11.07.2014

Südafrikas Kampf gegen die weißen WM-Elefanten

Ausgediente Giganten: Vier Jahre nach der WM 2010 sucht der Kapstädter Stadionmanager Lesley de Reuck verzweifelt nach Nutzungsmöglichkeiten für seine Arena

In diesen Tagen ist vom Glamour im Kapstädter Greenpoint-Stadion, wo die deutsche Nationalmannschaft im WM-Viertelfinale vor vier Jahren Argentinien mit 4:0 überrannte, wenig übrig geblieben. Das Spielfeld ist eine große braune Fläche, die Tore wurden abmontiert. Das hat allerdings nichts mit mangelnder Pflege, sondern mit dem neuen Rasen zu tun, der hier gerade ausgesät wurde. In Südafrika ruht der Ball, derzeit finden hier keine Sport-Veranstaltungen statt.

Die zehn WM-Stadien sind die offensichtlichsten Symbole, die von der WM 2010 übrig geblieben sind. Und ihre Nutzungsbilanz spricht nicht gerade für einen nachhaltigen Erfolg des Turniers. Von den fünf renovierten Stadien ist lediglich das in Pretoria im Plus, vier der fünf neu gebauten Arenen sind deutlich defizitär und verursachen Verluste in Millionenhöhe. Allen voran das spektakuläre Stadion in Kapstadt, dessen Bau mit 340 Millionen Euro der teuerste war. Den jährlichen Einnahmen von 1,03 Millionen Euro stehen dort Kosten in Höhe von 4,5 Millionen Euro gegenüber. Die Rechnung bezahlen die ohnehin klammen Kommunen.

Nun könnte man anführen, dass dieses Stadion längst zu einem Wahrzeichen der Stadt geworden. 50 Meter ragt das wellenförmige Dach auf einem der teuersten Grundstücke des Kontinents in die Höhe – im Vordergrund das Meer, im Hintergrund der Tafelberg. Die Fassade ist von nahezu durchsichtigem Fiberglas umringt, das am Tag den Wind abhält und das gigantische Gebäude in der Nacht zu einem faszinierenden Leuchtkörper macht.

Doch wie formt man daraus ein nachhaltig profitables Unternehmen? Auf diese Frage versucht seit drei Jahren Lesley de Reuck Antworten zu finden. Bislang vergeblich. Er übernahm den Job des Stadionmanagers Ende des Jahres 2010, kurz nachdem das Unternehmen Stade de France von einem bereits ausgehandelten Pachtvertrag absprang. Die Zahl potenzieller Kunden erschien dem Investor plötzlich doch zu gering.

De Reuck sitzt in seinem Büro in den Stadionkatakomben. Ein großer Raum mit Meerblick, an den Wänden hängen Bilder jubelnder Fans. Vor der WM sei es vor allem darum gegangen, endlich mit den Bauarbeiten fertig zu werden, erzählt er. Anwohner hatten gegen den Bau geklagt und ihn so lange verzögert, bis die Zeit knapp wurde. „Für die Details bin ich nun verantwortlich“, sagt er mit einer Prise Galgenhumor. Die Anwohner hatten damals durchgesetzt, dass das Stadion keine dauerhaften Lizenzen an Restaurants außerhalb der Spiele und Konzerte vergeben dürfen. „Das lohnt sich für niemanden“, sagt de Reuck.

Diese Klausel zu ändern ist derzeit eine seiner wichtigsten Aufgaben. Und für weitere Mieter zu sorgen. Es dauerte zwei Jahre, bis der Fußball-Erstligist das Stadion zu seiner Spielstätte machte – für einen spottbilligen Preis wohlgemerkt, denn das zuletzt eher mäßige Team lockt selten mehr als 6000 Zuschauer an. Attraktiver wäre da schon das örtliche Rugby-Team „Stormers“, zu dessen Spielen regelmäßig über 25.000 zahlkräftige Fans kommen. Doch der Verein hat ein eigenes Stadion, in dem die Spiele deutlich kostengünstiger sind. De Reuck verhandelt derzeit mit den Besitzern – eine Einigung ist Voraussetzung für sein Ziel, binnen „drei bis fünf Jahren“ profitabel zu sein.

Ähnlich ist die Lage in den anderen Stadien. In Durban verweigert das örtliche Rugbyteam „Sharks“ den Einzug in das nicht minder imposante Stadion, weil es über eine alte, aber dafür eigene Arena verfügt – und sich die Mietzahlungen lieber spart. Pläne für die Bewerbung um die Olympischen Spiele 2020 wurden aufgrund der horrenden Kosten ohnehin schnell wieder verworfen. In Port Elizabeth spielt derzeit ein Rugby-Zweitligist vor wenigen Zuschauern, einen Fußball-Erstligisten hat die Stadt an der Ostküste seit Jahren nicht mehr. Zuletzt war sogar der Umzug eines Erstligisten aus Kapstadt nach Port Elizabeth im Gespräch, um die jährlichen Verluste in Höhe von einer Million Euro irgendwie einzudämmen.

Es gibt gleichwohl eine Ausnahme: Das FNB-Stadion in Johannesburg, in dem vor vier Jahren das Endspiel stattfand, generiert Gewinne. Es profitiert von den Heimspielen des populären Fußballvereins Kaizer Chiefs und Veranstaltungen des regierenden Afrikanischen Nationalkongress (ANC). Alle anderen neu gebauten WM-Stadien sind im Defizit.

Seit der WM konkurrieren also mehr oder weniger verzweifelte Stadienmanager um die wenigen Sporthöhepunkte im Land. So lässt sich der Johannesburger Publikumsmagnet Orlando Pirates dafür bezahlen, hin und wieder ein Heimspiel im 350 Kilometer entfernten Nelspruit auszutragen. „Bei Länderspielen bewerben sich acht bis neun hochmoderne Stadien“, sagt de Reuck, „das drückt natürlich den Preis.“ Es ist ein Kampf, nicht als „Weißer Elefant“ zu enden, wie ausgediente Arenen genannt werden.

Denn anders als in Deutschland lässt sich in Südafrika allein über den normalen Ligabetrieb kein hochwertiges Stadion finanzieren. Der große Fußballboom ist ausgeblieben, der Zuschauerschnitt liegt weiterhin bei mageren 7000. Anlass zu Hoffnung liefert derzeit nicht einmal die Nationalmannschaft, ihre Verbesserung hatte der südafrikanische Fußballverband „Safa“ noch als „unantastbaren Effekt der WM“ bezeichnet. Unpassend erscheint da, dass sie für die WM 2014 nicht qualifiziert ist, eben so wenig wie für den Afrika-Cup 2012. Querelen und Veruntreuungsvorwürfe innerhalb der Safa waren ebenfalls kaum dazu geeignet, das Image des südafrikanischen Fußballs aufzubessern.

Mit den Stadien verhält es sich wie mit vielen Versprechungen im Umfeld der WM 2010: Die Realität kann mit der Rhetorik kaum mithalten. Die Wirtschaftsberater der Firma Grant Thornton prognostizierten vor der WM 415.000 neue Jobs, eine Statistik, auf die sich Fifa und südafrikanische Politiker gerne bezogen. Geworden sind es am Ende 130.000, die meisten davon nur temporär.

Das Turnier hatte die 15fache Größe der Rugby-WM im Jahr 1995 – dem bis dahin größten Turnier in Südafrikas Geschichte. 4,5 Milliarden Euro investierte der Staat in Stadien und Infrastruktur wie Telekommunikation und Verkehr, also mehr als das jährliche Staatsbudget vieler afrikanischer Länder. Der weitgehend steuerbefreite Fußballweltverband Fifa überwies im Gegenzug gerade einmal 386 Millionen Euro seines beachtlichen Gewinns (1,8 Milliarden Euro) an Südafrika.

Die Rechnung wäre weniger einseitig ausgefallen, hätte die Fifa nicht gar so hohe Anforderungen gestellt. Am deutlichsten wurde das in Kapstadt. Die Stadt hatte als Baustandort zwei Grundstücke außerhalb des Zentrums im Blick, die Gegend hätte von der Infrastrukturaufwertung erheblich profitiert. Fifa-Präsident Sepp Blatter aber bestand auf den gut zu vermarktenden Standort zwischen Meer und Tafelberg.

An den gewaltigen Kosten profitierte übrigens auch Deutschland. Hierzulande lag das Auftragsvolumen der WM-bezogenen Aufträge nach Angaben des Deutschen Industrie- und Handelskammertages bei über 1,5 Milliarden Euro. MAN lieferte Überlandbusse, das Architekturbüro GMP entwarf in Kooperation mit lokalen Partnern drei Stadien. Oft fehlten Firmen in Südafrika die nötigen Kapazitäten, aber insgesamt herrscht noch immer Frustration, dass nicht mehr Aufträge an heimische Unternehmen vergeben wurden. Sogar das WM-Maskottchen wurde in China angefertigt.

Trotzdem kommt Grant Thornton in einer im vergangenen Jahr veröffentlichten Studie zum langfristigen Effekt der WM erneut zu einem positiven Urteil. „Die Verbesserungen helfen beim ökonomischen und touristischen Wachstum“, sagte Gillian Saunders, einer der Autoren der Studie. Eines der zentralen Argumente: Die erste WM in Afrika überhaupt habe geholfen, den Kontinent in einem Licht jenseits von Armut und Leid zu präsentieren, vielmehr als geeigneten Investitionsstandort.

Nun war ausgerechnet das Wirtschaftswachstum von Südafrika im kontinentalen Vergleich mit Werten zwischen 1,6 (1. Quartal 2014) und 3,8 Prozent (1. Quartal 2012) seit der WM eher mäßig. Doch der Organisationschef der WM 2010, Danny Jordaan, wies darauf hin, dass das weitgehend reibungslos veranstaltete Turnier bei der Einladung an Südafrika geholfen haben könnte, dem BRIC-Bündnis der Schwellenstaaten teilzunehmen. Das ist freilich ebenso wenig messbar wie der Wissenstransfer, der angesichts der weltweiten Mitwirkung an Bau und Organisation des Turniers stattfand.

Vereinzelt begründeten Firmen Investitionen in Südafrika auch mit der erfolgreich ausgerichteten WM. Die Regierung hat aber zuletzt so manchen Imagegewinn wieder zunichte gemacht. Im vergangenen Jahr wurde das Investitionsschutzabkommen mit Deutschland und anderen europäischen Staaten in brüsker Manier aufgekündigt. Und die rechtlichen Rahmenbedingungen wirken bei Investitionsentscheidungen schwerer als ein PR-Erfolg wie die WM.

Immerhin der Tourismus hat sich zuletzt positiv entwickelt, die Zahl der Besucher von außerhalb Afrikas stieg im vergangenen Jahr um 5,7 Prozent. Aber liegt das wirklich an der WM, oder nicht doch etwa am schwachen Rand und einer langsamen Erholung der Kernmärkte von der Weltwirtschaftskrise?

Das Marktforschungsunternehmen TNS Research Surveys hat berechnet, dass Südafrika als Marke Werbung im Wert von über 200 Millionen Euro generierte. Die Tourismusagentur des Landes, SA Tourism, fand heraus, dass weltweit das Image von Südafrika als Urlaubsziel um neun Prozent zugenommen habe. „Wir haben in Afrika das Blatt gewendet“, sagte Südafrikas ehemaliger Präsident Thabo Mbeki nach der WM, „wir haben Jahrhunderte der Armut und Kriege hinter uns gelassen“. Aus der Raupe sei ein „wunderschöner Schmetterling“ geworden, pflichtete Erzbischof Desmond Tutu bei.

„Die WM war sehr gut darin, eine Deadline für Infrastrukturprojekte zu schaffen, die sonst nur auf mittel- oder langfristige Sicht umgesetzt worden wären“, sagt Johan Fourie, Wirtschaftsprofessor an der Universität Stellenbosch, „es gab sicherlich einen Nutzen, aber zu welchem Preis?“ Allein in den Bau und Umbau der Stadien flossen über eine Milliarde Euro. Weitere Milliarden flossen in nachhaltigere Infrastrukturprojekte wie den Ausbau von Flughäfen und den Hochgeschwindigkeitszug Gautrain, der Pretoria und Johannesburg verknüpft.

Laut einer Studie, die im „Journal of African Economies“ der Universität Oxford veröffentlicht wurde, gab das Land horrende 13.000 Dollar pro WM-Besucher aus. Die Autoren kommen zu dem noch vorsichtig formulierten Fazit, derartige Turniere zu veranstalten sei eine „potenziell erfolgreiche aber enorm teure Strategie, um Tourismus in Schwellenländern zu fördern“. Allein steht Südafrika mit seiner negativen wirtschaftlichen Bilanz nicht da. Es ist bekannt, dass der ökonomische Nutzen von Sportgroßereignissen mit wenigen Ausnahmen wie den Olympischen Spielen 2000 in Australien nur kurzfristig ist. Wenn überhaupt.

Doch Industrienationen wie Japan und Südkorea können es sich leisten, einige Stadien der gemeinsam ausgerichteten WM 2002 schlicht wieder einzureißen. Und in Deutschland sorgte die Tatsache, dass von den 50.000 neu geschaffenen Arbeitsplätzen rund um die WM 2006 ein Jahr später nur die Hälfte übrig war, für wenig Diskussion. Zumal die neuen Stadien der Bundesliga einen dauerhaften Schub gaben. Anders sieht die Lage in Schwellenländern wie Brasilien und Südafrika aus, wo die Milliarden dringend für die Entwicklung der Armenviertel benötigt worden wären.

Vielleicht wurde das Turnier jedoch auch schlicht mit Erwartungen überladen. „Es gab Leute, die glaubten, durch die WM sofort zu Millionären zu werden“, sagt Robert Marawa, der berühmteste Sport-Moderator des Landes, „das war fast eine Jackpot-Mentalität.“ Es sei nie möglich gewesen, binnen eines Monats die gesamte Struktur eines Landes zu verändern. Positiv sei doch, dass die Leute trotz des kalten Wetters vereint zusammengekommen seien, um die WM zu feiern. „Danach geht die Realität weiter“, so Marawa, „Schlaglöcher ausbessern zum Beispiel.“

 

Erschienen in Die Welt, Juni 2014