Der unvollendete Marsch
20 Jahre nach der Freilassung Mandelas blickt das Land auf erfüllte und enttäuschte Hoffnung
Das klinge jetzt so unspektakulär, sagt Ben Becker, der Möbelverkäufer. Aber er habe an jenem Sonntag des 11. Februars 1990 einfach vor dem Fernseher in Pretoria gesessen. Und geweint. Immer weiter, „bis ich die Bilder nur noch verschwommen gesehen habe“.
Die Bilder jenes Mannes, von dem drei Jahrzehnte lang kein Foto in Südafrika veröffentlicht werden durfte: Nelson Mandela trat, leicht ergraut, in der Abenddämmerung auf den Balkon der Kapstädter City Hall. Die 27 Jahre Haft, nur Stunden zuvor beendet, hatten dem einstigen Schwergewichtsboxer die Pfunde unter dem schwarzen Anzug genommen. Aber nicht dieses beinahe magische Lächeln, von dem sich die Welt die Versöhnung der Nation erhoffte.
Das war er also, dachte Becker damals. Jener Mann, den die Apartheid-Regierung all die Jahre als Terrorist dargestellt hatte. Den er, wie so viele weiße Südafrikaner, spätestens zur Militärzeit zu hassen lernen sollte. „Wer eingezogen wurde durfte tagelang nicht schlafen. Danach haben sie immer wieder gesagt, dass dieser Mann mit seinen Leuten die Nation bedroht. Das war Gehirnwäsche.“
In seinem Fall eine erfolgloser Natur. Becker war Jazz-Fan, die Hautfarbe seiner Freunde schwarz. Mehr als einmal wurden sie verhaftet, wenn sie abends im Atteridgeville-Township von Pretoria oder in Soweto zusammen Musik hörten. Sie haben die gemeinsamen Konzerte nie aufgegeben, erst recht nicht die Freundschaft. Es war ihr kleiner Beitrag zu jenem 11. Februar 1990.
20 Jahre soll dieser Tag nun her sein. Becker steht in seinem Gebrauchtmöbelladen in Cresta, Johannesburg. 56 Jahre ist er inzwischen, das Schleppen fällt schwerer. Gerade hat er einen Tisch und sechs Stühle ausgeliefert. Beim Tragen in der Hitze hat ihm sein Angestellter Kleinboy Mphahlele geholfen. Er ist Zulu, ein guter Freund, wenn auch kein ausgesprochener Jazzfan. Der Kampf um das wirtschaftliche Überleben hat sie zusammengeschweißt anstelle von Musik oder politischer Gesinnung. Die Gegenwart.
Becker sitzt heute wieder vor dem Fernseher. 20.000 werden allein vor dem Gefängnis von Paarl nahe Kapstadt erwartet, in dem Mandela die letzten seiner 27 Gefängnisjahre verbrachte. Die Luftwaffe plant eine Luftshow, im ganzen Land finden Konzerte statt. Tausende werden eine symbolische Strecke von 500 Metern abgehen, um an seine ersten Minuten in zurück gewonnener Freiheit zu erinnern.
Und Mandela selbst, inzwischen oft auf einen Rollstuhl angewiesen und mit seinen 91 Jahren zunehmend geschwächt, hat bei der Eröffnung des Kapstädter Parlaments einen seiner selten gewordenen öffentlichen Auftritte geplant. Zweifellos der Höhepunkt der Feierlichkeiten, deren Strahlkraft auch Jacob Zuma nutzt. Der aktuelle südafrikanische Präsident hat seine Rede zur Lage der Nation in den Abend verlegt. Das gab es noch nie, doch das Volk soll live mitverfolgen, wenn er die Leistung seines Amtsvorgängers Mandela in dessen Anwesenheit preist.
Zuma hatte davon zuletzt bei den wichtigsten Wahlkampfveranstaltungen mit seiner Regierungspartei African National Congress (ANC) im Frühjahr 2009 profitiert, als Mandela überraschend aufgetreten war. Beide eint das rhetorische Geschick, das Austarieren unterschiedlicher Interessen – Fähigkeiten, die in den ersten Monaten seiner Amtszeit selbst die schärfsten Kritiker positiv überraschte. Nun aber, im Angesicht der komplizierten wirtschaftlichen Lage, holt ihn die Last der Erwartungen und Versprechungen ein.
Während Südafrika in den vergangenen 17 Jahren wirtschaftlich enorm gewachsen ist, dringt der wirtschaftliche Erfolg nicht ausreichend an die Basis durch. 500.000 neue Arbeitsplätze hatte Zuma für das Jahr 2009 angekündigt, am Ende fiel fast die doppelte Zahl der ersten Rezension seit 17 Jahren zum Opfer. Jeder Vierte ist arbeitslos (einige inoffizielle Erhebungen gehen von 40 Prozent aus).
Kein anderes Land hat gleichzeitig so enorme soziale Unterschiede – der Abstand zwischen Arm und Reich ist seit der Wahl von Mandela zum Präsidenten im Jahr 1994 sogar größer geworden. „Der ANC hat es entgegen der Erwartungen geschafft, eine moderne Wirtschaft aufzubauen“, sagt Frans Cronje vom Südafrika-Institut für die Beziehungen ethnischer Gruppen, „aber er hat entgegen der Erwartungen versagt, die Lebensbedingungen zu verbessern.“
Kenneth Dilata gehört zu jenen, für die sich seit dem 11. Februar 1990 wenig verändert hat. Der 43-Jährige steht vor der St. Pauls-Kirche des Soweto-Townships südwestlich von Johannesburg. „Millionen sind in den Tagen von Mandelas Freilassung hierher gekommen, es war das Herz des ANC“, erzählt er, „über uns kreisten die Hubschrauber, wir haben 48 Stunden lang in den Straßen vor der Kirche gefeiert, bis Nelson Mandela am 12. Februar nach Orlando West kam. Keiner hat auch nur eine Minute geschlafen.“
Für diesen Moment hat Dilata seine Jugend und damit auch seine Ausbildung geopfert, mit Mandelas Ex-Frau Winnie und anderen Aktivisten übernachtete er im Befreiungskampf oft auf der Straße, trank aus Pfützen. 20 Jahre später schlägt er sich noch immer mit Gelegenheitsjobs durch, wohnt in einem kleinen Zimmer ohne Wasserzugang.
Schon zu Mandelas Amtszeit, zwischen den Jahren 1994 und 1999, wurden viele Erwartungen an den ANC enttäuscht – unter anderem das in der Verfassung zugesicherte flächendeckende Grundrecht auf fließendes Wasser und Strom. Mandela sei auch zu nachlässig mit der Verbrechensbekämpfung umgegangen, sagt Dilata. Sein Groll aber richtet sich gegen die aktuelle Politikergeneration des ANC, aus dem er längst ausgetreten ist.
Denn ohne Mandela hätte es in den vier Jahren der Transformation ein Blutbad gegeben, da ist sich Dilata sicher. „Das Problem war nicht allein die Auseinandersetzung mit den Weißen“, sagt er, „es gab Unruhen auch zwischen Teilen der schwarzen Bevölkerung.“ Die Führung des ANC war damals von der ethnischen Gruppe der Xhosas geprägt, zu der auch Mandela gehört. Die Konflikte mit der von Zulus dominierten „Inkatha Freedom Party“ (IFP) kostete Anfang der neunziger Jahre Hunderten das Leben.
Immer wieder sei Mandela gegen den Rat seiner Parteifreunde in die Provinz KwaZulu-Natal gereist und habe vor feindlich gesinnten, schwer bewaffneten Aktivisten geredet, erzählt Dilata. „Einmal standen sie sogar vor dem ANC-Haus in Johannesburg. Mandela hat es irgendwie geschafft, den Konflikt zu besänftigen.“
Die Kraft der Symbolik beherrscht auch Zuma, doch seine Person hat nicht ansatzweise die Integrität Mandelas. Mit seiner Polygamie – er ist nach dem Recht der Zulus mit drei Frauen gleichzeitig verheiratet – hatten sich viele abgefunden. Doch seit der Präsident, offiziell bis dato Vater von 19 Kindern, vor einigen Tagen einräumte, ein uneheliches Kind gezeugt zu haben, steht er massiv in der Kritik. Zumal das Beispiel seines Privatlebens seine eigentlich erfreulich offensive Anti-Aids-Politik konterkariert.
Ohnehin leidet der ANC mit Zuma an der Spitze darunter, dass die Partei immer weniger an den Verdiensten der Vergangenheit gemessen wird und die Versäumnisse der Gegenwart in den Vordergrund rücken, die trotz der insgesamt positiven Entwicklung Südafrikas vorhanden sind: In den vergangenen Wochen nahmen in mehreren Townships die Proteste gegen ausbleibende Staatsleistungen zu.
So wird der Jubiläumstag als willkommener Blick in die Vergangenheit politisch genutzt. Zuma spielte den Beitrag am Systemwechsel von Frederik Willem de Klerk, dem letzten Präsidenten der Apartheid-Ära, herunter: „Lasst euch nicht irreführen von Menschen, die behaupten, ihnen sei über Nacht eingefallen, diesen Mann freizulassen.“ Es sei der Befreiungskampf des ANC gewesen, der dazu geführt habe.
Das war, zusammen mit internationalen Sanktionen zweifellos der Hauptgrund. Doch die Respektlosigkeit Zumas gegenüber de Klerk stößt selbst in der ANC-Hochburg Soweto übel auf. Dilata zeigt auf eine viel befahrene Straße: „Dort wo jetzt die Bushaltestelle ist haben wir de Klerks Gesicht neben das von Mandela gemalt.“ Neben ihm steht Catherine Xaba, die 57-Jährige verkauft Schmuck aus Plastikkugeln. „Wir alle hatten Angst, dass de Klerk Opfer eines Anschlags von Rassisten werden könnte. Ich habe damals für beide gebetet.“
Ein Südafrika ohne Mandela will sich keiner so recht vorstellen – erst recht nicht im Jahr der Weltmeisterschaft, die in genau vier Monaten beginnen soll – mit Mandela auf der Tribüne. Schon jetzt werden seine rar gewordenen Statements schmerzlich vermisst, im gesamten Südlichen Afrika. Kaum einer fand klarere Worte zur Situation im Nachbarland Simbabwe als Mandela, der Robert Mugabe manipulierten Wahl im Jahr 2008 als „tragisches Scheitern der Führung“ bezeichnete. Als sein ältester Sohn an Aids starb, machte er im Januar 2005 die Todesursache öffentlich – zu einer Zeit, als HIV/Aids trotz über fünf Millionen Infizierter tabuisiert wurde.
Madiba, wie er hier genannt wird, ist das Gewissen des Landes, unverzichtbares. Doch Südafrika gilt als stabil, die politischen Institutionen und seine Zivilgesellschaft sind vergleichsweise stark, das gibt vielen Analysten Hoffnung. Eines aber steht fest, sagt Dilata: „Wenn er geht, wird das Land stillstehen. Für eine lange Zeit.“
Erschienen in DIE WELT, 11. Februar 2010

Kenneth Dilata vor einem Portrait von Mandela in Soweto![]()


