06.01.2014

Ein Team, eine Nation

Nie kam Südafrika dem Bild der Regenbogennation näher als bei der Rugby-WM 1995. Besuch beim einzigen schwarzen Spieler der Mannschaft

In Chester Williams Flur hängt ein Bild. In der Mitte ist ein ergrauter Mann zu se-hen, er sitzt in einem tiefen Sessel und lacht die zweijährige Tochter von Williams an. Oben, auf der Lehne, klettert ihr Zwillingsbruder, nur ein paar Zentimeter neben dem Ohr des großen Staatsmanns. Würde man Mandela auf dem Photo nicht erkennen, könnte man es angesichts der großen Vertrautheit der Portraitierten für ein Familienfoto halten. Es hängt direkt über dem Schlüsselbrett, neben Fotos von Picknicks im Park.

Das Foto stammt aus dem Jahr 2008, aufgenommen in Mandelas Haus in Johannes-burg. Er wollte die Kinder von Williams kennenlernen. Und den ehemaligen Rugby-Star wiedersehen, der 1995 wie wenige andere für die Aussöhnung der ethnischen Gruppen des Landes stand. Bei der Rugby-Weltmeisterschaft im eigenen Land war er der einzige dunkelhäutige Sportler im Kader der „Springboks“-Mannschaft. Jenem Team, mit dem sich die herrschende weiße Minderheit über Jahrzehnte hinweg wie mit keinem anderen identifiziert hatte. Das von internationalen Wettkämpfen ausgeschlossen war. Und deren Spieler damals, wenige Monate nach der Wahl von Mandela zum Präsidenten, selbst noch nicht vollends an das Konzept einer Regenbogennation zu glauben vermochten.

Williams bleibt ein paar Sekunden vor dem Foto stehen. „Er hat es geschafft, dass sich jeder um ihn innerhalb weniger Sekunden wohl gefühlt hat“, sagt er, „die Kinder erzählen heute noch von diesem Tag.“ Er hat daneben gleich noch zwei weitere Fotos von dem Treffen gehängt. Das Lächeln des alten Mannes ist so zu einem kleinen Bestandteil des Alltags geworden. Man sieht die Fotos sofort, wenn man das Haus betritt, lange vor irgendeinem Anzeichen, dass der Bewohner einst einer der größten Rugbystars des Landes war.

Die Erinnerungen an seine sportliche Karriere hat Williams in einem Zimmer gesammelt, die Tür ist gleich links neben dem Eingang. In Vitrinen stehen silberne Pokale. An den Wänden hängen grüne Trikots aus seiner Zeit als Nationalspieler. Er hat sie edel gerahmt, Erinnerungen hinter Glas an die neunziger Jahre, als Williams zum Symbol für die Überwindung der Rassentrennung wurde. Schon in den achtziger Jahren, als das Apartheid-System bereits in Teilen bröckelte, gab es dunkelhäutige Spieler im Nationalteam – einer davon war 1984 sein Onkel Avril. Nun aber prangte Williams freundliches Lächeln auf Flugzeugen und Tausenden Plakaten. Zeitungen aus aller Welt berichteten über den muskelbepackten Flügelspieler. Er galt als unübersehbarer Beweis für den Wandel.

Manchmal sitzt Williams alleine in diesem Zimmer. Auf einem weißen Sofa, das hinter seinem breiten Kreuz eher wie ein Sessel aussieht. Der 43-Jährige kann hier gut nach-denken. Es ist still, die Kinder spielen meist ein Stockwerk höher. Ein Zimmer ohne Radio oder Fernsehen. Draußen, auf der Straße des edlen Wohnviertels, fahren nur selten Autos vorbei. Die Gedanken scheinen hier besonders gut wandern zu können. Und wer mit ihm über Rugby sprechen will, der wird hierher geführt. Da sitzt Williams also auf dem Sofa, die mächtigen Hände in den Schoß gelegt und erzählt, wie Nelson Mandela das einstige Vorzeigeteam des Apartheid-Regimes unterstützte.

Es war die Idee des neuen Präsidenten, den Sport aus Element für den Aufbau einer neuen Gesellschaft zu nutzen. Während seiner Gefangenschaft hatte der einstige Boxer Mandela viel über Rugby gelernt. Er wusste, dass er auch diesen Teil der Identität der Weißen verstehen musste, wenn er eines Tages den Regimewechsel verhandeln würde. Und so kam es: Südafrika bewarb sich in in den Anfangsjahren der Demokratie bewusst um eine ganze Reihe von internationalen Sportveranstaltungen, das Land richtete auch den Afrika-Cup im Fußball (1996) sowie die Kricket-Weltmeisterschaft (2003) aus. Die Kraft dieser Rugby-WM aber sollte nie wieder erreicht werden.

„Ich erinnere mich noch genau, wie 1991 Danie Craven (ehem. Chef des südafrikanischen Rugby-Verbands, d.Red.) in den Kraftraum kam und uns von einem Anruf von Mandela erzählte“, sagt Williams, „wir sollten Townships besuchen. Viele wollten das nicht. Sie mussten es tun.“ Es sind durchaus kritische Töne, die Williams anstimmt. In seiner Jugend hatte er sich bei Spielen gegen weiße Mannschaften oft im Bus umziehen müssen, weil er als Farbiger nicht das Clubhaus betreten durfte. Und auch nach Mandelas Entlassung aus dem Gefängnis im Jahr 1990, dem Beginn des Systemwechsels, war er noch von einigen weißen Mitspielern rassistisch beleidigt worden.

Südafrika ging als Außenseiter in das Turnier. Die Springboks hatten immer eine Weltklasse-Mannschaft, waren aber, wie fast alle Nationalmannschaften des Landes, von den meisten internationalen Wettkämpfen ausgeschlossen gewesen. Es fehlte an Erfahrung, in den Monaten vor der Weltmeisterschaft hatte es Niederlagen gegen Australien, Neuseeland und England gegeben. Selbst der Heimvorteil würde den Rück-stand gegenüber diesen Teams nicht auszugleichen können, prognostizierten die Experten – auch nicht zu einem historisch derart bedeutenden Zeitpunkt.

Die Springboks gingen also angeschlagen in das Turnier, wie auch Williams selbst. Er war nur wegen des Ausfalls eines weißen Spielers in das Team gerückt, nun verpasste er die Vorrundenspiele selbst wegen einer Verletzung. Das erste Spiel gegen Australien wurde gewonnen, 27 zu 18. Es folgten Siege gegen Rumänien, Kanada, bei den Triumphen gegen Samoa im Viertelfinale und Frankreich im Halbfinale spielte der genesene Williams wieder mit. „Mit jedem Spiel baute sich eine Euphorie auf“, erzählt er, „und es war immer mehr die ganze Nation, die hinter uns stand – und nicht nur eine Minderheit.“ In den Jahren zuvor hatte die schwarze Bevölkerung Südafrikas, für die im Stadion einige Blöcke reserviert waren, noch meistens den Gegner angefeuert.

Doch das Finale gegen die „All Blacks“ aus Neuseeland, die so mühelos durch das Turnier marschiert waren? Ein Sieg gegen den hohen Favoriten erschien dann doch eine Nummer zu groß, niemand vermochte so recht daran glauben. Bereits das Erreichen des Endspiels war ein großer Erfolg, den die 63.000 Zuschauer an jenem 24. Juni 1995 im Ellis Park Stadion von Johannesburg bereits lange vor dem Anpfiff feierten.

Dann trat Mandela in die Kabine. Williams hatte erwartet, dass er im Anzug erscheinen würde. Doch der Präsident trug eine Baseball-Mütze und das grüne Trikot mit der Nummer sechs des südafrikanischen Kapitäns Francois Pienaar – eine gewaltige Geste der Vergebung gegenüber der weißen Gesellschaft, die ihn 27 Jahre seines Lebens eingesperrt hatte. „Er sagte uns, dass wir die Kraft der Nation hinter uns haben. Und dass wir sie stolz machen sollen“, sagt Williams. Dann sei Mandela auf das Feld getreten, selbst in den Gängen sei der Jubel der Zuschauer ohrenbetäubend gewesen. „Als wir dann rausliefen wusste ich, dass wir dieses Spiel nicht verlieren konnten.“ Er sollte rechtbehalten.

Es war ein dramatisches, ein knappes Finale. Südafrika vergab eine 9:6-Halbzeitführung, musste in die Verlängerung. Dann aber der entscheidende Kick, 15:12 – eine Nation wurde farbenblind, für eine kurze Zeit zumindest. „Ich kann mich an keinen anderen Tag erinnern, an dem sich die Menschen so wenig um die Farbe der Haut kümmerten“, sagt Williams, „sie haben sich umarmt und waren einfach da und haben miteinander gefeiert.“ Auf den Straßen von Soweto ebenso wie in den konservativen weißen Vororten von Pretoria und Kapstadt. Nie kam das Land dem Bild der Regenbogennation näher als am 24. Juni 1995.

Weit öfter aber erwies es sich als Utopie. Südafrika ist eine funktionierende Demokratie, aber die sozialen Unterschiede sind nach wie vor so hoch wie in kaum einem anderen Land, eine Mehrheit der schwarzen Bevölkerung lebt weiter in Armut. „Es wird noch viele Generationen dauern, bis Südafrika an dem Punkt ist, an dem es sein soll“, sagt Williams, der nach einer Karriere als Trainer inzwischen ein erfolreicher Geschäftsmann ist. „Der Wandel ist vollzogen. Aber Heilung dauert länger.“ Und das bezieht er nicht allein auf die Wirtschaft. Williams ist glücklich mit einer weißen Frau verheiratet. Gefühle kennen keine Hautfarbe. Für ihn ist es Liebe – für die Gesellschaft noch immer eher eine Ausnahme.

Auch der Rugby-Sport habe weiter mit Diskriminierung zu kämpfen. Es gibt eine mündliche Vereinbarung zwischen den Profivereinen und Verbänden, dass mindestens zwei dunkelhäutige Spieler aufgestellt werden müssen. „Gäbe es diese Regel nicht, würden einige Vereine ausschließlich weiße Spieler einsetzen“, glaubt Williams. Immerhin habe Südafrika bei der letzten Weltmeisterschaft erstmals vier dunkelhäutige Nationalspieler im Aufgebot gehabt. Davor seien es nie mehr als zwei gewesen.

Trotz aller Probleme – Williams glaubt an die Zukunft von Südafrika. Und an die Kraft dieses Landes. Manchmal, wenn dieser Glaube zu schwinden droht, zieht er sich in sein Rugby-Zimmer zurück. Im Kopf die Melodie jenes Juni-Tages im Jahr 1995, als die Massen das Shosholoza-Lied sangen: „Wir arbeiten in der Sonne, zusammen“, heißt es darin auf Zulu. Und: „Wir arbeiten im Regen. Bis die Sonne wieder scheint.“