06.01.2014

Mandelas ungewöhnliche Adjutantin

Rica Hodgson erlebte in den fünfziger Jahren den entschlossenen Kämpfer Nelson Mandela – und seinen Humor

Sie kann sich an seine eindrucksvollen Reden erinnern, die beeindruckende Statur des Schwergewichtsboxers. Die Mimik des bewaffneten Untergrundkämpfers, das Lächeln des Familienvaters. Tausende Bilder im Kopf, Rica Hodgson hat Nelson Mandela schließlich über 60 Jahre lang gekannt. Eine eher banale aber ist besonders stark im Gedächtnis geblieben.

Nelson Mandela hatte die weiße Kommunistin zum Mittagessen eingeladen. Schließlich hatte diese kurz zuvor bekannt, noch nie ein typisch afrikanisches Gericht genossen zu haben. Mandela gab sich empört, das müsse umgehend geändert wer-den. Stilvoll servierten also Mandela und seine damalige Frau Winnie Hühnchen und Bratkartoffeln, zum Nachtisch gab es Pfirsiche aus der Dose und Sahne.

Hodgson ist eine Frau der klaren Worte, und so hielt sie auch an diesem Sonntag im Jahr 1958 ihre Überraschung nicht zurück. „Wo ist denn jetzt das afrikanische Es-sen“, sagte sie. Mandela lächelte. „Was erwartest du von mir? Soll ich losgehen und Wurzeln für dich ausgraben?“ Er hatte einfach das übliche Sonntagsmenü aufgetischt und Hodgson eines Vorurteils beraubt.

Der Humor eines Menschen bleibt oft am besten in Erinnerung. Die 93-Jährige hat oft mit Mandela gelacht. Bei einer der ersten Begegnungen stolperte sie mit einem Tablett direkt vor ihm und fiel. Ein Fauxpas, doch Mandela grinste, half ihr auf und sagte: „Rica, es wäre wirklich nicht nötig gewesen, dass du dich so tief verbeugst.“ Und sie hat mit ihm geweint, um ihn geweint. Anfang der fünfziger Jahre trafen sie sich. Ihr Mann Jack war überzeugter Kommunist und Verbündeter des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) – der Sprengstoffexperte gehörte 1961 zu den Grün-dungsmitgliedern des bewaffneten ANC-Flügels „Umkhonto we Sizwe“, Speer der Nation. Sie selbst hat ihre Autobiografie bescheiden „Foot Soldier for Freedom“ genannt – Infanteristin für Frieden. Eine, die ihr Leben dem Befreiungskampf ge-widmet hat.

DIE WELT traf sie drei Jahre vor Mandelas Tod im Johannesburger Büro der Nel-son Mandela Stiftung. Vor zwölf Jahren musste sie mehrere Operationen wegen Hautkrebs über sich ergehen lassen. Sie trug eine dunkle Sonnenbrille, die Schwiegertochter musste ihr beim Gehen helfen. Aber ihr Verstand war messerscharf. „Ich habe das Buch für die vielen Tausend geschrieben, die das heutige Südafrika mit all ihrer Kraft möglich gemacht haben, aber deren Namen nie in der Zeitung stand“, sagte sie. Namen wie ihrer oder unzähliger politischer Gefangener auf Robben Island und in anderer Form Unterdrückter, deren Schicksal anders als das von Mandela anonym blieb. Unterschätzt wird besonders der Einfluss der Frauen im Befreiungskampf, die sich in Massendemonstrationen immer wieder gegen diskriminierende Gesetze einsetzten.

Darunter waren auch die weißen Frauen der „Black Sash“-Bewegung – ihren Na-men verdanken sie den schwarzen Bändern, das die Trauer um den Tod der Menschenrechte symbolisieren sollte. So zogen sie vor das Parlament und demonstrierten still, schlicht mit ihrer Anwesenheit, gegen Diskriminierung wegen der Hautfarbe – und wegen des Geschlechts, schließlich war Südafrika unabhängig von der ethnischen Abstammung eine erzkonservative Gesellschaft. Nelson Mandela nannte sie „das Gewissen der weißen Nation“. 3,5 Prozent der Wähler stimmten bei den Wahlen 1970 für die Progressive Partei, die sich für die Abschaffung der Apartheid-Gesetze einsetzte.

Mehr als Hodgson riskierten aber nur wenige. Meistens half sie aus dem Unter-grund heraus, die Aktivitäten des Widerstands zu organisieren, manchmal half sie mit simplen Tricks. So unterzeichnete sie 1950, als die örtliche Rassentrennung mit dem Group Areas Act manifestiert wurde, einen Kaufvertrag für eine Farm einer indisch-stämmigen Familie, die das Grundstück sonst wegen seiner Lage verloren hätte. Ihr Mann Jack wurde aus dem gleichen Grund ehrenamtlicher „Chef“ einer Kleidungsfir-ma. „Er musste hin und wieder etwas unterschreiben“, erzählte Hodgson, „alle paar Jahre bekam er einen Anzug und eine Krawatte als Zeichen der Dankbarkeit ge-schenkt.“

Tatsächlich widmete Jack Hodgson seine Zeit der Arbeit als Generalsekretär des „Kongress der Demokraten“. Anfang der fünfziger Jahre formierten sich hier weiße Apartheid-Gegner und kooperierten mit dem ANC. Mandela stand der Beteiligung der von weißen und indischen Aktivisten am Widerstandskampf zu Beginn der fünfziger Jahre skeptisch gegenüber. Doch dann kam der junge Anwalt immer öfter in der klei-nen Johannesburger Wohnung der Hodgsons vorbei. „Mama, da steht ein riesiger Mann bei uns im Wohnzimmer“, sagte ihr kleiner Sohn Spencer, als er den hoch aufgeschossenen Mandela das erste Mal sah. Doch schon bald brach das Eis und Mandela mit den Kindern, machte seine Scherze – und beriet anschließend mit Jack die nächsten Schritte des Widerstands.

Es war die Zeit des überwiegend friedlichen Kampfes. In den fünfziger Jahren sah Hodgson die Brutalität, mit der die Regierung ab den sechziger Jahren ihre menschenverachtenden Gesetze verteidigen würde, nicht kommen. „Wir waren notorisch optimistisch“, sagte Hodgson, die nach der Verhaftung von Jack und 155 anderen Führern des Widerstands im Jahr 1956 Versammlungen organisierte und Spenden sammelte, „wir hätten nicht gedacht, dass der Konflikt so blutig werden würde.“

Erst zu Beginn der sechziger Jahren würde die kleine Küche der Hodgsons als Werkstatt für den Bau von Sprengstoff dienen. Am 29. März 1960 nahm sie einen An-ruf entgegen. Neun Tage waren seit dem Sharpeville-Massaker vergangen. Die Polizei hatte damals 69 Demonstranten erschossen – viele Kugeln landeten im Rücken. Am Telefon meldete sich eine vertraute Stimme, ohne den Namen zu nennen. „Ich möchte mit Jack sprechen“, sagte die Stimme. Es war Mandela. „Er ist nicht zu Hause.“ „Merke Dir die folgende Nachricht sorgfältig und gebe sie Jack.“ Es folgten einige kryptische Worte. Ein Code, der – für die Abhörexperten des Geheimdienstes verschlüsselt – vor der Verhaftung warnte.

„Er befand sich selbst in höchster Gefahr und rief trotzdem all seine Verbündeten an, um sie zu warnen“, erzählte Hodgson. Ihr Mann flüchtete noch am gleichen Abend, keine Stunde zu früh. Noch in der Nacht standen Mitarbeiter des Geheim-dienstes vor der Tür, die sie verhafteten. Hodgson verbrachte mehrere Wochen im Gefängnis. Zusammen flüchteten sie schließlich 1963, als Mandela bei den Rivonia-Prozessen zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, nach Botsuana von wo aus sie nach London ausgewiesen wurden. Hodgson arbeitete für eine Bildungseinrichtung des ANC und Stiftungen, die Geld für Opfer der Apartheid auftrieben. Und wieder war es ihre Wohnung in London, die zum Treffpunkt von ANC-Aktivisten im Exil waren: „Es gab so gut wie keinen Tag, an dem wir keinen Besuch hatten.“

Dass sie 27 Jahre würde warten müssen, bis Mandela aus der Haft entlassen würde – der Voraussetzung für ihre Rückkehr nach Südafrika. Ihr Mann war längst verstorben, 70 Jahre alt war sie inzwischen, „aber längst nicht zu alt, um zu arbeiten“. Hodgson wurde die Privatsekretärin von Walter Sisulu, der in den Transformationsjahren Vizepräsident des ANCs war.

Und sie war es, die im Auftrag von Mandela das legendäre Mittagessen des Präsi-denten mit den Ehefrauen und Witwen der einstigen Apartheid-Führern zusammen mit Frauen der ANC-Spitze organisierte. Eine damals umstrittene Veranstaltung, die im Nachhinein als geniale Geste der Versöhnung gilt. „Es war eine seltsame Veranstaltung“, erinnerte sich Hodgson, „sie waren sehr nervös und sahen aus, als würden sie im nächsten Moment einen Fausthieb in das Gesicht erwarten würden. Ich habe sie so herzlich gegrüßt, wie es mir irgendwie möglich war.“

Neben Mandelas Charme – er empfing jede Dame einzeln an der Eingangstür – habe auch das ein oder andere Gläschen Cherry dazu beigetragen, dass sich die Stimmung auflockerte. Als sich die 24 Frauen zusammen mit Mandela zum Gruppen-foto aufstellten, wollte die Witwe des ehemaligen Premierministers John Vorster der Witwe des ermordeten Studentenführers Steve Biko ihren Stuhl anbieten. Mandela drückte sie zurück auf ihren Sitz und grinste: „Sie sind so undiszipliniert wie es ihr Mann immer war.“

Er sprach, als meinte er einen alten Studienfreund und nicht einen der Vorkämpfer der Apartheid. „Warum sind wir hier?“ habe eine der Damen gefragt, erinnerte sich Hodgson. Mandela habe gelächelt. „Früher oder später werden alle Weißen verstehen müssen, dass die Zukunft gleiche Rechte für alle Südafrikaner vorsieht“, sagte er, „einige erreichen diesen Punkt ein wenig früher als der Rest.“