18.09.2014

Die Braut 62, der Bräutigam 9

Sanele geht noch zur Grundschule, und doch hat er die 53 Jahre ältere Helen geheiratet

Sein Ehering passt ihm nur, wenn Sanele Masilela die Rückseite mit Klebeband verstärkt. Dann rutscht er nicht mehr vom winzigen Finger des Viertklässlers. Meistens aber lässt der Neunjährige ihn in seiner Schublade direkt neben dem Bett liegen. Er könnte schließlich verloren gehen. Beim Fußballspielen, oder auf dem Weg zur Schule.

 

Neben ihm, auf dem tiefen Sofa des kleinen Steinhauses, sitzt seine Ehefrau. Helen Shabangu ist 62 Jahre alt, das sind 53 mehr als Sanele, sie ist damit fast sieben Mal so alt wie ihr schmächtiger Ehemann. „Ich liebe ihr Lachen“, sagt der Junge schwärmerisch. Die alte Frau lächelt unsicher. Sie ist von stattlicher Statur, in sich ruhend und mit sparsamer Gestik – das Gegenteil des schmächtigen Sanele, der kaum eine Sekunde stillsitzen kann.

 

Ihre Geschichte hat weltweit für Aufregung gesorgt. Im vergangenen Jahr heirateten die beiden hier im Township Mamelodi, und weltweit berichteten Zeitungen darüber. Vor ein paar Wochen wiederholten die beiden die Zeremonie noch einmal, wie es die Tradition vorsieht bei der Familie der Braut in Mpumalanga, einer strukturschwachen Gegend in der Nähe des Krüger-Nationalparks. Es war eine richtige "White Wedding", wie in Südafrika Hochzeiten nach westlichem Muster genannt werden. Mit Hochzeitskuchen, Zeremonie und Brautkleid. 200 Gäste waren da. Viele davon irritiert.

 

Mit Plakaten wie „Baby Groom marries gogo again“ (Baby-Bräutigam heiratet Oma erneut) bewarb das südafrikanische Boulevardblatt „Daily Sun“ im ganzen Township seine Titelgeschichte über die Hochzeit. Sanele störte das nicht, er scheint die Aufmerksamkeit zu genießen. „Keiner hat mir geglaubt, dass ich sie heiraten würde“, erzählt er, „erst als sie mich bei der Hochzeit und in den Zeitungen gesehen haben, da glaubten sie mir.“

 

Das Verheiraten von Kindern ist in Südafrika längst nicht so verbreitet wie in anderen Teilen des Kontinents oder Südasien, aber ein Prozent der Mädchen unter 14 Jahren wird in Südafrika nach Angaben des Kinderhilfswerks Unicef verheiratet. Ein kleiner Junge aber, kaum größer und älter als die Blumenkinder? Das war neu.

 

Saneles Mutter Patience kann die Aufregung nicht nachvollziehen. Das Jugendamt habe sie besucht, dabei sei doch alles ganz harmlos. „Es ist ja keine richtige Ehe mit körperlichem Kontakt zwischen den beiden“, sagt sie. Beide hätten ihren Namen behalten und sie würden keineswegs zusammenleben, geschweige denn in einem Zimmer. Die Hochzeit sei auch nicht amtlich registriert, was bei einem Neunjährigen in Südafrika auch nicht möglich wäre.

 

„Wir mussten ihn verheiraten“, sagt Patience, „sonst hätten wir die Vorfahren erzürnt.“ Sanele sei eines morgens zu ihr gekommen und habe von einem Traum erzählt. Ihm sei der verstorbene Großvater erschienen: „Nimm’ Helen zur Frau, und ziehe mit ihr davon.“ Und wer in ihrer Kultur den Anweisungen der Vorfahren widerspreche, der müsse mit Unheil für die Familie rechnen.

 

Von dem Township ist es nicht einmal eine Stunde Fahrt bis zu einigen der reichsten Industriegegenden Afrikas. Doch vor der Haustür der Masilelas wird deutlich, wie nah neben Armut und Reichtum auch Tradition und Moderne in Südafrika beieinanderliegen. Begleitet von Hundert tanzenden und singenden Anwohnern ziehen acht Jugendliche vorbei, der Schmerz ist ihnen ins Gesicht geschrieben. Sie kehren von einem Beschneidungsritual zurück, das für sie den Übergang ins Erwachsenenleben markiert – ein Vorgang, der in Südafrika wegen mangelnder Hygiene noch immer jedes Jahr Dutzenden das Leben kostet.

 

Doch selbst Traditionalisten schütteln angesichts der Geschichte von Sanele und Helen mit dem Kopf und sehen ihre Bräuche ins Lächerliche gezogen. So irrational das Verhalten der Familie aber auch sein mag, der Glauben an die Vorfahren ist in dem Schwellenland erstaunlich präsent. Zehntausende traditionelle Heiler gibt es in Südafrika. Sie stellen oft gefährliche Fehldiagnosen und machen gute Geschäfte damit.

 

Die so genannten Sangomas behaupten, während der Behandlung Kontakt zu den Vorfahren aufzunehmen. So wie diese Kontakt zu ihnen aufgenommen hätten. Denn nur wer von den Verstorben zum Sangoma berufen wird, qualifiziert sich für diese Aufgabe. In vielen Häusern auf dem Land gibt es für die „Ancestors“ eigens eine kleine Hütte. Wer nach Monaten der Arbeit aus der Stadt zurückkehrt, muss in vielen Familien einige Nächte dort schlafen. Erst dann, so der Glaube, sei die Seele wieder mit der Heimat verbunden.

 

Und so erscheint der Fall eher als Skurrilität denn als Skandal. Wobei an dem Wohlwollen des Vorfahren für das finanzielle Wohl der Familie erheblich gezweifelt werden muss. Saneles Mutter Patience und die Braut Helen sind Arbeitskolleginnen. Sie sammeln Plastik und bringen es zu einem Recycling-Hof. Umgerechnet nicht einmal 200 Euro verdient Patience pro Monat.

 

Die Hochzeit aber kostete 15.000 Rand (1060 Euro). Und Helens Familie verlangte Lobola – das Zahlen eines Brautpreises findet noch immer selbst bei wohlhabenden Familien statt. Man einigte sich auf 7000 Rand (494 Euro), noch einmal ein Vermögen für Patience. Eigentlich zu viel für Symbolik, selbst im Angesicht der Vorfahren. „Es war nicht einfach“, sagt sie, „aber Nachbarn und Freunde bei der Arbeit haben etwas Geld dazugegeben.“

 

Besonders im Südlichen Afrika ist der uralte Brauch der Lobola noch immer weit verbreitet. Vor kurzem hielt der Neffe von Südafrikas Präsident Jacob Zuma um die Hand einer Tochter von König Mswati III. an, dem Alleinherrscher von Swasiland. Sieben Jahre Beziehung hatte er verstreichen lassen, wohl nicht zuletzt angesichts der Lobola. Er zahlte schließlich 100 Rinder mit einem Gesamtwert von über 25.000 Euro.

 

Was für den inzwischen ausgesprochen wohl situierten Zuma-Clan noch finanzierbar sein dürfte, wird für den durchschnittlichen Bürger immer mehr zum Problem. Zwischen 2000 und 5000 Euro fordern die meisten Familien, je nach Alter und Ausbildung der Tochter. Oft übersteigt die Summe das Jahreseinkommen des Bräutigams. Weil sich immer weniger Männer ihre Lobola leisten können, geben sich südafrikanische Brautpaare trotz des hohen gesellschaftlichen Drucks, eine Familie zu gründen, im Schnitt erst im Alter von 34 (Bräutigam) und 30 Jahren (Braut) das Ja-Wort – so spät wie in kaum einer anderen Nation.

 

Umso absurder wirkt der Abschluss dieser Ehe. Da sitzen sie nebeneinander, und es wirkt eher wie ein Spiel. Was für Gefühle er für sie habe? „Sie ist wie eine Großmutter für mich“, sagt Sanele. Helen sagt: „Für mich wird er immer wie ein Enkel sein, auch wenn er erwachsen ist.“ Sie ist schon seit den siebziger Jahren mit Joseph verheiratet. Er war einer der Hochzeitsgäste. Zusammen mit den fünf gemeinsamen erwachsenen Kindern.

 

Manchmal sehen sich Sanele und Helen monatelang nicht. Er geht inzwischen in Limpopo zur Schule, das ist einige Stunden Fahrt entfernt. Seine Schwester hat dort einen gutbezahlten Job und kann sich besser um ihn kümmern als die Mutter. „Manchmal rufe ich ihn an“, sagt Helen, „mir ist es wichtig, dass es ihm gut geht.“

 

Doch beinahe hätte die symbolische Hochzeit ernsthafte Folgen für den Jungen gehabt. Der Schulleiter verwies ihn im August der Schule: Sanele sei als Ehemann nun als erwachsen anzusehen, und laut Schulordnung seien Erwachsene im Unterricht nicht zulässig. Insgeheim, so erzählte er der Familie, fürchte er, dass andere Schüler auf die gleiche irrwitzige Idee kommen würden. Wieder berichteten die Zeitungen groß, der Baby-Bräutigam fliegt, hieß es auf den Plakaten. Erneut schalteten sich die Behörden ein. Und Sanele darf wieder zur Schule gehen.

 

Eines Tages, in vielen Jahren, will der Junge erneut heiraten. Eine Frau in seinem Alter, für eine richtige Ehe. "Sie wird dann für Helen kochen", sagt er. Die dreht sich zu ihm um. Und muss laut lachen.