06.01.2014

Mandelas ewiger Anwalt

George Bizos verteidigte Nelson Mandela 1964 während der Rivonia-Prozesse und bewahrte ihn wohl vor dem Todesurteil.

Er saß im Lesezimmer. Ganz am Endes des Ganges, tiefer Teppich, das letzte Zimmer auf der linken Seite ganz im 16. Stock der Bram-Fischer-Turmes, von wo aus er noch immer für Mittellose kämpft, die juristischen Beistand brauchen. Vertieft in ein Buch über die Exiljahre führender südafrikanischer Politiker. Nur ein einfacher Tisch, umrahmt von schweren Bücherregalen. Krawatte, natürlich, wie immer, ein edler Anzug. Die Brille ganz nach vorne auf die Nase geschoben, nur knapp über dem grauen Oberlippenbart. 20 Minuten Verspätung, die überfüllte Johannesburger Innenstadt hatte gebremst. Er aber blickte auf, erhob seinen 85-jährigen Körper und lächelte: „Schön, dass sie hier sind.“

So hieß George Bizos die WELT zum Interview zwei Jahre vor dem Tod von Nelson Mandela willkommen. Es wurde ein Gespräch über den Befreiungskampf, den Rivonia-Prozess 1964, der mit der Verurteilung der Führung des African National Congress (ANC) als Südafrika Jahrhundertprozess in die Geschichte eingehen sollte. Über ihn selbst, den Anwalt, der mehr politische Prozesse als jeder andere geführt hat. Und über Nelson Mandela natürlich, jenen Mann, den er vor der Todesstrafe, nicht aber vor 27 Jahren im Gefängnis bewahren konnte. Immer wieder hatte er ihn als sein Anwalt dort besucht, als einer der wenigen Menschen mit Besuchsrecht. „Sie konnten ihn nie brechen“, hatte er über das Apartheid-Regime gesagt, „im Gegenteil: Er nahm vielen den Hass.“

„Meine größte Angst war, dass er im Gefängnis sterben würde“, sagte Bizos, „diese Phobie begleitete mich 27 Jahre.“ Mehr wollte er über den Tod nicht reden, es war eine Unterhaltung über das Leben, die Hoffnung. 1948 hatten sich die beiden jungen Juristen an der Wits-Universität von Johannesburg kennengelernt – der weiße Bizos, dessen Eltern vor den Nationalsozialisten aus Griechenland in Richtung Südafrika geflohen waren. Der damals, mit 13 Jahren, kein Wort Englisch sprach. Dem die Behörden lange die Staatsbürgerschaft und damit das Recht verwehrte, als Anwalt zu arbeiten. Der dennoch einer der mutigsten Juristen seiner Generation werden sollte.

Es entstand eine Freundschaft mit dem Amateurboxer Mandela, der zusammen mit Oliver Tambo die erste Kanzlei schwarzer Anwälte eröffnet hatte. Der kräftige Mann war hochgradig erfolgreich, eine logische Wahl für politische Prozesse. Aktivisten des Untergrunds erfüllte es mit Stolz, von einem Anwalt ihrer Hautfarbe verteidigt zu werden. Doch auch Bizos, vom Apartheid-Regime als „Weiß“ klassifiziert, übernahm mehr und mehr Fälle, seit er einen Fotografen freigekämpft hatte, der eine illegale Versammlung dokumentiert hatte. Der Aktivist habe von einem Wellblechdach aus fotografiert, das sich abseits der Gruppe befunden habe, hatte Bizos argumentiert. Somit sei er kein Teil von ihr gewesen. Die Richter folgten seiner Argumentation.

Er sei nie im Untergrund gewesen, erzählte Bizos, habe bewusst auch nie Kontakt zu Freunden gesucht, die untergetaucht waren. Viel wichtiger für den Befreiungskampf war es, dass er in der Lage war, eben diese Freunde vor Gericht zu verteidigen. Oder andere, die einen juristischen Beistand benötigten. Nur so konnte er im Jahre 1964, als einer von sieben Anwälten, Mandela und 15 weitere Angeklagte im weltberühmten Rivonia-Prozess verteidigen. „Das Regime triumphierte, erklärte die Untergrundbewegung mit den Verhaftungen für gescheitert“, sagte Bizos. Ministerpräsident Hendrik Verwoerd und Justiz-minister Balthazar Johannes Vorster sagten öffentlich, es könne nur ein mögliches Strafmaß „for the Terrs“ (umgangssprachlich für Terroristen) geben: den Tod.

Hatte Mandela Angst? Bizos schüttelte den Kopf, strich über das Cover des vor ihm lie-genden Buches. „Die Angeklagten hatten unter der Führung von Sisulu und Mandela die tapfere Entscheidung getroffen, ihren Übergang zur Gewalt nicht zu leugnen – mit dem Hin-weis, dass allerdings das Regime verantwortlich sei und anstelle ihrer auf dieser Anklagebank sitzen müsste.“ Bestimmt, aber gleichzeitig mit Würde seien sie aufgetreten. Es sei nie die Absicht gewesen, die Regierung mit Gewalt zu übernehmen, sondern, sie an den Verhandlungstisch zu bringen. Rhetorisch geschliffen habe Mandela gesprochen, ein auffälliger Gegenpol zu den Auftritten Radikaler in den USA, die damals oft die Richter beschimpft oder sich über die Administration lustig gemacht hatten.

Bizos galt als Stratege des Prozesses – und als Kenner der Klassiker des politischen Denkens. Vielleicht rettete sein Wissen Mandela damals das Leben. Der ANC-Führer gab sein selbst verfasstes Verteidigungsplädoyer Bizos zum Lesen. „Ich habe das Ideal einer demokratischen und freien Gesellschaft vertreten, in der alle Menschen in Harmonie und mit gleichen Möglichkeiten zusammenleben“, hieß es darin, „es ist ein Ideal, für das ich leben will und das ich zu erreichen hoffe. Doch ich bin auch bereit, dafür zu sterben.“

Bizos dachte, als er fertig gelesen hatte, einen Moment nach. Er hielt die uralte und oft erfolgreiche Taktik, die Autorität in politischen Prozessen in Frage zu stellen für richtig. Doch er fühlte sich an die Apologie des Sokrates erinnert, der mit ähnlich provokanten Sätzen die Athener Demokratie herausgefordert hatte, und anstelle einer Verbannung ins Exil mit der Todesstrafe versehen wurde. „Sie werden dir vorwerfen, dass du ein Martyrium anstrebst“, sagte Bizos zu Mandela, „du musst die Erfüllung deiner Träume erleben.“ Man-dela hielt inne. Dann ergänzte er handschriftlich drei Worte vor den letzten Satz seines berühmten Manuskripts. „If needs be.“ Wenn es sein müsse, sei er für den Tod bereit. Es waren die dämpfenden Worte von Bizos, die Sokrates einst gefehlt haben.

Bizos Stimme war leise und brüchig, doch die Erinnerungen klar, präzise. Während des Gesprächs fing der Anwahl an zu weinen. Er erinnerte sich an den Moment, an dem er die Nachricht überbrachte, dass der UN-Sicherheitsrat den Prozess verurteilt und Sanktionen eingeleitet hatte. „Mandela sprang förmlich in die Luft vor Freude. Er wusste, dass vor die-sem Hintergrund eine Todesstrafe äußerst unwahrscheinlich war“, erinnerte sich Bizos. Die Verteidiger hatten den Prozess bewusst immer wieder verzögert, da es erschreckend lange gedauert hatte, bis sich der Sicherheitsrat auf die Resolution geeinigt hatte.

Und doch – Mandela war Optimist, aber noch mehr Realist. Andere ANC-Kämpfer hatten Bizos nach Verurteilungen zu der Regelstrafe von 15 Jahren Gefängnis den kleinen Finger, den Ring- und Mittelfinger gezeigt – das Symbol für die drei. „Drei Jahre, George. In drei Jahren ist das System zusammengebrochen und wir sehen uns als freie Menschen wieder.“ Ein afrikanisches Land nach dem anderen erlangte damals die Unabhängigkeit. Mandela aber ahnte nach seiner Verurteilung, dass er womöglich tatsächlich den Rest seines Lebens inhaftiert bleiben würde.

Bizos war der einzige Rechtsbeistand aus dem Rivonia-Team, der Mandela auf der Ge-fängnisinsel Robben Island besuchen durfte – die anderen waren entweder tot, im Unter-grund oder im Exil. „Er hat sich nie Verzweiflung anmerken lassen, weil das die Menschen geschwächt hätte, die den Freiheitskampf fortsetzen sollten“, sagte Bizos. Stattdessen habe er seine Würde auch in Gefangenschaft bewahrt, ja teilweise auf die Wachmänner übertragen. „Ich kann mich an meinen ersten Besuch bei ihm erinnern. Er wurde von acht Wachmännern begleitet. Sie passten sich seinem Gehtempo an – nicht umgekehrt. Als er mich sah, fragte er zuerst nach meinen Kindern. Und dann entschuldigte er sich schmunzelnd: George, ich habe dich noch nicht meiner Ehrengarde vorgestellt. Und er sprach jeden einzelnen von ihnen mit ihrem vollen Namen an. Man sah ihnen an, wie sehr sich über diese Geste des Respekts freuten.“

Doch es gab auch die düsteren Momente auf Robben Island, die Bitte an Bizos, sich um seine Familie zu kümmern. Momente, in denen auch Bizos verzweifelte. Immer wieder gab es Wellen der Verhaftungen, 1976 nach den Soweto-Aufständen oder 1985, als der nationale Notstand beschlossen und Tausende eingesperrt wurden. Aber auch Mandelas Momente des Charmes, wenn er sich mit den Wachmännern bewusst auf Afrikaans unter-hielt, um „ihre Sprache“ zu sprechen. Oder jenes Gespräch mit dem damaligen Justizminister James Thomas Kruger, der sich erkundigte, ob er etwas für Mandela tun könne. „Nun“, antwortete der Gefangene, „sie könnten mich freilassen.“ Er habe sich auf seine Rolle als Führer der Nation regelrecht vorbereitet, immer wieder gezeigt, dass er mit der weißen Bevölkerung kein Zerwürfnis hatte.

An dem Tag, an dem Mandela aus seinem Gefängnishaus in Paarl (bei Kapstadt) entlassen wurde, arbeitete Bizos, der unermüdliche Vertreter der Menschenrechte. Doch zwei Tage später besuchte er Mandela in seinem damaligen Haus in Soweto, das erste Treffen in Freiheit seit knapp drei Jahrzehnten. Er wolle ihn nur kurz umarmen, sagte er zu Mandela, dann wolle er ihn sich weiter ausruhen lassen. Bizos stockte beim Erzählen, wieder füllten sich seine Augen mit Tränen. Dann ein Lächeln: „Das kommt nicht in Frage, sagte Nelson zu mir. Du musst zum Essen bleiben. Es gibt viel zu reden.“