11.03.2013

„Ein Scherz?“ „Kein Witz.“

Im südafrikanischen Township Gugulethu reagieren die Menschen mit großer Überraschung auf den Rücktritt von Papst Benedikt XVI. Von seinem Nachfolger erwarten sie, dass er die Kirche für wichtige Diskussionen öffnet – etwa zur HIV-Epidemie und den Ge-brauch von Kondomen

In der Familie von Kelly Shikwambana gibt es ein festes Ritual. Vier Gene-rationen leben in ihrem winzigen Haus, sechs Erwachsene und acht Kinder auf wenigen Quadratmetern. Jeden Abend um sieben Uhr versammeln sie sich um das Bett von Kellys Mutter. 90 Jahre alt ist sie alt, Urgroßmutter zweier Kleinkinder im Haus, sie kann nicht mehr alleine aufstehen. Aber auf das tägliche gemeinsame Gebet will sie nicht verzich-ten.

Und so sitzen die Shikwambanas um das Bett, die Kinder haben Gebetsbücher auf der bunten Decke ausgebreitet, lesen nacheinander vor. Die Urgroßmutter murmelt die Worte leise mit, viel Kraft ist ihr nicht geblieben. Sie hat den katholischen Glauben all die Jahr-zehnte immer intensiv gelebt, in diesem Haus mit der Nummer 27 im Kapstädter Towns-hip Gugulethu. So will sie es weiter handhaben. Bis zuletzt.

Als die Familie das Gebet beendet hat, setzt sich Kelly Shikwambana an den Wohn-zimmertisch. „Unsere Gebete geben uns Kraft und innere Ruhe“, sagt die 52-Jährige, „ich bete mehrmals am Tag, auch bei der Hausarbeit.“ Ein Leben ohne den Katholizismus könne sie sich nicht vorstellen. Er gibt Halt, wo wenig Halt ist. Ihr Mann ist seit Jahren verschollen, bis auf ihren Sohn hat niemand in der Familie einen festen Job.

Am Montag geriet dieser Halt ins Wanken. Schockiert sei sie gewesen, als sie gelesen habe, dass Papst Benedikt XVI. Ende Februar auf sein Amt verzichten werde. Auf Face-book hatte ein Bekannter etwas darüber geschrieben. Shikwambana hoffte, es handele sich um einen Scherz, rief den Freund an. „Kein Witz“, sagte der.

„Ich respektiere seine Entscheidung, er ist alt und müde. Aber ich weiß nicht, wie ich das Freunden erklären soll, die nicht in der Katholischen Kirche sind“, sagt sie, „ich erwar-te vom Papst, dass er uns führt. Und Papst Benedikt war doch noch gar nicht in Südafri-ka.“

Pfarrer Emmanuel Siljeur ist zu Besuch gekommen, er ist Priester ihrer Gemeinde St. Gabriel’s, zu der rund 3000 Gläubige gehören. Siljeur klopft regelmäßig an die Tür, er weiß, dass Kellys Shikwambanas Mutter nicht mehr zu den Gottesdiensten kommen kann. Auch er sei überrascht gewesen, sagt Siljeur, ein eloquenter Mann Anfang 40. Und er sei hin und her gerissen. Auf der einen Seite habe er Respekt für den Mut von Papst Benedikt XVI. „Ein Teil von mir denkt aber auch, dass es zur Aufgabe des Papstes ge-hört, Leid auf sich zu nehmen.“

Viele in seiner Gemeinde hoffen, dass der nächste Papst aus Afrika kommt, wo die Zahl der Katholiken schneller wächst als auf jedem anderen Kontinent. Und Siljeur erwar-tet, dass der Nachfolger die Kirche für mehr Diskussionen öffnet. Südafrika hat knapp sechs Millionen HIV-Infizierte. Auch in seiner Gemeinde ist das Problem präsent – und das Kondomverbot der katholischen Kirche nicht mit der Situation in Gugulethu zu ver-einbaren.

„Es geht nicht darum, von jetzt auf gleich in allen elementaren Punkten zu ändern, aber man muss über aktuelle Fragen reden“, sagt er. Siljeur empfahl Ehepaaren, bei de-nen ein Partner infiziert ist, den Gebrauch von Kondomen schon lange vor der zögerli-chen Lockerung des Verbots durch Benedikt XVI. im Jahr 2010. „Wir müssen über solche Probleme mehr reden“, sagt der Pfarrer, „das gebietet doch das Gebot der Nächstenlie-be.“

Shikwambana nickt. In Südafrika gab es zuletzt einige Erfolge im Kampf gegen die Krankheit. Infizierte werden nicht mehr ganz so stigmatisiert wie noch vor wenigen Jah-ren. Die Zahl der Neuinfektionen sinkt. „Der Vatikan bedeutet mir alles“, sagt Shikwam-bana, „aber da könnte er einen größeren Beitrag leisten.“