09.10.2012

Mama der Nashörner

In Südafrika werden mehr Nashörner als in jedem anderen Land getötet In diesen Tagen nimmt das erste Waisenheim für die Jungtiere von illegal getöteten Nashörnern den Betrieb auf

Die erste Voraussetzung, um mit einem Nashorn in einem Zimmer zu schlafen, ist eine Nase ohne allzu große Empfindlichkeit. Die Ausdünstungen eines solchen Tieres sind mitunter von erstaunlicher Intensität. „Da kommt viel Gas aus diesem Jungen“, sagt Yolande van der Merwe. Sie lacht, so wie Mütter lachen, die jedes, wirklich jedes Detail an ihrem Baby mögen. Ein wenig ist das tatsächlich so, sagt die 30-Jährige. Dieses sechs Monate alte Nashorn sei ein wenig wie ein zweites Kind für sie, ein eigenes hat sie vor zehn Monaten geboren.

 

Die blonde Südafrikanerin hat in den vergangenen Monaten Dutzende Nächte mit „dem Kleinen“, wie sie das 110 Kilogramm schwere Baby- Spitzmaulnashorn nennt, verbracht. Die Tierpflegerin auf der schmalen Liege, davor das Tier unter einer Wärme spendenden Infrarotlampe. Viel mehr passt in die winzige Hütte dann auch nicht herein.

 

Sie haben ihn Manqoba genannt. Das ist Zulu und bedeutet so viel wie: Einer, der sich in hoffnungslosen Situationen durchsetzt. Seit vier Monaten lebt „der Kleine“ nun im ersten Waisenheim für Nashörner der Welt. Es nimmt erst in diesen Tagen auf dem Entabeni Safari Conservancy im Norden von Südafrika den Betrieb auf. Zwei weitere Jungtiere sind unterwegs, künftig werden hier unter strengen Sicherheitsvorkehrungen bis zu 25 Jungtiere leben. Der Kleine war ein wenig zu früh dran. Seine Mutter gab keine Milch, er fraß kiloweise Sand und wäre fast daran verendet. „Wir haben einen Anruf bekommen, er werde in zwei Stunden da sein“, erzählt van der Merwe, „da haben wir einen Plan gemacht.“

 

Medizinische Notfälle wie dieser sind eher selten. Zur Regel aber ist der eigentliche Anlass für das Waisenheim geworden. In keinem Land werden mehr der vom Aussterben bedrohten Tiere gewildert als in Südafrika, wo rund drei Viertel der in Afrika lebenden 20.000 Breitmaulnashörner und rund 4800 vom Aussterben bedrohte Spitzmaulnashörner zu Hause sind.

 

Im Jahr 2007 verzeichnete die offizielle Statistik noch 13 illegal getötete Nashörner, eine Zahl die exponentiell auf 448 im Jahr 2011. Zu Beginn dieses Jahres wurden durchschnittlich fast zwei Nashörner am Tag getötet. Nach Prognosen von Trafffic, einer Organisation zum Schutz von bedrohten Tieren, wird bis Ende des Jahres mit 515 getöteten Tieren vermutlich ein neuer Rekordwert erreicht werden.

 

Aber was passiert mit den Jungtieren? Diese Frage stellte sich der Leiter der Tierstation, Arrie van Deventer vor rund einem Jahr. Auf einer Nachbarfarm war ein Tier gewildert worden, der Besitzer bat um die Unterstützung des Hubschraubers des Entabeni Safari Conservancy, um das Gelände nach den anderen Tieren abzusuchen. Van Deventer fand ein zweites getötetes Tier. Die Wilderer hatten ihm das Horn abgeschnitten, das auf dem asiatischen Schwarzmarkt mit 40.000 Euro pro Kilogramm ähnlich hohe Erlöse wie Gold erzielt – ein Horn wiegt rund drei bis vier Kilogramm. Daneben lag das Jungtier, mit einem Schuss durch das rechte Auge hingerichtet. Nicht wegen des kleinen Hornansatzes, sondern weil es schlicht bei der blutigen Arbeit gestört hatte.

 

„Oft werden die Kleinen am Leben gelassen“, sagt van Deventer, ein Hüne mit braun gebrannter Haut, „sie verdursten und verhungern dann elendig. Oder sie werden von Nationalparks großgezogen, die nicht über das Wissen und Infrastruktur verfügen, um sie auf ein Leben in freier Wildbahn vorzubereiten.“ Schnell begann er mit den Recherchen zu spezialisierten Einrichtungen für diese Tiere. Es gab keine.

 

Van Deventer machte sich auf die Suche. Mit Karen Trendler gewann er eine der weltweit führenden Tierschützerinnen für sein Projekt, sie hat in den vergangenen beiden Jahrzehnten rund 200 verwaiste Tierbabys großgezogen, darunter viele Nashörner. Und er fing an zu planen, lange bevor die ersten Geldgeber feststanden. „Wir haben gesagt, wir ziehen das durch, auch wenn wir betteln, stehlen und leihen müssen“, sagt van Deventer. Er legt einen Schuss Humor in die grimmige Stimme. Aber er meint das so: „Jemand muss etwas machen, sonst erledigt sich das Problem von selbst. Dann gibt es keine Nashörner mehr.“ In 25 Jahren werden Nashörner nach Angaben von Tierschutzorganisationen ausgestorben sein, wenn sich die derzeitige Entwicklung fortsetzt.

 

Seit Jahrzehnten wird das Horn, dessen Substanz wie Fingernägel im Wesentlichen schlicht aus dem wenig wirkungslosen Eiweiß Keratin besteht, als Teil der traditionellen Medizin eingesetzt. Während in China zunehmend erfolgreich Aufklärungskampagnen laufen und einige Schmuggler zu langen Gefängnisstrafen verurteilt wurden, nimmt besonders in Vietnam die Nachfrage unvermindert zu. Vor drei Jahren verbreitete sich das Gerücht, ein ehemaliger Minister habe mit geriebenem Horn seine Krebserkrankung überwunden. Es wird in Kombination mit Rotwein auch auf Internetseiten als „Drink of Kings“ (Getränk der Könige) vermarktet, das offenbar in einigen Partykreisen einen Boom erlebt. Die absurd hohe Nachfrage hat den Preis pro Kilogramm Horn auf rund 35.000 Euro schnellen lassen.

 

So viel wird nicht einmal für Kokain bezahlt, entsprechend haben sich auch ähnlich professionelle Strukturen wie bei Drogenkartellen gebildet. Die Wilderer nutzen moderne Ausrüstung wie Hubschrauber, Spezialgewehre, Nachtsichtgeräte und Satellitentechnik. In Südafrika wurden schon renommierte Tierärzte verhaftet, die mit den Wilderern gemeinsame Sache gemacht hatten. Mehrere vietnamesische Diplomaten wurden des Horn-Schmuggels überführt, wegen ihrer diplomatischen Immunität aber nicht angeklagt. Man kann nur ahnen, wie viele Hörner in Diplomatengepäck, das nicht durchsucht werden darf, außer Land gebracht worden sind.

 

Entsprechend liegt im Entabeni Safari Conservancy besonderes Augenmerk auf der Sicherheit. Tierpflegerin van der Merwe fährt mit einem Jeep einen staubigen Weg zu dem rund 200 Quadratmeter großen Waisenheim, es wurde gerade fertig gestellt. „Das ist sicherer als Fort Knox“, sagt sie. Auf dem Dach wird ein bewaffneter Wachmann platziert, auch der Zaun wird 24 Stunden von Sicherheitspersonal kontrolliert. Hinzu kommen Überwachungskameras und Bewegungsmelder, an Details des Konzepts arbeiten noch darauf spezialisierte Firmen.

 

Das Gebäude grenzt an eine teilweise überdachte Fläche von der Größe eines Fußballfelds. Entwickeln sich die Tiere gut, werden sie auf eine Fläche von 50 Hektar entlassen, dann 400 Hektar und schließlich in geeignete Tierparks, die sich für die Übernahme eines ausgewachsenen Tieres bewerben können. „Wir werden sie bis ins letzte Details prüfen, bevor wir die Tiere dorthin geben“, sagt van der Merwe, „wenn wir das Gefühl haben, dass dort etwa die Sicherheitsvorkehrungen nachlassen, werden wir sie umgehend zurückfordern.“

 

Das Waisenheim ist ein teures Unterfangen, allein die Anfangsinvestitionen betrugen rund 400.000 Euro. Vier Pflegeräume sowie eine Notfallstation werden in den kommenden Monaten mit modernen tierärztlichen Maschinen wie Mikroskopen und Zentrifugalmaschinen zur Analyse von Proben sowie einem Inkubator für Frühgeburten ausgerüstet. Das kleine Team aus acht Mitarbeitern fand nach anfänglichen Schwierigkeiten Geldgeber. Besucher eines angrenzenden Nationalparks halfen, eine Bank spendete, dazu lieferte ein Bauunternehmen die Materialien kostenlos.

 

Van der Merwe fährt zurück zur provisorischen Unterkunft von Manqoba. Am Morgen hat das Nashorn auf einem kleinen Feld mit der Größe eines Basketballfeldes gespielt, einen Reifen vor sich her gestoßen. Nun bettelt er wie ein Hundebaby um seine Flasche. Für die zwei Liter Milch braucht das Spitzmaulnashorn keine zehn Sekunden. Im Laufe eines Tages verschlingt er 22 Liter, als ausgewachsenes Tier wird „der Kleine“ einmal über 100 Kilogramm Pflanzen täglich verschlingen.

 

„Er ist ein ziemlich frecher Kerl, der immer spielen will“, erzählt die Pflegerin, „wenn wir ihn aber dann für fünf Minuten allein lassen, hört man sein Jammern noch Hundert Meter weiter.“ Mit dem Ende seiner lebensgefährlichen Krankheit und dem Eintreffen der ersten Waisentiere wird der Kontakt mit Menschen in den kommenden Wochen reduziert werden. Auch Touristen werden in der Nähe der Tiere nicht erlaubt sein.

 

Van der Merwe will aus Sicherheitsgründen nicht verraten, wie viele Nashörner bis zum Jahresende erwartet werden. Nur so viel: „Wir würden uns natürlich wünschen, dass es nur wenig Bedarf gibt. Das ist aber leider nicht der Fall, wir werden viel zu tun haben.“ Die Tierschützer kämpfen gegen einen Krieg gegen die Zeit. Es schaut nicht so aus, als ob Südafrika das Problem in naher Zukunft in den Griff bekommen sollte.

 

Sollte das eines Tages doch gelingen, werde es womöglich längst eine in ähnlichem Maße bedrohte Tierart geben. In Ostafrika wird zunehmend Jagd auf Elefanten gemacht, auch die Preise für Elfenbein sind gestiegen. Die Wilderer weiteten ihre Jagd zuletzt in Richtung Süden aus. „Wir können die Anlage jederzeit umrüsten“, sagt van der Merwe, „wir werden da nicht einfach zusehen, weder bei Nashörnern, noch bei Elefanten.“ Sie klingt wütend, manchmal zittert ihre Stimme, wenn sie von den Wunden der Tiere erzählt. Auch das lehrt die Natur: Man sollte sich nicht mit einer Mutter anlegen, die ihre Kinder verteidigt.