16.01.2018

Die Helden von Monrovia

Der Kampf gegen Ebola macht in Liberia in diesen Tagen normale Bürger zu Helden

Tagsüber, beim Aufsammeln der Toten, bewahrt ihn seine Aufgabe davor, den Verstand zu verlieren. Wenn Kollie Nyilah im Lastwagen sitzt, unterwegs zu Häusern, in denen Ebola-Opfer gemeldet wurden, dann hat er Menschen um sich, die er seine Brüder nennt. Drei Fahrer, vier Träger, zwei Männer, die Sprayer, die den Fundort der Toten mit Chlorlösung desinfizieren. Leichensammler, wie er. Sie tun, was sie in den vergangenen Wochen Dutzende Male getan haben, jeden Tag. Den weißen Schutzanzug anziehen, den Nyilah wegen der Hitze so oft verflucht hat. Er bedeckt jede einzelne Hautpore und hält das Ebola-Virus fern, nicht aber die Sonne. Sie lesen die Leichen auf und bringen sie in speziellen Säcken ins Krematorium. Jeder Handgriff ist eingeübt, die tägliche Choreografie des Todes. Es ist so viel zu tun, so viel zu beachten. Das lenkt ihn von all diesen Gesichtern ab, denen das verdammte Virus alles Menschliche genommen hat. Sie kommen am Abend, in den Nächten. Sie lassen ihn nicht mehr los. Einen hageren großen Mann mit traurigem Blick, 26 Jahre alt, der früher Handys und Computer reparierte. Jetzt ist er ein Leichenbeseitiger, der in einer Todeszone lebt.

Nyilah leitet das Team 5 des "Dead Body Management", kurz DBM, in Monrovia, der Hauptstadt Liberias, der Welthauptstadt des Todes. In seinem Land wütet das Ebola-Virus wie nirgends sonst. Mehr als die Hälfte der weltweit rund 4500 Ebola-Toten der vergangenen Monate stammt von dort. Und das sind nur die registrierten Fälle; die Dunkelziffer könnte um ein Vielfaches höher sein. Internationale Hilfsorganisationen fürchten, dass sich die Epidemie nicht mehr eindämmen lässt. Jeden Tag stecken sich Menschen an, die Zahl steigt noch immer rasant. Die Leichen müssen schnell weg, man kann sie nicht liegen lassen. Nirgends ist das Virus so ansteckend wie auf einem toten Körper.

Sein neuer Job hat Nyilah einsam gemacht. Die Taxifahrer, die er nach der Arbeit heranwinkt, fahren weiter, sobald sie die eingetrocknete Chlorlösung riechen, die fest auf seiner Haut und Kleidung klebt. Seine Freunde kommen plötzlich nicht mehr zu Besuch. Seine Freundin hält ihn auf Abstand. So geht es eigentlich allen Burial Boys, Beerdigungsjungs, so nennen sie Männer wie Nyilah in Liberia. Nyilah sagt, er könne nicht anders. Es gehe um sein Land, um seine Leute. "Wir haben Angst, dass dieses Virus zu unseren Familien kommt." Und jemand müsse diese Drecksarbeit ja machen.

An einem Samstagmittag wartet Nyilah in einem Hinterhof. Früher war es der Hof des Gesundheitsministeriums, inzwischen sitzen drinnen ein paar Leute des Roten Kreuzes Liberia, die den Kampf gegen den Tod koordinieren. Sie leiten 16 Teams mit je zehn Mitgliedern. Gruppen wie Nyilahs Team, die versuchen, die Stadt von infizierten Leichen zu befreien. Nyilah hat heute Bereitschaftsdienst. Vier Teams sind gerade im Einsatz, das scheint zu genügen. Es sind in diesen Tagen nicht ganz so viele Tote wie noch vor ein paar Wochen. Damals waren es bis zu 60 am Tag, jetzt etwa 30. Dennoch, Ebola verbreitet sich in Westafrika weiter rasant. Fast ein Drittel der rund offiziell 9000 Gesamtinfektionen in Westafrika erfolgte in den vergangenen drei Wochen.

Kollie Nyilah hat gehört, dass viele Infizierte aus der Stadt flüchten, weil sie fürchten, sie könnten nicht beerdigt werden, wie es sich in der liberianischen Tradition gehört. Nyilah und seine Leute bringen die Leichen ins Krematorium. Die Stadt hat eineinhalb Millionen Einwohner, die dicht beieinanderleben. Die Stadtverwaltung hat Beerdigungen verboten. Denn im Juli, als die Zahl der Infizierten dramatisch anstieg, stellte die Verwaltung ein Gelände am Rande der Stadt zur Verfügung, wo die vielen Ebola-Toten begraben werden konnten. Dann kam der Regen, Dauerregen, er weichte besonders die Sumpfgebiete weiter auf. Kurz darauf druckten die Zeitungen Fotos von Leichen, die aus der Erde geschwemmt wurden. Die Stadt hat aus diesem Fehler gelernt. Das Problem ist nur, dass die Menschen ihre Toten nicht verbrennen wollen. Es verträgt sich nicht mit ihren Bräuchen.

In der Zentrale klingelt das Telefon. Am Ufer des Flusses Du ist eine Leiche entdeckt worden. Todesursache: unklar. Das bedeutet, die Ebola-Beerdiger müssen ausrücken. Wer einen Toten bestatten will, braucht eine Bescheinigung dafür, dass nicht Ebola der Grund für den Tod war. Das dauert derzeit bis zu eine Woche. Die Labors untersuchen erst die Blutproben der Lebenden, in der schwülen Hitze Monrovias aber verwesen Leichen binnen Tagen.

Als die Leichensammler über einen aufgeweichten Feldweg zum Flussufer rumpeln, warten Hunderte Schaulustige an dem Ort, an dem der Tote gefunden wurde. Das Team weiß, was zu tun ist. Sie spannen ein rotes Flatterband. Vier Männer nähern sich der schon in Teilen verwesten Leiche, breiten einen schwarzen Leichensack aus dickem Kunststoff aus, legen den Körper hinein und heben ihn auf die Ladefläche des Transporters. Der Dienst an dem Toten dauert nur wenige Minuten. Der Dienst am Leben beginnt erst dann.

Männer wie Nyilah brauchen gut 30 Handgriffe, bis sie den Schutzanzug wieder ausgezogen haben. Jede Bewegung ist einstudiert, jeder Fehler kann den Tod bedeuten. Sie verrenken sich und winden sich aus dem Anzug, werden besprüht von einem Kollegen. Dann wird der Anzug vernichtet. Anziehen, ausziehen, unter den Augen eines anderen, der prüft, dass niemand einen Fehler macht. Das Gleiche noch mal, wenn sie die Toten im Krematorium abgeladen haben.

Ebola hat aus Kollie Nyilah einen Helden der Todeszone gemacht. Es gibt einige andere wie ihn. Eine Priesterin zum Beispiel, einen Arzt, eine junge Frau am Rande der Stadt, einen Studenten, der durch einen Slum streift. Sie sind in den Kampf gegen das Todesvirus gezogen. Sie tun, was getan werden muss. Nicht alle Menschen können oder wollen sehen, was sie leisten. Das macht es ihnen manchmal noch schwerer.

Kollie Nyilah muss ausbaden, was zwischen Juni und August passiert ist: Die Seuche grassierte, die Behörden waren überfordert, es gab kaum internationale Hilfsorganisationen. Die Menschen riefen in den Krankenhäusern an und baten um Hilfe. Doch die Krankenwagen kamen nicht, es gibt in ganz Monrovia nur zwölf. Als es zu spät war, kamen die Leichenbeseitiger. "Unsere Lebenden interessierten euch einen Dreck, erst wenn sie tot sind, kommt ihr", riefen die Leute. Sie warfen Steine nach Nyilah, manche fuchtelten mit einer Machete vor ihm herum oder zogen ihre Pistole. Wozu das alles? - das hat er sich in schwachen Momenten gefragt. Die Regierung Liberias und das Rote Kreuz setzen inzwischen Psychologen zur Betreuung der Teams ein. Alle Mitglieder treffen sich morgens um 7.30 Uhr, zwei Stunden vor dem ersten Einsatz, um zusammen zu frühstücken und über ihre Erfahrungen zu sprechen.

Männer wie Nyilah verdienen 1000 Dollar im Monat, rund 800 Euro. Das ist mehr, als Nyilah früher hatte, als er noch an Computern schraubte. Doch "für den Job, den wir machen, ist das nicht viel". Die Regierung will das Gehalt bald halbieren. Denn das Geld stammt aus Notfallfonds der Weltbank, 82 Millionen Euro, damit werden Risiko-Prämien für Ärzte, Krankenschwestern und Transporthelfer bezahlt. Nicht nur in Liberia, auch in Sierra Leone und Guinea, wo Ebola ebenfalls seit Monaten Hunderte Menschenleben auslöschte.

Die Aussicht auf das halbe Gehalt, 200 tote Mitarbeiter des Gesundheitswesens, das ist die Bilanz der vergangenen Monate. In Liberia sind vor wenigen Tagen die Krankenschwestern der Isolierstationen auf die Straße gegangen, um gegen die Gehaltskürzungen zu protestieren. "Sie lassen die Patienten für ein paar Dollar im Stich und schicken sie in die Hölle", schimpfte der Gesundheitsminister. "Wir können nicht alles für Gehälter ausgeben, wir brauchen auch Medizin." Kollie Nyilah würde nicht streiken, er hat darüber nachgedacht. "Wir müssen diese Aufgabe irgendwie zu Ende bringen." Gemeinsam. Von den Burial Boys in Monrovia hat sich bisher keiner angesteckt. Darauf sind sie stolz.

Unter einem Wellblechdach am Stadtrand von Monrovia steht eine kräftige Frau in einem knallroten Kleid und schreit Beschwörungen in ein Mikrofon. Favor Hawa Masom Andersson, stimmgewaltige Prophetin, hält ihren Sonntagsgottesdienst ab. Im Moses Blah's Dorf, 15 Kilometer außerhalb von Monrovia, kennt sie jeder. Sie hat eine eigene Show im Radio. Die Menschen kommen noch immer, um sie zu sehen und zu hören, etwa 150 Gläubige sind es an diesem Tag. Doch viele der weißen Plastikstühle, die hier die Kirchenbänke sind, bleiben inzwischen leer. Ebola hat die Gläubigen nicht verschont. Das ist ein Problem, auch für Favor Hawa Masom Andersson.

An den beiden Eingängen stehen Bottiche mit Chlorlösung zum Händewaschen, wie es nun an allen öffentlichen Gebäuden Liberias Pflicht ist. Niemand hier hält beim Gebet oder Singen der Gospelsongs mehr die Hand seines Nachbarn. Der Becher, aus dem alle tranken, ist aus dem Gottesdienst verbannt. Wie das Buschfleisch, das hier gemeinsam gekocht wurde. Es gilt als Überträger des Virus.

"Du wirst nicht an Ebola sterben, deine Zeit ist nicht gekommen, du wirst nicht an Ebola sterben." Andersson schreit an gegen das Brummen eines Stromgenerators. Und gegen die Ohnmacht. Gott lässt zu, dass diese Krankheit ihre Frauen, Männer, Kinder und Freunde vernichtet. Gott hat auch zugelassen, dass eine ganze Reihe Priester in seinem Namen gepredigt haben, Ebola sei eine Strafe für Sünden, ein Leben nach biblischen Prinzipien sei der beste Schutz. Einer dieser Priester führte seiner Gemeinde einen schwer kranken Patienten vor. Er sagte, der Mann sei von Dämonen besessen, und legte ihm die Hand auf. Als der Mann Blut kotzte, verkündete der Priester, es sei ein sicheres Zeichen, dass die Dämonen den Körper verlassen.

Mother Favor, wie Andersson gerufen wird, befolgt nicht mehr allein die himmlischen Gebote. Für das Mikrofon, das auch andere in die Hand nehmen, benutzt sie ein Stofftuch. Sie berührt niemanden. Sie weiß, wo in dieser Gegend die Krankheit am schlimmsten wütet. Vor dem Gottesdienst ruft sie deshalb die wenigen Fremden auf, sich vorzustellen.

Sie wünschte bloß, ihr Mann würde es halten wie sie.

Auch Elijah Nyumah Andersson ist ein Diener des Herrn. Er übertrifft seine Frau an Stimmgewalt und an Gottvertrauen. Einer älteren Frau hält er während seiner Predigt lange die Hand, einem anderen legt er während eines Jesusgleichnisses den Arm um die Schultern. Er kenne beide gut, wird er später erzählen, sie leben gemäß christlichen Prinzipien. Das ist seiner Ansicht nach ein ausreichender Schutz gegen die Seuche. Zur Kollekte wird ein Plastikkorb aufgestellt. Elijah Andersson nimmt jeden Schein persönlich per Handschlag entgegen und lässt ihn in den Korb fallen.

Nebenan ragen die Grundmauern eines neuen Kirchengebäudes empor, der Bau stockt seit Beginn der Epidemie. Die Gemeinde ist klamm. Viele haben ihren Job verloren, selbst die Regierung zahlt die Gehälter der Beamten nur noch unregelmäßig. Die Wirtschaft Liberias wird in diesem Jahr schrumpfen, nachdem sie 2013 noch um fast zehn Prozent gewachsen war. Es ging aufwärts, vor nicht allzu langer Zeit.

Mother Favor überlegt, ein Infrarot-Fiebermessgerät zu kaufen, wie sie am Flughafen im Einsatz sind. Wer eine Körpertemperatur von über 37,5 Grad hat, dem wird der Einlass verwehrt. Es könnte sich nur um eine einfache Grippe handeln. Aber auch um eines der ersten Ebola-Symptome. Und mit Beginn der Symptome beginnt die Ansteckungsgefahr.

Mother Favor sagt, dass sie ihre Prediger schon vor Monaten angewiesen habe, den Gläubigen nicht mehr die Hand auf den Kopf zu legen. So erzählt sie es auch in ihrer Show, die im Radio und Fernsehen übertragen wird. Jesus stelle die Gesundheit der Menschen über alles. Auch über religiöse Bräuche. Die Mitarbeiter der Pfingstkirche haben die Botschaft verinnerlicht. Ihr Mann leider nicht. Aber er wird umdenken müssen, vielleicht schon bald. Die Kirchenverbände unterstützen das Beerdigungsverbot in Monrovia. Wenn alles einmal vorbei ist, soll ein zentrales Denkmal für die Opfer der Epidemie errichtet werden. Mother Favor hält das für richtig.

Der interreligiöse Rat Liberias, ein Zusammenschluss der wichtigsten christlichen und muslimischen Gemeinden in Liberia, hat eingeführt, dass Pastoren zu Gottesdiensten anderer Kirchen gehen. Sie sollen berichten, wenn dort gefährliche Botschaften verbreitet werden. Das betrifft auch die muslimische Minderheit, die sich mit dem Beerdigungsverbot schwertut. Im September hatte ein bekannter Imam seine Studenten angewiesen, den Körper eines Verstorbenen noch einmal zum Abschied zu berühren, wie es die Tradition vorsieht. Er starb, wie acht seiner Studenten. Mother Favor hält auch strenge Gesetze für richtig.

Jede Veranstaltung, bei der sich die Menschen mehr als einen Meter nähern, gilt als Risiko. Deshalb sind Großveranstaltungen aller Art verboten. Seit Monaten hat in Liberia kein Fußballspiel mehr stattgefunden. Die klobigen Fernsehbildschirme, auf denen früher am Straßenrand in der Innenstadt Monrovias die neuesten, illegal aus dem Internet geladenen Hollywood-Filme gezeigt wurden, sind verschwunden. Verboten. Liberias Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf, praktizierende Christin, will nun auch Gottesdienste verbieten. Das Parlament verhandelt derzeit darüber.

Das aber hielte Mother Favor für falsch, trotz aller Vorsicht. "Wenn die Menschen nicht mehr zusammen beten können, welche Hoffnung bleibt denn da noch?"

Dr. Jerry Brown hat seine Schutzkleidung ausgezogen, jetzt steht er in Jeans und Hemd vor der Isolationsstation Elwa-2 in Monrovia und sieht auf die Uhr. Er wartet auf einen Geländewagen. Der nächste Termin steht an, ein weiteres Krisengespräch, mit anderen Ärzten der Stadt. Brown, 44 Jahre alt, ein kleiner Mann mit kurz geschorenem Haar und Schnauzbart, ist es gewohnt, den Mangel zu verwalten und das Beste daraus zu machen.

Bis vor ein paar Monaten war er Chirurg in einer anderen Klinik, er operierte Knochenbrüche aller Art, oft nach Autounfällen. Jetzt leitet er eine Spezial-Station, die versucht Ebola-Kranke zu heilen. Es ist eine von nur sechs Isolierstationen, die es derzeit in Liberia gibt. Brown und seine Leute haben zu wenig Geld, zu wenig Zeit, zu wenige Medikamente.

Sie müssen einen Teil der Schutzkleidung entsorgen, sobald sie einmal getragen wurde. Sie müssen die Matratzen und das Bettzeug jedes Patienten verbrennen lassen. Und für Mediziner wie ihn ist es schwer zu akzeptieren, dass er keine Medikamente gegen Ebola bekommen kann. Die Vorräte von experimentellen und nicht genehmigten Ebola-Medikamenten sind weltweit erschöpft. Brown experimentiert mit Vitaminmitteln. Er hat gehört, dass ein Landarzt aus dem Westen des Landes international Schlagzeilen machte, weil er angeblich Ebola-Patienten mit einem Aids-Medikament geheilt hatte. Und dass andere es mit Krebsmedikamenten versuchen. Die Experten sagen, beides sei unsinnig.

Also achtet Brown darauf, dass seine Patienten viel Flüssigkeit zugeführt bekommen, eine Minerallösung, bis zu zwölf Liter am Tag. Und es ist gut, dass die sanitären Anlagen endlich sicher sind. In den ersten Wochen mussten die Pfleger die Ausscheidungen der Patienten noch in Eimern abtransportieren. Er hat zwei ältere Ärzte an Ebola verloren, Kollegen, denen er nicht helfen konnte. Das macht ihm noch zu schaffen. "Ich kannte sie seit Jahrzehnten, einer war mein Dozent an der Universität", sagt Brown. "Ich habe alles versucht." Am nächsten Morgen stand er dennoch um 8.30 Uhr am Krankenbett des nächsten Ebola-Opfers. Um 21 Uhr verließ er die Klinik, wie jeden Tag. Für Trauer bleibt keine Zeit.

Es gibt erste Erfolge, die Brown sehr freuen. Anfangs kamen ständig die Burial Boys, Männer wie Kollie Nyilah, in ihren weißen Anzügen. Denn in den ersten Wochen der Epidemie verließ kaum ein Ebola-Patient Browns Station lebend. Sie waren erst eingeliefert worden, als die Krankheit schon weit fortgeschritten war. Zudem hätte die Versorgung im Zentrum besser sein können, die Hygiene, die Ernährung, um das Immunsystem zu stärken, so vieles. Im September überlebte jeder zweite, der Anteil steigt ständig. "Wir haben viel gelernt", sagt Brown. Er sagt, dass die internationale Hilfe für Liberia die Wende bringen könnte, wenn sie weiter intensiviert wird. Und dass Ebola womöglich schneller gestoppt werden könne als vorhergesagt.

Brown riskiert viel. Seine Frau wollte ihm verbieten, in der Isolationsstation zu arbeiten. Bitte nicht, flehte sie. Zu viele Ärzte und Pfleger seien gestorben in den vergangenen Monaten, rund 200. Dr. Jerry Brown schwieg. Er brachte es nicht übers Herz zu sagen, dass er nicht auf sie hören würde, dieses Mal nicht. Eine Woche ließ er sie glauben, er arbeite weiterhin als Chirurg. Als sie ihn fragte, warum seine Hemden so ausgebleicht seien und warum er so nach Chlor stinke, sagte er es ihr. Die Desinfektionsmittel entfernen nicht nur das Ebola-Virus, sondern auch Farbe.

"Ich muss einfach helfen", sagte er. Und seine Frau verstand. Dieses Mal schwiegen sie beide.

Sie haben eine Abmachung. Er darf die Kinder nicht mehr umarmen. Er muss seine Kleidung und Schuhe in der Garage wechseln, auch die Socken. Obwohl er in der Isolationsstation medizinische Schutzkleidung trägt, die er nach der Arbeit dort wechselt.

Ob er Angst hat? "Nein", sagt Brown ohne Zögern, "sobald man die Übertragungswege verstanden hat, ist es möglich, sich effektiv zu schützen." Wenn er die Patientenbereiche betritt, ist kein Zentimeter seiner Haut unbedeckt. Er trägt einen weißen Ganzkörperanzug, Atemschutzmaske, Handschuhe, die fast bis zu den Ellbogen reichen, und einen Kopfschutz, der nur die Augen frei lässt. Die sind jedoch von einer Schutzbrille bedeckt, die an eine Taucherbrille erinnert. So ist er geschützt, wenn sich ein Patient übergibt oder Hustenauswurf in seinem Gesicht landet. Brown sagt, er konzentriere sich auf die Überlebenden. Jeder einzelne motiviere ihn neu.

Aber er weiß, dass es noch große Probleme gibt. Das Virus tobt in vielen ländlichen Gegenden, die für die internationalen Helfer kaum oder gar nicht erreichbar sind. Selbst in Monrovia ist es nicht sicher, dass die Kranken die beste Hilfe bekommen. Brown hat noch ein paar Betten frei. Die Isolationsstation der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen, die den besten Ruf in Monrovia hat, ist dagegen völlig überlaufen. Sie nimmt keine Patienten mehr auf. Es gibt nur vier weitere Isolationsstationen. Fünf weitere sind im Bau, sechs werden noch geplant, aber für diese sechs haben sich bisher keine Betreiber gefunden. Jeder Pfleger, der an Ebola erkrankt, schreckt die Hilfsorganisationen und Freiwilligen ab. Brown hat es selbst erlebt, im August. Nachdem sich zwei Mediziner infiziert hatten, zog sich die Hilfsorganisation "Samaritan's Purse" weitgehend aus der Pflege zurück. Brown und seine Leute hielten den Betrieb dennoch aufrecht. So gut es eben ging.

Vor einigen Wochen wachte Brown mitten in der Nacht auf. Schweißgebadet. Die ersten Symptome, schoss es ihm durch den Kopf, schlagartig war er hellwach. Da drehte sich seine Frau im Schlaf um und legte ihren Arm auf seinen Oberkörper. Panisch stieß er ihn weg. "Was ist los?", fragte sie erschrocken. Er schwieg. Wie sehr er diesen Moment gefürchtet hatte. Er führte ihm vor Augen, dass er nicht nur sein Leben riskiert. Als er zu sich kam, fiel sein Blick auf den Ventilator, den er nicht wie sonst direkt vor das Bett gestellt, sondern am anderen Ende des Raumes vergessen hatte. Er griff zum Fieberthermometer, 37 Grad, nicht einmal erhöhte Temperatur. Es war einfach eine quälend schwüle Nacht, und er hatte schlecht geträumt.

Bill Harris kann sich noch gut an die Tage im August erinnern, die Unruhe, die Angst. Die Armee hatte mitten in der Nacht sein Viertel abgeriegelt, Soldaten blockierten die einzige große Straße, über die man nach West Point hinein- und aus West Point herauskam. Auch der Weg übers Meer war dicht. Die Marine drängte selbst kleine Fischerkähne, die vom Ufer abgelegt hatten, zurück an den Strand. Das Gerücht machte die Runde, dass es in West Point, einem riesigen Slum in Monrovia, Dutzende Ebola-Fälle gebe.

Die Regierung wurde panisch. West Point war dicht, selbst Nachtwächter, die am Morgen nach Hause kamen, wurden nicht zurück zu ihren Familien gelassen. Über hunderttausend Menschen leben auf engstem Raum, vier von fünf haben weniger als einen Dollar am Tag. Die Luft ist dort noch stickiger als im Rest der überfüllten Stadt. In ihr mischt sich der Geruch der verrottenden Abfälle mit dem Gestank menschlicher Ausscheidungen. Die Bewohner leben vom Kleinhandel. Sie sind in ganz Monrovia unterwegs. Für Menschen vom Land, die in die Stadt kommen, um Arbeit zu finden, ist die Siedlung eine der wichtigen Anlaufstellen.

"Es waren schreckliche Tage, die Menschen hatten Angst", sagt Harris. Es seien kaum noch Lebensmittel nach West Point gelangt. "Die Preise für Reis und Wasser explodierten förmlich, weil die Händler weder rein- noch rauskamen." Dabei sei es ein Fehlalarm gewesen, in West Point habe es weniger Fälle gegeben als in anderen Teilen der Stadt. Nach elf Tagen beendete die Armee die Blockade.

Harris, 24 Jahre alt, ein sportlicher Mann mit gutem Englisch, geht durch die engen Gassen von West Point. Er lebt seit seiner Geburt hier, dabei liebt er die Natur. Bevor die Universitäten wegen der Ebola-Krise schlossen, studierte er Forstwirtschaft. Von seinen Nachbarn dagegen kann kaum jemand lesen und schreiben. Das ist einer der Gründe, wieso West Point zum Ort großer Verschwörungstheorien geworden ist. Nirgends im Land ist das Misstrauen gegen die Behörden größer. Ein Teil der Leute hielt Ebola für eine Erfindung der Regierung. Für einen Trick, um unauffällig Leichen einsammeln und deren Organe verkaufen zu können. Unruhen brachen aus, zwei Bewohner wurden getötet. Wie viele Menschen in West Point an Ebola gestorben sind, weiß niemand genau. Die Regierung gibt nur Zahlen für die Provinzen bekannt. Denn schon jetzt werden in Monrovia Fremde aus anderen Gemeinden mit Argwohn beäugt, oft auch vertrieben. Besonders wenn sie aus Gegenden kommen, von denen bekannt ist, dass es dort viele Ebola-Fälle gab.

"Seit der Blockade von West Point gelten wir als Ebola-Träger und werden in anderen Teilen der Stadt besonders gemieden", sagt Harris. Er weiß aber, wie gefährlich so eine Situation ist. Für ihn. Für seine Familie. Die Epidemie könnte sich hier jederzeit rasant ausbreiten. "Wir müssen tun, was wir können - das ist unsere Pflicht." Er hat einen Weg gefunden, wie er sich nützlich machen kann. Harris trägt ein hellblaues Poloshirt, wie alle Helfer des Kinderhilfswerks Unicef. Seit Wochen ziehen sie in Zweierteams fast täglich durch West Point. Heranwachsende an der Spitze der Ebola-Abwehr. Sie ziehen von Blechhütte zu Blechhütte, klopfen an die Türen, verwickeln die Menschen in Gespräche über Ebola, Tausende Male am Tag. Diejenigen, die immer noch an der Existenz des Virus zweifeln, werden weniger. Mit Behördenleuten würden sie nicht sprechen, den jungen Menschen aus der Nachbarschaft aber hören sie zu.

Harris hat eine mühsame Aufgabe, sie verspricht keine schnellen Erfolge. Doch solche Initiativen wie A-Life sind unverzichtbar geworden in Liberia. Die Jugendlichen haben die Wände der Hauptverkehrsstraßen mit Hunderten Plakaten beklebt. Sie tragen Aufschriften wie "Ebola ist hier, und es tötet". Oft sind es grafische Botschaften: kleine Figuren, die sich übergeben, unter Fieber und starken Kopfschmerzen leiden oder bluten - mögliche Anzeichen der tödlichen Krankheit. Das versteht auch, wer nicht lesen kann.

Die Moderatoren im Radio sprechen fast nur noch über Ebola, selbst die Lieder im Programm handeln von der Krankheit. Die Menschen mögen Politiker missachten, nicht aber landesweit bekannte Liedermacher wie Judie Andy. Deren aktueller Gospelsong heißt "Ebola ist real". Es klingt wie ein Kinderlied, aber es ist für Erwachsene: "Es gibt keine Heilung / Aber es kann vorgebeugt werden / Ebola, Ebola - wir stehen zusammen / Sprecht mit allen über Ebola". Fast alle renommierten Künstler haben solche Lieder aufgenommen. Ruhige Gospelsongs, manchmal absurd fröhlich klingende Reggaesongs.

Die Menschen, auch in West Point, verstehen, womit sie es zu tun haben. Trotzdem halten sich nicht alle an die Vorsichtsmaßnahmen. Die Menschen müssen zur Arbeit kommen, auf den Markt. Und so drängen sich viele Liberianer weiter in Kleinbussen, wo sie krampfhaft versuchen, Abstand vom Nachbarn zu halten. Oder sie nehmen die billigeren Motorradtaxis, manchmal sitzen vier Menschen dicht aneinandergedrängt auf einem Roller. Ein in Afrika alltägliches Bild. In diesen Tagen aber hat es eine andere Bedeutung. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen rät inzwischen davon ab, öffentliche Taxis zu benutzen. Im August, als sich das Virus rasant in Monrovia verbreitete, konnten die zwölf Ambulanzwagen der Millionenstadt nur einen Bruchteil der Ebola-Verdächtigen abholen. In ihrer Verzweiflung verfrachteten Angehörige ihre Toten in Taxis. Seitdem erkranken Taxifahrer auffällig oft. Außer Medizinern und Pflegern hat wohl kein Berufsstand so viele Infizierte zu beklagen.

Bill Harris hat als Kind den Bürgerkrieg erlebt. Er war 13 Jahre, als der Krieg endete, und hatte mehrere Schuljahre verpasst. Er hat sich damals geschworen, alles zu tun, um vergleichbares Leid von seinem Land abzuwenden.

Fatu Kekula sitzt vor einem blau gestrichenen Haus. Hühner laufen umher, der Brunnen der Siedlung ist 50 Meter entfernt, Strom gibt es nicht. An der Eingangstür hängt ein Schild. "Jesus" steht darauf geschrieben. Dieses Haus ist zum Schauplatz eines Wunders geworden.

Es war ein Montag im August, als die Diagnose kam: Ebola. Ihr Vater würde sterben, schon bald, dachte Fatu Kekula. Dann bekam ihre Mutter hohes Fieber, auch ihre Schwester und ein Cousin, der bei ihnen wohnte. Die meisten Krankenhäuser waren geschlossen, nachdem sich mehr als hundert Krankenschwestern infiziert hatten. Isolierstationen, die die Todgeweihten von den übrigen Kranken und Verletzten trennen, gab es ohnehin fast keine im ganzen Land. Das Ebola-Virus drohte ihre gesamte Familie auszulöschen, und Fatu Kekula wusste nicht, was tun. Wohin mit ihrer Schwester, der Mutter, dem Vater, dem Cousin? Das nächste Krankenhaus hatte kein Bett frei. Tagelang suchte Fatu Kekula nach einem anderen Behandlungsort. Sie fand keinen. Also beschloss sie, es selbst zu versuchen. Sie war keine Ärztin, aber eine angehende Krankenschwester. Drei Jahre Ausbildung, das Praxisjahr fehlte ihr noch. Doch ihr Ausbildungszentrum hat geschlossen, wie alle Schulen des Landes. Sie hatte keine andere Wahl.

Fatu steht auf, geht hinein in die Steinhütte und kommt kurz darauf mit großen Mülltüten, einer Regenjacke, Socken und Gummistiefeln zurück. Das war ihre Schutzkleidung, und wie es aussieht: ihre Lebensversicherung. Zwei Wochen lang zog Fatu Plastiktüten über ihre Socken und band sie zusammen, bevor sie zu ihren Kranken ging. Mit einer weiteren Tüte bedeckte sie ihr Haar. Dann zog sie die Regenjacke an und vier Paar Handschuhe übereinander, außerdem hatte sie eine billige Atemmaske. Sie stellte ein paar Regeln auf, die wichtig sein würden. Der Vater, die Mutter, die Schwester und der Cousin hatten in das Schlafzimmer der Eltern zu ziehen, dort gab es ein Bad. Die Nachbarn durften sich der Steinhütte nicht einmal nähern. Sie selbst hatte stark zu sein, egal was komme. Würde sie ihren Mut verlieren, dann wohl auch ihre Kranken.

Sie pflegte sie fast rund um die Uhr. "Ich konnte oft nicht länger als zehn oder 15 Minuten am Stück schlafen", sagt sie, "ich habe oft geweint." Die Eltern, die Schwester, der Cousin, sie konnten bald keine feste Nahrung mehr zu sich nehmen, ein typischer Verlauf der Krankheit. Sie beginnt oft mit Fieber und Magen-Darm-Problemen, am Ende führen Blutungen und Organversagen zum Tod. Fatu kaufte massenhaft Fruchtsaft, um ihnen irgendwie ein paar Kalorien zuzuführen.

Es war die Zeit, in der in Liberia die Krankenhäuser reihenweise schlossen. Auch das "Mareidi County Ebola Response Center" in ihrer Nähe, ein einfaches Steinhaus, war plötzlich zu. Es machte Anfang August dicht, nachdem innerhalb weniger Wochen 14 Mitarbeiter an Ebola gestorben waren. Es blieb einen Monat lang zu. Für Tausende in den Dörfern vor Monrovia brach damit die medizinische Versorgung zusammen.

Seit September ist es wieder geöffnet. Die Betten wurden verbrannt, die Wände neu gestrichen, 200 Krankenschwestern, die überlebt hatten, wurden geschult. Seither ist kein Mitarbeiter mehr erkrankt. Auch die Zahl der Ebola-Fälle ist leicht gesunken. Im September wurden jeden Tag noch zehn Patienten positiv auf Ebola getestet, zuletzt nur noch ein oder zwei. Das Schicksal der Patienten entscheidet sich in wenigen Wochen.

Es war Anfang August, als Ebola in die blaue Steinhütte eingezogen war. Es war Ende August, als die Eltern und die Schwester anfingen zu essen. Sie ließen sich in einer Klinik testen. Das Ergebnis: negativ, Ebola besiegt. Ihren Cousin Alfred konnte sie nicht retten, er starb wie durchschnittlich zwei von drei Patienten, seit diese Epidemie ausgebrochen ist.

Fatu Kekula sitzt auf einem weißen Plastikstuhl vor dem Haus, ihre Schwester, die Mutter, der Vater sitzen draußen. Und Moses, ein Junge, zehn Jahre alt. Seine Eltern wurden von Ebola dahingerafft. Die Familie hat ihn adoptiert. Fatu blickt von Zeit zu Zeit nervös auf ihr Handy, sie muss bald los. Sie zieht von Tür zu Tür der Dörfer rund um Monrovia. Sie will Menschen, die Angehörige pflegen müssen und keine Schutzkleidung haben, erzählen, wie sie es geschafft hat. Sie weiß jetzt, es geht.