18.09.2014

Pistorius hofft auf Bewährungsstrafe

Der Sprintstar könnte wegen der fahrlässigen Tötung von Reeva Steenkamp mit einer Bewährungsstrafe davonkommen. Über das milde Urteil herrscht Wut

Die Richterin hatte ihr Urteil noch gar nicht gesprochen, da begann Reeva Steenkamps Mutter June die Freundinnen ihrer getöteten Tochter zu trösten. Ausgerechnet sie, in deren Gesicht sich der Schmerz am tiefsten gegraben hatte, versuchte die Fassung zu bewahren. Und so legte sie ihren Arm um die Schultern der weinenden Gina und Kim Myers, mit denen Reeva in Johannesburg bis zu ihrem Tod zusammengewohnt hatte.

 

Dann flüsterte June Steenkamp: "Du musst nicht weinen! Du musst nicht weinen!" Die jungen Frauen hatten sich ein Foto von Steenkamp an die Bluse gesteckt. Sie wollten Gerechtigkeit für die Freundin.

 

Und sie hatten das Gefühl, dass ihr diese verweigert wurde. Richterin Thokozile Masipa bat den Angeklagten Oscar Pistorius nach ihrer zwei Tage dauernden Urteilsbegründung aufzustehen. Und sie urteilte, wie es sich schon am Donnerstag abgezeichnet hatte – fast ausschließlich zugunsten des Mannes, der seine Freundin erschossen hatte. Es habe sich um fahrlässige Tötung und nicht um Mord oder Totschlag gehandelt. Auch von den drei Verstößen gegen das Waffengesetz sei seine Schuld nur in einem Fall bewiesen.

 

Pistorius nahm das Urteil gefasst auf. Einige Verwandte umarmten ihn, doch niemand zeigte die Freude über das äußerst glückliche Urteil allzu offen. Die Familie war sich bewusst, dass übertriebene Freude als pietätlos gegenüber Steenkamps Hinterbliebenen gewirkt hätte.

 

In Südafrika gab es gewissermaßen zwei Prozesse: Der in der Öffentlichkeit, die angesichts der Liveübertragung jedes Detail analysierte, wenn auch mit geringem juristischen Wissen. Hier verlor Pistorius. Als er das Gericht von Polizisten abgeschirmt verließ, da waren unter den Hunderten Schaulustigen viele, die Reevas Namen riefen oder sangen.

 

Letztlich aber zählte natürlich in Pretoria der eigentliche Prozess, dem Richterin Masipa vorsaß und bei dem Beweise zählten. Für eine Verurteilung wegen Mordes oder Totschlags reichten diese nach Ansicht der 66 Jahre alten Juristin schlicht nicht aus. Fahrlässige Tötung lässt nun ein für viele Südafrikaner kaum denkbares Szenario als realistisch erscheinen.

 

Das Strafmaß liegt wie bei kaum einem anderen Urteil im Ermessen der Richterin. Es erlaubt eine langjährige Gefängnisstrafe, aber auch eine Bewährungsstrafe. Masipa könnte neben der Tatsache, dass Pistorius nicht vorbestraft war, seine Behinderung als mildernden Umstand geltend machen.

 

Die Staatsanwaltschaft sei enttäuscht, sagte der Sprecher der Behörde, Nathi Mncube. "Aber erst, nachdem das Strafmaß feststeht, können wir unsere Möglichkeiten abwägen und schauen, ob es weitere Schritte geben kann." Berufung legt in Südafrika normalerweise nur die Verteidigung ein, jedoch hat auch die Anklage dazu die Möglichkeit, wenn sie einen Verfahrensfehler vermutet.

 

Und zumindest die Interpretation, dass es sich nicht um Totschlag handelte, ist umstritten. Darauf hatte die Staatsanwaltschaft abgezielt für den Fall, dass die Richterin Pistorius' Version Glauben schenken würde. Denn auch dann habe er den Tod einer Person beabsichtigt, nämlich den des Einbrechers. Richterin Masipa aber kam zur Ansicht, dass Pistorius zwar bewusst und keineswegs in Notwehr geschossen hatte, aber nicht, um zu töten. Eine gewagte Interpretation, schließlich feuerte Pistorius vier Mal durch die Tür zu einem nicht einmal drei Quadratmeter großen Raum.

 

 

Über das Strafmaß berät das Gericht erst ab dem 13. Oktober. Bis dahin bleibt Pistorius auf freiem Fuß. Der Verurteilte musste nach der Entscheidung eine Treppe in eine der Zellen des Gerichts hinuntergehen, während Richterin Masipa mit ihren Beisitzern darüber beriet, ob Pistorius gegen Kaution weiter auf freiem Fuß bleiben darf. Staatsanwalt Gerrie Nel hatte das vehement abgelehnt. Es bestehe Fluchtgefahr, weil Pistorius mit einer mehrjährigen Gefängnisstrafe rechnen müsse.

 

Nel, Spitzname "Die Bulldogge", probierte noch einmal alles. Er sehe angesichts des "selbst schädigenden Verhaltens" sogar Selbstmordgefahr, sagt er. Doch Richterin Masipa entschied auf eine Verlängerung der Kaution, die im vergangenen Jahr gegen eine Zahlung von einer Million Rand (70.000 Euro) gewährt worden war.

 

Sollte Pistorius danach eine Gefängnisstrafe antreten müssen, hätte er wohl bessere Haftbedingungen als die meisten anderen Verurteilten. So gilt zum Beispiel eine Einzelzelle als wahrscheinlich. Das liegt zum einen an seiner Behinderung und seiner Berühmtheit, welche die Wahrscheinlichkeit von Übergriffen durch andere Gefangene wahrscheinlicher machen könnten.

 

Vor allem aber hat Pistorius, der als erster Paralympics-Athlet zum Multimillionär wurde, die finanziellen Möglichkeiten, die in Südafrika gesetzlich garantierten Rechte auch durchzusetzen – so wie er sich bereits während des Prozesses einige der besten Anwälte des Landes leisten konnte. Binnen sechs Stunden nach Einlieferung des neuen Gefangenen müssen demnach neben seinen Bedürfnissen auch die Gefahren bewertet werden, die ihm in den von Gewalt geprägten Gefängnissen des Landes drohen.

 

"Straftäter haben das Recht, ihre Haftstrafe unter menschenwürdigen Bedingungen" abzusitzen, teilte die südafrikanische Justizvollzugsbehörde mit. Dies schließe "regelmäßigen Sport, angemessene Unterbringung, Ernährung, Lesestoff sowie ärztliche Behandlung" mit ein.

 

In der Praxis allerdings sind die Haftbedingungen nach Einschätzung von Menschenrechtsorganisationen miserabel. Die Gefängnisse seien überfüllt, Vergewaltigung und Korruption seien weit verbreitet, sagte ein Sprecher der südafrikanischen Gefangenenorganisation für Menschenrechte.

 

Es war schließlich wie so oft Pistorius' Onkel Arnold, der nach dem Urteil vor die Presse trat. Er vertritt die Familie in der Öffentlichkeit, und er wusste, dass er seine Worte sorgfältig wählen musste. "Unser Mitgefühl gilt der Familie und den Freunden von Reeva Steenkamp", sagte er, "ihr Tod war tragisch." Sehr zurückhaltend, wie die gesamte Familie schon zuvor im Gerichtssaal, kommentierte er das sehr milde Urteil. "Wir sind dankbar", sagte er zum Freispruch von der Mordanklage, "wir hatten nie Zweifel an seiner Version." Das gilt nicht für viele Familien in Südafrika.

 

 

 

 

KOMMENTAR

Erkaufte Bürgerrechte

 

Der spektakulärste Prozess in Südafrika seit der Verurteilung von Nelson Mandela im Jahr 1964 ist beinahe beendet, und das milde Urteil erzürnt viele: Der Paralympics-Star Oscar Pistorius ist trotz der tödlichen Schüsse auf seine Freundin Reeva Steenkamp weder Mörder noch Totschläger. Es habe sich um fahrlässige Tötung gehandelt, urteilte Richterin Thokozile Masipa. Ihn erwartet eine im Vergleich zu Mord geringe Haftstrafe, womöglich sogar zur Bewährung ausgesetzt. "Das war der Prominenten-Bonus", schimpfen nun viele. Wer reich ist, der könne sich seine Freiheit erkaufen.

 

Das trifft so nicht zu, allerdings ist Geld in Südafrika wichtiger als in anderen Ländern für den Schutz der eigenen Rechte. Doch Pistorius hat einen fairen und gründlichen Prozess bekommen. Masipa mag ihren Ermessensspielraum zu seinen Gunsten ausgereizt haben, aber ihr Urteil ist begründbar. Dem Staatsanwalt Gerrie Nel war es nicht gelungen, ihn zweifelsfrei zu überführen.

 

 

Und in Südafrika haben Gerichte schon mehrfach Angeklagte freigesprochen, die Familienmitglieder erschossen haben, weil sie aussagten, Einbrecher vermutet zu haben. Die Angst vor Verbrechen in dem Land, in dem täglich beinahe 50 Menschen ermordet werden, wird immer wieder strafmildernd gewertet.

 

Das eigentliche Problem hinter dem Vorwurf, dass man sich Bürgerrechte erkaufen könne, ist, dass die Institutionen in Südafrika nicht stabil genug sind, um auch die Rechte von verarmten Angeklagten im gleichen Maß wie die von Großverdienern zu schützen. Die Pflichtverteidiger haben selten die Kapazitäten, den Fall ihrer Mandanten ausreichend zu vertreten. Viele Verdächtige warten über Jahre in Untersuchungshaft auf ihren Prozess. Und dort wird angesichts der Überlastung der Gerichte im Eilverfahren und mit wenig Gründlichkeit geurteilt.

Südafrika wollte eine funktionierende Justiz präsentieren. Das ist weitgehend gelungen. Es bleibt zu hoffen, dass dies auch dann öfters passiert, wenn nicht die ganze Welt zuschaut.