11.03.2013

Der demaskierte Held

Der südafrikanische Leichtathlet Pistorius wurde als Idol präsentiert. Seit er unter Mordverdacht steht, verbreiten sich Geschichten über Vorfälle, die ihn in anderem Licht erscheinen lassen. Die Nation realisiert, dass sie sich von einer ihrer strahlendsten Heldengeschichten verabschieden muss

Es gibt ein Foto aus dem Jahr 2009 von Oscar Pistorius, mit dem sich bis Donnerstag sein Image so treffend illustrierten ließ wie mit keinem zweiten. Der Süd-afrikaner ist darauf in Trainingskleidung in einer Leichtathletikhalle zu sehen. Ne-ben ihm geht die damals fünf Jahre alte Ellie May Challis, der nach einer Hirnhaut-entzündung Hände und Unterschenkel amputiert werden mussten.

Sie hat wie Pistorius Karbon-Prothesen umgeschnallt. Der Leichtathletik-Star begleitet sie lächelnd bei ihren ersten wackligen Schritten auf den Sportgeräten, das kleine Mädchen zeigt mit dem Arm selbstbewusst nach vorne. Zunächst fällt der Lebensmut der beiden auf, erst dann die Behinderung. Nahbar wirkt der 400-Meter-Sprinter, der weltberühmt wurde, als er als erster beidbeinig amputierter Sportler bei Olympischen Spielen antrat. Er nutzt das Foto seit Jahren als Profilbild beim Kurznachrichtendienst Twitter.

Seit Donnerstagmorgen wird seine öffentliche Wahrnehmung von Fotos geprägt, die gegensätzlicher kaum sein könnten. Auf einem hat Pistorius die silberne Kapu-ze einer Jacke tief ins Gesicht gezogen. Er wird von Polizisten aus seinem Haus in Pretoria geführt wird, wo er kurz zuvor seine Freundin Reeva Steenkamp (29) er-schossen haben soll. Am Freitag, als offiziell gegen ihn Anklage wegen „vorsätzli-chen Mordes“ erhoben wurde, drückte dann ein Fotograf trotz Kameraverbots wäh-rend der Anhörung im Gerichtssaal auf den Auslöser. Die Aufnahme des 26-Jährigen im schwarzen Anzug, der seine Tränen hinter den Händen versteckt, ging um die Welt.

Es werden wohl viele Monate vergehen, bis zumindest juristisch geklärt werden kann, was in der Nacht zum Valentinstag passierte. Pistorius selbst äußerte sich nicht vor dem Haftrichter. Südafrikanische Medien, die sich unter anderem auf Poli-zeiquellen bezogen, hatten am Donnerstag berichtet, der Sportler habe ausgesagt, seine Freundin für einen Einbrecher gehalten und geschossen zu haben. Eine Poli-zei-Sprecherin dementierte das später, diese Information stamme nicht von den Behörden. Man sei angesichts dieser Darstellung „überrascht“ gewesen.

Pistorius Familie und sein Management veröffentlichten eine Stellungnahme, in der die Mordvorwürfe „auf das Schärfste“ bestritten wurden, ohne allerdings eine eigene Version über den Ablauf der Nacht zu geben. Pistorius habe den Wunsch geäußert, der Familie der Verstorbenen „sein tiefes Mitgefühl“ zu übermitteln. Es handele sich um eine „schreckliche Tragödie“.

Sicher ist bislang nur, dass Pistorius beinahe ikonengleicher Status zerstört ist. Die Südafrikaner sehnen sich nach Sporthelden, mit denen sie über ethnische Grenzen hinweg jubeln können. Und sie fanden inspirierende Elemente im Leben des behinderten Leichtathleten. Einer, der gegen alle Widerstände und Wahr-scheinlichkeit triumphierte, eine Erinnerung an die Ideale der Regenbogennation. Im Alter von elf Monaten wurden Pistorius die verkrüppelten Unterschenkel ampu-tiert, zwei Monate später bekam er Prothesen angepasst, nur weitere vier Monate später begann er zu laufen. „Ihr zieht eure Schuhe an“, sagte die Mutter zu seinen beiden Geschwistern, „und du die Prothesen.“ Normalität auch ohne Beine, von Beginn an.

Schon vor sechs Jahren erkannte die große südafrikanische Sportmarketing-Agentur „In-Site“, die auch einige der bekanntesten Rugby-Spieler des Landes ver-tritt, das weltweite Vermarktungspotenzial. Der damals 20-Jährige näherte sich über die 400-Meter-Distanz den Zeiten der nichtbehinderten Weltklassesportler. Schon damals versuchte er, sich für die Olympischen Spiele 2008 zu qualifizieren und erkämpfte das Startrecht nach einem langen Rechtsstreit mit dem internationa-len Leichtathletik-Verband, der ihm wegen seiner Prothesen einen Vorteil unterstellt hatte.

Pistorius scheiterte schließlich an der Qualifikationsnorm. Aber sein Name war zur Marke geworden – was Sponsoren wie der Sportartikelhersteller Nike ausgiebig nutzten. Der Superstar der Paralympischen Bewegung, die lange als eine der letz-ten Bastionen des unkommerziellen Sports galt, wurde zum Millionär.

Die „Welt am Sonntag“ traf ihn während dieser Zeit im Jahr 2007 zum Interview in Pretoria. Vier Stunden verspätete er sich, machte das aber binnen weniger Minu-ten mit seiner charmanten Art vergessen. Mehrere Stunden lang sprach er auf der Terrasse des Trainingszentrums, erzählte, dass er sich nicht als behindert sehe und einfach an seinen Zeiten gemessen werden wolle.

Er fragte, wie das Leben in Berlin so sei, berichtete von Pretoria und seinem Marketing-Studium. Am Ende schlug er lachend eine gemeinsamen Trainingsein-heit im Kraftraum vor, plauderte auf dem Weg dorthin ungezwungen mit Kellnern und Parkwächtern. Am Nachmittag kam seine damalige Freundin hinzu, Pistorius empfing sie so überschwänglich wie ein verliebter Schuljunge.

Er wirkte authentisch, auch vor der Kamera. Mit Hilfe seiner Marketingteams in England und Südafrika gelang es Pistorius, dass mehrere Skandale sein Image bis zum Höhepunkt seiner Karriere, der Teilnahme an den Olympischen Spielen in London 2012, nicht nachhaltig beschädigten. Schon im Jahr 2009 verbrachte er eine Nacht in einer Zelle der Boschkop-Polizeiwache, wo er derzeit auf die nächste Anhörung wartet. Eine junge Frau hatte ihn wegen Körperverletzung angezeigt, nachdem Pistorius ihr den Zutritt zu einer Party in seinem Haus verwehrt hatte. Die Polizei berichtete, es habe sich ein Stück Holz gelöst, als Pistorius die Tür zuge-schlagen habe, die Frau erlitt eine Verletzung am Bein.

Zu einer Klage kam es aus Mangel an Beweisen nicht. Pistorius gab später in einem Interview an, die Frau sei betrunken gewesen und habe sich mit ihrem Freund lautstark gestritten, er habe sie rausgeworfen und nicht wieder reinlassen wollen. „Dass ich einmal eine Nacht in einer Polizeizelle verbringen würde, hätte ich auch nicht gedacht“, sagte er grinsend.

Im vergangenen Jahr schockierte Pistorius einen Reporter der Zeitung „NY Ti-mes“, als er bei einer Fahrt mit ihm auf nasser Straße auf 250 Stundenkilometer beschleunigte. Er führte auch bereitwillig eine 9mm-Pistole an einem Schießstand vor. Privater Waffenbesitz ist in Südafrika relativ weit verbreitet, pro 100 Einwohner gibt es zwölf Waffen. Proportional zur Einwohnerzahl gerechnet werden in Südafri-ka fünf Mal mehr Menschen durch Schusswaffen getötet als in den USA. Nicht erst seit dieser Woche fordern Bürgerrechtsorganisationen deshalb, die Bedingungen für Waffenscheine weiter zu verschärfen und konsequenter gegen illegalen Waf-fenbesitz vorzugehen.

Von Vorwürfen wegen illegalen Waffenbesitzes gegen Pistorius ist nichts be-kannt, aber er musste sich wegen anderer Vorfälle gegenüber der Polizei rechtfer-tigen. Vor einigen Jahren hatte der Südafrikaner einen schweren Bootsunfall, nach dem die Polizei ein Ermittlungsverfahren wegen rücksichtslosen Fahrens einleitete, es aber einstellte. Einem Nebenbuhler drohte er südafrikanischen Medienberichten zufolge an, die Beine zu brechen. Er gilt als rastlos, sprach über Schlafstörungen. Eine Polizeisprecherin erwähnte am Donnerstag nebulös von vorangegangenen Zwischenfällen „häuslicher Art“ in Pistorius Haus.

So wie sein Star-Status auf bisweilen oberflächlicher Wahrnehmung basierte, ist die Öffentlichkeit nun versucht, voreilige Schlüsse zu ziehen, obwohl bislang erst wenige gesicherte Erkenntnisse über den Tod von Reeva Steenkamp vorliegen. Pistorius wird während des Prozesses noch weit aufmerksamer beobachtet werden als während seines rasanten Aufstiegs.

„Die Gesellschaft basiert auf Heldenverehrung“, schrieb der schottische Histori-ker Thomas Carlyle schon im 19. Jahrhundert. Südafrika muss sich in diesen Ta-gen von einer seiner strahlendsten Heldengeschichten verabschieden. Wohl auch deshalb ist die Nation so fassungslos angesichts der Mordanklage gegen ihren Vorzeigeathleten.

 

Welt am Sonntag, 17. Februar 2013