16.01.2015

"Wir wollen diesen Feind töten"

Liberia stemmt sich mit viel zu wenigen Isolierstationen gegen die Ebola-Epidemie.

Die Mutter hatte vor zwei Wochen den Überlebenskampf verloren und war im Haus der Familie gestorben. Für den eintägigen Fußmarsch in die einzige Isolierstation in der liberianischen Provinz Bong County hatte ihr einfach die Kraft gefehlt. Das Ebola-Virus aber bedrohte auch die übrigen Familienmitglieder. Vor ein paar Stunden sind der Mann und die beiden Söhne (15 und 7) in der Station angekommen. Zu Fuß und mit Magenkrämpfen, einem typischen Ebola-Symptom. Der Weg durch den Dschungel hatte sie weiter geschwächt. Und die Angst vor dem Tod.

Die Nacht verbringt die Familie getrennt. Jeder im eigenen Zimmer in den frisch errichteten Holzverschlägen, mit Bett, Eimer und Toilette. Außerdem gibt es Steckdosen zum Laden der Handys, für viele die letzte Verbindung zur Außenwelt. Die Patienten werden auf Abstand gehalten, so weit es eben geht. Wer negativ getestet wird, darf das Gelände schnell verlassen. Wer aber positiv ist, zieht in den Hochsicherheitsbereich - und muss damit rechnen, die Krise nicht zu überstehen. Nur jeder dritte Infizierte in Liberia hat bislang überlebt. Im Hochsicherheitsbereich liegt die Überlebensquote dagegen deutlich höher, nichtsdestotrotz werden auf dem Friedhof nebenan täglich frische Gräber ausgehoben.

Das Virus wütet derzeit besonders in Monrovia, aber auch auf dem Land offenbaren sich die Tücken des Kampfes gegen den unsichtbaren Feind. Vier Stunden hat der Geländewagen für die gerade einmal 100 Kilometer lange Fahrt aus der Hauptstadt benötigt. Es regnet seit Monaten fast täglich, was wohl nicht nur die Überlebensfähigkeit des auf Feuchtigkeit angewiesenen Virus verlängert, sondern auch die Straßen davongespült hat. Im September hat es sechs Tage gedauert, bis die Laborergebnisse aus der Hauptstadt vorlagen. Sechs Tage, in denen dringend benötigte Betten mit Verdachtsfällen belegt waren, mit potenziell Gesunden, die in Gefahr standen, sich bei Ebola-Kranken anzustecken.

In Bong County haben sich die Nothelfer angewöhnt, auch die kleinen Erfolge zu feiern. Anders ist die wohl gravierendste globale Epidemie seit der Verbreitung von Aids nicht zu ertragen. Benjamin Espinosa steht mit breiter Brust am Eingang einer nur wenige Kilometer von der Isolationsstation entfernt gelegenen Universität. Sie ist seit Monaten geschlossen, so wie alle Bildungseinrichtungen des Landes. Espinosa trägt ein gebügeltes Hemd und Jeans, eigentlich aber ist er Oberstleutnant der amerikanischen Armee. Er hat das Gebäude mit seinem Team innerhalb von zwei Tagen zu einem Testlabor umfunktioniert.

"Wir können in 75 Minuten 196 Proben gleichzeitig prüfen", sagt der Militärarzt mit fester Stimme, "innerhalb von vier Stunden haben die Patienten ihre Ergebnisse. Wir werden hierbleiben, bis diese Krise bewältigt ist." Neben ihm findet James Czarnik, ein kräftiger Soldat in Uniform, noch kämpferische Worte. "Das ist nicht nur eine Bedrohung für Liberia, sondern für alle", sagt er, "die USA gehen geschlossen in die Offensive, um diesen Feind zu töten."

Die USA haben noch drei weitere Labore eingerichtet - aber die Hoffnung schwindet, dass die 3000 Soldaten, die es insgesamt werden sollen, der Lage Herr werden können. Offiziell sollen bereits 300 Soldaten hier sein, doch hinter vorgehaltener Hand gibt ein US-Militär zu, er habe bislang "vielleicht 100, maximal 130 gesehen". Im September hatte eine Delegation von 14 hochrangigen Militärs eine zweitägige Erkundungsreise begonnen. Einige kamen nur mit Handgepäck. Seither bleiben sie in der Hauptstadt, aus Sicherheitsgründen.

Die USA haben den Bau von 17 neuen Isolierstationen versprochen, für medizinische Einsätze sind die Soldaten mit Ausnahme von Labor-Arbeitern wie Espinosa allerdings nicht vorbereitet. Bislang sind in Liberia gerade einmal sechs solcher Quarantäne-Einrichtungen mit 720 Betten in Betrieb - damit kann nicht einmal jeder vierte Fall systematisch behandelt werden. Tausende werden immer noch von Verwandten zu Hause behandelt und stecken so laufend Menschen an.

Noch immer hat Liberias Regierung kein passendes Grundstück bereitgestellt, auf dem die USA Zelte für ihre Soldaten aufstellen könnten. Allein deren Bau wird wohl Wochen dauern, bedenkt man die Akribie der Armee. Die Vorhut hat sich in Hotels einquartiert - nachdem ein Spezialist zuvor deren Wasserqualität überprüft hatte. Es sei bei diesem Einsatz entscheidend, eine Rettungskette aufzubauen, sagt Armeesprecher Will Patterson.

Dabei geht es nicht allein darum, infizierte Soldaten so schnell wie möglich in einem geeigneten Flugzeug auszufliegen. Was ist zum Beispiel, wenn einer der Helfer bei einem Verkehrsunfall auf den miserablen Straßen liegen bleibt? Die amerikanischen Militärstrategen haben auch geprüft, ob die Landebahn des Flughafens schwere Transportmaschinen aushält - und erklärt, dass der Untergrund das Gewicht gerade noch trägt.

Das Pentagon steht vor einer ungewohnten Aufgabe, erfordert der Aufbau der Stationen doch deutlich mehr Aufwand als der Aufbau eines Militärkrankenhauses. Dort werden in der Regel Trauma-Patienten behandelt, ein Isolierzentrum aber erfordert Quarantäne-Räume, enorme Wasservorräte und einen detaillierten Plan, wie mit den medizinischen und hochinfektiösen Abfällen umzugehen ist.

Pessimistische Prognosen halten eine erneute Verdoppelung der Fälle innerhalb eines Monats für möglich. Während sich die Zahl der Neuinfektionen in Liberia in den letzten Tagen etwas stabilisiert hat, nimmt sie in Guinea derzeit wieder deutlich zu. Trotzdem gibt es sie auch, die kleinen Momente der Hoffnung. Am Nachmittag laufen die Mediziner in Bong County plötzlich aufgeregt umher. Die Testergebnisse des Vaters und der beiden Söhne sind da. Zwei junge Pflegerinnen lachen laut und erleichtert auf. Negativ! Die Mutter war zwar an dem Virus gestorben, der Rest der Familie aber wird leben. "Jeder will diese gute Nachricht überbringen", sagt Colin Bucks, einer der amerikanischen Ärzte vor Ort. Nur eine Aufgabe sei im Team noch beliebter: "Es ist das Größte, jemandem zu sagen: Du bist geheilt."