11.03.2013

Wie die Suche nach einem Musikhelden mit einem Oscar endete

Der Film „Searching for Sugarman“ hat den Oscar für die beste Dokumentation gewonnen. Ein Besuch im Kapstädter Plattenladen eines Mannes, der eine unglaubliche Musikgeschichte entdeckt hat

Der Musikladen „Mabu Vinyl“ liegt in einer unscheinbaren Kapstädter Seitenstraße. Er ist einer jener engen Läden, in denen so Tonträger wie irgendwie möglich reingestopft wurde. Man kann sich kaum bewegen in den engen Gängen zwischen den Holzkisten, in denen Tausende Schallplatten der vergangenen Jahr-zehnte ruhen. Die Wände sind mit Musikpostern tapeziert, und es ist dunkel, weil selbst in einigen Fenstern Alben von Bob Dylan und The Doors lehnen. Kurz: ein wunderbarer Ort.

An der Verkaufstheke steht der Besitzer Stephen Segerman. Ein kräftiger Mann Mitte 50 mit Glatze und schiefem Grinsen. Er kann sich damit rühmen, eine der wohl ungewöhnlichsten Geschichten der Musikgeschichte entdeckt zu haben. Sie wurde in dem Film „Searching for Sugar Man“ erzählt, die am Sonntag in Los Ange-les mit dem Oscar für die beste Dokumentation ausgezeichnet wurde.

Er handelt von Segermans Suche nach dem lateinamerikanischen Singer-Songwriter Rodriguez, der in den siebziger Jahren mit zwei Alben in den USA floppte und fortan als Bauarbeiter in Detroit arbeitete. Er wusste nicht, dass seine Musik im fernen Südafrika keineswegs gescheitert, sondern zum Kult aufgestiegen war. Eine ganze Generation wuchs mit seinen sozialkritischen Texten auf.

Besonders jene weißen Jugendlichen, die der Apartheid-Politik ablehnend ge-genüberstanden, fanden in seinen Text ein Sprachrohr. Einige von Rodriguez Lie-dern hatte die Zensur verboten. Er war so populär wie Bob Dylan, ohne es zu ah-nen.

Südafrika war wegen der internationalen Sanktionen isoliert, weite Teile der Kul-turszene boykottierte das Land und so hielten sich dort auch Mythen etwas länger. In Südafrika glaubten sie irgendwann das Gerücht, der Künstler habe sich auf der Bühne vor Publikum angezündet. Man hörte ja selbst in den USA nichts mehr von Rodriguez, der inzwischen lieber zurückgezogen philosophische Bücher las als auf der Gitarre zu spielen.

Segerman nennen in Kapstadt alle nur „Sugar“, nach dem Song „Sugar Man“ von Rodriguez, den er unzählige Male gehört hat. Auch er habe den Sänger für tot gehalten, sagt Segerman. Doch die Frage, was damals genau passierte, ließ ihn nicht los. 1997 machte er sich schließlich systematisch auf die Suche, durchforstete die Songtexte nach Hinweisen auf Rodriguez Herkunft. In einem ist ein Stadtteil von Detroit erwähnt. Segerman schuf eine Homepage mit ähnlichen Informationen zu dem Künstler und forderte Musikliebhaber in aller Welt auf, bei der Suche zu helfen. Nach einigen Monaten war es Rodriguez älteste Tochter Eva, die ihm ihre Nummer mailte. Segerman rief an, sprach bald auch mit dem Sänger selbst. „Ich konnte es nicht fassen, dass er noch lebte.“

Mit einem Musikjournalisten besuchte er Rodriguez in Detroit. „Er lebt seit 40 Jahre in einem ziemlich heruntergekommenen Haus, er hat es damals für 50 Dollar gekauft“, sagt Segerman, „er ist bescheiden und macht sich nichts aus Konsum.“ Auch nach dem weltweiten Hype um den Film – in den vergangenen 12 Monaten wurden über 200.000 seiner Alben verkauft – lebe er noch immer in diesem Haus. „Er würde dort nicht ausziehen“, sagt Segerman, „er hat seine Philosophie immer gelebt, nun verbreitet er sie.“

Der Musikladenbesitzer hatte Rodriguez 1998 überredet, für einige Konzerte nach Südafrika zu kommen. Rodriguez, der in den USA noch nicht einmal ein One-Hit-Wonder war, spielte mehrfach vor über 10.000 Menschen. „Danke, dass ihr mich am Leben gehalten habt“, sagte Rodriguez nur und fing an zu spielen, als ha-be er schon immer vor ausverkauften Hallen gespielt. Kurz vor der Oscar-Verleihung hatte der 70-Jährige nun erneut einige Konzerte in Südafrika. Die Tic-kets kosteten stattliche 30 bis 60 Euro, sie waren wieder binnen weniger Tage ver-griffen.

Segerman hat die Oscar-Verleihung in Kapstadt nur im Fernsehen gesehen, die Veranstalter hatten dem jungen Filmteam kaum Plätze zugeteilt. Und auch Rodri-guez war nicht vor Ort, als ihn der schwedische Regisseur Malik Bendjelloul vor Ort in Empfang nahm. Er habe keinen Ruhm für den Film beanspruchen wollen, sagte Produzent Simon Chinn am Rande der Verleihung. Bendjelloul hatte den Musiker lange zu den Filmarbeiten überreden müssen, die er mit einem kleinen Budget über Jahre hinweg vorangetrieben hatte: „Es ist nicht einfach, einen Film über jemanden zu machen, der sich nicht gerne filmen lässt“, hatte er im Vorfeld gesagt.

Der Trubel um den Film scheint Rodriguez schon fast ein wenig zu viel gewor-den zu sein. Den um seine Musik aber genieße er, glaubt Segerman. „er wird wei-terspielen, bis er umfällt.“ Gerade wegen seines Alters könne der Musiker wert-schätzen, was gerade passiere. Die Einnahmen gebe er dabei fast komplett an sei-ne Familie weiter.

Auch Segerman will so weiterleben wie bisher. Er genieße einfach die Tatsache, dass sich Menschen auf aller Welt in Rodriguez’ Geschichte verlieben. „Ich be-komme jeden Tag Emails wie: Ich habe 20 Kopien für alle meine Freunde gekauft. Oder: Dieser Film hat mein Leben verändert. Das ist doch großartig, oder?“

Sein Laden hat sich in den vergangenen Monaten zu einer kleinen Touristenat-traktion gewandelt, die Leute kaufen T-Shirts und Alben von Rodriguez, kommen aber eigentlich, um mit „Sugar“ zu reden. Sie kennen seine Stimme, die so aufge-regt wird, wenn er von Rodriguez spricht, aus dem Film, er wird dort ausführlich vorgestellt. Doch der ganz große Ruhm geht an ihm vorbei, obwohl Bendjelloul in seiner cineastisch großartig gestalteten Dokumentation die von ihm entdeckte Ge-schichte nacherzählt. Man nimmt ihm ab, dass er sich daraus nichts macht. Se-german besitzt kein Handy, er liebt seine Ruhe.

Es hat seine Gründe, warum er sich Rodriguez und dessen Musik so verbunden fühlt. „Ich lebe in einer der schönsten Städte der Welt, habe eine tolle Familie und mache, was mir Spaß macht“, sagt Segerman, „was will ich denn mehr?“