10.05.2016

„Das Gefängnis hat ihn nicht gebrochen“

Christo Brand war Nelson Mandelas Gefängniswärter - und wurde zum Freund

Die Insel ist wieder sein Lebensmittelpunkt, 19 Jahre nach Ende der Apartheid. Christo Brand, 53, leitet die Touristenläden der Gefängnisinseln, auf der er vor über 30 Jahren eine ungewöhnliche Freundschaft mit Nelson Mandela schloss, dem damals wohl berühmtesten Gefangenen der Welt. Er, sein langjähriger Gefängniswärter, der den Job lediglich angenommen hatte, weil er nicht zum Militär wollte. Und Mandela, der schon seit 15 Jahren inhaftiert war und damit rechnen musste, nie wieder eine Minute in Freiheit zu erleben. Brand sitzt auf einem alten Schreibtischstuhl in seinem kleinen Büro, einer der Läden ist direkt nebenan. Als wir den ehemaligen Wachmann rund zwei Jahre vor Mandelas Tod trafen, standen zwei gerahmte Bilder auf dem Schreibtisch. Sie entstanden, als er Mandela im Jahr 2010 zu seinem 91. Geburtstag besuchte. Der ehemalige Präsident habe ihn herzlich begrüßt, dann aber auf dessen Bauch gezeigt, so Christo. Der habe ja ganz schön an Umfang zugenommen. Mehr Sport würde ihm gut tun, so sein schmunzelnder Rat an den einstigen Wachmann des Apartheid-Regimes.

???: Worüber haben Sie mit Mandela gesprochen, als sie ihn das erste Mal getroffen haben?

Christo Brand: Über gar nichts. Wir hatten die Anweisung, nicht mit den Gefan-genen zu reden. Als ich im Juli 1978 auf der Insel meinen Dienst antrat, war ich 18 Jahre alt und wusste so gut wie nichts über den ANC, selbst Mandela und Walter Sisulu (der ehemalige ANC-Präsident) kannte ich nicht. Mir wurde nur gesagt, dass ich den schlimmsten Verbrechern der südafrikanischen Geschichte begegnen würde. Nach ein paar Tagen öffnete ich seine Zellentür zum ersten Mal. Ich erwartete einen grimmigen Mann, aber er begrüßte mich höflich und freundlich. „Herr Brand, wo sind Sie aufgewachsen“, fragte er. Ich antwortete ihm, dass ich nicht mit ihm reden wollte und ignorierte ihn. Er aber legte seine Freundlichkeit nie ab.

???: Wie haben Sie ihn in den ersten Monaten auf Robben Island erlebt?

Brand: Aus heutiger Sicht erstaunlich unauffällig. Unter den älteren Gefange-nen stach Sisulu hervor. Mandela kam immer wieder zu ihm, fragte viele Fragen und versuchte erst danach, Dinge wie Hafterleichterungen für die anderen Häftlinge durchzusetzen.

???: Also war der eigentliche Anführer der Gefangenen Walter Sisulu?

Brand: Das ist korrekt.

???: Wie ist es Mandela gelungen, bei Ihnen Sympathie zu wecken?

Brand: Wenn ihn seine Frau Winnie Mandela besuchte, habe ich ihn oft in den Besucherraum geführt. Auf dem Weg fragte er immer wieder nach meiner eigenen Familie und bat mich, Grüße an sie auszurichten. Er ermunterte mich immer wieder zu studieren, traf aber auf wenig Interesse. Einmal schmuggelte er sogar über einen anderen Wärter einen Brief in einer Tafel Schokolade an meine Frau und bat sie, mich zu einem Studium zu ermuntern. Letztlich war es aber seine herzliche Art, mit Kindern umzugehen. Er hatte keine Möglichkeit, seine eigenen aufwachsen zu sehen. Manchmal aber sprach er mit den Kindern von anderen Gefangenen, die zu Besuch kamen. Er liebte es, ihnen zuzuhören – mit ihnen zu sprechen. Er sah sie als Menschen, die die Zukunft verändern konnten.

???: Hatte das Einfluss auf ihr Verhalten im Dienst?

Brand: Ich fing an, manchmal beide Augen zuzudrücken, zum Beispiel, wenn er Zettel in Kochtöpfen an andere Gefangene schmuggelte. Auf einigen stand schlicht: „Haben die neuen Gefangenen Bücher zum studieren?“ Diese Information bedeutete ihm wahnsinnig viel, es war ihm sehr wichtig, dass die jungen Leute lernten. Dafür kontaktierte er auch seinen Anwalt und wies ihn an, über die Kirchen und die Zivilgesellschaft im Ausland Druck zu machen, damit die Häftlinge Studienunterlagen bekamen. Und dann hat er sie immer wieder gefragt, ob sie das Pensum geschafft haben.

???: Es waren also nicht nur politische Botschaften, die geschmuggelt wurden.

Brand: Nein. Mandela nahm über dieses Informationssystem auch Beschwer-den über die Haftbedingungen entgegen. Und er wusste sie auch zu bewerten. Einmal ging es um das Gefängnisessen, die Köche – ebenfalls Gefangene – hat-ten gesagt, die gelieferten Fische würden stinken. Mandela sprach das Problem gegenüber dem Gefängnisdirektor an. Das Essen verbesserte sich, die Proteste aber hielten an. Der Direktor aß schließlich selber einen der Fische. Mandela respektierte das und sagte, wenn er den Fisch essen würde, dann könnten die anderen das auch. Er wusste zwischen berechtigten und unberechtigten Beschwerden zu unterscheiden.

???: Was für Gesprächsthemen hatten Sie mit ihm?

Brand: Er erklärte mir, wofür der ANC steht und dass er keine Organisation sei, die Weiße töten wolle. Einmal fragte ich ihn, ob er uns hassen würde. Er sagte, dazu wäre er niemals in der Lage, weil er auch weiße Freunde habe. Und wir sprachen über Gärten. Ich bin auf einer Farm aufgewachsen und weiß deshalb einiges über den Anbau von Pflanzen. Er wollte Rat, wie er Gemüse anpflanzen könne. Ich half ihm und gab ihm auch einige Samen. Auf Robben Island haben die Gefangenen besonders Tomaten und Chili angebaut, um dem eintönigen Essen Geschmack zu geben. Es gab so gut wie nie Fleisch. Einmal lag eine Robbe auf einem Stein am Ufer. Einige Männer töteten sie und schmuggelten das Fleisch in die Küche.

???: Und das haben Sie nicht mitbekommen?

Brand: Doch, natürlich. Aber ich entwickelte eine Mentalität nach dem Motto: Tust Du mir nichts, tue ich Dir nichts. Ich durchsuchte sie nach scharfen Gegen-ständen und Messern, aber wenn die Gefangenen hart arbeiten, war ich ko-operativ. Es gab eine Situation, da musste ich innerhalb von zwei Tagen zwei Betonblöcke produzieren lassen. Ich versprach den Gefangenen im Gegenzug, dass zwei Männer Fisch angeln dürfen, wenn sie das in der vorgegebenen Zeit schaffen würden. Es gab auch Tage, an denen sie Rugby im Fernsehen sehen konnten oder länger auf den Sportplätzen bleiben durften.

???: Sie stellen die Haftbedingungen weit rosiger dar als die meisten Bürger-rechtsorganisationen zu der Zeit.

Brand: Es gab sicherlich Missstände, besonders in den sechziger und Anfang der siebziger Jahre. Das besserte sich langsam. Die Gefangenen hassten die Polizei, die sie verhaftet und gefoltert hatten, um an Informationen zu kommen, weit mehr als uns Wachmänner. Auf Robben Island mussten wir sie am Ent-kommen hindern, aber nicht foltern. Aber Strafen gab es natürlich.

???: Was für Strafen?

Brand: Essensentzug für drei Tage. Oder Isolationshaft und Zwangsjacke. Oft kam das allerdings nicht vor.

???: Passierte das auch Mandela?

Brand: Es gab Strafen. Er versuchte viele Informationen herauszuschmuggeln. Seine Handschrift war sehr klein, Mandela versteckte Seiten seiner Biografie im Umschlag eines Buches, das ein anderer Gefangener bei seiner Entlassung mit-nahm und zum ANC-Büro nach London schickte. Die Originale des Manuskripts aber wurden Ende 1978 im Garten auf Robben Island gefunden, Mandela hatte sie in Dosen vergraben. Daraufhin wurden ihm seine Studienmaterialien für drei Jahre entzogen.

???: Durfte Mandela auch auf offiziellem Weg mit der Außenwelt kommunizie-ren?

Brand: Nur sehr eingeschränkt. Kurz nach meiner Ankunft auf Robben Island feierte Mandela seinen 60. Geburtstag. Es kamen Tausende Glückwunschkarten aus aller Welt. Wir haben sie alle im Ofen verbrannt, weil er nur zwölf Karten im Jahr empfangen durfte.

???: Was für ein Gefühl war es für Sie, diese Briefe zu verbrennen?

Brand: Es war ein schreckliches Gefühl. Ich informierte ihn später, wie viele Karten für ihn gekommen waren. Wenigstens wusste er, dass viele Menschen an ihn dachten.

???: Hatte er die Möglichkeit, seinen Geburtstag mit den anderen Gefangenen zu feiern?

Brand: Sie fanden bei solchen Anlässen immer die Gelegenheit zu feiern. Natürlich ohne die Wärter.

???: Wie verbrachte Mandela seine Tage?

Brand: Mit extrem harter körperlicher Arbeit, wie alle Häftlinge. Kalksteine klop-fen, Löcher ausheben, Gebäude bauen, Bäume fällen. Dahinter steckte die Ab-sicht, sie beschäftigt zu halten, damit sie nicht auf dumme Ideen kommen. Mandela aber war extrem diszipliniert. Er wachte jeden Morgen um 4.30 Uhr auf und machte Sport. Für ihn waren 100 Liegestütze kein Problem, dazu Bauchmuskelübungen, dann joggte er auf der Stelle. Um 5:30 Uhr säuberte er im Anschluss seine Zelle, danach ging er duschen. Er behielt diese Routine auch an arbeitsfreien Tagen am Wochenende ein. Das helfe, die harte Arbeit durchzu-stehen, sagte er. Aber auch dem Kopf.

???: Veränderten sich Ihre politischen Ansichten, nachdem Sie Mandela ein wenig besser kennengelernt haben?

Brand: Ich war damals ein unpolitischer Mensch. Aber mit der Zeit begann ich, die Regierung zu hinterfragen. Warum sollte es verboten, eine schwarze Anhalterin im Auto ein Stück mitzunehmen? Warum war es verboten, nur Menschen der gleichen Hautfarbe zu heiraten? Mir wurde langsam klar, in welch private Angelegenheiten das Regime eingriff.

???: Wie reagierte ihre Familie auf diese veränderten Ansichten?

Brand: Meine Eltern waren unpolitisch, aber mein Vater hielt es für richtig, dass die ANC-Anführer einsaßen. Mandela hat versucht, die Regierung zu stürzen, sagte er. Aber er hielt die extremen Gesetze der Rassentrennung für falsch. Mein Vater war Vorarbeiter auf einer Farm und wurde von dem Besitzer wie die Arbeiter auch behandelt – als ein Mensch dritter Klasse. Abends spielte er gerne Geige. Dann kam oft einer der Arbeiter hinzu, er war großartig an der Gitarre. Als der Mann wegen eines kleinen Vergehens von der Polizei gesucht wurde, hielt ihn mein Vater in seinem Haus versteckt. Er bekam eine Bewährungsstrafe dafür.

???: Würden Sie ihre Beziehung mit Mandela als Freundschaft bezeichnen?

Brand: Ja, vor zwei Jahren waren meine Frau und ich in seinem Haus eingela-den. Wir lachten viel, machten Fotos und Videos. Als wir gehen wollten, bat er meine Frau, einen Moment alleine mit mir zu sprechen. Als sie aus dem Zimmer gegangen war, beschwerte er sich bei mir über meinen Bauch. Ich hätte zu sehr zugenommen, das sei ungesund: Ich müsse mehr trainieren, dünne Menschen würden am längsten leben. Er sagte es mir persönlich, weil er mich nicht vor meiner Frau bloß stellen wollte. Er sorgte sich um die Leute, die um ihn rum sind, und zwar nicht nur oberflächlich. Draußen traf ich dann einen Polizisten mit einem kugelrunden Bauch, der mir erzählte, Mandela habe ihm ebenfalls aufgetragen zu trainieren. Und da war er schon über 90 Jahre alt. Er zwang sich damals jeden Tag zu gehen, auch wenn er dafür Hilfe brauchte.

???: Sie wurden 1982 fast zeitgleich mit Mandela von Robben Island in das Pollsmoor Gefängnis von Kapstadt verlegt. Geschah dies auf Mandelas Wunsch?

Brand: Nein, ich wollte damals heiraten, und es gab keine Unterkünfte mehr für verheiratete Paare auf Robben Island. Ich bewarb mich um einen Wechsel, ohne zu wissen, dass Mandela zur gleichen Zeit verlegt wurde.

???: Freute er sich, Sie dort zu sehen?

Brand: Er dachte, ich würde ihn nur dorthin transportieren. Nach ein paar Tagen fragte er, ob ich dauerhaft hier arbeiten würde. Als ich bejahte, freute ihn das. Unser Umgang war freundlich, aber es war noch keine Freundschaft. Das entwickelte sich erst in den kommenden Jahren.

???: Wie veränderte sich seine Persönlichkeit während all der Jahre im Gefängnis?

Brand: Er veränderte sich nie, blieb immer die gleiche Person. Selbst als er Präsident war. Wenn man in den Raum trat, stand er respektvoll auf, um den Be-sucher zu grüßen.

???: Verwunderte es Sie, dass ihn die Gefangenschaft emotional nicht brach?

Brand: Ich habe versucht, ihm in seinem Glauben zu bestärken, dass es für ihn ein Leben außerhalb der Gefängnismauern geben könnte. Der nächste Transfer könnte in die Freiheit führen, sagte ich ihm. Doch dafür kämpfte er nicht, sondern immer für die Freiheit seiner Leute. Nein, das Gefängnis hat ihn nicht gebrochen, und ich hatte auch nie das Gefühl, dass diese Gefahr besteht.

???: Er hatte auch nach so vielen Jahren die Hoffnung nicht aufgegeben? Als er 1963 verhaftet wurde, dachten viele im ANC, der internationale Druck würde das Apartheid-Regime bald zu Fall bringen. 20 Jahre war das noch immer nicht der Fall.

Brand: Nein, aber die Leute gingen vermehrt auf die Straße, es gab Unruhen. Mandela wusste, dass die Jugend dort draußen für die Freiheit kämpfte. Er war nicht alleine. In den ersten Verhandlungen forderte er die Freilassung der alten Gefangenen, nicht seine eigene. 1987 passierte das dann auch. Govan Mbeki (Vater des späteren Präsidenten Thabo Mbeki, d.Red.) war einer der ersten, weil es große Unruhen im Osten des Landes, auch zwischen Xhosas und Zulus. Die Kämpfe drohten sich auf das ganze Land auszubreiten. Mandela war der Ansicht, dass Mbeki diesen Aufstand beenden konnte. Er sagte zu ihm, dass die Gewalt die geheimen Verhandlungen mit der Regierung gefährden würden. Nur deshalb wurde Mbeki in die Freiheit entlassen – um der Jugend zu sagen, dass ihre Anführer sicher und gesund sind und die Lage unter Kontrolle ist.

???: Brachten Sie ihm Zeitungen?

Brand: Er hatte schon seit 1981 Zugang zu Zeitungen. Täglich las er nur den „Rapport“ und „Die Burger“, zwei Afrikaanssprachige Zeitungen. Ihn interessierte das Denken der Regierung, deshalb las er sie, nebenbei verbesserte er so sein Afrikaans. Wenn Du den Feind bekämpfen willst, musst Du seine Sprache sprechen, hat er gesagt. Als er schließlich frei kam, war seine erste Rede auf Afrikaans – um den Weißen klar zu machen, dass sie keine Angst haben müssen.

???: Wie kam es, dass Sie nach der Schließung des Gefängnisses und dem Ende der Apartheid nach Robben Island zurückkehrten?

Brand: Ich bekam die Möglichkeit, am Parlament an Entwürfen für die neue Verfassung mitzuarbeiten. Danach wurde auf Robben Island mit den ersten Touristentouren begonnen. Man fragte mich, ob ich nicht die Läden auf der Insel leiten wollte. Sie hatten einfach niemanden. Ich arbeite gerne auf der Insel. Ich mag es hier.

???: Es wohnen noch 150 Menschen auf der Insel. Sie gehören nicht dazu, müssen jeden Tag 30 Minuten mit der Fähre fahren. Warum sind sie nicht hergezogen?

Brand: Das kam für uns nie in Frage. Meine Frau hat einen Job auf dem Fest-land, und ich wollte meine Kinder nicht aus ihrem Umfeld reißen. Arbeiten – ja. Aber wir wollen hier nicht leben.