23.08.2013

Immer einen Schritt hinter Mandela

Der ehemalige Bodyguard von Nelson Mandela erinnert sich an seine Arbeit mit einem Präsidenten, der kein Protokoll kannte

Nelson Mandela bei der Abschlusskundgebung des ANC vor den Wahlen im April 2009

Es gab diesen Moment, in dem Rory Steyn erkannte, dass er für Nelson Mandela sein Leben geben würde. Es war der 10. Mai 1994, Mandela war am Vormittag in Pretoria als erster demokratisch gewählter Präsident Südafrikas vereidigt worden, der erfahrene Bodyguard Steyn begleitete ihn an diesem Tag als Mitglied des Sicherheitsteams.

Am Nachmittag trat Südafrikas Fußballnationalmannschaft in Johannesburg zu Mandelas Ehren gegen Sambia an. Der Präsident bestand darauf, nach der Vereidigung mit dem Hubschrauber zu dem Stadion zu fliegen, um die Mannschaften zu grüßen. Der Zeitplan war eng gesteckt, über 100 Staatsoberhäupter aus aller Welt waren im Land, bis zum offiziellen Empfang am Abend blieb wenig Zeit. Ein Auto holte ihn vom Hubschrauber ab. Doch als der Fahrer gerade losfahren wollte, sah Mandela in der Nähe einen älteren weißen Polizisten, er muss Mitte 50 gewesen sein. Die jahrzehntelange Arbeit hatte tiefe Furchen in sein Gesicht gezeichnet.

Der Präsident stieg zum Ärger des um Pünktlichkeit bemühten Protokollführers aus. Auch Steyn wurde überrascht, Mandela hatte wieder einmal auf Sicherheitsabsprachen verzichtet. Er ging zu dem Colonel, dessen Augen größer und größer wurden, als er sah, wer da auf ihn zukam. Der Präsident blieb vor dem Mann stehen, der während der meisten der 27 Gefängnisjahre von Mandela das Apartheid-Regime verteidigt hatte.

„Colonel, ich möchte ihnen heute sagen, dass ich nun Präsident bin und es kein ‚wir und die anderen’ in diesem Land mehr gibt“, sagte Mandela mit einer Stimme, die es wie kaum eine andere vermochte, innerhalb von Sekunden Vertrauen zu schaffen, „sie sind nun unsere Polizei.“ Fassungslos sah Steyn, wie sein Kollege vor Rührung in Tränen ausbrach, als er sich bei Mandela bedankte.

Es sei ein Klischee, dass Bodyguards für jeden ihrer Kunden das eigene Leben bedingungslos opfern würde, sagt Steyn heute, 19 Jahre später. Man überlege sich schon vier oder fünf Mal, ob man im Ernstfall volles Risiko gehen würde. „In diesem Moment aber wusste ich, dass ich für diesen Mann mein Leben einsetzen würde.“

Steyn ist inzwischen 50 Jahre alt und nicht mehr im Polizeidienst, er leitet eine Firma für Personenschutz. Die Zeit als Sicherheitschef des Präsidenten liegt lange zurück, von 1996 bis zum Ende von Mandelas Amtszeit im Jahr 1999 war er persönlicher Bodyguard von Mandela. Doch am Donnerstag sind die Erinnerungen besonders präsent. Mandela feiert seinen 95. Geburtstag in trauriger Umgebung, einem Krankenhaus in Pretoria. Seit dem 8. Juni, nunmehr rund sechs Wochen, wird der Vater der Nation wegen einer schweren Lungenentzündung behandelt, sein Zustand wird vom Präsidialamt weiterhin als „kritisch aber stabil“ bezeichnet – Maschinen halten ihn am Leben.

Seit fünf Jahren widmen viele Südafrikaner am 18. Juli rund eine Stunde ihrer Zeit für gemeinnützige Arbeit. „67 Minuten für Mandela“, heißt das von den Vereinten Nationen unterstützte Motto. Eine Minute für jedes Jahr, in dem Mandela politisch aktiv war. Entstanden ist die Idee bei den Feiern zu Mandelas 90. Geburtstag im Londoner Hyde Park. Damals sagte der schwächer werdende Politiker: „Es ist Zeit für neue Hände, um die Last zu tragen. Es kommt jetzt auf eure Hände an.“

Steyn engagiert sich mit seiner Familie aktiv in der Sozialarbeit einer Kirche in Pretoria. Ihm gefalle die Idee der 67 Minuten, sagt er, nur brauche er für gute Taten keinen speziellen Termin. Aber natürlich wird er Mandela in seine Gebete einschließen, wie so oft in den vergangenen Wochen. „Unser Land hält den Atem an. Wir wissen nicht, wann sein letzter Tag kommt, aber wir haben realisiert, dass er kommen wird“, sagt er.

Sein eigener Weg ist eng mit dem Mandelas verknüpft – und das zunächst auf feindlicher Basis. Steyn machte während der 80er Jahre in einer Sondereinheit der Polizei Karriere, die für brutale Verhöre berüchtigt war. „Uns wurde eingeimpft, dass Mandela und andere Kämpfer der Freiheitsbewegung Terroristen sind, und so habe auch ich es gesehen.“

Mit nicht einmal 30 Jahren wurde Steyn Chef der Spezialeinheit für VIP-Personenschutz, er war für die Sicherheit von hochrangigen Besuchern und Politikern verantwortlich. „Plötzlich haben wird die ANC-Aktivisten, die wir gejagt haben, beschützt.“ Er habe damals, nach der Freilassung von Mandela, Sorge um die Zukunft Südafrikas gehabt. 1993 wurde der hochrangige ANC-Funktionär Chris Hani von zwei weißen Rechtsextremisten ermordet. „Wir standen am Rand eines Bürgerkriegs“, sagt Steyn.

Viele seiner Freunde wanderten damals in Länder wie Australien oder Neuseeland aus. Steyn aber wurde zum Beschützer der Demokratie in Südafrika. Als Leiter der VIP-Einheit hatte er bereits die Sicherheit von FW de Klerk, dem letzten Präsidenten des Apartheid-Regimes, bei öffentlichen Veranstaltungen mitverantwortet. Auch für Mandela war er schon da mehrfach im Einsatz. 1996 aber übernahm er dann den Posten des persönlichen Sicherheitschefs von Mandela. Jeweils zwei Teams gab es in Pretoria und Kapstadt, dem Parlamentssitz.

Nun erlebte er täglich aus unmittelbarer Nähe, wie Mandela die Herzen seiner Mitmenschen gewann, besonders der jungen. „Wenn bei einem Termin Kinder anwesend waren, ging er nie, ohne mit ihnen zu reden“, sagt Steyn, „das wussten wir, es wurde Teil unseres Sicherheitskonzepts bei der Planung.“ Steyn stellte Mandela auch seine eigenen Kinder vor. Der dritte Sohn wurde erst geboren, als Mandela seine politische Karriere bereits beendet hatte. Steyn machte einen privaten Termin, um seinem ehemaligen Chef das Kind zu zeigen. Längst hatte er erkannt, dass er die ersten 30 Jahre seines Lebens einer falschen Ideologie verfallen war.

Immer waren die Begegnungen mit Kindern jedoch nicht planbar, bei einem offiziellen Besuch des ghanaischen Präsidenten zum Beispiel. Mandela empfing ihn am Regierungssitz, die Nationalhymnen wurden gespielt. Hinter Mandela wartete das versammelte Kabinett auf die Begrüßung des Ehrengastes.

Doch der Präsident hatte hinter der Leibgarde einen kleinen Jungen in Schuluniform gesehen. Mandela wies den verdutzten Protokollchef an, es zu holen. Er gab dem Kind die Hand und stellte ihm den imposanten Mann neben ihm vor, als sei es das Selbstverständlichste überhaupt: „Mein Junge, dies ist Jerry Rawlings, der Präsident von Ghana.“ Steyn lacht laut: „Wer das Kind war und wie es zum Regierungssitz gekommen ist, weiß ich bis heute nicht.“

Mandela war für seine Spontanität bekannt, ein großes Sicherheitsrisiko sei er aber nie eingegangen, sagt Steyn. „Oft wussten wir nicht, was er vorhat. Aber jemand, der ihm etwas Böses wollte, hätte es genau so wenig wie wir gewusst.“ Der Präsident habe wohl auch wegen seiner Erfahrung im bewaffneten Widerstand ein gutes Gespür gehabt, wann es angemessen ist, dem Sicherheitsteam zu vertrauen.

1997 kämpften Taxibetreiber in Soweto einen blutigen Kampf um die lukrativsten Routen. Als Mandela einen Freund in dem Township besuchte, entschied er spontan, mit einigen der Fahrer zu sprechen. Steyn bat um 30 Minuten Zeit, um die Gegend zu sichern – und Mandela habe geduldig im Auto gewartet. Wirklich gefährliche Situationen habe es nicht gegeben.

Mit den Jahren entstand ein tiefes Vertrauensverhältnis zwischen den beiden Männern, eine Loyalität auf beiden Seiten, die 1997 getestet wurde. Steyn war in einem Zeitungsbericht mit einem Bombenanschlag aus dem Jahr 1988 in Verbindung gebracht worden. Das Hauptquartier der Anti-Apartheid-Organisation SACC wurde damals auf Anweisung des damaligen Präsidenten PW Botha zerstört.

Beweise für eine Beteiligung von Steyn gab es nicht, er bestreitet sie noch heute vehement. Doch der Geheimdienst empfahl die Abberufung von Steyn. Der Bodyguard wartete bei der Besprechung vor der Tür. Nach wenigen Minuten kam Mandela heraus. Später würde er ihm ausführlicher erklären, dass es für ihn unerheblich sei, ob die Vorwürfe stimmen oder nicht. Jeder habe eine zweite Chance verdient. Außerdem mache er seine Sache ausgezeichnet.

Doch in diesem Moment sagte er nur ein paar Worte: „Wie war das Mittagessen?“ „Gut.“ „Wunderbar, bis morgen.“