, „und vielleicht hilft euch auch ab und zu die Botschaft. Aber hier gibt es nichts davon.“ Egal ob jemand wegen unbezahlter Parktickets oder Massenmord einsaß: Wer sich keinen Respekt verschaffte, begab sich in Lebensgefahr. „Die sind wie Tiere“, fuhr Joga fort, „sie testen, wer das schwächste ist und schlagen dann zu.“ Dass es darüber hinaus im Gefängnis immer wieder zu Vergewaltigungen kam, brauchte er mir nicht zu sagen. Das bekamen alle mit. Ein alter schwächlicher Häftling musste nach einer dieser Nächte behandelt werden, weil ihm die Gedärme aus dem Gesäß hingen.
Tausende Male hatte ich mich in Strafräumen ins Getümmel geworfen, hatte mir dabei mehrmals die Arme und das Nasenbein gebrochen. Doch auf diese Situation hatte mich das Leben nicht im Geringsten vorbereitet. Diesen Job übernahm Joga. Wenn es Probleme gebe, dann sollten wir neben den Schlägen auch auf die Knie treten, „sie gehören zu den empfindlichsten Körperstellen“.
Als das nächste Mal ein Chinese, der wegen Drogenschmuggels einsaß, nach meinem Tablett griff, gab ich ihm zwei Schläge auf die Nase und einen heftigen Tritt gegen das Knie. Am Ende lagen er und das Tablett auf dem Boden. Fünf bis sechsmal habe ich mir eine blutige Nase geholt, aber anderen Nasen deutlich schlimmer zugesetzt. Nach ein paar Tagen überstand ich in der Dusche einen Vergewaltigungsversuch mehrerer Chinesen. Als sie merkten, dass ich ohne Hemmungen zuschlug, ließen sie von mir ab. Danach war Frieden.
Mit der Zeit freundete ich mich ein wenig mit Joga an, soweit das möglich war. Er erzählte wenig aus seinem Leben aber immerhin den Grund seiner Haft. Bei einer Kneipenprügelei hatte er einen Mann, der ihn mit einem Messer angegriffen hatte, in Notwehr erschlagen und dafür dennoch zwölf Jahre Freiheitsstrafe und 24 Hiebe bekommen.
Mickey und ich haben diese Form der Bestrafung einige Male miterlebt. Den Gefangenen wird mit einem Rattanstock auf das nackte Gesäß geschlagen. In drei Kerben, immer abwechselnd, immer tiefer. Die Schreie hallten jeden Freitag über das Gelände, man konnte es in jeder Zelle hören, und ich habe sie noch immer nachts im Ohr, wenn ich einmal mehr schlaflos wach liege. Mit jedem Schlag bohrte sich das Holz rund einen Zentimeter tief ins Fleisch. Die meisten wurden spätestens nach sechs oder sieben Hieben ohnmächtig. Dann brach der Beamte ab, die Wunden heilten ein paar Monate aus und die Strafe wurde fortgesetzt.
Als es an die Vollstreckung von Jogas Hieben ging, lehnte er diese Aufteilung der Strafe ab. „Ich möchte alle Hiebe mit einem Mal haben“, sagte er. Ohne einen Mucks hielt er die 24 Hiebe durch, die Wunden gingen bis auf den Knochen, doch Joga ertrug es wie so vieles in seinem Leben: schweigend. Er bestand darauf, ohne Hilfe zurück in seine Zelle zu gehen. Drei Wochen konnte er nur auf dem Bauch liegen. Wir haben keinen Ton des Schmerzes von ihm gehört. Joga war schon vorher einer der respektiertesten Häftlinge, nun umgab ihn endgültig die Aura des Unnahbaren.
Jeder Tag fühlte sich wie zwei Wochen an. „Don’t think too much“, sagt man im Gefängnis, denk’ ja nicht zu viel nach. Mir ist das nie gelungen. Ein paar Zellen weiter haben sie einmal einen Häftling in einem Müllsack hinausgetragen. In einer Ritze im Boden sickerte ein schmaler Faden Blut. Er war nachts mit seinem Kopf immer wieder gegen die Wand gelaufen, bis er tot war. Hätte ich in dieser Zeit Mickey nicht um mich gehabt, wäre ich wohl auch verrückt geworden. Er hatte mit seiner falschen Aussage unsere Verurteilung zwar erst möglich gemacht, aber das hatte ich ihm längst vergeben. Eine so schwere Zeit schweißt zusammen. Wenn er jemals irgendetwas von mir brauchen sollte, egal ob morgen oder mit 80 Jahren: Ich würde alles tun, um ihm zu helfen.
Anita war in dieser Zeit neben Mickey mein zweiter großer Halt. 101 Tage war ich in Haft, und ich habe genau 101 Briefe von ihr bekommen. Immer handgeschrieben, immer auf zwei bis vier DIN-A-4-Seiten. Die Umschläge hatten immer andere Farben, mal rot, blau, gelb – schon von außen hatte sie manchmal Herzchen drauf gemalt. Diese Zeilen waren meine persönliche Droge, mein Lebenselixier, all meine Kraft. Wenn die Wärter einmal vier Tage keine Post auslieferten, was durchaus öfters vorkam, bin ich halb verrückt geworden. Mich plagte die Angst, dass sie dem Druck des Vaters nachgeben würde, der täglich auf sie einredete, die Beziehung zu beenden.
Alle vier Wochen durfte Anita mich besuchen. 15 Minuten in einem kleinen Raum, zwischen uns zehn Zentimeter dickes Panzerglas, direkt neben uns sprachen fünf andere Häftlinge mit ihren Angehörigen wild durcheinander. Wir mussten schreien, um uns zu verstehen. Anita hat viel gelacht in diesen wenigen Minuten und versucht, trotz ihrer tiefen Augenringe glücklich zu wirken, mich aufzumuntern. Später hat sie mir erzählt, dass sie immer erst draußen zu weinen begonnen hat.
Mein Anblick war für sie jedes Mal ein Schock: Sie hat mich mit langen Haaren und schicken Anzügen gekannt, nun sah sie mich abgemagert und in Sträflingskleidung. An diesen Anblick konnte sie sich nie gewöhnen. Zwei Tage war ich nach diesen Treffen immer im absoluten Tief, weil unser nächstes Treffen nun wieder in unendlicher Ferne zu liegen schien und mir ein Blick genügte, um ihre Qualen zu erkennen. Sie war die einzige vertraute Person neben meinem Anwalt und einem Pfarrer, die ich sehen durfte – das Besuchsrecht war nicht auf meinen Vater oder meine Mutter übertragbar.
Sieben Tage vor mir wurde Mickey entlassen. „Wenn ich noch mit dir drin bleiben könnte, würde ich die sieben Tage auch noch aushalten“, sagte er zum Abschied. „Spinnst Du?“ antwortete ich, „fahr nach Hause zu deiner Familie.“ Doch als einen Tag später mein zweiter Vertrauter Joga überraschend in ein anderes Gefängnis verlegt wurde, verbrachte ich die restlichen Tage in panischer Angst. Wer im Gefängnis über keine Allianzen verfügt, kann sich seiner Haut nicht sicher sein.
Mir passierte nichts. Der Tag meiner Freilassung war auch der Tag, an dem ich Singapur verließ. Doch vorher führte mich mein erster Gang in Freiheit zu dem Ort, der jedem Ernährungsberater eines Bundesligisten in Schockstarre versetzt hätte und der so gar nicht meinen Prinzipien von gesunder Ernährung entsprach: Kentucky Fried Chicken. Acht Chickenburger stopfte ich in mich hinein, dazu drei riesige Cola.
Zum ersten Mal seit dreieinhalb Monaten war mein Magen voll, dennoch blieb das Gefühl, auf der Flucht zu sein. Ich fuhr zu einem Friseur, wo sich eine junge Frau bemühte, meinen Militärschnitt nicht länger wie einen Militärschnitt aussehen zu lassen. Während sie schnitt organisierte ich über das Telefon bereits meine Abreise. Wir fuhren zur Wohnung und packten eilig meine Sachen zusammen.
Am Flughafen musste ich wegen meines Eintagesvisums zu einem speziellen Abfertigungsschalter. Der Passkontrolleur musterte mich schon von Weitem. „Ah, ich habe schon auf sie gewartet“, sagte er. Ich bekam einen Schreck. Sollte es jetzt wirklich noch Probleme mit der Ausreise geben? Mich trieb seit Tagen nur noch der eine Gedanke: Nichts wie weg. Doch der Beamte lächelte. „Meine Tochter ist großer Geylang-Fan“, sagte er, „können sie mir bitte ein Autogramm geben?“ Ich gab ihm eins. Und musste lachen.
Lutz Pfannenstiels Autobiografie „Unhaltbar – Meine Abenteuer als Welttorhüter“ erscheint am 1. Oktober im Rowohlt Verlag. Sie kostet 8.95 Euro und ist zum Beispiel über Amazon.com bestellbar. Pfannenstiel hat das Buch zusammen mit Christian Putsch, Mitarbeiter der WELT-Gruppe in Südafrika, geschrieben.
Lesen Sie morgen, wie Pfannenstiel bei einem Spiel in England wiederbelebt werden musste.
Aus dem Leben eines Welttorhüters: Die Odyssee des Lutz Pfannenstiels
Folge 3: England
Lutz Pfannenstiel hat vermutlich eine der verrücktesten Karrieren, die man als Fußballprofi erleben kann. Als einziger Spieler stand der 36-jährige Torwart aus Zwiesel im Bayerischen Wald auf allen sechs Fifa-Kontinenten unter Vertrag. Während seiner Reise durch 13 Länder und zu über 20 Vereinen wurde er verhaftet, wiederbelebt gefeiert und mit Steinen beworfen. Auf WELT ONLINE veröffentlicht er exklusiv Auszüge aus seiner Autobiografie „Unhaltbar“, die am 1. Oktober im Rowohlt-Verlag erscheint.
Von Lutz Pfannenstiel
Nach meiner schwierigen Zeit in Singapur fasste ich wieder Fuß, spielte in der norwegischen und neuseeländischen Liga. Aber am Zweiten Weihnachtstag des Jahres 2003 aber, dem Boxing Day, wäre meine Reise bei einem Gastspiel im englischen Profifußball beinahe abrupt beendet worden – vom Knie eines Gegenspielers. Ich musste drei Mal wiederbelebt werden.
Der Boxing Day kann alles ändern. Ich lief auf das Spielfeld, mein Puls stieg mit jedem Schritt. Schon nach dem Warmmachen war ich völlig durchnässt, der raue Wind arbeitete sich durch meine Kleidung. Ich habe den Regen immer gemocht. Er erfrischt die Seele und erinnert jede Körperfaser daran, dass sie lebendig ist. Fußballspiele befreit er von taktischen Zwängen, macht den Boden so unberechenbar, dass beiden Mannschaften keine andere Wahl bleibt, als den Kampf als alles entscheidenden Faktor zu akzeptieren. Wenig Gerüche sind sinnlicher als ein zerschundener Fußballplatz, der neunzig Minuten von Regen und Fußballstollen bearbeitet wurde.
Das Spiel begann stürmisch, ein prestigeträchtiges Nachbarschaftsduell. Es war eine dieser Partien ohne Mittelfeld, mit hohem Risiko versuchten wir von der Abwehr ohne Umwege in den Angriff zu kommen. Hohe weite Bälle und alle laufen hinterher, in England nennen sie das „Kick and Rush“. Der Begriff ist eigentlich antiquiert, schließlich wird in der Premier League inzwischen der technisch feinste Fußball weltweit gespielt. Doch in den Ligen darunter lebt dieser Stil weiter. Fast immer, wenn nach einem dieser Bälle der Abwehr ein Fehler unterlief, resultierte daraus eine Großchance für Harrogate Town: Im Minutentakt flogen die Bälle auf mich zu, ich bekam schon in den ersten Minuten zwei Ellenbogen ins Gesicht. Es war eines jener Spiele, die ich liebte.
Wir waren überlegen. Schon nach einer Minute führten wir durch den alternden Ex-Profi Simon Collins mit 1:0, Robbie Painter erhöhte wenige Minuten später auf 2:0. Doch dann begann die 29. Minute. Aus dem Mittelfeld passte Harrogate in die Spitze, wo sich keiner für Clayton Donaldson zuständig fühlte. Der Stürmer mit karibischen Wurzeln und Rasta-Locken hatte zu einem seiner Sprints angesetzt, die ihn später in die Premier League bringen würden. Plötzlich war er alleine vor mir. Der Ball rollte genau zwischen uns, zehn Meter trennten uns beide von ihm. Ich grätschte an der Strafraumgrenze in den Ball, doch da war Donaldson schon da. Er schoss den Ball aus vollem Lauf gegen mich, dann traf er mit dem Knie im Fallen meinen Brustkorb. Es war, als würden Dutzende Blitze auf einmal einschlage. Mir blieb die Luft weg.
Ich stand auf und wollte den Schiedsrichter anschreien, schließlich war Donaldson hart in den Zweikampf gegangen. Dann plötzlich Schwärze. Ich fiel um. Sank zusammen, ohne jede Reaktion. Wie von einem Blitzschlag getroffen, landete ich in dem aufgeweichten Rasen. Es war, als sei von einem Moment auf den anderen jede Spannung aus meinem Körper entwichen.
Was in den nächsten Sekunden passierte, weiß ich nicht mehr, meine Mitspieler haben es mir später erzählt. Der Schiedsrichter ließ das Spiel weiter laufen, Verteidiger Paul Sykes schoss den abgeprallten Ball zum Anschlusstreffer in mein leeres Tor. Das Gebrodel auf der Tribüne nahm diesen entsetzten Ton an, der immer einsetzt, wenn die Heimmannschaft einen Gegentreffer kassiert. Der Schiedsrichter zeigte zum Mittelkreis – nur noch 2:1.
Unser Physiotherapeut Ray Killick begriff die Situation als erster. Er rannte mit seinem kleinen Medizinkoffer auf den Platz, einmal stolperte er, so dass er fast gefallen wäre. Die Spieler riefen nun wild durcheinander, winkten hektisch zur Auswechselbank, wo auch der Mannschaftsarzt von Harrogate loslief. Langsam setzte besorgtes Gemurmel auf der Tribüne ein. Ich lag regungslos vor meinem Strafraum, als Ray mich erreichte, aus meinem Mund floss weißgelbe Flüssigkeit.
Ray fühlte meinen Puls und fing an zu fluchen. „Nichts.“ Mein Atem hatte ausgesetzt. „He is fucking dead“, schrie er panisch. „He is fucking dead.“ Ray gab für den englischen Fußball-Verband Kurse in Erster Hilfe. Auf dem Feld war er aber noch nie in die Situation gekommen, tatsächlich Mund-Zu-Mund-Beatmung zu leisten. Nun war es so weit, und er zögerte nicht, überstreckte meinen Hals und blies mir Luft in den Mund. Es war auch für den letzten im Stadion das Signal, wie ernst die Lage war. Unserem Trainer Trevor Storton flossen die Tränen über das Gesicht. Co-Trainer Ian Thompson, als Spieler früher ein absolut unerschütterliches Raubein, kauerte hinter der Ersatzbank. Er konnte nicht auf das Feld sehen, erzählte er mir später, „ich konnte es einfach nicht“.
Nach ein paar Minuten kam ein Betreuer auf die Tribüne zu Anita und ihrer Mutter Margaret. Sie sollten mit auf das Feld kommen, es könne sein, dass sie den Vater ihres Kindes zum letzten Mal lebend sehe. Die Sekunden vergingen wie Stunden. „Ich habe ihn wieder“, rief Ray nach einer gefühlten Ewigkeit. Mein Atem hatte wieder eingesetzt. Weinend stand Anita daneben, Margaret hatte sie in den Arm genommen. „Bleib wach, bleib wach“, rief sie mir zu.
Meine Augen waren auf, doch sie rollten nach oben. „Bist du sicher, dass er lebt?“, schrie sie Ray an, „bist du ganz sicher?“ Nein. Nach ein paar Sekunden stoppte mein Atem wieder. Ray setzte erneut zur Mund-zu-Mund-Beatmung an. Ich atmete wieder, doch nur für ein paar Sekunden. Es war mein Glück, dass Ray seine erste Wiederbelebung gleich drei Mal gelang, und auch der Krankenwagen wenige Minuten später auf das Feld fuhr. Das Spiel war da längst abgebrochen worden – ein Ereignis, das in England ungefähr so oft wie ein gewonnenes Elfmeterschießen der Nationalmannschaft vorkommt.
Wenn mein Leben an diesem Tag im Alter von 29 Jahren geendet hätte, wäre das eine Katastrophe gewesen. Ich hatte gerade die schwerste Phase meines Lebens in Singapur überwunden, zwei Monate später sollte meine Tochter geboren werden. Und doch: Diese Dinge passieren im Fußball, es gab mehrere prominente Fußballprofis wie den kamerunischen Nationalspieler Marc Vivien Foe oder den Ungarn Miklos Feher, die an Herzstillständen auf dem Feld starben. Wenn mir irgendwer im Alter von zwanzig Jahren gesagt hätte, dass mein Leben eines Tages auf dem Fußballplatz enden würde, hätte ich das akzeptiert. So pathetisch das auch klingen mag: Ich lebe für den Fußball, und ich wäre auch für ihn gestorben. Diese Vorstellung gefällt mir besser, als qualvoll und gebrechlich in einem Krankenhaus meine letzten Atemzüge zu machen.
Doch ich wachte auf. Ich sah wie auf einem kleinen, verschwommenen Bildschirm das Gesicht einer jungen Frau. Der Bildschirm wurde wieder schwarz. Kurz darauf erschien die Frau erneut, nun etwas klarer. „Er wird wach“, hörte ich sie dumpf sagen. Eine zweite Frau erschien auf dem Bildschirm, der nun langsam etwas breiter wurde. Ich kam schlagartig zu mir. Noch immer lag ich auf der Trage, mit dem man mich vom Rasen in den Krankenwagen gehievt hatte. Mein geliebtes Torwarttrikot war aufgeschnitten, ich wusste nicht, dass das für die Wiederbelebungsversuche nötig gewesen war. Ich versuchte Arme und Beine zu bewegen. Es ging nicht. War ich gelähmt? Ich erschrak. Erst jetzt erkannte ich, dass ich an Armen, Beinen und sogar dem Kopf mit Fixierungsgurten an die Trage befestigt war.
Wo war ich? Ich kannte den Raum nicht – aber die Katakomben des Stadions waren groß, du kannst nicht jeden Winkel kennen, dachte ich. Ein enges weißes Arztzimmer mit ein paar Schränken, an einem davon standen zwei Krankenschwestern in grünen Kitteln, die mir den Rücken zuwandten. Sie sehen aus wie Außerirdische, ging es mir durch den benommenen Kopf. Dann erinnerte ich mich: Ich muss ausgewechselt worden sein. Am Boxing Day, unmöglich. Das letzte, woran ich mich erinnern konnte, war der Zusammenprall mit Donaldson.
„Was zum Teufel ist hier los“, fuhr ich eine der Krankenschwestern an. Sie drehte sich um, in der Hand hielt sie eine Beruhigungsspritze. Den stechenden Schmerz in meiner Brust ignorierte ich. „Warum habt ihr mich ausgewechselt?“ Ich zerrte an den Gurten, mit denen meine Beine und Arme fixiert worden waren. „Macht mich sofort los, ich muss zurück aufs Feld.“ Die Frau lächelte. „Sie sind im Royal Krankenhaus von Bradford. Und das Spiel ist vor über einer Stunde abgebrochen worden. Seien sie lieber froh, dass sie noch leben.“ Ich glaubte ihr kein Wort.
Ein junger Arzt kam zur Tür hinein. „Wir machen sie nun los“, erklärte er. „Wir mussten erst eine Kernspintomographie machen, um sicher zu stellen, dass ihre Wirbelsäule nicht verletzt ist.“ Noch immer verstand ich nicht, was passiert war.
Anita und der Manager von Bradford betraten das Zimmer. Anita hatte von Tränen gerötete Augen, doch nun freute sie sich einfach nur, mich zu sehen. Langsam richtete ich mich auf und umarmte sie vorsichtig. Sie erzählte mir von dem Zusammenprall und den drei Wiederbelebungen. „Du hast einen gewaltigen Schlag auf den Solar Plexus bekommen. Mehrere Organe haben ausgesetzt. Wir haben unglaubliches Glück, dass du noch lebst.“ Durch den Schlag waren die Gefäße im Bauchraum erweitert worden, so dass der Blutdruck zum Herz reduziert worden war und nicht mehr ausreichend Blut zur Versorgung der Organe zur Verfügung gestanden hatte. Meine Lungenflügel waren komplett eingefallen, ohne Rays Wiederbelebung hätte ich keine Chance gehabt.
Ich hörte ihnen zu. Doch wäre der stechende Schmerz in meinem Brustkorb nicht gewesen, hätte ich schwören können, sie erzählten von jemand anderem. Am Boxing Day hatte ich noch nie ein Spiel verpasst.
Lutz Pfannenstiels Autobiografie „Unhaltbar – Meine Abenteuer als Welttorhüter“ erscheint am 1. Oktober im Rowohlt Verlag. Sie kostet 8.95 Euro und ist zum Beispiel über Amazon.com bestellbar. Pfannenstiel hat das Buch zusammen mit Christian Putsch, Mitarbeiter der WELT-Gruppe in Südafrika, geschrieben.
Lesen Sie morgen, wie Pfannenstiel in Brasilien einen besonderen Weltrekord aufstellt.
Aus dem Leben eines Welttorhüters: Die Odyssee des Lutz Pfannenstiels
Folge 4: Brasilien
Lutz Pfannenstiel hat vermutlich eine der verrücktesten Karrieren, die man als Fußballprofi erleben kann. Als einziger Spieler stand der 36-jährige Torwart aus Zwiesel im Bayerischen Wald auf allen sechs Fifa-Kontinenten unter Vertrag. Während seiner Reise durch 13 Länder und zu über 20 Vereinen wurde er verhaftet, wiederbelebt gefeiert und mit Steinen beworfen. Auf WELT ONLINE veröffentlicht er exklusiv Auszüge aus seiner Autobiografie „Unhaltbar“, die am 1. Oktober im Rowohlt-Verlag erscheint.
Von Lutz Pfannenstiel
Im Jahr 2008 war es schließlich so weit. Ich bekam einen Vertrag in Brasilien. Seitdem gelte ich als der einzige Profi, der auf allen sechs Kontinenten gespielt hat.
Zwei Wochen war ich nun bei Ibirama. Langsam lernte ich die anderen Spieler kennen. Bis dahin hatte ich mein Leben als nicht immer einfach erlebt, doch im Vergleich zu den Leben dieser Jungs war es das wirklich nicht. Sie alle waren in den Favelas aufgewachsen, sechs aus Rio de Janeiro, vier aus Sao Paolo. In Ibirama selbst war niemand aufgewachsen. „Ohne den Fußball wäre ich tot“, sagte mir ein Spieler namens Douglas einmal. Während seiner Jugend in Rio hatte er genau zwei Dinge gemacht: Fußball gespielt und Drogen verkauft. Für Schule blieb kein Platz mehr.
Inzwischen hatte ihn der Fußball zu einem gut verdienenden Mann gemacht, nur in der Umkleide waren die Narben dieser Zeit noch zu sehen. Er hatte in seiner Jugend während einer Schießerei mehrere Kugeln in den Bauch abbekommen. Er sprach nicht viel darüber, aber jeder wusste, dass er zu den Drogenbossen in Rio noch immer einen guten Draht hatte. Längst hätte er seinen Eltern ein großes Haus in einem edlen Stadtviertel von Rio finanzieren können. „Sie wollen nicht weg“, erzählte er, „warum sollten sie auch, wenn es ihnen gefällt?“ Viele Familien leben seit Jahrzehnten in den gleichen Vierteln und selbst wenn einer der Söhne zu Wohlstand kommt, bleiben sie dort wohnen.
Ich hatte in meiner Karriere vor jedem Spiel immer die gleichen Rituale, die mir die Nervosität nahmen. Vor dem Anpfiff betrat ich den Rasen zuerst mit dem linken Fuß, genauso wie ich zuerst den linken Schienenbein anlegte. Zweimal bete ich das Vaterunser vor dem Anpfiff, das hilft. Doch diesmal war ich nervös wie lange nicht mehr. Wir waren mit dem Bus zum Auswärtsspiel nach Jaraguá do Sul gereist. 20.000 Brasilianer sorgten für jene chaotische Lebensfreude, die den Fußball in diesem Land ausmacht. Sie tanzten in der Schwüle dieses Sonntagnachmittages auf der Tribüne und brannten Dutzende Feuerwerkskörper ab. Die wenigsten von ihnen wussten von meinem Weltrekord, aber ich redete mir ein, dass sie sich mit mir freuten.
Der Torwarttrainer schoss ein paar Bälle auf mein Tor, während die Feldspieler sich vor mir warmmachten. Tausende Male hatte ich das schon erlebt, es war mein Alltag. Doch diese Momente brannten sich in meinen Kopf ein. Ich war in meinem Leben mehrere Millionen Kilometer gereist für den Fußball, 15 lange Jahre lang. In diesem Moment hatte ich das Gefühl anzukommen. Mir schossen Bilder meiner Kindheit durch den Kopf, die Nachmittage, an denen ich mit meinem Kumpel Tobias Probst geschworen habe, eines Tages in Brasilien zu spielen. Ein Vierteljahrhundert Jahre später war es nun tatsächlich so weit.
Das Spiel begann, und ich spürte einen großen Stolz in mir. Mich hatte es nie interessiert, was andere über mich sagen oder meine Karriere beurteilten. In diesem Moment aber war ich zufrieden mit dem, was der Fußball mir gegeben hatte, trotz allem Schmerz und aller Entbehrungen. Und ich bildete mir ein, dass ich mit meiner wechselhaften Karriere auch diesem Sport, der das Leben so zu spiegeln vermag, einen Teil zurückgegeben hatte.
Viel Zeit für solche Gedanken blieb mir während der neunzig Minuten allerdings nicht. Während die Nationalmannschaft längst taktisch modernen Fußball praktiziert, stimmt in der brasilianischen Regionalmeisterschaft das Klischee noch, nachdem in Südamerika wenig Wert auf Abwehrarbeit gelegt wird. Angriff auf Angriff rollte auf mich zu. Ich musste hoch konzentriert bleiben, in dieser Partie durfte ich mir keinen Patzer erlauben. Das gelang mir, auch wenn wir mit 0:1 verloren. Der übertragende TV-Sender kürte mich zum Spieler des Tages.
Normalerweise bin ich nach Niederlagen mindestens zwei Tage lang schlecht drauf, so war es seit meiner Jugend. Diesmal war es anders, schon Minuten nach dem Abpfiff. Die Zufriedenheit wollte einfach nicht weichen. Meine Mitspieler spürten, dass dieser Sonntag ein besonderer Tag für mich war. Auf dem Rückweg nach Ibirama holte einer eine Kühltruhe mit Bierflaschen hervor. Zwei hatten Trommeln dabei und sie begannen zu singen. Andere hatten Sand und Steinchen in leere Plastikflaschen gefüllt und begleiten die Musik. Ein paar standen von ihren Sitzen auf und tanzten im Gang des Busses. Sie sangen eigentlich immer, in der Kabine, vor und nach dem Training, im Bus. Ich habe davon noch heute Videobilder auf meinem Handy, sie sind meine beste Waffe gegen schlechte Stimmung. Bisher war ich meistens damit davon gekommen, dass man mir eine Trommel in die Hand gedrückt hatte und ich das ganze begleitete. Nun musste auch ich mitsingen. „Alemao, Alemao“, riefen sie immer wieder, bis ich endlich einstimmte und mittanzte. Ich hatte ein paar Brocken Portugiesisch gelernt, man hat keine andere Wahl in diesem Land – und es reichte für diese brasilianischen Volkslieder. Wir tanzten und sangen die komplette Fahrt hindurch.
Gäbe es doch im Leben eine Möglichkeit einen Moment einzufrieren, ihn in der Endlosschleife bis zum Tod immer wieder zu wiederholen. Ich hätte mich für diese beiden Stunden in einem klapprigen Bus entschieden. Auch wenn ich singe wie ich lebe: Auf meine Weise.
Lutz Pfannenstiels Autobiografie „Unhaltbar – Meine Abenteuer als Welttorhüter“ erscheint am 1. Oktober im Rowohlt Verlag. Sie kostet 8.95 Euro und ist zum Beispiel über Amazon.com bestellbar. Pfannenstiel hat das Buch zusammen mit Christian Putsch, Mitarbeiter der WELT-Gruppe in Südafrika, geschrieben. Er spielt derzeit übrigens in Namibia. Bis 40 will er weitermachen. Mindestens.
Vorabdruck, Welt Online 27.-30. September 2009

Lutz Pfannenstiel bei einem Gastspiel in Südamerika![]()

