06.01.2014

Kampf der Brüder

Der streitbare Zulu-Führer Buthelezi gefährdete einst Mandelas Traum von der Demokratie - heute will er als Versöhner gesehen werden

Acht Stunden dauerte das Treffen im Royal Hotel in Durban, und es be-wahrte Südafrika wohl vor einem Bürgerkrieg. Nelson Mandela hatte vor den Verhandlungen am 1. März 1994 gesagt, er wäre auch bereit, vor seinem Widersacher Mangosuthu Gatsha Buthelezi auf die Knie zu gehen – wenn das dazu führen könne, weiteres Blutvergießen zu verhindern.

3000 Menschen waren alleine innerhalb der vorangegangenen zwölf Monate bei Kämpfen zwischen Anhängern von Buthelezis Inkatha Freedom Party (IFP) und Man-delas African National Congress (ANC) in der Provinz KwaZulu-Natal ums Leben ge-kommen. Kompromisslos hatte sich Buthelezi gegen die ersten demokratischen Wahlen des Landes gewehrt. Buthelezi, den der ANC seit 15 Jahren als Kollaborateur mit dem Apartheid-Regime gebrandmarkt hatte, forderte in der neuen Verfassung verankerte Selbstbestimmungsrechte in KwaZulu-Natal. Der Nutznießer des „Homeland-Systems“ strebte den Erhalt seiner im Apartheid-System verankerten Machtposition an. Mandela hatte wiederholt gesagt, sein Widersacher „fürchte“ sich vor der Demokratie. Dem Systemwechsel, für den Politiker in aller Welt gekämpft hatten. Sein Boykott hätte den Wert dieser Wahlen womöglich entscheiden geschmälert.

Der amerikanische Präsident Bill Clinton und Englands Premierminister John Major hatten vor dem Treffen ermunternde Botschaften an beide geschickt. Beinahe ein Jahr hatten sie vergeblich versucht, die beiden wichtigsten Führer der schwarzen Bevöl-kerung dazu zu bewegen, sich an einen Tisch zu setzen. Endlich war es gelungen. Die Stunden vergingen, die Delegationen debattierten hitzig. Dann zogen sich Mandela und Buthelezi allein in ein anderes Zimmer zurück. 45 Minuten sprachen sie. Dann traten sie heraus, vor die Kameras. Hand in Hand.

Er erwäge, seine Partei „auf vorläufiger Basis“ für die Wahlen zu registrieren, sagte Buthelezi, auch wenn es weiterer Verhandlungen bedürfe. Mandela antwortete, man werde gemeinsam bei Kundgebungen auftreten, um den Konflikt zu beruhigen. Er hatte ihm einen Ministerposten in Aussicht gestellt und konkret wie nie angeboten, dem Zulu-Königreich Sonderrechte nach den Wahlen einzuräumen. Vor allem aber hatte er Buthelezi, unter dessen Charaktereigenschaften Stolz besonders augenscheinlich ist, den Respekt gegenüber gebracht, den dieser sich erwartet hatte. Es folgten weitere zähe Verhandlungen, aber Buthelezi nahm schließlich doch noch an den Wahlen teil. Eilig wurden Aufkleber mit dem IFP-Emblem auf die bereits gedruckten Wahlzettel ge-klebt.

19 Jahre sind vergangen. Buthelezi ist inzwischen 85 Jahre alt und noch immer Parlamentsabgeordneter im südafrikanischen Parlament. Sein Büro ist ganz am Ende eines Ganges des Kapstädter Gebäudes. Dort sitzt er an einem gewaltigen Schreib-tisch, als er DIE WELT vor einem Jahr zum Interview empfing. Wie immer im Maßanzug. Seine Sekretärin bringt Kaffee. Und Buthelezi erzählt, wie es damals wirklich war – in seinen Augen.

Trotz des Konflikts zwischen der fast ausschließlich aus Zulus bestehenden IFP und dem damals von Xhosas geprägten ANC habe er seit gemeinsamen Tagen in der ANC-Jugendliga während der fünfziger Jahre eine „enge Freundschaft“ mit Mandela geführt. Erst später, als er den Weg des bewaffneten Widerstands des ANC nicht mitgehen woll-te, habe er die IFP gegründet, „um den Wandel von innen heraus zu gestalten“.

1978 durfte Mandela zu seinem 60. Geburtstag genau acht Briefe empfangen. Einer sei von ihm gewesen, Mandela habe ihn öffnen wollen und herzlich geantwortet. Und 1989, als die Welt langsam von einer Freilassung Mandelas zu träumen begann, schrieb dieser einen seiner letzten Briefe in Gefangenschaft an ihn. „Er war sehr besorgt angesichts der Gewalt und schrieb, wir müssten uns baldmöglichst treffen, wenn er frei sei“, erzählt Buthelezi.

Tatsächlich rief Mandela an, als es so weit war, er war erst seit wenigen Tagen in Freiheit. Zu einem Treffen sei es aber erst ein knappes Jahr später gekommen, so Buthelezi. „Einige traditionelle Führer aus dem Ostkap fragten ihn später, warum es so lange gedauert habe. Er antwortete ihnen, dass andere Führer des ANC und der United Democratic Front (eine weitere Anti-Apartheid-Organisation, d.Red) ein Treffen unbe-dingt vermeiden wollte. In gewisser Hinsicht war er mehr gefangen als während seiner Gefangenschaft.“

Mandela hat diese Version nie bestätigt, aber auch nicht dementiert. Er wusste um den sensiblen Charakter Buthelezis und vermied es auch in späteren Jahren, den um-strittenen Politiker bloß zu stellen. Ungeachtet der Tatsache, dass Buthelezis Sturheit für das Land nicht nur beinahe zur Katastrophe geführt hat. 13.000 Tote kostete der Konflikt zwischen den Jahren 1987 und 1996. Und ungeachtet der Tatsache, dass Buthelezi von den Plänen in KwaZulu-Natal wusste, eine paramilitärische Armee aufzubauen, die wo-möglich das labile Demokratiegerüst zum Einstürzen hätte bringen können. Entsprechende Belege dafür kamen 1996 beim Prozess gegen den einstigen Verteidigungsminister des Apartheid-Regimes, Magnus Malan, zu Tage.

Mandela besuchte damals mehrere Versammlungen in KwaZulu-Natal, teilweise ge-gen den Rat seiner Sicherheitsberater. Er hat wohl auch Schlimmeres verhindert, indem er den Kontrahenten, der einst die Verhandlungen für ein Ende der Apartheid erschwer-te, aktiv mit in die neue Regierung einband. Buthelezi holte immerhin rund zehn Prozent der Stimmen und übernahm das Innenministerium, ohne jedoch die Polizeiverwaltung in seinem Ministerium zu haben. Langsam kam der Konflikt unter Kontrolle, auch dank regelmäßiger Gesten Mandelas. Als 1997 sowohl er als auch Vize-Präsident Thabo Mbeki zu einer Auslandsreise aufbrachen, ernannte er den, so Mandela, „hochkompetenten und erfahrenen Anführer“ Buthelezi zum „Acting President“, der während seiner Abwesenheit die inländischen Geschäfte leiten sollte.

Damals gab es Gelächter im Parlament, schließlich prägte der Konflikt zwischen IFP und ANC das politische Tagesgeschäft. Buthelezi aber füllte die Position während seiner zehn Jahre als Minister noch 21 weitere Male aus. „Dieses Vertrauen hat mich durchaus mit Stolz erfüllt“, sagt er, „Mandela sprach im Scherz oft as Mr Acting President von mir.“ Im Jahr 2004 sei ihm von Mbeki sogar das Amt des Vizepräsidenten angeboten worden, das aber sei ein „falsches“ Angebot gewesen, so Buthelezi. Denn im Gegenzug sollte er das Amt des Premierministers in KwaZulu-Natal an den ANC abgeben. „Das konnte ich nicht akzeptieren“, sagt er, „sie wollten mich also nicht wirklich als Vize-Präsident.“

Buthelezi wechselte nach diesem Affront auf die Seite der Opposition. Im Juli 2012 verlor er auch den Vorsitz im Rat der Traditionellen Führer der Provinz an den ANC. Ihm bleibt der Vorsitz der Partei, den er wohl auf Lebenszeit halten wird. Dazu hat er weiter einen Sitz im Parlament, auch wenn der Stimmenanteil der IFP bei den letzten Wahlen im Jahr 2009 auf mickrige 4,5 Prozent der Stimmen zusammengeschrumpft ist. Längst ist der ANC auch in „seiner“ Provinz KwaZulu-Natal die dominierende Kraft, spätestens seit der Wahl von Zuma. Der amtierende Präsident stammt aus der Nähe von Durban und ist als traditionsbewusster Zulu besonders populär in der Region.

Einen wichtigen Kampf aber gingen die beiden zuletzt gemeinsam an – gegen die Stigmatisierung von Aids. Im Jahr 2004, nicht lange nachdem die Regierung von Mbeki noch den Zusammenhang von HIV und Aids in Zweifel gestellt und antiretrovirale Medi-kamente als Gift bezeichnet hatte, brach zuerst Buthelezi das Tabu um die Krankheit. Er machte öffentlich, dass sein Sohn Prinz Nelisuzulu Benedict and Aids gestorben war.

Wenige Monate später starb auch Mandelas Sohn Makgatho an Aids, diesmal war es Mandela, der an die Öffentlichkeit ging und die Krankheit als „normal“ bezeichnete. „Wir wollten erreichen, dass diese Krankheit ihr Stigma verliert und mehr Menschen sich tes-ten lassen würden“, sagt Buthelezi, der am Anzug eine rote Aids-Schleife trägt, „wir ha-ben diesen Kampf angeführt. Und ich glaube, wir haben Leben gerettet.“